Monika Bittl (Archiv) / 09.09.2016 / 10:35 / 1 / Seite ausdrucken

Leise, genau und wahrhaftig: Thommie Bayers „Seltene Affären“

Leise, genau und wahrhaftig im Sinne der Conditio humana erzählt Thommie Bayer in den „Seltenen Affären“ von der geträumten Wirklichkeit und fantasievollen Wahrheit. Wirklichkeit und Wahrheit mögen zwar im Alltag oder in der Politik klar zu definieren sein. Lotet Literatur aber die Seele (und nicht die allgegenwärtige, inflationäre „Psyche“) aus, muss sich die Frage nach Wirklichkeit und Wahrheit zwangsläufig neu stellen. Dies ist geradezu die Aufgabe von großer Literatur, denn sie hat keine politische Mission, nicht einmal einen Anspruch auf menschliches Werten von „gut“ und „böse“ und schon gar nicht den Aufgabe, einfache Zuordnungen herzustellen. Im Gegenteil.

Literatur soll ins Schwanken über vermeintliche Gewissheiten bringen. Dabei geht sie nicht über den Verstand vor, sondern über den Lese-Genuss, der durch die zunehmend verschmähte Sinnlichkeit protestantischer Narrative ins Abseits gestupst wird. Große Literatur debattiert weder ein Burka-Verbot noch eine Partei. Sie entzieht sich auch einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Sie stellt „kopflos“ die richtigen Fragen, ohne eine „vernünftige“ Antwort zu geben. Denn für das Denken allein brauchen wir Kunst nicht. Wir brauchen sie auch für das Fühlen, für das Leben, für das Empfinden jenseits unserer fünf Sinne. Warum lebe ich mit meinem Mann und habe ihn vielmehr nicht verlassen? Kunst wird mir darauf keine Antwort geben. Aber über die richtige Fragestellung, über mein inneres „Durchdeklinieren“ der Liebe wird sie mich tiefer und intensiver die Liebe empfinden lassen oder mich von meinem Mann entfremden – so wie Musik sich bei einem Joint meist noch in ganz anderen Dimensionen erschließt.

Mit Thommie Bayers „Seltene Affären“ gelingt ein Trip in eine solche Welt ganz ohne Drogen. Der Autor formt Wörter zu Sätzen und Sätze zu Zusammenhängen, die magische Momente entstehen lassen. Magische Momente bedeuten die eigene Existenz jenseits der bestehenden Hirn-Schablonen neu und anders zu empfinden, und sich plötzlich zu fragen, was es denn mit dem Leben auf sich hat.

„Stil ist Genauigkeit ... und Aufrichtigkeit, und sonst fast nichts“

Das wiederum stellt sich nicht zufällig ein, sondern nur mit einer gehörigen Portion persönlichen Mutes. Oder anders, mit Thommie Bayer gesagt: „
Stil ist Genauigkeit ... und Aufrichtigkeit, und sonst fast nichts. ... Dein Wesen macht den Rest.“
 Die Aufrichtigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen, den eigenen Gedanken; sich nicht zu belügen, sondern sich dem Menschsein so zu stellen, wie man eben ist. Sich hinzunehmen, sich zu ertragen – all das evoziert dieser Roman, weil der Autor so ehrlich sein kann wie nur wenige Schriftsteller. Kleine Juwelen sind dabei die das Schreiben reflektierende Sätze, die Bayer der Hauptfigur in den Mund legt, ohne dabei aufgesetzt künstlerische oder gar künstliche Theorien zu gebrauchen.

Auch der Plot der „Seltenen Affären“ ist stimmig und mit dem Klappentext kurz erzählt: „Von Montag bis Donnerstag führt Peter Vorden ein Feinschmecker-Restaurant in Lothringen. Danach beginnt sein richtiges Leben. Denn dann zieht Vorden sich zurück in seine deutsche Wohnung und schreibt Kurzgeschichten. Er tut es für seinen erfolgreichen Bruder Paul, den Schriftsteller, dem er damit immer wieder aus der Klemme hilft. Paul ist sein Zwillingsbruder und hat vor vielen Jahren Anne geheiratet, die einzige Frau, die für Peter je infrage kam. Seither lebt Peter mit Affären - und ahnt doch, dass er den großen Konflikt in seinem Leben endlich lösen muss.“ Dabei hilft dem Protagonisten die Putzfrau Chiara. Vorden begegnet ihr nur ganz kurz, „kommuniziert“ aber über die Gegenstände seiner Wohnung mit ihr.

Besonders dabei: Chiara war die Hauptfigur von Bayers Vorgängerroman „Weißer Zug nach Süden“. Nun tauschte der Autor die Perspektive, und so gelingt ein Doppelkunstwerk. Es wird immer wieder Bezug auf die Ereignisse des Vorgängerbandes genommen, aber trotzdem sind Vorkenntnisse nicht notwendig, das heißt man kann „Seltene Affären“ auch solo genießen. Wer allerdings noch keines der beiden Bücher kennt, dem sei empfohlen, zuerst „Weißer Zug nach Süden“ zu lesen, um viele Anspielungen zu verstehen.

„Boy meets girl“ – um mit Billy Wilder den Inhalt der besten Geschichten noch knapper zu fassen. Was so banal klingt, trifft doch den Kern jeder großen Kunst – zu der Thommie Bayers Roman gehört. Die „Story“ soll, ja muss sogar, in der Kurzfassung so klischeehaft klingen – in der Ausführung spalten sich die Künstler jedoch von den Klischeeautoren, weil sie Wahrheit und Wirklichkeit neu beleuchten.

„Seltene Affären“ ist ein zartes Aquarell, für alle, die das Schwarz-Weiß im Leben und in der Politik zunehmend schwer ertragen und gerne in eine fantasievolle Wahrheit oder geträumte Wirklichkeit eintauchen wollen. Unbedingt empfehlenswert!

Monika Bittl ist eine Münchner Schriftstellerin. Ihr neues Sachbuch „Ich hatte mich jünger in Erinnerung – Lesebotox für die Frau ab 40“ (zusammen mit Silke Neumayer) steht seit 16 Wochen auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste Paperback.

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Leserpost (1)
Helge-Rainer Decke / 09.09.2016

Eine bemerkenswerte Schriftstellerin rezensiert berührend zartfühlend ein Werk ihrer Kollegin.

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