Besonders erfreulich sind Leserkommentare, die eigentlich selbst eigene kleine Texte sind. Und damit sie nicht alle in der Menge untergehen, veröffentlichen wir an dieser Stelle regelmäßig den „Leserkommentar der Woche“.
Diesmal ist es ein Kommentar von Friedrich Richter zum Beitrag „Ich habe Peng Peng gemacht“ von Christoph Kramer:
Meine NVA-Erlebnisse von 1984 bis 1986 haben mit diesem Bericht nicht das geringste zu tun. Schon der erste Tag rückte unser Weltbild zurecht: Treffpunkt 2. November früh 4:00 Uhr auf dem Bahnhof der nächstgelegenen Stadt in Thüringen. Wir fanden uns von bewaffneten Feldjägern umstellt. Dann Irrfahrt mit einem Sonderzug kreuz und quer durch die DDR, Ankunft 20:00 Uhr in Potsdam. Verladung auf dreckige Ural-Lkw und Fahrt in die Kaserne nach Stahnsdorf, einer Anlage von 1936, mit dem entsprechenden Standard. Dort endloses angetretenes Stehen, Klamottenfassen um 1:00 Uhr nachts, Antreten zum Frühsport um 6:00 Uhr. Einige Tage später wurde ich mit einigen anderen zur nächtlichen Müllabfuhr befohlen. Wir waren die wenigen Abiturienten und sollten wohl erstmal zu Menschen gemacht werden. Wir schaufelten den stinkenden Müll aus einem Silo auf einen Ural-Lkw, setzten uns obendrauf, fuhren zur Deponie und schaufeln alles wieder runter. Das wiederholten wir 3 Mal, dann war Zeit zum Frühsport. Urlaub bekamen wir erstmalig nach 16 Wochen. Wenn wir aus dem Fenster unserer Stube schauten, sahen wir auf der anderen Straßenseite eine Russenkaserne. Wenn wir schon glaubten, uns soll hier gerade das Menschsein ausgetrieben werden, so wurde uns beim Anblick der Muschkoten dort drüben klar, das es noch weitaus schlechter gehen konnte. Später wich diese Behandlung einem endlosen Warten, Nichtstun und Verschwendung von Lebens. Ich war 18 bis 20 Jahre alt, ich konnte das verkraften. Kurz vor Ende der Dienstzeit erzählte uns ein alter Major im Suff, dass unsere Rolle im Ernstfall darin bestünde, eine bestimmte amerikanische Einheit so lange aufzuhalten, bis die Russen da wären. Die Rede war von etwa 10 bis 15 Minuten. Natürlich wollte mit diesem Mist damals niemand etwas zu tun haben, alle wollten nur weg. Das dürfte heute nicht anders sein, Zeichen einer gesunden psychischen Verfasstheit. Heute kommt allerdings eine Verweichlichung bei den jungen Leuten hinzu. Zu spät für die Wehrpflicht.
Zum Hintergrund: Leserkommentare dienen nicht nur dem Gedankenaustausch, sondern ergänzen mitunter die dazugehörigen Texte um neue Aspekte und geben ein Bild der Stimmungslage. Leserkommentare sind dabei nicht repräsentativ für die Leserschaft, viele Achgut-Leser stehen beispielsweise im Berufsleben und haben gar keine Zeit oder haben Scheu, sich öffentlich zu äußern. Umso mehr freuen uns sachliche und im Ton konziliante Zuschriften, die entsprechend unserer Netiquette ruhig kritisch sein können, aber nicht verletzend sind. Die Redaktion freut sich dabei ganz besonders über Kommentare, die eigentlich selbst eigene, kleine Texte sind.
Die NVA war zum Schluss vollkommen demoralisiert. Nicht weil sie den Kalten Krieg verloren hatte, sondern weil die Soldaten mitbekamen, dass die Bundeswehr, bzw. die westl. Streitkräfte am Wochenende frei hatten, während sie verschärften Dienst schieben mussten, falls der Feind am Wochenende angreifen würde. Dieses Märchen hatten sie geglaubt, so wie Kinder an den Weihnachtsmann. Mielkes „ick liebe doch alle Menschen“ kam später, da war längst alles vorbei.
Das Dritte Reich (Abkürzung: DDR) und sie SBZ waren beides unter’m Strich urdeutsch, Diktatur hin oder her. Der ach so oft bemühte deutsche Sonderweg, auf dem ja angeblich alle Deutschen überall und zu jeder Zeit unterwegs waren, geradlinig und einbahnstraßig zum Dritten Reich führend und danach nie mehr aus dessen Schatten tretend…was für ein Sch****. Im Rückblick und im grellen Licht der Gegenwart betrachtet…nein, der Sonderweg waren die plus-minus 40 Jahre Bonner Republik. Die aber ohne (wohlwollenden [?]) Druck durch v. a. die Amerikaner wohl ebenso mit der Zeit zum „Normalzustand“ der Deutschen zurückgekehrt wäre. Gehe ich falsch in der Annahme, daß sich gewisse deutsche (Un)tugenden in der SBZ über die Zeit „retten“ und nach der Wiedervereinigung und einer gewissen Inkubationszeit wieder die Regie übernehmen konnten? Auch weil sie bei den Westdeutschen auf fruchtbaren Boden fallen konnten, und auf eine perverse und verquere Weise die Uckermerkel zur „rechten Zeit“ als die ersehnte Heilsfigur auftreten konnte? Tja, nicht erst mit Corona sind „die Deutschen“, mehr hüben, weniger drüben, „endlich“ „wieder“ „bei sich angekommen“ (die dreimaligen Anführungszeichen sind bewußt gesetzt). Dieses zu großen Teilen unverständige und unselbstständige Volk, das sich eher mit Wonne und zum xten Male ins Bockshorn jagen läßt, ein ums andere Mal, als daß es die elendigen Ins-Bockshorn-Jäger ein für alle Mal zu Klump schlägt und vom Hof jagt…das zueinander hält, das andere Meinungen zuläßt und erträgt…nee, das mögen andere Völker wohl besser können, aber nicht die Deutschen. Auch das, was Herr Kramer über seine Zwangszeit bei der NVA geschrieben hat, ist unter’m Strich nur eine weitere Variation von „Nach Oben buckeln, nach Unten treten“. Gepaart mit einer provinziellen Zweitklassigkeit, die der Erstklassigkeit nur neidisch und ablehnend gegenüber stehen kann, und sich daher mit Drittklassigem zufrieden gibt. Und das damals wie heute. Hüben wie drüben.
Militär ist fleischgewordener Staatssadismus. Dient der Entsorgung überflüssiger junger Männer, deshalb auch „Infanterie“, vulgo „Kinderey“, bei den Katholen früher limbus infantium (limbus puerorum), abgeschafft allerdings von Papst Benedikt dem XVI. Am 20. April 2007 genehmigte Papst Benedikt XVI. die Ergebnisse der Internationalen Theologenkommission und ermöglichte die Abwertung der Lehre vom limbus puerorum/infantium zu einer „nicht vom kirchlichen Lehramt unterstützten älteren theologischen Meinung“. Kein verständiger junger Mann geht zum Militär, es sei denn als Drohnenpilot oder Atomraketenwart. Niemals lässt er sich in einen Panzer stecken, das dümmste Gerät seit WW I. Er denkt an GBS, der mal sagte: Hüte dich vor alten Männern, denn SIE haben nichts zu verlieren. Und er gedenkt Edward Tellers, dem „Vater der amerikanischen Wasserstoffbombe“: Wir brauchen so gewaltige Atombomben, dass sich keiner der alten Männer eine Chance ausrechnen kann, auch nicht für seine Enkelchen und seine Bumse im Büro. Das regt das Denkvermögen an. Manche aber denken, Wasserstoff sei die Zukunft der Energiewende … . Da legst di nieder und stehst nimmer auf. Das „Panzerlied“ von 1935: Und lässt uns im Stich
Einst das treulose Glück,
Und kehren wir nicht mehr
Zur Heimat zurück,
Trifft uns die Todeskugel, (im Panzer!)
Ruft uns das Schicksal ab,
Ja Schicksal ab,
Dann wird uns der Panzer
Ein ehernes Grab.
Text: von Oblt. Kurt Wiehle am 28. Juni 1935 auf dem Transport seines Panzerregiments 1 nach Königsbrück verfaßt –
Musik: Angeblich nach dem Luiska-Lied , tatsächlich aber nach dem SS-Lied „Es steht an der Ostsee die eiserne Schar“, wie unten zu sehen
Im Westen war das nicht anders. Nur in die andere Richtung. Theoretisch hätten wir Deutschland verteidigen können, aber das letzte Wort haben bei der BW bis heute andere. Deutschland war und ist ein besetztes Land, in dem nicht die Deutschen entscheiden was das Militär gegen wen tut, sondern das Ausland. Aus der Nummer kommen wir nur auf zwei Wegen raus: Entweder durch schweizerische Neutralität oder durch die Schaffung eines europäischen Verteidigungsbündnis, von dem Deutschland ausschließlich Teil ist. In beiden Fällen müssen wir raus aus der NATO. Die Amis können nicht ohne die Russen und die Russen anscheinend nicht ohne die Amis. Aber das ist ja nicht unser Problem. Unser Problem ist, dass man uns aus diesem Wahnsinns einfach nicht rauslässt. Wenn ich so überlege, mit wem ich es so über die letzten Jahrzehnte zu tun hatte, so gab es eigentlich nirgendwo kritische Reibungspunkte. Insbesondere bei unseren EU Nachbarn nicht. In den relevanten Punkten ticken wir eigentlich alle gleich. Es gibt keinen Ärger mit den Franzosen, trotz ehemaliger Erbfeindschaft, noch den Briten. Und das trotz Dresden. Und jetzt kommt’s: Nicht mal mit den Israelis, trotz der besonderen historisch massiv beschädigten Beziehung. Mit denen kann man sich auf Augenhöhe ganz entspannt austauschen, ohne dass das Dritte Reich permanent Thema wäre. Die haben seit Ewigkeiten ganz andere Probleme, von denen der Rest der Welt nur nichts hören will. Sobald aber Amis und/oder Russen ins Spiel kommen, gibt es irgendwo immer in irgendeiner Art und Weise Stress bis massiven Ärger, weil die uns immer noch als Schachfiguren in ihrem Schachspiel gegeneinander sehen. Und noch schlimmer: Es sind die Russen und ganz besonders die Amis, die nicht vom Dritten Reich lassen können. Ich habe oft den Eindruck, dass die Hitler & co richtig geil finden, weil das das „ultimative Böse“ ist, von dem die Deutschland dann endlich wieder befreien können. Die sollen sich endlich ein neues Feindbild suchen. Es nervt total.
Ich habe mich einem ehemaligen Angehörigen der „DDR“-Grenztruppen unterhalten (1990). Ich :„Hätten wir aufeinander schießen müssen?“
Antwort: „ Lautes Gelächter, da wären nur die Politoffiziere übrig geblieben, die hätten gar nicht so schnell schauen können, wie wir die Seiten gewechselt hätten!“
Sicher nicht repräsentativ?
@ Herrn Pöhling: Auch als jemand der jüngeren und damit Zivildienst-Generation (was ich aber nicht verkehrt fand und finde, ich hatte viel mit älteren [deutschen] Menschen zu tun, oft noch mit der Kriegs- und Vertriebenengeneration, die mir soviel erzählt haben), Ja und Amen zu allem, was Sie hier (oder bei TE) diesbezüglich schreiben. Ich ertappe mich oft genug bei dem Gedanken – erst neulich am 80. Jahrestag der Zerstörung Würzburgs -, die Macht zu haben, ein Ereignis in der Geschichte zu ändern. Meine Wahl: der Hitler-Putsch 1923, bei dem auf dem Odeonsplatz der Mann neben AH von einer Kugel getroffen wurde. Ich würde die Flugbahn dieser Kugel um einen halben Meter ändern. Auch auf die Gefahr hin, daß halb Hollywood später nie Karriere gemacht hätte…und es mich nicht gäbe. Aber vielleicht hätten dann meine Eltern friedlich im Memelland ihr Leben leben können. Und wir würden heute nicht in diesem Quark sitzen…
@ Ralf Pöhling – „durch die Schaffung eines europäischen Verteidigungsbündnis, von dem Deutschland ausschließlich Teil ist.“ – Aber auch dort nur zu verheißende Verfügungsmasse, denn niemand in West wie Ost (hier zB Polen) wird Deutschland Entscheidungsmöglichkeiten lassen. „Wir“ haben nur zu „spuren“, bvermutlich auf dem Niveau, wie heute die „Ukraine“ von „uns“ einfordert, andernfalls direkt beleidigt. -- „ raus aus der NATO. Die Amis können nicht ohne die Russen und die Russen anscheinend nicht ohne die Amis.“ – Dazu vergessen die Rolle der Briten, die aktuell wieder mal Zündeln, um erneut Deutschland und Rußland gegeneinander in „Stellung“ zu bringen. Beim letzten Mal war das Gesamtergebnis auf die Nachkriegszeit gerechnet (zB „Wirtschaftswunder“ und auch Rußland nach dem Ende der Sowjetzeit auch wirtschaftlich „wieder da“) offenbar doch nicht so, wie vom Ausgang des WK II gedacht.