Judith Raupp beschreibt über Jahre den Alltag im Ostkongo und hat den Kongolesen darin selbst eine Stimme gegeben. Der Titel des Buches „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“ zeigt schon die Bedrohung und könnte eine abschreckende Wirkung haben. Ich empfehle, das Buch dennoch zu lesen, denn es ist eine Hommage an den Lebenswillen im Alltag, einem jahrzehntelangen Konflikt, der aus dem Fokus der Medien völlig verschwunden ist. Sie hat viel erlebt: Schießereien, den Nyiragongo-Vulkan-Ausbruch, Kidnappings, Vergewaltigungen, Korruption (Visumsverlängerung kostete 3.000 Dollar). Zu medizinischen Eingriffen musste sie viele hundert Kilometer weit reisen.
Sie schreibt über Ereignisse und Bräuche, über die ich mir auch schon Gedanken gemacht hatte, wie den Brautpreis. Auch im übrigen südlichen Afrika sind besonders auf dem Land Brautpreis-Zahlungen noch üblich. Verlangt werden Lebensmittel, Kleidung, Bargeld, mittlerweile auch Mobiltelefone bestimmter Marken, neueste TV-Geräte, Uhren und sogar Autos. Der Besitz von Rolex und Porsche ist in Afrika weiterhin nicht kriminell. Diese Tradition belastet nicht nur im Kongo viele junge Männer. Christliche Kirchen haben es nicht geschafft, dass Christen auf die Brautgabe verzichten oder den Brautpreis begrenzen. Verbindungen, die ohne Bezahlung des Brautpreises gegründet werden, sind verpönt. Als Frau Raupp eine Bekannte fragt, ob der Brautpreis nicht vielleicht abgeschafft werden sollte, sagt die künftige Braut: „Niemals würde ich jemanden heiraten, der mir vorher nicht seine Wertschätzung beweist. Das ist unsere Kultur“.
Ein weiteres in Deutschland wenig bekanntes Thema ist das Sparverhalten. Auf dem Kontinent hat sich eine interessante eigene Form des Sparens entwickelt, auch um – jenseits von Banken – den Zwang zum verwandtschaftlichen Verteilen auszutricksen. (vgl. dazu Anders sparen in Afrika).
Frau Raupp thematisiert erfreulicherweise auch das Dezemberfieber der Entwicklungshelfer-Industrie. Die Mittel müssen – um jeden Preis – wegen des Jährlichkeitsprinzips des Haushalts noch rasch planlos ausgegeben werden.
Tiefe Verbundenheit mit der Kultur und den Menschen im Kongo
Es ist für den Leser schwer zu verstehen, dass die Angst und Bedrohung zu einem Gewöhnungseffekt bei ihr führt. Für den Leser erschließt sich nicht, dass sie mit ihrer Arbeit dauerhaft etwas bewirken konnte. Dennoch spürt man ihre tiefe Verbundenheit mit der Kultur und den Menschen im Kongo.
Ich bin skeptisch, weil ich zu oft westliche Interventionen als wirkungslos verpufft erlebt habe. Judith Raupp hat jedoch nach meinem Eindruck kein Helfersyndrom (vgl. Fernstenliebe ist leichter als Nächstenliebe). Unter dem Helfersyndrom verstehe ich, wenn Menschen ein geringes Selbstwertgefühl kompensieren und eigene Probleme verdrängen. Als Medientrainerin hat sie Radiojournalisten vor Ort ertüchtigt, damit diese selbst über Missstände in ihrer Region erzählen. Frau Raupp hat – anders als Entwicklungshelfer, die ich kannte – sich nicht gescheut, mit Menschen in Machtpositionen kontrovers zu diskutieren.
Die Autorin ist so realistisch, dass sie diese Skepsis in ihren Artikeln und in ihrem Buch teilweise sogar teilt. Judith Raupp erkannte das Dilemma und konzentrierte sich in ihrer Medienausbildung rein auf das Handwerk (Verifizieren von Quellen, Technik, Sicherheitsmanagement, z.B. Warnungen vor Milizen) und nicht darauf, was sie berichten sollen. Sie hat nicht wie andere Entwicklungshelfer den Erziehungseifer. Ihr fehlt der paternalistische Blick weißer Retter, für den Teju Cole den Begriff „White Savior Complex“ geprägt hat.
Bewundernswert ist, wie sie es aushält, über Jahre in einer Umgebung zu leben, in der Gewalt allgegenwärtig ist und enge Vertraute, Kollegen und Freunde sterben. Da hilft nur der afrikanische Fatalismus. Sie beschreibt eindrücklich, wie die Bevölkerung zusammenhält und trotz Armut Flüchtlinge und Kranke unterstützt. Das Fehlen staatlicher Strukturen wird durch Familien und Nachbarn ausgeglichen. Diese Hilfsbereitschaft ist ein berührendes Zeugnis der Nächstenliebe unter extremen Bedingungen. Einen besseren Bericht aus erster Hand über den Ostkongo und Umgebung kenne ich nicht. Es ist ein höchst ehrliches und informatives Buch.
Judith Raupp: Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. C. H. Beck 2026.

„A. Ostrovsky / 26.07.2026
Ich möchte darauf hinweisen, dass es da eine Gruppe von Nukleartechnikern gibt, die in Ruanda, dem unmittelbaren Nachbarland des Ostkongo, in dem es momentan ruhiger sein soll, auch wenn man nicht von Langzeitstabilität reden kann, eine hochriskante nukleare Testanlage aufbauen. Wie ist sowas überhaupt möglich?“ – Danke für den Hinweis, ich hatte schon davon gehört, es aber für einen Witz gehalten. Dann wollen wir mal hoffen, daß es ein großer Erfolg wird. Wobei der Standort Ruhrgebiet sicher besser gewesen wäre. Dort gibt es nämlich den unglaublichen Vorteil, daß man durch die bergbaubedingten Bodensenkungen im Havariefall nur das Wasserabpumpen einstellen müßte, und alles würde friedlich und schadlos in einem großen See versinken. Und nicht nur das Kraftwerk wäre einfach weg.
Zum Brautpreis: Wo ist der Unterschied zu der bei uns durchaus noch üblichen Mitgift? Was die fehlenden Staatlichkeit und die freidrehenden Milizen betrifft: Da herrscht noch Clandenken vor. Milizen sind per se nicht verkehrt, siehe Schweiz. Das ist eine Frage wie man das organisiert. Wenn alle in ein und der selben Miliz sind, spielen die alle im selben Team und damit nicht mehr gegeneinander. Zudem gilt in einer Welt voller Räuber: Keine effektive Verteidigung -> Kein Staatsappaarat. Das eine bedingt das andere. Da müsste eigentlich die Starthilfe hin. Ich hatte schon mal zum Thema Afrika geschrieben, dass denen der Bauzaun und die Absicherung der Baustelle fehlt und sich darum dort jeder bedient. Im übrigen entwickelt sich die EU schon lange in genau diese Richtung, denn die EU hat auch keine effektive Grenzsicherung und keine eigenen Verteidigungsstrukturen. Das ist wie mit dem Ei: Ohne Schale vergammelt das EI in rasendem Tempo. Mit Schale ist es relativ lange haltbar.
@ Herr Ostrovsky. Das werden die sicher nicht selber „stemmen.“ China, Russland, USA zur Auswahl.
@Leo Hohensee Der Kongo/ Kinshasa ist fast 7x so groß wie Deutschland. Ich vertraue darauf, dass die Leser der Achse, die sich für meine Artikel über Afrika interessieren, eine Vorstellung von der Größe der wichtigsten Staaten in Afrika haben. Bei kleineren Ländern wie Ruanda oder Benin habe ich – soweit ich mich erinnere – Vergleiche angestellt. Dennoch danke für Ihre Anregung.
Vielleicht, s.g.H. Seitz, sollten Sie bei Ihren Berichten immer die Größe der Länder im Verhältnis zu D hinzufügen. Ich habe die Befürchtung, dass der „Michel“ immer meint, ja, das geschieht doch in Kleinkleckersdorf. Danke
Ich möchte darauf hinweisen, dass es da eine Gruppe von Nukleartechnikern gibt, die in Ruanda, dem unmittelbaren Nachbarland des Ostkongo, in dem es momentan ruhiger sein soll, auch wenn man nicht von Langzeitstabilität reden kann, eine hochriskante nukleare Testanlage aufbauen. Wie ist sowas überhaupt möglich?
Mit Verlaub, Herr Botschafter a.D. Seitz, das Leben & Arbeiten von Frau Raupp ist ein einziger Widerspruch. Entweder will Sie als Kongolese im Kongo oder als Deutscher zuhause leben. Daß ein Botschafter fernab der Heimat lebt, aber für die Heimat arbeitet, ist noch nachvollziehbar, aber im Falle von Frau Raupp verstehe ich das in keiner Weise. Man kann auch nicht wirklich als mittelständischer Unternehmer im Kongo arbeiten. Frau Raupp will im Kongo leben, aber uns Ihr Buch verkaufen. Was soll das für einen Sinn ergeben? Frau Raupp sollte wenigstens konsequent sein & Bücher für die Kongolesen schreiben & diese auch im Kongo verkaufen. Aber sich von eine paar Gratismut-Grünen Lesern stellvertretend auf die Schulter klopfen lassen, erscheint mir bigott. Das Buch kann man nur insofern als Ratgeber verstehen, daß der Kongo keine Option als Auswanderungsland für Leistungsträger darstellt, die der Deutschen Politik die Rote Karte zeigen.