Ich nehme es niemand übel, der es mir übel nimmt, dass ich schlecht über ihn oder sie geschrieben habe. Ganz im Gegenteil. So etwas zeugt von einer gewissen Charakterstärke. Was ich freilich nicht verstehe, sind Menschen, die es mir übel nehmen, dass ich sie nicht runter geschrieben habe und die geradezu darum betteln, von mir in die Tonne getreten zu werden. Ich bin eine ganze Weile von einem Bruchpiloten aus Potsdam (“Mercator”) gestalkt worden, der mir jeden seiner Texte über mich zum Lesen schickte, bevor er ihn online stellte. Irgendwann gab er auf. An seine Stelle ist ein Dipl.-Kaufmann aus Berlin getreten, der den ganzen Tag vor dem Computer sitzt und darauf wartet, dass irgendwo irgendwas von mir erscheint, um es umgehend zu kommentieren. Ein harmloser Irrer, der den Sinn seines Lebens gefunden hat. In München ist mir mal am Rande einer Palästina-Veranstaltung in Gasteig ein Mann über den Weg gelaufen, der so aussah (und roch), als habe er sein ganzes Leben in einem Flüchtlingscamp ohne Wasserversorgung zugebracht. Möglicherweise ist er als Kind immer nur in Bier gebadet worden. In seinem Namen kam jedenfalls die Buchstabenkombo “Piwo” vor, was auf Polnisch und Tschechisch (“Pivo”) tatsächlich Bier bedeutet. Er meint auch, mir immer wieder mitteilen zu müssen, was er von mir hält, in der verzweifelten Hoffnung, dass ich mich seiner annehme.
Und nun hat sich ein Mann bei mir gemeldet, der eher zu den Leuten gehört, die mit Wasser, Seife und Deo aufgewachsen sind: Professor Reinhard Schramm, Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, einer Massenorganisation mit etwa 800 Mitgliedern und Mitgliederinnen. Er schaut nett aus und sagt auch richtige Sachen, z.B. dass er auch Kinder, die “nur” einen jüdischen Vater haben und deswegen halachisch keine “richtigen” Juden sind, an die Gemeinde heranführen möchte. Das freilich machen Reformgemeinden schon lange.
Prof. Schramm schreibt mir:
Lieber Herr Broder,
da mich Art und Schaerfe - berechtigt oder unberechtigt - Ihrer Worte nicht mehr erschrecken oder beleidigen werden, schicke ich Ihnen ein
Grusswort, dass vielleicht auch stört.
Beste Gruesse
Ihr Reinhard Schramm
Bis jetzt habe ich weder versucht, Prof. Schramm zu erschrecken oder zu beleidigen. Ich wusste nicht einmal, dass es ihn und eine Landesgemeinde in Thüringen überhaupt gibt. Es soll da angeblich auch eine weibliche Ministerpräsidentin geben. Oder ist es Sachsen-Anhalt?
Egal. Ich kenne nur Georg Schramm, der zu jener Sorte von “Kabarettisten” gehört, derentwegen ich mir wünsche, die Alliierten mögen wieder kommen und Deutschland noch einmal befreien. Aber Reinhard Schramm ist nicht Georg Schramm, vermutlich sind die beiden nicht einmal verwandt oder verschwägert. Obwohl ich mir dessen nicht mehr sicher bin, seit ich Reinhard Schramms Grusswort gelesen habe, das er mir ungefragt und ungebeten geschickt hat. Aber lesen Sie selbst:
Grußwort auf dem Landesparteitag der Thüringer Linkspartei
am 16. November 2013 im Ringberghotel in Suhl
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
herzlichen Dank für die Einladung und die Gelegenheit, Ihnen viel Erfolg zu wünschen, Ihnen Dank zu sagen, aber auch Kritisches anzumerken.
In den letzten Tagen beging die Jüdische Landesgemeinde Thüringen gemeinsam mit den Bürgern unseres Freistaates den 75. Jahrestag der „Kristallnacht“.
Ich danke den zahlreichen Mitgliedern Ihrer Partei, die engagiert beteiligt waren.
Die Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 - der Übergang von Diskriminierung zu offener Gewalt - war schrecklich. Unsere Familien erfuhren kaum Solidarität.
Zu der Minderheit der Anständigen gehörten in dieser tragischen Zeit die Kommunisten.
Die KPD rief in der „Roten Fahne“ unter dem Titel „Gegen die Schmach der Judenpogrome“ zur Solidarität mit den Juden auf.
Drei Jahre nach der „Kristallnacht“ war die Vernichtung des europäischen Judentums und damit auch der deutschen Juden im vollen Gange. Die jüdische Gemeinschaft hatte mit einem Anteil von weniger als 1 % an der deutschen Bevölkerung beachtlich zu den wissenschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Erfolgen beigetragen. Nun wurde die jüdische Gemeinschaft mitleidslos ausgelöscht als wären wir Ungeziefer. Unsere Integration hatte das Leben unserer Familien nicht schützen können.
Gegenwärtig entsteht ein neues deutsches Judentum, das vor allem seine osteuropäischen Erfahrungen einbringt.
Bei dem Aufbau und der Stärkung der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen gehören Mitglieder der Linkspartei zu unseren engen Partnern.
Außerordentlich engagiert gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sowie in der Unterstützung der jüdischen Gemeinden wirkt der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Thüringer Landtag Bodo Ramelow. Er ist ein Politiker, dessen großes Engagement in beeindruckender Weise mit Gründlichkeit und Zuverlässigkeit gepaart ist.
Lieber Bodo, Dir gilt unser besonderer Dank !
Herzlich möchten wir uns für die freundschaftliche Zusammenarbeit und Unterstützung bedanken: bei Luc Jochimsen, bei dem Fraktionsvorsitzenden des Erfurter Stadtrats und Mitglied des Landtags André Blechschmidt, bei der Landtagsvizepräsidentin Dr. Birgit Klaubert, bei dem Mitglied des Landtages Karola Stange, bei der Erfurter Bürgermeisterin Tamara Thierbach, bei der Oberbürgermeisterin Katja Wolf. Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht alle nenne, denen unser Dank gebührt.
Aber manche Haltungen in der Linkspartei zu unseren Traditionen oder zu Israel stimmten und stimmen uns nachdenklich.
Das betraf das Thema Beschneidung sowie die Abstimmung zum Beschneidungsgesetz.
Wer sagt, dass er den Antisemitismus ablehnt, kann nicht gleichzeitig unsere jüdischen Traditionen bekämpfen.
Meine religiöse Großmutter Emma Murr und die Kommunistin Olga Benario-Prestes starben zu Beginn des Jahres 1942 in der gleichen Gaskammer in Bernburg, unweit unserer Heimatstadt Weißenfels.
Beide Frauen starben nicht in der gleichen Gaskammer, weil sie religiös oder kommunistisch waren, sondern weil sie jüdisch waren.
Unsere Zughörigkeit zu dieser Schicksalsgemeinschaft einschließlich ihrer Rituale wurde Bestandteil jüdischer Identität, unabhängig vom Grad unserer Religiosität.
Unabhängig vom Grad unserer Religiosität sind uns deshalb auch unsere Rituale teuer.
Jüdische Rituale vielleicht irgendwann zu ändern, sollte allein uns überlassen bleiben.
Den sehr unterschiedlichen Haltungen innerhalb der Linkspartei zu Israel und israelischer Politik möchte ich meine Haltung hinzufügen:
Kritik an israelischer Politik gehört zur Normalität, sowohl innerhalb als auch außerhalb Israels. Sie war und ist kein Tabu.
Eine einseitige, ausschließlich an Israel gerichtete Kritik ist verantwortungslos und schädlich. Sie ignoriert die Komplexität und Kompliziertheit des Nahostkonflikts.
Das Existenzrecht Israels als jüdischen Staat in Frage zu stellen, ist in seiner Wirkung brutaler Antisemitismus.
Der Holocaust mahnt nicht nur gegen Antisemitismus. Er ist Mahnung gegen jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Im Engagement gegen den Rechtsextremismus fühlen wir uns mit der Linkspartei verbunden.
So wie Ihre Partei fordern auch wir eine rücksichtslose Aufklärung der rassistisch begründeten Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds und ein noch energischeres Vorgehen unserer Regierung gegen den Rechtsextremismus.
Das Berliner Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma ist eine würdige, wenn auch späte Ehrung der Toten.
Aber wo ist der würdige Umgang mit den lebenden Sinti und Roma?
Wir verurteilen genauso wie die Linkspartei sowohl die Abschiebepraxis gegen die Roma als auch die Duldung der NPD-Hetze gegen Sinti und Roma. Plakate wie “Geld für die Oma statt für Sinti und Roma” sind Volksverhetzung, die nicht straffrei bleiben darf.
Mit solchen Kampagnen werden nicht nur der Protest und die Wut von sozial benachteiligten oder unzufriedenen Menschen auf die leidgeprüfte Minderheit der Sinti und Roma gelenkt und diese als Sündenbock missbraucht.
Damit wird die gegenwärtige Pogromstimmung in Teilen der Europäischen Union, die bereits zu zahlreichen Morden an Roma geführt hat, allmählich auf Deutschland zu übertragen.
Vor uns Demokraten steht die Aufgabe, heute stärker als bisher Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, insbesondere den Antiziganismus, zu bekämpfen.
Hunderttausenden ermordeten Sinti und Roma können wir ihr Leben nicht zurückgeben.
Aber unser Land könnte für die Kinder der Sinti und Roma ein umfassendes europäisches Förderprogramm initiieren und aus historischer Verantwortung mit gutem Beispiel vorangehen.
In solchem Streben sind die Thüringer Linkspartei und die Jüdische Landesgemeinde Thüringen Verbündete.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihrem Parteitag Erfolg.
Damit nimmt Prof. Schramm eine alte DDR-Tradition wieder auf. Früher hat die SED “jüdische” Gemeinden gegründet, die sie mit ihren Leuten bestückte, die sich daraufhin in Grußbotschaften an die Partei der Arbeiterklasse überboten und gelegentlich auch überhoben. Heute tritt eine jüdische Gemeinde kollektiv der Rechtsnachfolgerin der SED bei. Und übernimmt auch deren Agitprop-Vokabular von den “sozial benachteiligten oder unzufriedenen Menschen”, deren Wut von den Herrschenden “auf die leidgeprüfte Minderheit der Sinti und Roma gelenkt” wird. Dass sich in der Linkspartei ein paar der miesesten Antisemiten und Antisemitinnen - als Antizionisten, “Israelkritiker” und Freizeitmatrosen verkleidet - tummeln, hat Prof. Schramm nicht mitbekommen oder es stört ihn nicht. Es stimmt ihn nur “bedenklich”. Was für ein Dhimmi vom Dienst!
Ich will aber nicht ausschließen, dass es doch Georg Schramm ist, der in eine neue Rolle geschlüpft ist und mich nun dazu bringen will, etwas über ihn zu schreiben.