Thilo Schneider / 17.04.2021 / 15:00 / Foto: Timo Raab / 9 / Seite ausdrucken

Let’s talk about it 

Ich gebe zu, als Mensch männlichen Sozialkonstrukts waren mir weibliche soziale Konstrukte bisher immer etwas suspekt. Ich weiß zwar, wie deren Anatomie aussieht (Feldforschung, aber nicht empirisch) und wie deren Körper funktionieren (Haarwuchs nicht im Gesicht, aber an Beinen und auf dem Kopf) und dass sie die Fähigkeit haben, fruchtbare Eier zu erzeugen, die, mit etwas Glück und einem Spermium, dann zu einem neuen männlichen oder weiblichen Konstrukt nach neun Monaten Inkubationszeit führen. Verpasst das weibliche Konstrukt die rechtzeitige Beschaffung eines zappeligen Spermiums, so hat der Körper auf das arme einsame Ei keine Lust mehr und stößt es ab. Dieser mit etwas Blut verbundene Vorgang nennt sich, je nach Bildungsniveau, „die Russen sind da“, „Tage“, „Periode“ oder, medizinisch, „Menses“, „Monatsblutung“ oder, etwas lateinischer, „Menstruation“ oder, ganz esoterisch und wertschätzend, „Frauenmond“.

Als männliches Konstrukt bemerkte ich dies gelegentlich an Binden oder Tampons im Einkaufswagen oder deren leeren Verpackungen auf der Toilette. Der Sinn der kleinen Mülleimer auf Unisex-Toiletten war mir klar, aber für kein Geld der Welt hätte ich da hineinschauen wollen. In die kleinen Mülleimer. Ich wusste dann, dass ich jetzt drei Tage für das Ausprobieren neuer Computerspiele Zeit hatte und so war ich – so dachte ich bisher – mit den weiblichen Konstrukten meiner Familie in harmonischem Einklang.

Aber ach… Gute alte Zeit… Das war einmal. Denn was ich dummer Mann bisher nicht wusste: Weibliche Konstrukte brauchen in dieser Zeit nämlich nicht nur schnödes Hygienematerial, sondern auch Rücksicht und Sensibilität. Und kein Perioden-Shaming. Sagt jedenfalls FrauTV, und wer wäre ich, einem Spezialsender für weibliche soziale Konstrukte zu widersprechen? Irre wäre ich. Vorbei die kritischen Tage, als ich meiner Frau mit einem aufmunternden „Na, Ketchup auf die Pommes?“ den guten Heinz-Ketchup über den Tisch schob, ohne mich vorher ihres Zustands versichert zu haben, vorbei das sorglose Händeschütteln, ohne zu wissen, ob sie sich im Status der „Unreinheit“ befindet, vorbeivorbeivorbei.

Rücksicht und Sensibilität sind gefragt: „Schatz, ich koche die nächsten paar Ta… die nächsten 72 Stunden, du brauchst jetzt viel Eisen zur Blutbildung. Magst du ein Handtuch für deinen Stuhl haben? Das hält schon warm! Wie geht es dir denn? Ist es arg schlimm? Wärmflasche, Schnaps, Cognac? Rosamunde-Pilcher-Film? Soll ich den Raum abdunkeln?“ All diese Dinge habe ich bisher während der Perioden meiner Frauen unterlassen. Da muss ich mich nicht wundern, wenn sie mich einmal im Monat für NICHTS anblaffen, ich solle GEFÄLLIGST DEN SCHEISS-FERNSEHER LEISER MACHEN und VERDAMMT NOCHMAL AUFHÖREN, AUF DEM BALKON ZU RAUCHEN und ENDLICH DEN MÜLL RAUSTRAGEN! Ich wusste ja nicht… Ich ahnte ja nicht…

Malen mit Menstruationsblut, zwölf Werke pro Jahr

Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich ließ meine Mitmenschinnen im Status der Ovulation allein. Ohne sie zu unterstützen. Wie sehr hätten sich meine Damen vielleicht Trost für ihre Beschwerden gewünscht, frei nach dem Motto: „Gräme dich nicht! Wusstest du, dass die Menstruation nur auf einige wenige Säugetierarten beschränkt ist? Von dem, was du da gerade hast, sind auch Fledermäuse und afrikanische Rüsselspringer (eine Mausart) betroffen!“ Was wird ihnen mein neu erworbenes Wissen künftig nutzen! Können sie sich schon mal drauf freuen!

Ja, ich werde künftig aktiv mitarbeiten. Ich könnte beispielsweise Kurse für Malen mit Menstruationsblut spendieren und die Werke dann im Wohnzimmer aufhängen oder verkaufen. Immerhin haben wir einen Output von insgesamt zwölf Werken pro Jahr und Frau im Haus! Wir könnten auch Menstruationstassen hübsch bemalen oder den Inhalt als biologischen Blumendünger einem hungrigen Gartenbaumarkt anbieten. Es tun sich unbekannte Möglichkeiten auf! Wir veranstalten Gesprächskreise rund ums Thema und laden dazu Katholiken, Protestanten und Muslime zum interkulturellen und intergeschlechtlichen Austausch (an Gesprächen) ein! Die Geschichte der Menstruation ist nun einmal auch eine Geschichte voller Missverständnisse, wie ich aus der OB-Reklame von 1994 weiß und bis weit in die 00er hatte ich wenigstens den Verdacht, Menstruationsblut sei blau, weil sie das immer so in der Binden-Werbung gezeigt haben.

Es reicht. Endgültig. Seit rund zwei Millionen Jahren menstruieren weibliche Konstrukte einfach vor sich hin und sorgen so für Neid und Ärger unter männlichen Konstrukten, die das unbedingt auch können wollen. Schluss damit! Unter „Trends der Zukunft“ bekommt jeder vierte Mann künftig seine eigene, individuelle Periode! Wir Männer bluten dann zwar immer noch nicht, aber sind wenigstens reizbar, nervös, lethargisch oder depressiv. Wobei ich nicht sicher bin, ob diese Symptome nicht auch mit dem Tabellenplatz der Lieblingsfußballmannschaft oder dem Pegelstand der im Keller lagernden Bierkästen zusammenhängen.

Wir haben das Jahr 2021. Es gibt nichts, worüber wir nicht alle offen und unverkrampft reden sollten. Alles ist wichtig, nichts darf jemand mehr für sich selbst behalten, keine Scham mehr, immer nur frei heraus damit! Psychisch und physisch. No borders, no limits! Viel zu lange haben Frauen ihre Periode einfach in sich hineingefressen! Unbemerkt, unkontrolliert und unkommentiert!

Daher freuen Sie sich mit mir auf unser nächstes Thema im intersexuellen Diskurs: „Diarrhoe! Lediglich übelriechende, flüssige Ausscheidung nach dem Genuss von Salmonellen oder wertvoller Redebeitrag zu allen möglichen und unmöglichen Themen von irgendwelchen Bescheuerten mit einem Überhang an Zeit und der Unfähigkeit zu geregelter Arbeit?“

(Weiteres des Autors unter www.politticker.de)  

 

Von Thilo Schneider ist soeben in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Foto: Timo Raab

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Wiebke Ruschewski / 17.04.2021

Die Bezeichnung “Frauenmond” höre ich tatsächlich zum ersten Mal. Allerdings halte ich mich von esoterischen Kreisen auch ganz bewusst fern. Wir nannten das damals in der Schule übrigens “lila Pause”. Diiieeee schöööönsten Paauuusen siiind liiiiiilaaaaaa!

Karin Krause / 17.04.2021

Man hat uns Frauen ja immer eingeredet, nach den Wechseljahren ist das Leben vorbei! Unfruchtbar, trocken usw… aber liebe Männer wisst ihr was das allerallerbeste ist - diese Sch….e nicht mehr jeden Monat zu bekommen und auch noch darüber reden zu müssen (Schatz warum heute Abend nicht)?!! Ich sage- jetzt fängt mein Leben erst an…

Sam Lowry / 17.04.2021

Ich kenne scheinbar nur “unnormale” Frauen, die gar nichts damit zutun haben. Lieber kiffen oder koksen die, haben dann gerne mal Analsex, hören gute Musik und chillen und grillen mit mir am Rheinufer rum. Also, bis vor 2 Jahren. Seit Corona hab ich irgendwie keinen Bock mehr auf gar nichts. Das liegt aber sicher nicht an den seltsamen oben beschriebenen Möchtegern-Frauen (Grüne, Linke?), sondern einfach am Frust meinerseits. Baue lieber meinem behinderten Vermieter irgendwelche Handläufe innen und außen am Haus, da es in dem Augenblick mit mir vorbei ist, wenn es mit ihm vorbei ist. Dann die alt bekannte Frage: “Bahndamm oder Brücke?”

g.schilling / 17.04.2021

Toll, wie konnte die Menschheit nur so lange überleben und dieses wichtige Thema erst jetzt auf die Agenda setzen.

Emmanuel Precht / 17.04.2021

Glückwunsch liebes Schneiderlein: Endlich isset raus! Wohlan…

Petra Wilhelmi / 17.04.2021

Und warum ist das so? Weil diese Generation, die so etwas von sich gibt, dermaßen verweiblicht und verweichlicht ist, dass es einen davor nur noch graust. Alle wollen nur in Watte gepackt werden, sind Schneeflöckchen, egal welchen Geschlechtes man sich gerade zugehörig fühlt. Heutzutage sind es Frauen, Schwarze, POCs, Schwule, Lesben und was weiß ich nicht noch was für alle Gruppen, die nur noch betütelt werden wollen und zwar ohne Gegenleistung. Jede Gruppe hat ihre eigenen Befindlichkeiten und wehe man beachtet die nicht. Jede Gruppe reagiert auf Witze anders. Wo man früher als Blondine über Blondinenwitze herzhaft mit lachte, so sollte man sich heute schon dafür entschuldigen, solch schlimme Sachen zu erzählen. Als ich noch jung war, war ein sehr netter Arbeitskollege von mir homosexuell, der immer am herzhaftesten über Schwulenwitze lachte. Das Leben war freier, die meisten haben Spaß verstanden. Heute sollte man sich möglichst öffentlich Asche auf’s Haupt streuen, wenn man “Schwarze-Peter-Karten” hat und “Schwarzer Peter” auch noch spielt. Zwei Eigenschaften ordne ich solchen Menschen zu, die auf Gruppenbefindlichkeiten pochen: Entweder haben Sie kein Ego oder sie sind die größten Egoisten unter der Sonne und sehen nur noch sich. Letzteres erscheint mir logischer.

Manni Meier / 17.04.2021

“...unser nächstes Thema im intersexuellen Diskurs: „Diarrhoe! Lediglich übelriechende, flüssige Ausscheidung nach dem Genuss von Salmonellen oder ...?” Habe in diesem Bereich bereits einige Workshops im künstlerischen Bereich oder zur biologischen Düngung von Zimmerpflanzen in Arbeit.

Bernhard Freiling / 17.04.2021

Da bin ich aber froh, jetzt über wirklich Alles reden zu können. Von der AfD, dem Klimawandel, Corona-Pandemie und Herr Sarrazin mal abgesehen. Was fühle ich mich heute so frei und beschwingt. Danke, Herr Schneider.

W. Hoffmann / 17.04.2021

Die Abneigung zu geregelter Arbeit schein ja neuerdings der letzte Schrei zu sein. Jedenfalls wenn ich so in die Mainstream-Medien schaue, sehe ich jede Menge Abschreibkünstler mit wirren Phantasien. Die gefälligst alle anderen gutheißen sollen, sonst setzts was!

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