Roger Letsch / 02.02.2018 / 16:30 / Foto: ENERGY.GOV / 7 / Seite ausdrucken

Leipziger Strom aus Takkatukka-Land

Als die Leipziger Volkszeitung am 8.1.2018 meldete, die Straßenbahnen der Stadt führen ab sofort ausschließlich mit Ökostrom, müssen bei einigen Grünen die Sektkorken geknallt haben. Die Energiewende schreitet voran, gigantische Einsparungen von fast 40.000 Tonnen CO2 pro Jahr seien zu erreichen, das macht etwa so viel aus, wie 80.000 Menschen pro Jahr durch ein- und ausatmen erzeugen. Doch da man nicht einem Siebtel der Leipziger Einwohner das Atmen verbieten wollte, musste eben Ökostrom her.

Dass Straßenbahnen nicht mit Sonne und Wind zu betreiben sind, war den Verantwortlichen natürlich klar. Die Bahnen sollen ja auch weiterhin ihren Weg im Dunkel und bei Windstille finden. Deshalb suchte und fand man einen Anbieter, der ausschließlich die Lieferung norwegischer Wasserkraft zusagte. Norwegischer Strom…das klingt ja schon nach frischer Luft! Wasserkraft, Pumpspeicher, alles Öko, alles Bio, alles vegan – wenn man vom norwegischen Lachsverzehr mal absieht. Aber, geht das überhaupt? Denn wie kommt der gute Ökostrom aus Norwegen in die Leipziger Straßenbahn?

Ich lasse hier mal ein Video aus dem Jahr 2012 zu Wort kommen , es hat den Titel "Energiewende: Größenwahn statt Megaplan". Ein Video, dass ausgerechnet der NDR und Panorama produzierte und für das ich Anja Reschke nur das beste Zeugnis ausstellen kann: "Das ökologische Megaprojekt Energiewende wirkt manchmal eher wie ein Himmelfahrtskommando".

Aber, wie gesagt, das Video ist von 2012, da tickten die Uhren vor allem für den Atomausstieg, Kohle war hingegen noch nicht in den siebten Kreis der Hölle abgerutscht, es wurden sogar neue Kohlekraftwerke gebaut.

Die Leitungen nach Norwegen gibt es immer noch nicht

Damals glaubte man noch, Deutschland und die deutsche Industrie brauchten vor allem eine stabile, preiswerte Energieversorgung – was waren wir doch für klimafeindliche Narren! Heute ist natürlich allen klar, dass zur Rettung des Weltklimas Opfer nötig sind. Und opfern kann bekanntlich nur, wer was dranzugeben hat. Deutschland eben vor allem seine Industrie, ein stabiles Netz, bezahlbare Energie…aber lassen wir das.

Ein paar kleine Fehlerchen hat der Film zwar, aber er darf dennoch als Zeichen vergangener geistiger Gesundheit in den ÖR-Redaktionen angesehen werden. Falls sie sich fragen, was eigentlich aus den deutschen Leitungen nach Norwegen geworden ist, über die im Film so genüsslich gewitzelt wird…es gibt sie immer noch nicht – Pech für Leipziger Straßenbahnen.

Und falls sie sich außerdem fragen, ob Norwegen denn wenigstens in Zukunft die ihm zugedachte Rolle als deutsche Speicherbatterie erfüllen könnte, wenn die Seekabel liegen, wenn die Netze ausgebaut sind, wenn alle möglichen Standorte mit Pumpspeicherkraftwerken zugepflastert wurden (besser Norwegische Fjorde verhunzen, als bayerische Berglandschaften) und wenn die Stromtrassen von der Nordsee bis zur Leipziger Straßenbahn führen, dann empfehle ich zur Ernüchterung diese Rechnung von Professor Sinn. Auch Norwegen ist nämlich leider nicht groß genug für die deutsche Energiewende! Doch der Sekt ist ja jetzt schon offen, also Prost. Saufen wir uns die Energiewende schön. Am besten bei einer Fahrt mit der Leipziger Straßenbahn.

Dieser Beitrag erschien auch auf Roger Letschs Blog Unbesorgt

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Leserpost (7)
Frank Mertes / 02.02.2018

Ich gehe fest davon aus, dass demnächst irgendwer, ob Stadtwerker oder Politiker oder Journalist oder einfach nur ein Vollpfosten, was so ziemlich das gleiche ist, verkünden wird, dass er in seinem Haus Mondstrom aus dem Oceanus Procellarum nutzt. Voll regenerativ und Öko und alle werden in Ehrfurcht erstarren und die Energiewende lobpreisen.

Werner Geiselhart / 02.02.2018

Die NordLink, die nach oft gehörter Meinung die Energiewende retten soll, kann maximal 1,4 GW Leistung übertragen, ungefähr die eines mittleren Kraftwerks. Sie könnte also gerade einmal 2,5% der konventionellen- und Kernkraftwerksleistung ersetzen. Na gut, für die Leipziger Straßenbahn könnte es reichen. Andererseits wissen wir von der neuen Grünen-Vorsitzenden - der Name ist mir leider entfallen - dass das Stromnetz einen riesigen Speicher darstellt, den man nur mit Windstrom füllen muss, wenn mal zuviel davon da ist. Der so gespeicherte Strom kann dann bei Bedarf entnommen werden. Den kleinen Denkfehler, dass der dafür notwendige Speicher nicht vorhanden ist, wollen wir ihr gerne nachsehen. Schon die Erkenntnis, dass Wind- und PV-Strom nicht ganz gleichmäßig fließen, ist ein Fortschritt im grünlinken Denken.

Bernd Ufen / 02.02.2018

Es ist leider so, dass auch bei den Stadtwerken in Deutschland, die bisher ein Hort der Kompetenz waren, jetzt die Geschwätzstudierten das Zepter in die Hand nehmen, wie im Bericht oben gut geschildert wird. Die haben oft überhaupt kein Fachwissen oder plappern nur nach, was ihre politischen Vordenker von ihnen erwarten. Da kommen dann solche Schildbürgerstreiche heraus wie die Leipziger Volkszeitung oben zum Besten gibt. Dem Journalisten ist das natürlich nicht aufgefallen, den Kommentatoren aber schon. Es macht Hoffnung, dass die Bürger offensichtlich mehr gesunden Menschenverstand haben als die etwas debil grinsenden Herren vom Stadtkonzern und die lokale Journaille. Wasserkraftstrom aus Norwegen ist im Augenblick wohl der Hit, aber keiner macht sich Gedanken darüber, wie 1.) der Strom ohne Leitung zu uns kommen soll und 2.) wo die Norweger ihren Strom herkriegen, wenn die deutschen Stromversorger alle Wasserkraftzertifikate aufkaufen. Hier ist gut der Wahnsinn des Systems zu erkennen, denn physikalisch ändert sich garnichts. Um auch noch einmal auf den NDR und Frau Reschke zurückzukommen, ich hätte ihr so einen kritischen Beitrag auch nicht zugetraut. Da kann man schön sehen, wie Menschen innerhalb von sechs Jahren geistig und körperlich abbauen können. Nennt man diese Krankheit nicht “Merkel Syndrom”?

Wolfgang Richter / 02.02.2018

Um den Energiewendeblödsinn ertragen zu können, ist Sekt eher ungeeignet. Da braucht es höher prozentige Spirituosen, also “Prost”, so lange die noch nicht von den um “unsere” Volksgesundheit (erster Teil böses Wort) besorgten Moralisten und sonstigen Bessermenschen auf den Index gesetzt sind, als Vorstufe zur Prohibition.

Lucia Verde / 02.02.2018

Stimmt, Herr Letsch! Das „Schönsaufen“ mit genussvollen Alkoholikas hilft schon so manches Mal über die ein oder andere Sinnloosigkeit wie der obsoleten Energiewende hinweg. In Maßen, versteht sich. Klarer Verstand ist gefragt, auch um den Darlegungen von Prof. Sinn folgen zu können… >>Wann endlich wird etwas Durchgreifendes auch gegen diesen unrentablen und „das Geld des kleinen Mannes wegfressenden“ Wahnsinn unternommen?

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