Die Bundesregierung und ihre Arbeit werden auf der offiziellen Website auch in Leichter Sprache vorgestellt. Achgut-Leser werden diese nicht aufrufen, daher habe ich es für Sie getan.
Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Illiterat. Buchstäblich. Immer mehr Menschen haben Probleme mit dem Verständnis von Texten. Für solche Zeitgenossen hat man die sogenannte „Einfache Sprache“ und in verschärfter Form die „Leichte Sprache“ entwickelt. Diese hat es wirklich in sich. Zehn Wörter hintereinander stellen in Leichter Sprache bereits einen Bandwurmsatz dar, Kommata sind so selten wie konservative Kommentatoren im heute-journal, zusammengesetzte Wörter werden grundsätzlich mit Deppen-Bindestrich geschrieben („Brief-Träger“, „Hunde-Gebell“, „Fleisch-Wunde“), und Zeilenumbrüche werden in verschwenderischem Maße benutzt, bis eine normale Aussage sich wie ein miserables Kurzgedicht liest.
Klar, dass sich auch die Politik der Leichten Sprache bedient (siehe hier), um das Dummvolk zu erreichen. Die vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung betreute Website scheut dabei vor keinem unfreiwillig komischen Satz zurück. Unter „Aufgaben von dem Bundeskanzler“ finden sich Erläuterungen wie diese:
„Der Bundes-Kanzler hat sehr viel zu sagen.
Er hat eine starke Position.
Das regelt das Grund-Gesetz.“
Der Bundeskanzler mag viel zu sagen haben, doch meistens schweigt er, etwa vor dem Cum-ex-Untersuchungsausschuss, aber das wäre zu viel der Information, und es sollte ja kurz, knapp und verblödend bleiben.
Freunde des Koppelstrichs kommen bei „Nach dem Grund-Gesetz (GG) bestimmt der Bundes-Kanzler die Richt-Linien der Regierungs-Politik. Das nennt man Richt-Linien-Kompetenz.“ auf ihre Kosten. Auch schön: „Der Bundes-Kanzler kann dem Bundestag die Vertrauens-Frage stellen. Um zu überprüfen, ob der Bundestag seine Politik noch gut findet.“
Müsste es nicht „Bundes-Tag“ heißen? Egal, dort steht ja auch „Stell-Vertreter“, aber „Bundesminister“. Willkür herrscht also nicht nur am Kabinettstisch, sondern auch im Presse- und Informationsamt, wo man sich zudem fragen muss, ob der Adressat mit einem Satz wie „Im Falle eines Krieges hat der Bundes-Kanzler die Befehls- und Kommando-Gewalt über das deutsche Militär“ nicht überfordert ist. „Befehls- und Kommando-Gewalt“, geht’s noch? Verbesserungsvorschlag: „Manchmal gibt es Krieg. Dann ist der Bundes-Kanzler der Bestimmer. Er sagt den Soldaten, was sie tun sollen.“ Wenn er nicht gerade wieder etwas maulfaul unterwegs ist.
„Der Bundes-Kanzler ist der Chef von dem Bundes-Kabinett“
Im Kapitel „Der Kanzler und sein Kabinett“ heißt es unter anderem: „Der Bundes-Kanzler ist der Chef von dem Bundes-Kabinett“ (wie gesagt, der Genitiv hat in Leichter Sprache nichts zu suchen). Dann wird es poetisch:
„Der Bundes-Kanzler ist Chef der Bundes-Regierung.
Man sagt auch: Er hat den Vorsitz.
Der Bundes-Kanzler bestimmt:
Wer wird Bundes-Ministerin und Bundes-Minister.
Und für welchen Aufgaben-Bereich.
Der Aufgaben-Bereich wird Ressort genannt.
Ein Ressort ist zum Beispiel:
Verkehr.“
Und wenn mehrere Parteien ein Bündnis eingehen, nennt man das Koalition. „In der Koalitions-Vereinbarungen (sic!) steht das Regierungs-Programm.“
„Das Bundes-Kabinett ist sehr wichtig.
Es trifft sich normalerweise jeden Mittwoch.
Zu einer Kabinetts-Sitzung.“
Mit diesen allgemeinen Informationen grundversorgt, kann das Kleinkind respektive der Abiturient aus Berlin oder Bremen respektive jemand, der glaubt, dass sich alle elf Minuten ein Single über Parship verliebt, man mit Wind und Sonne ein 84-Millionen-Industrieland versorgen kann und Massenmigration aus der Dritten Welt unsere Renten sichert, auch allerlei Wissenswertes über die aktuelle Politik erfahren.
„Die Bundes-Regierung hat wichtige Entscheidungen getroffen (…)
Es geht um den Krieg in der Ukraine.
Die Ukraine ist ein Land im Osten von Europa.
Die Ukraine hat auch eine Grenze zu Russland.
Früher gehörten Russland und die Ukraine zur Sowjetunion.
Die Sowjetunion war ein Zusammenschluss vieler Staaten in Ost-Europa.
Vladimir Putin ist der Präsident in Russland.
Er will die Macht über die Ukraine bekommen.
Dazu hat er einen Krieg angefangen
und Soldaten und Panzer in die Ukraine geschickt.“
Was dank Tagesschau ziemlich genau den Wissensstand der allermeisten Bürger in dieser Sache widerspiegeln dürfte. Im Folgenden ist da noch allerlei über Sanktionen („Bestrafungen“), die NATO und „Erneuerbare Energien“ zu lesen, damit man die Rede des Bundeskanzlers einigermaßen versteht und tatsächlich glaubt, dass die Energiepreise nur wegen Putin so stark gestiegen sind.
Wir brauchen mehr Details!
Leider fehlen nähere Informationen über die Geistesgrößen, die uns seit einem Jahr regieren, lediglich Porträts hat die Website zu bieten. Hier muss dringend nachgebessert werden! Beispiele:
Robert Habeck ist Wirtschafts-Minister.
Er trägt einen Drei-Tage-Bart.
Er sieht jetzt viel älter aus als vor einem Jahr. Weil er Sorgen hat.
Es gibt nicht genug Gas. Aber das ist nicht seine Schuld.
Viele Geschäfte machen jetzt zu. Das macht Robert Habeck traurig.
Wir sollen nicht so oft duschen. Und die Heizung aus lassen.
In der Zeit bauen wir viele Windräder.
Dann ist der Strom nicht mehr so teuer.
Er kostet dann nur so viel wie eine Kugel Eis.
Christine Lambrecht ist Verteidigungs-Ministerin.
Sie führt die Bundes-Wehr. Das Rohr schießt in die Luft.
Aber es gibt zu wenig Rohre. Die brauchen wir selber.
Deswegen kann sie der Ukraine nicht richtig helfen.
Frau Lambrecht fliegt gern mit dem Hubschrauber.
Dann darf ihr Sohn mitfliegen.
Annalena Baerbock ist Außen-Ministerin.
Sie trägt schöne Kleider.
Oft fliegt sie von Land zu Land.
Hunderttausende Kilometer weit weg.
Und verteilt richtig viel Geld.
Dann finden die Menschen in anderen Ländern uns gut.
Das Meer kann sieben Meter höher sein. Davor warnt sie.
Wir dürfen nicht mehr Auto fahren. Und kein Fleisch essen.
Die Menschen beim Fernsehen lieben Annalena.
Sie laden sie ganz oft ein.
Karl Lauterbach ist Gesundheits-Minister.
Er kauft für Milliarden Euro Impfstoffe.
Und schmeißt sie dann weg.
In die Lager kommen dann die neu gekauften Impfstoffe.
Er hat nur wenig Zeit. Er muss jeden Tag im Fernsehen sein.
Viele Menschen haben Furcht vor Corona. Dafür hat er gesorgt.
Er macht weiter. So lange es geht.
Nancy Faeser ist Innen-Ministerin.
Viele Menschen kommen nach Deutschland.
Das findet sie gut. Sie will ihnen einen deutschen Pass geben.
Ganz bald. Sie müssen die Sprache nicht können.
Manchmal machen diese Menschen schlimme Sachen.
Aber sie dürfen trotzdem bei uns bleiben.
Weniger gut findet Nancy Faeser die Deutschen.
Die gehen oft auf die Straße. Und meckern.
Diese Menschen nennt man rechts. Sie sind böse.
Sogar Prinzen und Köche sind dabei.
Darum macht Nancy Faeser ihnen das Leben schwer.
Sie schickt zum Beispiel die Polizei los.
Die Polizisten stehen dann frühmorgens vor der Tür.
Vor Nancy Faeser sollte man Angst haben.
Beitragsbild: Illustration Rudolf Wildermann

Nachtrag zu @)Emil.Meins: Sie haben vollkommen recht. Denn da auch kaum noch schöngeistige Literatur gelesen wird (so es diese heutzutage noch gibt), und man ringsherum mit vielfach angeberischen Anglizismen „beeindruckt“ werden soll, geht unsere schöne deutsche Sprache kaputt. Denken-Sprache-Tat, man sieht ja heutzutage, was die Ergebnisse sind. Schon Viktor Klemperer hatte zu recht gewarnt.
Wer die Sprache des Volkes verstehen kann, kann es umso leichter verführen.
Von der leichten Sprache zur Sprachlosigkeit. Der PEGA-Untersuchungsausschuss. „Vor anderthalb Jahren enthüllten internationale Medien im Pegasus-Projekt über 50.000 Ziele und hunderte Opfer des Staatstrojaners NSO Pegasus. Der Skandal war so groß, dass das Europäische Parlament einen Untersuchungsausschuss zum Thema einsetzte… Eine Verschriftlichung sämtlicher Anhörungen ist dem Parlament zu teuer und aufwändig. Der bürgerlich-konservative Ausschuss-Vorsitzende Jeroen Lenaers erklärt: “Das Europäische Parlament veröffentlicht nur vollständige Niederschriften, was sehr kostspielig ist und nicht automatisch für alle Anhörungen angewendet wird.„“ Nachlesbar bei Netzpolitik. Nun sollte jedem klar sein was Europa ist. Das Vierte Reich mit einem großen Arbeitslager und ganz leichter Sprache.
Ach, was für ein Tag heute! Wir feiern Chanukka, dann Ihr Wahnsinns-Essay, sehr geschätzter Herr Casula, ich habe dermaßen lachen müssen, Danke! Und dann noch der Weltmeistersieg für die Argentinos. Por favor !
Übrigens abonnierte ich schon vor Jahren die Bundestagszeitung „Das Parlament“. Weil man im Innenteil die Debattenbeiträge a l l e r Parteien nachlesen kann und sogar darüber informiert wird, welche Bundestagsanträge die AfD stellt und wer sie warum abschmettert. Sehr interessant und nachdenkenswert. Und ebenda folgen so dann die Seiten zum Hauptinhalt der Zeitung noch einmal in „leichtem Deutsch“. Anfänglich konnte ich es kaum glauben. Denn es machte auf mich den Eindruck, als seien diese Seiten auch für gewisse Analphabeten des Bundestages.
Nichtsdestotrotz habe ich zudem den Eindruck, daß auch aufgrund der weltweiten „Handymania“ die Sprachfaulheit(!) mehr und mehr um sich greift, kaum noch (schöne) Briefe geschrieben werden und immer blödere Kürzel entstehen. Leider auch hier seitens mancher Kommentatoren. Bedenklich finde ich außerdem die gedankenlosen Sprachschludereien und Schlingelformulierungen vieler Journalisten unserer Medien. Darüber scheint sich kein Mensch mehr aufzuregen – die Mehrheit nimmt es hin.
Sehr geehrter Herr Casula, danke für Ihren Beitrag. Die leichte Sprache von Deppen für Deppen. Sehr gut formuliert. Es ist aber leider so, die Mehrheit der Deutschen versteht nicht einmal diese Deppensprache ebensowenig, daß sie wie Deppen behandelt werden.
Beim lesen ihres Textes ist mir eingefallen, wie mir das Lesen und Silbenlesen in der Schule Anfang 1970-er Jahre beigebracht wurde: durch klatschen der Silben und abgehacktes Sprechen! Deshalb habe ich ihren Beitrag nochmals gelesen wie damals. Ich hatte soviel Spaß und habe mir dabei vorgestellt, daß die „Koniferen“ im Bundestag (außer die AfD) dabei waren und mitgemacht haben. Danke Ihnen für dieses Kopfkino.
Fröhliche Weihnachten
Die „Regierung“ ist offenbar der Meinung die Operation Volksverblödung ist abgeschlossen.Wenn man die Umfrageergebnisse bei Civey über das Wahlverhalten liest dann dürfte die „Regierung“ richtig liegen.
Kalle Labermann und Fäncy wurden besonders gut getroffen.