Ich erinnere mich noch genau, wie meine Partnerin mich in die Geheimnisse von Let’s Dance einführte. Es war fast wie eine Beichte, dass sie eine Schwäche für dieses von RTL+ ausgestrahlte Format habe – stets im parallelen Online-Chat mit einer Freundin. Let´s Dance ist ein Tanzwettbewerb, in welchem Prominente, die zuvor nicht tanzen konnten, mit Profitänzern verpartnert werden und sich kamerabegleitet innerhalb weniger Wochen zu tänzerischen Höchstleistungen ausbilden lassen. In jeder Folge muss ein Paar die Sendung verlassen, die Entscheidung fällt durch eine Kombination von Jury-Punkten und Publikumsvoting. Jeder Anruf kostet 50 Cent, und so rollt der Rubel aus den vielen kleinen Taschen der Zuschauer in die große Tasche von RTL. Ein Bankautomat, der rückwärts frisst. Und dennoch hat es seinen Reiz.
Beginnen wir mit der Jury: Jorge González spielt den Verrückten und emotionalen Exzentriker. Er tut zumindest so, als habe er es auch nach vielen Jahren im deutschen Fernsehen nicht geschafft, besseres Deutsch zu sprechen oder seinen näselnden Akzent abzulegen – denn beides gehört genauso zu seiner Marke wie die durchgeknallten Frisuren und Kostüme. Allerdings sind seine Emotionen in Let’s Dance fast durchweg positiv, ein feiner Unterschied zu früheren Tagen bei Germany’s Next Top Model.
Dann ist da Motsi Mabuse (bürgerlich Motshegetsi Mabuse-Voznyuk), eine Tanzlehrerin und ehemalige Profitänzerin mit südafrikanischen Wurzeln. Im Gegensatz zur Jorge González hat sie nicht aufgehört, ihr Deutsch zu perfektionieren statt ihres Akzents, denn ihre Rolle ist diejenige einer Mutter, die zwar kritisiert und urteilt, aber stets versucht, das Positive herauszustellen und die Pärchen emotional aufzubauen - auch wenn der Tanz gerade gehörig in die Binsen geraten ist.
Und schließlich haben wir noch den strengen Joachim Llambi („Herr Llambi“), ehemaliger Tänzer und Wertungsrichter bei Profiturnieren, Duisburger Sohn eines spanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Mit kurzen grauen Haaren, stets in Anzug und Krawatte, gibt er in der Regel als letzter seine Kommentare und Wertung ab: „Der gibt meist die wenigsten Punkte“ erläuterte mir meine Liebste. Llambi spielt die Rolle des strengen und leistungsorientierten Deutschen, dessen Kritik auch mal harsch ausfallen kann („Na, dat war jetzt nix“), richtig böse ist er meist aber auch nicht.
Zusammen bilden sie ein emotionales und unterhaltsames Team, das über eine enorme Begeisterungsfähigkeit verfügt – und welches über einen großartigen Humor miteinander verbunden ist: Einen Humor, der laut sein kann, der frotzelt und auf den Arm nimmt, der aber selten böse ist und niemals übel nimmt.
Mehr Follower und Sympathien im Netz als Friedrich Merz oder Boris Pistorius
Bei den Teilnehmern handelt es sich um Prominente, von denen nicht wenige aus der zweiten Reihe stammen, darunter auch „Influencer“, „Youtuber“ und „Content Creators“, von denen man oft noch nie gehört hat, denn sonst ließe es tief blicken, in welchen Vierteln des Internets man sich so rumtreibt. Dennoch dürften manche von denen mehr Sympathien im Netz genießen als Friedrich Merz oder Boris Pistorius. Schon hier beginnt die informelle Weiterbildung für „Otto Normalgenießer.“
Moderiert wird die Sendung von Daniel Hartwich und Victoria Swarovski. Daniel Hartwich kennt der eine oder andere nicht vom Dschungelcamp, also jenem unkaputtbaren RTL-Format, das man vor allem vom Hörensagen kennt. Victoria Swarovski haucht der Sendung dort eine Portion an Würde ein, wo Hartwich alleine zu flapsig wäre. Eine gute Mischung.
Zunächst einmal geht es um den Tanz als Kulturtechnik. Nicht als individuelles Hüpfen und Springen, sondern formalisiert, meist als Standard und Latein. Schon darin liegt eine Provokation: Nicht wenige Jugendliche sind aus den von Schule oder Elternhaus verordneten Tanzstunden mit genauso staksigen Beinen herausgekommen, wie sie hineingegangen sind. Meist zielsicher in die Endphase der männlichen Pubertät gelegt, wurden gerade junge Männer vor allem um eines bereichert: Um peinliche Momente im Umgang mit dem in dieser Situation weit stärkeren Geschlecht. Ich bin überzeugt: Über die Tanzschulen funktionierte jahrzehntelang in Deutschland die Domestizierung der angeblich so „toxischen“ Männlichkeit. Freiwillig wühlt Mann daher nicht in seinen uncoolen Tanzschultraumata.
Dementsprechend überwiegt bei Let’s Dance der Anteil des weiblichen Publikums. Das spiegelt sich in der Werbung – die männlichen Zuschauer freuen sich über reichlich Nachhilfe im aktuellen Stand von Waschmitteln, Hautcremes und Damenbinden.
Einen entspannteren Umgang mit dem anderen Geschlecht lernen
Etliche Promis müssen erst mal lernen, ihren Partner beziehungsweise ihre Partnerin anzufassen. Das gilt vor allem für die Männer. Kaum ein Wunder in einer Gesellschaft, die in einem Anfall linker Prüderie große Fortschritte darin gemacht hat, ihren Mitgliedern jede Berührung des anderen Geschlechts zu untersagen, sofern dieses nicht vorher eine schriftliche Einwilligungserklärung abgegeben hat. In einem Einspieler der Sendung vom 6. März sagte eine Tanzlehrerin zu ihrem neuen Promi-Kandidaten: „Also, mein Mann hat Dir alles erlaubt“. Betreffender Mann ist ebenfalls Tanzlehrer bei Let’s Dance und wurde bei der Gelegenheit kurz eingeblendet.
Am Beispiel von Let’s Dance könnte unsere Gesellschaft also wieder einen entspannteren Umgang mit dem anderen Geschlecht lernen. Nicht jede Berührung ist übergriffig – und wenn eine Hand auf der Schulter unerwünscht ist, kann Frau – oder auch Mann – sie mit einer kurzen Bewegung wegwischen. Die meisten verstehen das. Und die hoffentlich wenigen, die solche nonverbalen oder nötigenfalls verbalen Signale partout nicht verstehen oder verstehen wollen, sollten von ihren Kollegen oder Freunden beiseite genommen werden. Eine liberale Gesellschaft, die dafür Compliance-Schulungen benötigt, hat vermutlich aufgehört, liberal oder Gesellschaft zu sein, möglicherweise beides.
Die Worte Gesellschaft und Geselligkeit hängen sprachlich zusammen, das gilt selbst für die Bildschirmgesellschaft im körperlichen Lockdown. Zusammenhalt hat auch etwas mit Anfassen zu tun, man glaubt es nicht. Wobei zwischen Anfassen und Angrabbeln ein Unterschied ist. Den Unterschied kann man am Beispiel von Standard- und Lateintanz lernen, ein Kurs in der lokalen Tanzschule sorgt für eine gewisse Praxis.
Let’s Dance spielt mit grundlegenden Menschheitsthemen: Erfolg, Scheitern, Wettbewerb, Leistungsdruck – und der Überwindung eigener Grenzen. Das hat es mit dem Dschungelcamp und vielen Quizshows gemein. Im Gegensatz zu anderen Formaten fragt Let’s Dance aber nicht den Ist-Zustand ab, sondern konzentriert sich auf den Lernvorgang und das persönliche Wachstum. Persönliche Reibungen, Intrigen und die hässlichen Seiten eines jeden Wettbewerbs mögen vorkommen, sie werden aber nicht in den Vordergrund gestellt.
Die Profis sind loyal zu ihren Schützlingen
Tanzlehrer und Schüler bilden für den gesamten Verlauf einer Staffel jeweils ein festes Paar. Sie arbeiten zusammen, sie sind aufeinander angewiesen, sie gewinnen und verlieren gemeinsam. Die Faszination für den Zuschauer besteht darin, wie aus teils ungelenken Schülern innerhalb weniger Wochen respektable Tänzer werden, die oft überragende Leistungen erbringen. Das gilt auch für diejenigen, die mit körperlichen Einschränkungen oder seelischen Problemen zu kämpfen haben. In ihnen erfüllt sich der ewige Traum des Aufstiegs durch Leistung.
Die Einspieler mit Auschnitten vom Training zeigen die Trainer und ihre Kanditaten bei der Arbeit. Witziges wechselt mit theatralischen Szenen des Scheiterns und der Erschöpfung. Schließlich ist es eine Doku soap – und der Anteil an Seife ist groß. Wer sich eingeseift fühlt, darf den Schaum aus Pathos, Show, Selbstmitleid, Mitleidserheischen und Selbstdarstellung abwischen. Die Kandidaten wollen schließlich auch im Wettbewerb der Gefühle beim Zuschauer punkten. Es bleibt genug übrig, was interessant und bewundernswert ist.
Let’s Dance zeigt also, was möglich ist, oder was möglich wäre, unter idealen Bedingungen. Let’s Dance präsentiert Geschichten von Willenskraft, von Esprit, von Selbstüberwindung und von Lehrern, die mit allen Mitteln versuchen, ihre jeweiligen Kandidaten zu Höchstleistungen zu bringen. Es sind Erzählungen von Herausforderungen, von persönlichem Einsatz und vom Helfen und Helfenlassen. Von den Tanzprofis kann man sich viel abschauen: Erklären durch Vormachen, an die Hand nehmen, erläutern, eigene Entnervung überspielen, Schimpfen ohne zu verletzen, Motivation durch Zuspruch. Die Profis sind loyal zu ihren Schützlingen, sie nehmen sich ihrer Aufgabe an. Meist stimmt die Chemie aufgrund der Paarung, aber professionell bleibt es auch dann, wenn die Lehrer an die Grenzen von sich oder ihren Kandidaten stoßen.
Spätestens an diesem Punkt lernt man die Prominenten von Seiten kennen, die nicht ihrer „Marke“ entsprechen, also nicht mehr dem einstudierten Typus mit dem sie sich sonst verkaufen. Es ist eine neue Seite, auch dann, wenn die neue Seite vielleicht nur Teil eines geplanten Imagewechels ist. Wer bisher durch ein Übermaß an Selbstbewusstsein auffiel, den sieht man auf einmal verunsichert, wer schüchtern war, gewinnt an Format. Komiker verlieren ihren Humor oder zeigen Tiefe, ich-zentrierte Influenzerinnen müssen sich auf ihre Partner einlassen oder entwickeln neue Talente.
Für Überraschungen ist gesorgt, die eigenen Sympathien begeben sich auf Wanderschaft und fordern den Perspektivwechsel. Am Ende bleibt meist ein weniger an Ablehnung und ein mehr an Sympathie. Das mag beabsichtigt sein, aber es fordert den Zuschauer heraus: Wie oft urteile ich über einen Mitmenschen anhand meines Bildes, dass ich mir längst gemacht habe? Man wird gezwungen, bestehende Urteile zu hinterfragen, zu zweifeln: Der oder die kann ja doch mehr als ich dachte! Es ist eine Bereicherung des Ich, zumindest wenn man etwas von den Zweifeln am eigenen (Ver-)Urteilsvermögen in den Alltag mitnehmen kann.
Aus ungleichen Voraussetzungen jeweils das Beste machen
Nach den Einspielern der Trainingszenen kommen Auftritt und die Wertung. In jeder Folge haben die Paare jeweils unterschiedliche Aufgaben, das sorgt für Abwechslung in der Sendung, aber auch für eine wunderbaren Mangel an direkter Vergleichbarkeit. Schon das ist „unfair“, wie sich die Achtjährigen des Landes beschweren würden. Ja, das ist es. Bei Let’s Dance kann man lernen, aus ungleichen Voraussetzungen jeweils das Beste zu machen.
Bei der Wertung zählt nicht die bezifferte Welt (Colin Crouch), also nicht Höhe, Weite oder Schnelligkeit. Es sind die subjektiven Parameter des Lebens, die erfüllt werden müssen: Persönlicher Einsatz, Freude, Unterhaltungswert, Technik, Schönheit, Eleganz, Emotion, Charakter. Subjektiv bedeutet aber nicht, dass eine Wertung unmöglich wäre. Die Wertung hat lediglich keinen physikalischen Absolutheitsanspruch.
Technische Perfektion des Auftritts zählt wenig, wenn sie rein mechanisch ist. Unterhaltung ohne Rhythmus führt auch nicht zum Ziel. Situatives Handeln ist gefragt: Komik beim Charleston oder Jive einerseits, Eleganz und Herzblut beim Langsamen Walzer andererseits. Botschaft und Bewegung sollten zusammenpassen. Man kann es auch umgekehrt versuchen, aber da sollte sich das Paar schon etwas Gutes einfallen lassen. In jedem Falle müssen die Promis immer wieder in Rollen schlüpfen, die nicht ihrem Naturell oder ihrem öffentlichen Branding entsprechen. Für Überraschungen ist gesorgt.
Das kann man erst mal genießen. Doch es liegt in der Natur der Sache, dass auch die Zuschauer anfangen für sich zu werten, das ist ja auch Teil des Geschäftsmodells. Nicht selten denkt die Jury anders. Die eigene Meinung wird herausgefordert: Das Paar hat sich reingehängt, aber sie waren gar nicht mehr im Takt. Oder der Klamauk war unterhaltsam, aber gar kein Tanz mehr. Es ist subjektiv, wie vieles im Leben. Meist funktioniert die Wertung dennoch gut. Gelegentlich widersprechen sich die Juroreren, jeder hat seinen eigenen Maßstab, manchmal sprechen die Gesichter Bände.
Und das ist toll. Eine Jury aus Experten, die explizit unterschiedlicher Meinung sein dürfen! Was für eine Wohltat in einer Zeit, die aus individuellen Wissenschaftlern und individuellen Studien eine absolute Wahrheitsinstanz namens „die Wissenschaft“ zusammenknetet. Eine Zeit, in der eine weisungsgebundene Behörden wie der Verfassungsschutz ihre höchst subjektiven Wertungen mit dem Prädikat „gesichert“ versehen. Erstaunlich, dass nicht schon diese sprachliche Verabsolutierung einer behördlichen Einschätzungeine Welle der Empörung hervorruft.
Bei Let’s Dance übernehmen jedenfalls die Mitglieder der Experten-Jury persönlich Verantwortung. Sie sprechen die Kandidaten an, sie erläutern, was sie gut fanden und was nicht. Wenn es wenig Punkte gibt, weiß man zumindest, wer es war. Zum Beispiel, wenn eine hervorragende Leistung auffällig niedrig bewertet wird. Und hier findet sich ein dickes Haar in meiner Festtagssuppe: Nur Schelme vermuten hinter Auffälligkeiten in der Wertung ein Geschäftsmodell, das eben doch auch auf den kleinen Skandal angewiesen ist – und darauf setzt, dass die Zuschauer zum gebührenpflichtigen Anruf greifen, um empfundene Ungerechtigkeiten auszugleichen und auf diesem Wege die Kasse des Senders zu füllen.
Zwischenfazit: Let’s Dance lehrt, dass es weder im Wettbewerb noch im Leben stets gerecht zugeht. Zum Beispiel bin ich immer noch nicht Millionär. Und das im Gegensatz zu mancher Youtube-Größe in Let’s Dance mit bescheidenem Intellekt, aber besserem Instinkt. Aber ich lebe immer noch – im Gegensatz zu vielen anderen, die zur falschen Zeit vor dem falschen Auto oder im falschen Gesundheitssystem waren. Unfair? Möglicherweise. Man kann aber lernen, sich nicht über alles zu beschweren.
Eine Hochkultur der Herzensbildung
Ja, Let’s Dance ist Unterhaltung. Und ja, auch Klischees werden bedient. Natürlich geht es um Emotionen, um Drama – und schon das gilt in bestimmten Kreisen als anrüchig. Von den Kitschmomenten ganz zu schweigen. Dennoch ist Let’s Dance kein Trash. Im Gegenteil, es ist eine Hochkultur der Herzensbildung.
Bei Let’s Dance wird niemand niedergemacht, um in den bunten Seiten am nächsten Tag eine Schlagzeile zu landen. Physische Gewalt fehlt, es gibt keinen Ekel, der vermarktet wird, es werden keine Intrigen geschürt. Wer gute Feedback-Kultur lernen möchte, braucht keine teuren Kurse, er und sie dürfen sich an der Jury ein Beispiel nehmen.
Daneben darf reichlich gefrotzelt werden, gerne tun es die Juroren unter sich, manchmal empört, doch stets humorvoll werden die Unterschiede verhandelt. Unbeschwert wird hier die Konfliktkultur als Sprachkultur gelebt. Das ist durchaus nicht immer politisch korrekt: Es ist locker, gelegentlich anzüglich, auch mal unpassend, aber nicht gezielt verletzend. Freiheit von ihrer besten Seite. Wenn sich einer mal im Wort vergreift, findet sich stets jemand, der die Bemerkung geschickt wieder auffängt.
Daniel Hartwich mag sich als schlichten Frankfurter Bub verkaufen, aber gerade in solchen Momenten ist er stark. Im besten Sinne eines Moderators fügt er der Show Unterhaltung und Sprachwitz hinzu, leitet verbale Querschläger ab, neutralisiert peinliche Momente und stabilisiert die Situation, wenn Paare mit einer Fehlleistung vor die Jury treten. Bei aller zur Schau getragenen Steifigkeit ist er ein Tänzer seiner eigenen Art. Diejenigen, die ein hartes Urteil trifft, egal ob gerecht oder ungerecht, empfangen es in Gegenwart der einfühlsamen Victoria Swarovski, umgeben von den meist mitleidenden Teilnehmern. Wertung und Wertschätzung sind nicht das Gleiche. Siegen zu wollen bedeutet nicht, den anderen niedermachen zu müssen. Auch das darf man sich gelegentlich wieder vor Augen führen.
Noch etwas fällt auf: Let’s Dance ist eine der wenigen Shows im Fernsehen, in welcher – wenn auch in einer winzigen Nische – noch die Höflichkeitsanrede des „Sie“ weiterleben darf. Und zwar als ganz ungezwungener Running Gag zwischen Herrn Llambi und Herrn Hartwich, die Tradition geht zurück bis zum ersten Moderator der Show, Hape Kerkeling.
Entspannter und zufriedener werden
Für mich ist Let’s Dance ein Anlass, Freude zu haben, zu genießen, über mich selbst und unsere Welt nachzudenken, über Schönheit, Bewegung, Witz, Sprache, Formen und Umgangsformen, über Umgang mit Leistung, mit Erfolg, über Scheitern am Erfolg und über Leistung, die aus Scheitern erwächst.
Let’s Dance lehrt einen erwachsenen Umgang mit Subjektivität, Wertung und Fremdbewertung – auch damit, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, nicht jede Berührung als Übergriff zu werten und insgesamt im Verhältnis zu unserer Umwelt entspannter und zufriedener zu werden. Let’s Dance lehrt, auch in denjenigen die Mitmenschen zu erkennen, welche man nur zu gerne als unter der eigenen Würde stehend erachtet, sie als Individuen unserer einzigartigen Spezies wahrzunehmen – keine Objekte, sondern Menschen, mit denen man mithofft und mitleidet.
Wer diese Hommage an ein Produkt des kommerziellen Fernehens unkritisch, undifferenziert oder kitschig finden mag, darf das gerne tun – ich bekenne mich schuldig und voreingenommen. Ich stelle auch nicht in Abrede, dass man die fast vier Stunden am Freitagabend anders verbringen kann als mit der Partnerin im Arm vor der Glotze. Man mag sich über den Traum einer heilen Welt mokieren. Aber in diese Welt lasse ich mich gerne entführen, denn sie gibt einem aufmerksamen Geist mehr zurück, als man denkt.
Jerzy Müller ist Jurist und schreibt hier unter Pseudonym.
Ein faszinierend geschriebener Artikel. Danke.
Angenehmer, gut beobachteter Bericht dieses Spektakels. Mein Mann guckt sich das
gerne wegen der oft wunderschönen Tänzerinnen an. Und ich wegen der oft wunderschönen Tänzer, – ein Augenschmaus mit hohem Unterhaltungswert !
Ich hatte auf einen Artikel über David Bowies legendären Song gehofft.
Ich schaue Let’s dance auch, hauptsächlich, weil meine Frau das begeistert tut und ich dann zumindest einen Teil der Show mitgucke. Ich würde dieses Format nicht politisch aufwerten oder konnotieren. Wie alle Formate des deutschen Fernsehens muß es gewisse Diversity-Quoten erfüllen, mit dem schwulen Jorge Gonzales und der schwarzen Südafrikanerin Motsi Mabuse ist diese Quote abgedeckt, dazu gelegenlich ein Vertreter einer Minderheit bei den Kandidaten. Erwähnungen von Mißständen oder der AfD verhindert man, indem man sonst Politik strikt aussperrt und – immerhin – sogar Russen (!) bei den Profis im Kader beläßt. Was dabei herauskommt, ist eine der wenigen überhaupt noch ertragbaren Unterhaltungsformate des deutschen Fernsehens. Das macht den Erfolg aus. Daß gelegentlich von der Regie bei der Bewertung von Kandidaten gedreht wird oder man ihr Ausscheiden ein paar Folgen hinauszögert, weil sie Quote bringen, finde ich nicht schlimm. Auch bei Günther Jach weiß man nie – und trotzdem fiebern alle mit.
Sehr viel und zu viel des Lobes und der Lobhudelei. Dem darf kurz relativierend hinzugefügt werden: Zwei der drei mittlerweile ewig gleichen Juroren und namentlich der nur noch mit immer schrilleren Outfits vergebens nach Aufmerksamkeit gierende Exil-Kubaner verfügen nur über ein sehr bescheidenes und auf ewiggleiche Floskeln des Bedauerns, der Ermutigung und der Begeisterung zurückgreifendes Deutsch. Ein sprachlich wie fachlich ebenbürtiges Pendant zu dem allein eloquent artikulationsfähigen Lambi gab es mal einige Jahre, war jedoch offenbar ob dessen Unwillen und der dadurch markant wie informativ für jedermann auftretenden Differenzen innerhalb der Jury unerwünscht. Ohne Lahme, Blinde, fast Taube oder sonstwie Behinderte en suite und einen obligatorischen Homosexuellen geht es natürlich auch nicht bei dem stets sehr dicht am Zeitgeist angesiedelten Let`s dance. Die in den ersten Jahren auch noch in Maßen und mit Bedacht verwandte Höflichkeitsanrede „Sie“ ist, anders als im Artikel insinuiert, im Gespräch mit den Kandidaten und den Zuschauern mittlerweile völlig verschwunden und einer bis zum Erbrechen hemmungslosen, auf nivellierende Gleichheit Aller bedachten Duzerei gewichen.
Eine der genialsten und dennoch beinahe unbekannten Erfindungen ist der „Favoriten-Modus“ auf meiner Fernbedienung! Besagter Modus erspart mir seit über zwanzig Jahren RTL und Co. Natürlich kann man „Let`s dance“ toll finden und einen schönen Artikel darüber schreiben, wie der Autor hier. RTL, als Spiegel der Gesellschaft, im Geiste des „Zen“. Prima. In meinen „Zen-Momenten“ schaue ich trotzdem lieber „Peterson und Findus“ im Kinder-TV. Denn von den vier Stunden „Let´s dance“ dürften sicherlich zwei Stunden Werbung sein und solange man mit seiner Partnerin/Partner, oder alleine, nicht literweise Wein, Sekt, Schampus, oder Bier schlürft und die „Verbraucherinformations-Pause“ daher auf dem WC verbringt, stört dies die Heile-Welt-Phantasie doch beträchtlich. Na ja, oder man hat bereits Hornhaut im Hirn entwickelt. Aber gut, jeder wie er mag.
Die ewigen Miesepeter und Schlechtredner sind natürlich auch hier wieder unterwegs. Kein TV, nur Bücher lesen und allem Gewöhnlichen zu entsagen scheint bei diesen Genossen der Lebensinhalt zu sein. Dafür darf man sich dann besser als seine Mitmenschen fühlen. Mal abgesehen davon, ob das dann immer so stimmt, sind diese Leute m.E. eher engstirnig unterwegs, wenn sie ihre Vorstellung vom Leben immer so freigiebig unbekannten Menschen mitteilen müsseen, um sich über ein imaginäres Stöckchen des Gewöhnlichen zu erheben.
So lange man sich darüber bewusst ist, was man genau konsumiert und wie es produziert wird, ist doch überhaupt nichts dagegen einzuwenden, da ich es reflektiert beurteilen kann, wie es auch in diesem Beitrag geschieht. Und unabhängig davon, was für „Promis“ in dieser Sendung zu solchen erklärt werden, müssen sie alle Leistung bringen, um zu bestehen und ihr Gesicht zu wahren. Und das macht die Sendung schon in gewisser Weise ehrlicher als vieles, was in der Glotze so läuft.