Archi W. Bechlenberg / 16.04.2019 / 13:00 / Foto: Archi Bechlenberg / 24 / Seite ausdrucken

Le Drame de Paris

Auf dem Platz Jean Paul II. in Paris befindet sich der Fundamentalpunkt des Landes, der Point zéro des routes de France, von dem aus alle Entfernungen im Land gemessen werden. Die Festlegung dieses Punktes reicht historisch bis ins Mittelalter zurück und nimmt Bezug auf das Hauptportal in der Westfassade der Kathedrale Nôtre Dame, le portail des évêques, dem Sinnbild der kirchlichen Macht in Frankreich. Nicht nur im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinne ist Nôtre Dame somit das Zentrum des Landes.

Eine Feuerkatastrophe hat gestern der frühgotischen Kathedrale unermesslichen Schaden zugefügt. Sollte es beim Stand der Dinge von heute Vormittag bleiben, wird die Kirche baulich wieder restaurierbar sein. Die mächtige Westfassade scheint weitgehend vom Feuer verschont geblieben zu sein, da der Brand sich vom Ostende des Gebäudes her ausgebreitet hat und somit genügend Zeit zur Bekämpfung blieb. Doch man muss abwarten. Als ich gestern abend in den Livebildern Feuer und Rauch aus dem Nordturm aufsteigen sah, blieb mir kurz das Herz stehen, denn auch dieser Turm ist wie sein Nachbar im Inneren aus Holz konstruiert; hier hängen unter anderem die Glocken der Kathedrale. Wäre dieses Gebälk in Brand geraten... man mag es sich gar nicht vorstellen.

Auch wenn mir als Gottfreiem Nôtre Dame im religiösen Sinne kaum etwas bedeutet: Ich kenne die Kirche und ihre Umgebung sehr genau. Vorne ist es meist laut und voller Menschen, im Park auf der Ostseite ist es oft still, fast kleinstädtisch. Es wäre ein unvorstellbarer Verlust für die zivilisierte Welt, wenn von der Kathedrale, die sogar die Revolution von 1789 und Attacken der Femen überstand, nur noch eine Ruine erhalten bliebe, Die bis heute in vielem unbegreiflich gebliebene Kunst der Baumeister und Architekten ab dem 11. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung besitzt den gleichen Stellenwert für die Entwicklung der Menschheit wie die Pyramiden Ägyptens. 

Kirchen, Schlösser und Burgen wurden als Steinbrüche benutzt

Vor mir liegt eins der ersten Bücher meines Studiums, Kunst der Gotik von Hans Jantzen (1957), in dem ich erstmals den Namen Eugène Viollet-le-Duc las. Er war der Architekt und Restaurator, Oberaufseher aller Sakralbauten Frankreichs, welcher der heute von uns so bewunderten Gotik zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert  – wie sie sich vor allem in den Kirchen von Reims, Amiens, Chartres, Saint-Denis und eben Paris vollendet zeigt – ihren in den vorhergegangenen Jahrhunderten verloren gegangenen Rang in der Baugeschichte des Abendlandes zurück gab.

Viollet-le-Ducs ganzes Berufsleben galt dem Erhalt der bestehenden Bauwerke, die teilweise dem Verfall preisgegeben waren oder abgerissen wurden, wie die Kathedrale von Cambrai. Was im Nachhinein unvorstellbar scheint, durchaus aber nicht so ungewöhnlich war; an allem nagt der Zahn der Zeit. Erhalt und Restaurierung von Gebäuden sind nicht immer vorrangig gewesen, erst recht nicht, wenn sie architektonisch – und damit restaurationstechnisch – so kompliziert, ja unbegreiflich waren wie gotische Bauwerke. Viele Kirchen, Schlösser und Burgen wurden als Steinbrüche benutzt, anderes wich dem jeweiligen Zeitgeist. Man denke nur an Victor Baltards Markthallen in Paris, an deren Stelle in den 1970ern so Scheußliches errichtet wurde, dass man das inzwischen wieder abgerissen hat. Was gäbe man heute für Baltards Architektur.

„Wir können keine gotischen Kathedralen mehr bauen, auch wenn wir es wollten. Die kirchliche Baukunst des 19. Jahrhunderts im Historismus hat es versucht und ist kläglich gescheitert“ schreibt Jantzen im vorhin erwähnten Buch über die Baukunst der Gotik. Um so wichtiger ist es, das zu erhalten, was uns blieb. Man kann nur hoffen, dass es genügend alte und neu erfasste Pläne und Unterlagen über Nôtre Dame gibt, auf deren Basis eine Rekonstruktion der Kathedrale möglich ist. Am Geld darf das nicht scheitern, die ersten Kapitalisten haben bereits immense Summen angeboten, und wenn jetzt jeder Sozi noch ein paar Taler beisteuert, dürfte alles seinen gerechten Gang gehen. Mein Vorschlag: Die Trümmer, das Gebälk und Gestein, das nicht mehr verwendet werden kann, wird in kleine Stückchen zerlegt und als eine Art Reliquie an Gläubige verkauft. Oder auch an Ungläubige. Ich wäre der erste.  

Foto: Archi Bechlenberg

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Werner Arning / 16.04.2019

Meine allererste Reise ins Ausland, 16-jährig, zusammen mit einem Freund führte uns nach Frankreich. Per Zug ging es von Münster nach Paris, die Fahrräder fuhren im Gepäckwagen mit. Das Ziel hieß Caen in der Normandie. Doch als Zwischenstopp hatten wir einen Tag in Paris eingeplant. Gerade angekommen, ging es direkt zur Notre Dame. Unserer Dame galt unser erster Besuch. Und wie standen wir staunend vor und in dieser Kathedrale. Mir graut davor, sie nun in dem Zustand wiederzusehen, in dem sie sich jetzt vermutlich befindet.

Sepp Kneip / 16.04.2019

Mein erster Gedanke, als ich das Video mit der brennenden Kathedrale sah, war ein Menetekel am Pariser Himmel, das den Untergang des christlichen Abendlandes symbolisiert. Mein zweiter Gedanke galt dem Bau selbst und dem Verlust der Einzigartigkeit dieses Bauwerks. Dann stellte ich fest, dass beide Gedanken zusammen gehören. Ja, das christliche Abendland wird zerstört und seine Wahrzeichen auch. Wer immer für den Brand verantwortlich ist, er passt vielen in den Kram, auch wenn in euphorischer Stimmung bereits die finanzielle Grundlage für den Wiederaufbau gelegt wurde, Es wird nicht mehr die alte Notre Dame sein. Es passt doch alles so sehr in die Zeit.

Peter Zentner / 16.04.2019

Sehr geehrter Herr Bechlenberg, soehr ich Sie schätze: “Auch wenn mir als Gottfreiem Nôtre Dame im religiösen Sinne kaum etwas bedeutet: [...] Die bis heute in vielem unbegreiflich gebliebene Kunst der Baumeister und Architekten ab dem 11. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung [nach Ihrer Zeitrechnung? ich ziehe n.Chr. oder A.D. vor] besitzt den gleichen Stellenwert für die Entwicklung der Menschheit wie die Pyramiden Ägyptens.” || Feiner Unterschied: Die Pyramiden wurden von tumben Sklaventreibern errichtet, mühsam und primitiv; die europäischen Sakralbauten des 2. Jahrtausends, weltweit bestaunt, aber von tiefgläubigen Baumeistern, die einen Messias namens Jesus verehrten. Diese “Freimaurer”, in allen architektonischen, künstlerischen, statischen und handwerklichen Fertigkeiten (die sie weder verrieten noch verschenkten) damals und später nie erreicht, glaubten innig an den biblischen Gott. || Das unterscheidet sie zu allen Zeiten von „Wir können keine gotischen Kathedralen mehr bauen, auch wenn wir es wollten” des von Ihnen zitierten Jantzen. Der Glaube war es, der diese Baumeister bis runter zum Hilfssteinmetz antrieb: pure Handarbeit, purer Schweiß, kein Kran, Stein auf Stein, alle tonnenschwer, Beton kannte man noch lange nicht, etc. || Diese Menschen hätten den BER schon nach drei Jahren betriebsbereit hingekriegt — und sich über die heutige Streichholzschachtel-Architektur bepisst.

Helmut Driesel / 16.04.2019

  Ich bin mal gespannt, ob es die zeitgenössischen Architekten und Statiker für vernünftig halten, dieses etwas verrückte Bauwerk in originaler Gestalt neu zu errichten. Wenn alles, was zu heiß geworden ist, demontiert ist, wird sich vielleicht Ernüchterung einstellen. Wenn heute etwas so großes gebaut werden soll, muss es ja bauaufsichtlich genehmigungsfähig sein. Deshalb tippe ich auf einen Kompromiss, der ein Stück von dem weg ist, was alle jetzt glauben.

A.Kaltenhauser / 16.04.2019

Wie stark die Menschen das Unglück persönlich mitnimmt erkenne ich, wenn ich das Fenster meiner Nachbarn sehe. Dort zeigen sie ihre französische Nationalflagge in ganzer Fensterbreite. Bravo! Mal ehrlich: Welcher Deutsche hat noch eine Deutschlandfahne in seinem Fundus? Fussballfahne gilt nicht ....

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