Immer weniger Leser verfügen über die Bildung, die Geduld und die Empfindsamkeit, um Texte wie die von Ulrich Schödlbauer zu lesen und sich daran geistig und seelisch zu bereichern. Doch war es jemals anders? Nicht umsonst wählte Stendhal als Abschlusssentenz der Chartreuse de Parme die Worte “To the happy few”.
Vor fünf Jahren, als die sogenannte Corona-Pandemie, die vieles ans Licht brachte, inszeniert wurde, erschien Ulrich Schödlbauers Erzählung, wie der Autor sein Werk klassifiziert, "Das Bersten". Es ist meiner Kenntnis nach bisher nicht rezensiert worden, zu Unrecht, und das wird hier nachgeholt.
Achgut-Lesern ist Schödlbauer, Literaturwissenschaftler, Philosoph, Dichter und Romanautor, als Aphoristiker bekannt, hier findet man viele der Texte, die in den letzten Jahren auch bei Achgut erschienen sind. Das Buch ist keine Ezählung im engeren literaturwissenschaftlichen Sinne, da der Text mehr beschreibt als eine einfache Begebenheit, die der Lebenswirklichkeit entspringt. Im weiteren Sinne allerdings schon, da es eindeutig dem narrativen Genre zuzuordnen ist. Und in der Lebenswirklichkeit ist es tief verwurzelt.
Die erzählte Geschichte setzt mit dem Migräneanfall des Protagonisten Tronka, einem Philosophiedozenten, ein. Dieser Anfall findet statt, als sich Tronka mit seiner Partnerin und einer Gruppen von Freunden auf einer Urlaubsreise befindet. Die Partnerschaft ist am Ende. Tronka reflektiert die Ursachen dieses Scheiterns im Zusammenhang mit seiner ebenfalls zerbrochenen Ehe. Stilistisch und formal ist der Text moderne Literatur im besten Sinne.
Wir sind einem durchgehenden Bewusstseinsstrom ausgesetzt, der von der Migränesituation ausgehend Fragen der modernen Existenz betrachtet. Alle im klassischen Sinne narrativen Elemente, auch die wenigen der Gegenwartsebene, dem Urlaubsgeschehen gewidmeten Passagen, sogar dialogische, sind als Reflexionsmonolog abgebildet. Der Text hat nichts von der Gefälligkeit neorealistischer Gegenwartsliteratur, die dagegen biedermeierlich und hoffnungslos altmodisch oder kitschig wirkt. Der Autor schreibt stilistisch auf der Höhe von Joyce oder Musil, allerdings vor einem ganz anderen kulturgeschichtlichen Hintergrund als diese Autoren der Moderne.
Was ist dieser Hintergrund? Die Werteleere der Postmoderne, der kulturellen Epoche, die ab etwa 1930 entstand und die seit den 1960er Jahren zunehmend das allgemeine kulturelle Bewusstsein der gesellschaftlichen Eliten bestimmt. Aus einer für den gesamten Text typischen, für den Leser kaum erträglichen Nahansicht bestimmt diese Geisteshaltung den Hintergrund der Erzählung. Beispielsweise lesen wir vom Entschluss, eine Beziehung zu beenden, “sollte sie weiter die ihr gesetzte Norm unterlaufen, die Grundnorm aller Erlösung, die Frustfreiheit” (S. 225). Erlösung ist ein transzendenter, christlicher Begriff, der beschreibt, was der christliche Gott den Jesus Christus gehorsamen Christen verspricht, im irdischen wie im jenseitigen Leben. In der hedonistischen Postmoderne ist Erlösung hingegen lediglich Frustfreiheit.
Der Liebe gegenüber wertblind
Vor diesem Hintergrund behandelt die Erzählung ihr Kernthema: Beziehung, um das der Autor verwandte Themen wie Gruppe, Eltern-Kind-Verhältnis oder gesellschaftliche Rollen anordnet. Der postmoderne Mensch, wie ihn Schödlbauer schildert, ist radikal idiosynkratisch, egozentrisch, hedonistisch, nihilistisch und blind für die klassischen sittlichen Werte wie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Demut, Wahrhaftigkeit, Liebe, oder Treue. Männer wie Frauen erscheinen total absorbiert von ihrer Selbstoptimierung und dabei entwurzelt, desorientiert, verwirrt und daher gleichsam schwebend und verloren. Eine ungeheure Kälte und Leere geht von den Figuren aus, Tronka vielleicht ausgenommen, worauf wir noch zurückkommen.
Was bedeutet der Begriff „Beziehung“, um die sich die Erzählung dreht? Im Denken Tronkas ist es eine Form des Zusammenlebens von Mann und Frau (gleichgeschlechtliche Partnerschaften kommen hier nicht vor), das sich von der christlichen Ehe und ihren säkularen Varianten, die im 19. Jahrhundert in der gesellschaftlichen Elite entstanden, radikal unterscheidet und keine historischen Vorbilder des Gelingens oder Misslingens und dem Umgang damit hat. Das Leben von Beziehung statt Ehe ist der gesellschaftliche Versuch, “das gesamte bisherige Menschheitswissen in Sachen Geschlechterpraxis beiseitezufegen und bei Null zu beginnen” (S. 86). In der Beziehung sollen sich die Partner aneinander geschlechtlich befriedigen, aber dabei ihre vollkommene Freiheit und totale Selbstverwirklichung ausleben können.
Beziehung ist insofern charakteristisch für die mit Aufklärung einsetzende Tendenz, etablierte soziale Normen, die über lange Zeiträume spontan entstanden sind, durch intellektuelle Entwürfe zu ersetzen und diese gesellschaftlich durchzusetzen, wie es erstmals bei der französischen Revolution geschah. Dieses social engineering kritisierten Beobachter wie Burke und Hegel auf das Schärfste, weil sie der Überzeugung waren, dass Gesellschaften nur mit Hilfe spontan entstandener Normen funktionieren. Der Verlauf der französischen Geschichte gab ihnen recht. Schödlbauer beschreibt die verheerenden Folgen des Versuchs, sich von klassischen Normen der Reproduktionsgemeinschaft zu emanzipieren, wobei die moderne Beziehung allerdings durchaus Ausdruck einer spontanen Entwicklung ist.
Dabei zeigt er, wie sich Beziehungsteilnehmer in das soziale System eingliedern, dessen Teil sie sind. Vielleicht am radikalsten spricht der Text den Charakter der Beziehung aus, als Tronka reflektiert: “Zwei Geschlechtsorgane sind ein System, eine soziale Zelle, die ein- und ausschließt, ein pulsierendes Stück Gesellschaft, das nicht locker lässt, bis es im gleichen Rhythmus wie seine Umgebung schwingt” (S. 217). Die Beziehung ist die Form der geschlechtlichen Partnerschaft für in totaler Gottesvergessenheit und Selbstbezogenheit lebende Menschen. Daher ist auch jede Beziehung zum Scheitern verurteilt, trägt in ihrem Anfang schon ihr Ende, wie Tronka reflektiert. Von Liebe im Sinne der demütigen Überwindung der eigenen Ichbezogenheit zugunsten einer gegenseitigen, reziproken Zweisamkeit ist niemals die Rede, denn die Protagonisten sind der Liebe gegenüber wertblind.
Große Spielräume für Lesarten und Interpretationen
Im Laufe des gut 250 Seiten langen Monologs seziert der Erzähler nicht nur die Ehe mit Pida und die Folgebeziehung mit der Frau, deren Namen nicht genannt werden darf, das Verhältnis zu Freunden und Kollegen (Gruppen), Verwandten oder den Kindern, sondern webt in den Gedankenstrom eine Fülle von Ideen, Apercus, Einsichten, Beobachtungen, Theoriefragmenten und Betrachtungen ein. Weil Schödlbauer Literatur mit einem Anflug Hegel’scher Sprachführung mit einer deutlichen semantischen wie auch textpragmatischen Unterbestimmtheit schreibt, hat der Leser je nach eigenem Standpunkt sehr große Spielräume für Lesarten und Interpretationen.
Meine Lieblingspassage, deren Humor typisch für den Text ist, handelt von “Theorien […], die aber weiterhin als Fixsterne in der Nacht des Geschlechts blinken und ihr sparsames Gedankenlicht über Gerechte und Ungerechte, über Gerächte und Ungerächte des Geschlechterverhältnisses leuchten lassen” (S. 225). Sie sind das Ergebnis der gesellschaftlichen Herabdeklinierung moderner Ideen, die nun, “unendlich verdünnt, Allgemeingut werden, so dass sie dir jetzt als weibliches Empfinden entgegentreten.”
Das Phänomen ist keineswegs geschlechtsspezifisch. Schödlbauer beschreibt hier einen kulturellen Prozess, der sich aus der Überakademisierung ergeben hat, wie sie Emmanuel Todd erläutert. Wenn man einmal damit beginnt, 30 bis 40 Prozent eines Jahrgangs der akademischen Bildung zuzuführen, muss aufgrund der daraus resultierenden Intelligenzverteilung der Akademiker die Ideengeschichte in ein unglaublich triviales und törichtes Taschenformat gedrängt werden, das einem dann im Gespräch mit den Opfern dieser Scheinbildung entgegentritt. Das Buch ist gesättigt von solchen Erkenntnissen zu unserer Kultur wie ein Wimmelbuch, das vielfältige Einsichten vermittelt.
Die Vorhölle zeitgenössischer Beziehungsdynamik
Echte Belletristik ist oft quälend, weil sie manchmal (Die Verlobten), aber eher selten den Bogen der Märchen mit Exposition – Konflikt – friedlicher Auflösung verfolgt, sondern in vielen Fällen Leid schildert und im Unheil endet. So ist es bei den großen antiken Tragödien, aber auch bei Stendhal, Hugo, Flaubert, Dostojewski, Tolstoi, Turgenjew, oder Kafka: Das glückliche Ende, das der durch US-Kino- und Fernsehserien oder Gefälligkeitsromanen sozialisierte Leser erwartet, stellt sich bei großer Literatur selten ein. Vielmehr arbeitet sich der Leser bei Schuld und Sühne, Le rouge et le noir oder Les travailleurs der la mer durch intensive Konflikte, die mit harter Sühne oder dem Tod enden, hindurch. So ist es auch hier, und im Leseprozess ergeben sich zahlreiche tiefe Einsichten in die Alltagskultur der Trägerschicht unserer Zeit. Der Text kehrt dabei das Innere nach Außen, wir lesen eine Rousseau’sche Confession von starker Intensität und nahezu tabuloser Offenheit, eine Charakteristik der Moderne, die immer noch schockierend wirkt, weil das Verbergen innerer Motive und Emotionen im sozialen Gefüge lebenswichtig ist. Die Aufdeckung schmerzt. Dies ist ein Verfremdungseffekt moderner Literatur, den Schödlbauer perfekt beherrscht.
Bei Schödlbauer gibt es, anders als bei Hegel, keine Systematik der Abhandlung seiner Themen, sondern der sorgfältig konstruierte Bewusstseinsstrom führt uns durch die Vorhölle zeitgenössischer Beziehungsdynamik, der sich Tronka nicht entziehen kann, was er auch versucht. Immer ist die perfide Dynamik ihm einen Schritt voraus, sie reißt ihn mit, egal wie viel er reflektiert oder zu steuern versucht: eine tragische Figur.
Warum hat Schödlbauer für diese Figur den Namen des Junkers Tronka gewählt, der Michael Kohlhaas in Kleists genialer Novelle durch seine Korruption und Unmenschlichkeit in den Rachewahn treibt? Der Philosoph Tronka seines Textes ist nicht verlogen, charakterlich schwach und daher korrupt gegen andere wie bei Kleist. Vielleicht möchte der Autor zum Ausdruck bringen, dass Tronka sich selbst gegenüber schwach und korrupt ist und sein eigenes Leben dadurch beschädigt. Einen Hinweis darauf finden wir im Epilog des Textes, dem Gedicht Der Schmerz, das vom Suizid eines Sohnes handelt. Das lyrische Ich setzt sich hier mit seiner Schuld am Tod des Kindes auseinander. Setzt man Tronka als das lyrische Ich, dann ergibt der Name einen Sinn.
Vor dem Leser liegt ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Werk Schödlbauers, die "Versiegelte Welt", das online gelesen werden kann und wegen seiner Struktur auch auf diese Weise gelesen werden sollte. Wie alle großen Literaten ist Schödlbauer ein Chronist seiner Zeit, unserer Zeit. Gedanklich und sprachlich arbeitet er, ausgestattet mit einem hochempfindlichen Sensorium für das, was die zu beobachtenden Vorgänge auf unsichtbare Weise verursacht, auf der Höhe der abendländischen Kultur vor ihrem Absturz, der sich heute vor unseren Augen vollzieht. Immer weniger Leser verfügen über die Bildung, die Geduld und die Empfindsamkeit, um solche Texte zu lesen und sich daran geistig und seelisch zu bereichern. Doch war es jemals anders? Nicht umsonst wählte Stendhal als Abschlusssentenz der Chartreuse de Parme die Worte “To the happy few”.
Ulrich Schödlbauer: Das Bersten. Manuntius Verlag, Heidelberg 2020
Dr. Jobst Landgrebe ist Arzt, Biochemiker und Mathematiker.
Das Leben ist zu kurz, um sich durch die Metaphorik vieler Literaten zu quälen, um zu verstehen, was sich oft in wenigen einfachen Sätzen sagen ließe. Es ist manchmal auch nur eine Frage der Intelligenz und wissenschaftlichen Neugier, den Weg zur Erkenntnis abzukürzen. Und ob man lieber lebt, statt über das Leben zu lesen. Klingen reichlich selbstgefällig, die Wertungen des Autors.
@Emil.Meins, tut mir leid, mit fremder Literatur, wie der Bibel, habe ich es als überzeugter Atheist nicht. Wenn Sie meine Ergüsse lesen bin ich schon glücklich. Ich habe dann eine Wette mit mir gewonnen, ein Dorfdepp meldet sich schon.
Die mäßige Leser-Resonanz bestätigt ja aufs Schönste die fettgedruckte These des Autors. Die Masse ist einfach zu dumm oder faul, den gehobenen Gedankengängen der geistigen Elite zu folgen. Oder so. Mich erinnert der Text an gewisse studentische Diskussionen der 70er Jahre, die so abgehoben phrasenhaft waren, daß automatisch die Áugenlider zuklappten. Mit 3 Studienabschlüssen gewinnt man eben eine gewisse Distanz zum gewöhnlichen Leben der amöbenhaft Dahinlebenden. Und was hat der Typ im Roman davon, der keinen hochbekommt, wenn er das wunderbar gedanklich sezieren, analysieren, und verbalisieren kann,und dann immer noch keinen hochbekommt, während der hirnlose, von Trieben gesteuerte Dummbeutel daneben, ganz ohne nachzudenken, währenddessen fickt wie ein Karnickel? Er kann dann ein Buch schreiben und leidet trotzdem unter Samenstau und Frustrationen. Woody Allen hat solche Gestalten noch und nöcher auf Lager gehabt. All diese hochgebildeten, elitären Helden, die alles so gut in Worte fassen können, die nur außer ihnen keiner mehr versteht, oder weil es zu anstrengend ist, das alles in eine normal verständliche Form zu übersetzen, sind am Ende auch nur eines: eine tragische Figur.
@Walter Weimar > „Immer weniger Leser verfügen über die Bildung, die Geduld und die Empfindsamkeit, um Texte wie … zu lesen“. Dieser Satz hat leider allgemeine Richtigkeit. Auch ein Abitur, ein Studium oder ein Führungsposten ändern an dieser Tatsache nichts. Doof bleibt doof, früher nur auf wenige Menschen, gilt heute für eine Mehrheit. Der einzige Unterschied zu früher, die Dorfdeppen wußten, daß sie welche sind. Heutige merken es nicht mal mehr, strotzen vor Überheblichkeit. Ursache ist sicher auch der ständige geschnupfte oder gelutschte Drops.< Wie recht Sie doch haben! Nur sind Sie selbst davon selbstverständlich ausgenommen, oder? Sie sind ja nicht blöd, oder wie hieß der Slogan nochmal? Wenn Sie Ihre eigenen Ergüsse mal lesen müßten, wären Sie vielleicht ein wenig demütiger. War da nicht eine Bibelstelle, sowas mit Splitter und Balken?
Hier wird doch einfach nur mit hohem Aufwand, wie so oft üblich, derjenige als „Kunstbanause“ abgetan, der mit dem hochgestochenen Schwurbel, den sich selbst für intellektuell Haltende und somit über die Abgewertenden Stellende so absondern, nichts anfangen kann und will, weil andere Interessen ihm wichtiger sind. Was für eine „Kunst“ (aller Sparten) soll das sein, die nicht selbst zu dem Adressaten sprechen kann, sondern akrobatisch-geistiger sprachlicher Interpretation bedarf? Muss ich jetzt dankbar sein, dass ich hier etwas vorgekaut bekomme, zumal ich nicht einmal Abitur habe, was ja laut Leserbriefschreiber auch nicht zwingend etwas ändern würde?
Intellektuelle Texte gehen mir seit einigen Jahren auf die Nerven. – Ich vermute, dass der Vergeistigte den Great Reset und die Islamisierung ignoriert, damit er Hegelmarxsches Zeug immer wieder wiederkäuen kann.
„Immer weniger Leser verfügen über die Bildung, die Geduld und die Empfindsamkeit, um Texte wie … zu lesen“. Dieser Satz hat leider allgemeine Richtigkeit. Auch ein Abitur, ein Studium oder ein Führungsposten ändern an dieser Tatsache nichts. Doof bleibt doof, früher nur auf wenige Menschen, gilt heute für eine Mehrheit. Der einzige Unterschied zu früher, die Dorfdeppen wußten, daß sie welche sind. Heutige merken es nicht mal mehr, strotzen vor Überheblichkeit. Ursache ist sicher auch der ständige geschnupfte oder gelutschte Drops.