Aus gegebenem Anlass denke ich an meine alten Lehrer zurück. Neben den wirklich guten gab es nämlich damals schon genau den unangenehmen Typus, der eben wieder für Aufmerksamkeit sorgte.
Lehrer. Wir alle kennen sie, wir alle hatten sie. Menschen, die vor uns standen und sich einmal mehr und einmal weniger engagiert darum bemühten, uns Schüler in die Schönheit der deutschen Sprache („Es heißt nicht „wegen dem Flecken“, sondern wegen des Fleckens, Genitiv, Schneider, Genitiv!“) einzuweihen oder Bücher besprechen zu lassen, die wir außerhalb der Schule eher weniger gelesen hätten. Im Lateinunterricht zog mir mein Lateinlehrer einst ein MAD-Heftchen (dessen langjähriger Chefredakteur damals der unvergleichliche Herbert Feuerstein war) aus der Schultasche, hielt es vor der Klasse hoch und rief empört aus: „Das ist Schund! Wer so etwas liest, aus dem wird nix!“ Recht hat er behalten. Die Fünf in Latein hatte ich mir redlich durch Faulheit verdient. Und weil ich bei Übersetzungen die gestelzten Worte in gut lesbares Deutsch übersetzte, um die Geschichte spannender zu gestalten. Das war gut zu lesen, hatte nur mit der Übersetzung nicht mehr viel zu tun… Ich bin trotzdem recht zufrieden.
Dann gab es die Engagierten, die, die sich wirklich für Schüler und Schulstoff interessierten, mit denen man in Geschichte den Schlieffen-Plan diskutieren konnte, einfach, weil sie für Geschichte und die Geschichten in der Geschichte brannten. Und ich erinnere mich gerne an den einzigen Mathematiklehrer, der es tatsächlich schaffte, Mathematik so zu erklären, dass es die Schüler verstanden. Bei einem Klassenausflug saß der Mann in einer Ecke, las eine niederländische Zeitung und gab per Zuruf die Schachzüge bekannt, die er zu tun gedächte – ohne das Schachbrett zu sehen. Ich bin ein einigermaßen guter Schachspieler, aber nach 10 Minuten hatte er mich vernichtet. Ich denke gerne an ihn zurück. Riesentyp!
Daneben gab es natürlich die Desillusionierten. Die, die kurz vor der Pensionierung standen, die 1940 noch Rassekunde gelehrt hatten und jetzt mit ihrem Schicksal haderten, dass das mit dem Endsieg knapp daneben gegangen war. Die standen einfach nur vorn und lasen aus den Schulbüchern vor, die offen vor uns lagen. Gelegentlich erwischte sich da jeder beim Sekundenschlaf. Die fragten einfach nur stur Stoff ab, ein Fest für Auswendiglerner, die Hölle für die, die lieber abstrahierten und sich selbst Gedanken machen.
Ein Mann auf einer Mission
Es gab die jungen, progressiven Lehrer; ich denke da mit Freude an einen Englischlehrer, der mich aus der Klasse warf, weil ich einen Franz-Josef-Strauß-Sticker trug, während seine Buttons vor grünem Engagement („Stoppt Strauß!“, „Atomkraft? Nein danke!“, „Schwerter zu Pflugscharen“ und so Gedöns) nur so glühten. Dass er das nicht durfte, wussten wir damals nicht, und anscheinend hat es auch niemanden im Lehrerzimmer gestört. Es waren liberale Zeiten. Das Spiel funktionierte in beide Richtungen: Ich ging ins Sekretariat und verlangte nach Aufsicht, wie es mir als Schüler nach der „Allgemeinen Schulordnung“ zusteht. Fünf Minuten später war ich wieder in der Klasse. Ansonsten war der Typ ganz in Ordnung, weil er Paris–Dakar mitgefahren war.
Und dann gab es eben die, die ihren Machthunger an ihren Schülern auslebten. Die auf einer Mission waren. Die dich zusammenschrien oder – sehr beliebt – Schularbeiten nach Noten austeilten. Die besten Noten zuerst, ich hatte also meistens Zeit, mich auf eine weitere Desillusionierung vorzubereiten. Die, die Schüler nicht als Schutzbefohlene, sondern als Feinde betrachteten, die möglichst vor der Klasse zu demütigen waren. Auch hier erinnere ich mich an einen Englischlehrer, der einen Mitschüler vor versammelter Klasse das „th“ üben ließ und den Jungen zum Löffel machte. Warum? Weil er es konnte. Oder weil er einfach nur ein Arschloch war. Ja, diese Typen hatten sich den Sekundenkleber in den Autoschlössern und an den Scheibenwischern redlich und ehrlich und stocksauer verdient.
Ich glaube, der letzte Typus ist auch der, der Oiwonger jetzt zum Verhängnis wurde. Ein Mann auf einer Mission. Einer, der es nicht verknusen konnte, dass er irgendwo auf der Liste des SPD-Denunziantenstadls auf den hinteren Plätzen versauerte, während sein ehemaliger Schüler heute Vizeministerpräsident seines Bundeslandes ist. Das muss er schlecht verdaut haben, zumal die Veröffentlichung des brunzblöden Flugblatts so kurz vor der Wahl geschah, wo es doch seit Jahrzehnten in seinem Besitz ist. Und der glühende „Antifaschist“ auch noch auf Abi-Feiern herumlief und „Kronzeugen“ suchte.
Dies sind die Lehrer, die sich, selbstverständlich nur das Beste wollend, ganz in den Dienst ihres Dienstherrn und nicht in den Dienst ihrer Schutzbefohlenen stellen. Und von denen wir froh waren, sie nach der Schule nie, nie, nie wieder sehen zu müssen. Aber manchmal kommen sie wieder. Und sei es nur als „Dokumentensammler“.
(Weitere Strafarbeiten des Autors unter www.politticker.de)
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.
Beitragsbild: Constantin GrünbergCC-BY 4.0 via Wikimedia Commons

Off topic: Wir hatten in München einen Kunsterzieher, einen alten, hageren Knacker, der uns – eine anerkannt schwierige Klasse – in der 11. übernahm und mit uns italienische Renaissance machte. Vor ihm hatten wir schon einige Kunsterzieher gekillt. Er aber liebte seine Renaissance, und es dauerte keine zwei Wochen, da saßen wir mucksmäuschenstill im verdunkelten Zeichenraum und diskutierten mit ihm voller Begeisterung endlose Dia-Shows mit Giotto & Co. Dieser Lehrer fuhr mit uns dann auch nach Florenz und Venedig. Ehre seinem Andenken! Die übrigen Lehrer mochten ihn gar nicht.
Ich gebe @ Leo Hohensee Recht : Herr Schneider kann keinem Alt-Nazi von 1940 in der Schule begegnet sein. Bin auch älter als Schneider, Alt Nazis gab es an meinen Schulen nicht. ( Ü 65 ) Man Schneider, nachdem bei ihnen der Humor fehlt und sie in politische abgewandert sind, relotieren sie.
Sehr geehrter Herr Schneider,
das hat wieder Spaß gemacht. Eine ehrliche 5 und Spaß dabei, bis man nach Hause gekommen ist…..
Mfg
Nico Schmidt
Ob öffentliche Schule oder Privatschule macht auch nochmals was aus. Ich hatte im Privatgymnasium meine lehrreichste und schönste Zeit. Super Lehrer. Ob das heute auch noch so ist weiss ich nicht. Gender und Klima dringen leider durch alle Ritzen. Die öff. Schulen waren damals noch ziehmlich gut, aber schon mit Schlagseite, Stichwort „Waldsterben“. Danach wurde es nur noch schlimmer.
Diesem „Lehrer“ sollte die Pension entzogen werden. Die Vergehen gegen das Gesetz und die Dienstpflichten ist zu massiv, als dass man dies dem Kerl durchgehen lassen darf.
Ich hatte gute Lehrer, die mich nicht umerziehen, sondern dafür sorgen wollten, dass ich etwas lernte. Moment mal – bis auf einen aus fast vergessenen Volksschultagen, der mich auch noch nach meinem Wechsel ins Gymnasium mit seinen Gehässigkeiten verfolgte, wenn er mir zufällig begegnete. Als ich ihm als Zehnjährige ganz ruhig erklärte, er hätte mir gar nichts mehr zu sagen, fühlte er sich in seiner (nicht vorhandenen) Autorität gekränkt. Diesem Ar…..mleuchter würde ich heute ungeniert den Stinkefinger zeigen.
Na ja, wieder mal Lehrerbashing. Ich war auch mal einer, hatte aber vor dem Studium jahrelang was ganz anderes gemacht. Ich fand die Kollegen während meiner langen Dienstzeit an der Pädagogikfront am umgänglichsten, auch mit den Schülern, die vorher einen anderen Beruf „mitten im realen Leben“ ausgeübt hatten. Viele Lehrer, die nach der Schule und dem sofort anschließenden Studium nur die Seiten gewechselt hatten (erst als Schüler vor dem Pult, dann als Lehrer hinter dem Pult) empfand ich oft als irgendwie weltfremd.