Monika Bittl (Archiv) / 21.06.2016 / 06:25 / Foto: Frantisek Dostal / 6 / Seite ausdrucken

Liebe SPD, warum lässt Du dich bedienen?

Liebe SPD, kennst du eigentlich noch die Leute, die du angeblich vertrittst? Wann bist du zuletzt in einer Arbeiterkneipe gewesen, hast mit türkischen Müllmännern gesprochen oder versucht, dich mit einer Erzieherin in einer Kita zu Kernzeiten in all dem Kinderlärm zu unterhalten? Nein, du gehst im Biergarten lieber in den Service-Bereich und holst dir die Maß nicht selbst, sondern lässt dich bedienen. Du schlägst meine Einladung zum Besuch eines Beisls hier im München-Westend aus und willst dich stattdessen lieber im „Mandarin Oriental“, in der Lounge des Luxushotels treffen. Du, liebe SPD, bist nicht nur ein Vertreter der Partei, sondern viele, mit denen ich nun diese Erfahrung machte. Ich maße mir nicht an, für „das Volk“ zu sprechen – aber du tust es immerzu. Und dabei kenne ich niemanden, der sich mehr von diesem „Volk“ entfernt hätte als du.

Für dich ließ ich mir die Autoscheiben einschlagen

Du. Für dich ließ ich mir die Autoscheiben einschlagen, als FJS noch der uneingeschränkte Herrscher Bayerns war und ein Papperl auf dem Auto mit einem Bekenntnis zu dir unweigerlich zu einem gesellschaftlichen Ausschluss und zu dem Statement meiner Oma führte: „Selber schuld, wer muss auch immer so rebellisch sein?“ Du – als du noch nicht gegen Raucher in Eckkneipen, sondern gegen Immobilienhaie, die Rentnerwohnungen fraßen, vorgegangen bist.

Wo stehst du, liebe SPD? Du bist zur Sprachpolizei verkommen, darauf achtend, dass nicht nur von Genossen, sondern auch von GenossInnen die Rede ist. Ein feiner Herr im Anzug, ein Banker der Worte bist du geworden. Und eine jener biestigen Deutschlehrerinnen, die Kindern mit leblosem Dozieren von Fortschrittsfeindlichkeit die Freude an der Zukunft und an der Sprache austreiben. Du bist verkommen zu einer gelackten Person, die das Milieu der eigenen Eltern wegen deren Ärmlichkeit und des mangelndem Bildungsniveaus verachtet.

Warum musst Du die Menschen meiden?

Und eben deshalb musst du die Menschen, die dir einfach mal frei Schnauze ganz ohne PC sagen würden, was sie so bewegt, meiden und gehst nicht mehr in deren Kneipen. Es könnte ja sein, dass dir dort ein paar Dinge um die Ohren fliegen, die du nicht hören willst. Wie beim Abdul, einer türkischen Kneipe, an der du nur pikiert vorbei stolzierst. Zwielichtige, Intellektuelle und „ganz normale“ Arbeiter treffen sich dort.

Sie haben wie auch der Wirt selbst hauptsächlich ein Thema: Die Zuwanderung. „Kann nicht gut gehen“, sagt Abdul schon seit September mit Blick auf die Flüchtlingsströme und den Fernseher, der dort immer läuft und wichtig ist, denn unter den Besuchern gibt es auch Analphabeten. Abdul und die Leute dort zählen zu jenem „Pack“, auf das die SPD herab sieht; das „Pack“, das die SPD erziehen will; das „Pack“, dem die SPD keine eigene Meinung mehr zutraut; das „Pack“, das sie verachtet – das „Pack“, das zur AfD abwandert, weil es dort wenigstens noch ernst genommen wird.

Du bist Lichtjahre vom Bolzplatz entfernt

Elitär siehst du auf all jene herab, die arbeiten gehen und sich nicht 24/7 damit beschäftigten, was nun gerade gesagt werden darf oder nicht. Im Anzug oder Kostüm setzt du dich nicht mehr neben so einen gemeinen Arbeiter, denn du könntest dich ja schmutzig machen neben ihm. Während du im Luxushotel mit der „Mannschaft“ feine Tropfen trinkst, bolzen hier Jugendliche auf einem Platz, zu dem du deine eigenen Kinder aus Angst vor schlechter Einflussnahme nicht gehen lässt.

Mag sein, ich bin altmodisch und sehe das falsch. Aber ich gehe davon aus, dass diese Feigheit, einen Laden wie den Abduls nicht zu betreten und im Biergarten im Service-Bereich zu sitzen, den neuen Rechten erst so richtig Aufwind gibt. Ich verachte dich dafür, SPD! Ich habe fertig mit dir!

Die arroganten SPDler lade ich zu einem Kneipenbesuch im Arbeiterviertel ein, ohne deren Zeche zu bezahlen. Aber Freibier habt ihr auch gar nicht mehr nötig, ihr Funktionäre, die ihr alle geworden seid, mit einem Lehrer-Beamtengehalt. Wie bitter, die „kleinen Leute“ so zu verraten, und damit den Weg so zu versperren, dass die Leute nach rechts abbiegen – weil das von euch so verachtete Pack auch noch die Dreistigkeit besitzt, politisch eigen zu denken und vor euren Schranken nicht sitzen bleibt. Feiglinge vor dem grünen Altar seid ihr geworden! Ach, kommt lieber doch nicht in mein Viertel, sondern verpisst euch oder erfindet euch neu!

Monika Bittl ist eine preisgekrönte Münchner Schriftstellerin. Ihr derzeitiger Titel „Ich hatte mich jünger in Erinnerung – Lesebotox für die Frau ab 40“ (zusammen mit Silke Neumayer) steht seit drei Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Paperback-Bestsellerliste

Foto: Frantisek Dostal CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Udo Schöpke / 21.06.2016

Super. Das müsste so mal in den Tagesthemen oder im Heute Journal thematisiert werden. Vor 2 Jahren habe ich meinen Schülern noch von der Meinungsvielfalt in den deutschen Medien vorgeschwärmt. Mittlerweile komme ich mir wieder vor wie 1989. Man sagt seine durchaus differenzierende Meinung nur noch im kleinen Kreis, weil man keinen Nerv hat, sich mit den rechthaberischen und fundamentalistisch auftretenden Leuten vom Typ Wolfgang Thierse zu streiten. Das englische Wort Nudging hieß bis 1989: Du hat gefälligst einen Klassenstandpunkt zu haben ! Sonst ....

Marion Köhler / 21.06.2016

Sehr geehrte Frau Bittl,, danke für diesen so treffenden Beitrag, dessen Inhalt mich an so vieles in meinem Leben erinnert. Mein verstorbener Schwiegervater hat aber schon vor vielen Jahren aus seinen Erfahrungen der Zeit vor Hitlers Machtübernahme von SPD-Mitgliedern als Stehkragenproletariern gesprochen. Also liegt es im Innern . Kommt man eine Stufe höher, dann ist alles vergessen. Mein Schwiegervater wurde dann Kommunist, dann SED-Genosse für ein besseres Deutschland und hat zuletzt resigniert. Und ich kämpfe nun gegen meine eigene Partei, (CDU) für Vernunft und gegen Dummheit. Mit freundlichem Gruß Marion Köhler

Michael Scheffler / 21.06.2016

Die SPD ist schon seit Brandt und Schmidt keine Arbeiterpartei mehr. Der eine machte durch Frauengeschichten auf sich aufmerksam und wurde damit erpressbar (badete nach Wehner gerne lau), der andere verprellte durch seine unbeschreibliche hanseatische Arroganz die Arbeiter. Den Rest besorgten Leute wie Glotz, Erler und Lafontaine. Aber immerhin konnten alle Abschlüsse vorweisen und wenn es wie bei Brandt die Schule des Lebens war. Dass Sie, Frau Bittel, in die SPD eintraten, wat sicherlich jugendlichem Revoluzzertum zuzuschreiben, denn die Leute, die die SPD verkörperten, waren im Gegensatz zu Strauß wenig honorig, Da hatte ihre Großmutter recht. Da müssen Sie halt leiden. Sie wissen schon: “Wer mit 18 nicht Kommunist ist, ...”

Günter Schaumburg / 21.06.2016

Sehr gut beschrieben, Frau Bittl. Fast 50 Jahre, die Hälfte davon in der DDR, war die SPD politischer Hafen für mich.Nun ist die Partei Bebels, Eberts, Ollenhauers und Brandts ein verfettetes Würstchen im Tiegel der Merkel-CDU,trotz diverser Aufmerksamkeiten für Mütter und Geringverdiener. Und sonst: Nichts, außer außergewöhnlicher Belastungen, wie Energiegewurstel, null Zinsen für Sparer, Sanktionen gegen Russland und Syrien, Freizeitvergnügen Bundeswehr, “Schutzsuchenden”-Desaster usw., immer im Schlepptau der größten Kanzlerin aller Zeiten. Mensch, SPD, komm endlich in die Gänge und werde wieder das, weswegen Dich so viele Menschen einst gemocht haben!

Prof. Dr. Uwe Ebel / 21.06.2016

Der Artikel trifft das Problem der SPD und ist deshalb lesenswert. Um so mehr muss es verwundern, dass die Verfasserin ihre Kritik an der SPD mit einer Tirade gegen “die” Deutschlehrerin koppelt. Pardon, aber “die” Deutschlehrerin gibt es nicht, und dass die Befassung mit den Inhalten des Deutschunterrichts fortschrittshemmend sei, ist ist offenkundiger Unfug - freilich, meine einschlägigen Erfahrungen liegen lange zurück. Hat sich da so viel geändert, und vor allem, was ist es denn, was “die” Deutschlehrerin gegen den Fortschritt - übrigens auch ein schwammiger Begriff - tut?

Peter Helling / 21.06.2016

Sehr geehrte Frau Bittl, ich habe nichts Aufregendes hinzuzufügen. Nur, dass ich als Ruhrpottler und Arbeitersohn jedes Ihrer Worte unterstreichen möchte. Manchmal ist es einfach nur schön, wenn die eigenen Gedanken und Empfindungen von anderen ausgedrückt und aufgeschrieben werden. Die einzige Frage die bleibt: wen wählen wir denn jetzt? LG Peter Helling

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