Man darf sich die Online-Dating-Welt wie ein neues Hobby vorstellen. Was machst du in deiner Freizeit? Kochen, Fahrrad fahren und "Swipen". Eine Feldstudie im digitalen Beziehungsdschungel.
Es ist schon eine gute Weile her, dass ich auf diversen Dating-Portalen auf Partnersuche angemeldet war, aber die Erinnerung daran war keine gute. Nicht, dass etwas Dramatisches passiert wäre…, es war einfach öde bis grenzenlos komisch. Man darf sich die Online-Dating-Welt wie ein neues Hobby vorstellen. Was machst du in deiner Freizeit? Kochen, Fahrrad fahren und Swipen – digitale Fließbandarbeit im Schnellverfahren. Man will nichts verpassen. Und das kann Stunden fressen – und süchtig machen.
Hier ein Like, da ein Herz, ein Match, vielleicht sogar eine Verabredung. Und man muss schnell sein, denn wenn man nicht zeitnah antwortet, wird man einfach durch das nächstbeste Gesicht ersetzt. Austauschbar – das ist das neue romantisch. Schließlich sind wir zwar unverbindlich und wollen bloß nichts Ernstes, aber unsere Gefühle wollen trotzdem nicht durch Ignoranz verletzt werden.
Aber was tut man heute nicht alles, wenn Männer sich kaum noch trauen, eine Frau auf der Straße anzusprechen. Eine meiner Omas erzählte, sie hätte meinen Opa bei einer Zugfahrt kennengelernt und die andere berichtete, ihr Ehemann war der Lehrer ihrer Schwester gewesen. Tja, ob solche Geschichten heute noch charmant oder schon justiziabel wären? Erwischt der entsprechende Herr die falsche Frau, liefert er ungewollt Stoff für ein Awareness-Seminar oder ein Präventionsprogramm. Heutzutage lernt man sich lieber im Internet kennen, der Insel der Unverbindlichkeit und des Ghostings.
Als ich von meinen Eskapaden auf den digitalen Liebesbasaren und meinem Frust erzählte, kam in der Redaktion die Idee auf: Ich solle mich noch einmal ins Dating-Leben stürzen – mit Carrie Bradshaw-Attitüde. Um zu prüfen, ob meine negative Einstellung zu Swipe-Plattformen immer noch Realität ist. Spoiler: Leider ja.
Frau oder Einhorn?
Zuerst einmal brauchte meine zweite Persönlichkeit, die ich „Elisabeth“ taufte, ein Konto. Damit Tinder mir die richtigen „Matches“ vorschlagen konnte, musste ich allerdings noch ein paar Angaben hinzufügen.
Beginnen wir mit dem „Gender“: Dort konnte ich wählen zwischen Mann, Frau, Nicht-binär. Frau – das war gar nicht so schwer…, dachte ich. Denn ich hätte auch noch die Unterkategorien „Cis-Frau“, „Intersexuelle Frau“, Transfrau“, „Transfeminin“ oder „nicht aufgeführt“ wählen können. Transfeminin verdient dabei einen besonderen Moment der Aufmerksamkeit. Es ist nämlich nicht das gleiche wie eine Transfrau – zumindest nicht zwingend.
Es ist „eine Person, deren Geschlecht bei der Geburt als männlich eingetragen wurde, sich aber als weiblich präsentiert. Diese Person kann sich selbst als Frau oder Transfrau sehen oder auch nicht“. Ja, hier war selbst die Verwirrung verwirrt. Wie, oder auch nicht? Ich fühlte mich gefangen im Genderbaukasten, aber ohne Anleitung. Gut, dass ich mir sehr sicher bin, eine Frau zu sein. Auch, wenn ich versucht war, mich einfach als Einhorn auszugeben. Wäre vermutlich durchgewunken worden.
Ein Hindernislauf auf einem soziologischen Minenfeld
Auf diese wichtige Entscheidung folgte die nächste Hürde: die Wahl der sexuellen Orientierung. Denn neben den allseits bekannten „heterosexuell“, „bisexuell“ und „lesbisch“ Sexualitäten gibt es auch so spannende Labels wie „aromantisch“.
Letzteres ist offenbar für Personen, „die keine oder wenig romantische Anziehung verspürt, obwohl sie möglicherweise dennoch sexuelle Anziehung verspürt“. Aha. Also Körper ja, Herz nein. Oder doch umgekehrt? Oder gar beides gleichzeitig, aber nur an ungeraden Tagen – und nie an einem Dienstag? Könnte das vielleicht auch einfach bedeuten, dass sich diese Bezeichnung selbst ad absurdum führt, weil es schlichtweg normal ist, nicht bei jeder Begegnung Hals über Kopf verliebt zu sein?
Auch „asexuell“ ist so eine Geschichte. Wenn ich asexuell bin, also keine sexuelle Anziehung empfinde, was suche ich dann auf einer Dating-App, deren Hauptfunktion auf gegenseitigem Begehren basiert? Vielleicht jemanden, mit dem man das beidseitige Desinteresse zelebrieren kann?
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon: Mein harmloser Selbstversuch würde in einem Kulturschock enden, aber was tut man nicht alles im Dienste des Journalismus. Dating im Jahr 2025 ist kein Spaziergang auf einer sonnigen Blumenwiese, sondern ein Spießrutenlauf auf einem soziologischen Minenfeld. Wie es wohl beim Matching aussieht? Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen.
Marie Wiesner, Jahrgang 1999, arbeitet in der Redaktion der Achse des Guten.

Heilige Einfalt. Womöglich verfügen manche Zeitgenossen (jeglichen „Genders“) schlichtweg über zuviel Freizeit.
Gehen sie zu joyclub. Das ist das gleiche. Nur ohne Nonsens. Und mit Niveau.
Marie Wiesner , Ihre Artikel sind immer kurzundknackig , auf den Punkt und nie langweilig ! Beste Schreibe hier auf der Achse !