Rainer Bonhorst / 06.04.2020 / 13:00 / 2 / Seite ausdrucken

Lesen statt Fallschirmspringen

Für passionierte Fallschirmspringer, Bergsteiger oder Mannschaftssportler sind dies harte Tage. So ein Hausarrest macht Betätigungen dieser Art praktisch unmöglich. Wer es vorzieht, sich auf das Sofa zu fläzen oder im Garten in der Sonne zu liegen und sich dem Lesevergnügen hinzugeben, hat es etwas leichter.

Das kommt mir zugute, da ich dem Fallschirmspringen wenig abgewinnen kann, wohl aber einem interessanten Roman. Zurzeit erfreut mich die Wiederentdeckung eines englischen Schriftstellers, der in Deutschland eher wenig gelesen wird. Das ist ein bisschen schade, denn Anthony Trollope gibt in seinen vielen Romanen die präzisesten und unterhaltsamsten Einblicke in das Leben der besseren Stände des viktorianischen Zeitalters. Etliche seiner Romane sind nicht einmal ins Deutsche übersetzt worden, aber es sind doch genügend, um sich mit ihnen ein paar schöne Corona-Tage zu machen.

Trollope eignet sich dazu besonders, da er zwar gnadenlos realistisch und mit penetrierendem Blick die Gesellschaft seiner Zeit beschreibt. Vor allem die problematische Stellung der viktorianischen Frau schildert er ohne Beschönigung mit der Gelassenheit eines Konservativen, der die Grenzen der gesellschaftlichen Veränderungen kennt. Aber: Als Engländer bietet er seinen Lesern fast immer ein zufriedenstellendes Happy End, wie es auch sein Zeitgenosse Charles Dickens tut. Das unterscheidet die beiden von den starken Heldinnen kontinentaleuropäischer Autoren, die, ob Flauberts Madame Bovary oder Fontanes Effie Briest, ihre Aufmüpfigkeit unweigerlich mit dem Tode bezahlen müssen. In depressiven Zeiten ist der literarische Optimismus Englands vorzuziehen, den übrigens auch die überaus realistische Beobachterin ihrer Zeit, Jane Austen, stets bietet. 

Die Schwierigkeiten des standesgemäßen Überlebens. 

Während Charles Dickens die sozialen Spannungen seiner Zeit – das Unten als Kontrast zum Oben – dramatisch bis an die Grenze zum Schnulzigen darstellt, bewegt sich Trollope fast ausschließlich unter Ladies und Gentlemen, deren gesellschaftliche Zwänge er mit leichter Ironie und großer Sympathie beschreibt. Auch für diese besseren Herrschaften waren es keine ganz einfachen Zeiten, die Trollope in Romanen wie „Die Pallisers“, „Die Türme von Barchester“, „Das Pfarrhaus Framley“ oder „Miss McKenzies Mut zu lieben“ schildert. Ums nackte Überleben, wie in Dickens Romanen geht es nicht, wohl aber um die Schwierigkeiten des standesgemäßen Überlebens. 

Längst nicht jede Arbeit war standesgemäß, für Ladies gar keine. (Während sich die Frauen der unteren Schichten die Finger wund arbeiteten.) Ein Gentleman ohne Geld musste zusehen, dass er seine Liebe mit seinen finanziellen Notwendigkeiten in Einklang brachte. Junge Frauen der besseren Stände mussten, wenn sie nicht mit Geld ausgestattet waren, noch mehr ihre Liebe dem wirtschaftlichen Überleben angleichen. Also reich heiraten oder absacken. Daraus ergaben sich endlose Ketten von Konflikten, die Trollope locker und kunstvoll von Krise zu Krise entwickelt. Er findet sie in Darstellungen der politischen Sitten und Gebräuche Englands, der Welt der anglikanischen Kirche mit ihren Privilegien und Vertracktheiten oder ganz im Privaten.

Liebe, Ehe, Geld: Das war das magische Dreieck der besseren viktorianischen Stände. Und dieses magische Dreieck, um das sich damals fast alles drehte, ist die Welt Trollopes und seiner souverän geschriebenen und oft mit einem Schmunzeln zu lesenden Romane. Charles Dickens ist der Berühmtere und bei uns Bekanntere, aber Anthony Trollope ist ein ebenbürtiger und weniger schmalziger Chronist des viktorianischen England. Bedauerlich, dass er in Deutschland bisher nicht recht angekommen ist. 

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Inge Roman / 06.04.2020

Für diejenigen, die nicht gerne lesen, empfehle ich die wirklich nette Verfilmung von “Dr. Thorne” unter Amazon für kleines Geld zu streamen. Sehr kurzweiliger Eskapismus, der dem oben geschriebenen mit guten Darstellern, einer großen Portion Humor und einer Prise Ironie absolut entspricht.

Caroline Berthold / 06.04.2020

Danke für den Tipp. Unbedingt zu empfehlen sind die Werke von George Eliot! Vor allen Dingen Middlemarch (momentan auf Deutsch erhältlich). Elliot wuchs als Tochter eines Verwalters auf und kann aus allen Schichten etwas erzählen. Sie beschreibt den Lebenskampf von Landedelleuten, Webern, Zimmerleuten, Groß- und Kleinbauern, jüdischen Gelehrten, emanzipierten Frauen, Künstlerinnen und naiven Zimmermädchen. Außerdem hören die meisten Romane nicht mit der Hochzeit auf, sondern berichten, welches Glück bzw. Unglück auf die scheinbar so perfekten Passungen folgt. Elliot kommt bei mir gleich nach Dickens.

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