Lars Klingbeil ist beim Parteitag der US-Demokraten und schöpft Hoffnung für seine gebeutelte SPD. So jemand nennt man einen Optimisten.
Begeistert wie ein Jugendlicher von seinem ersten Rockkonzert erzählt SPD-Chef Lars Klingbeil vom Parteitag der Demokraten in Chicago und von seinem Idol Kamala Harris. Wenn man ihr folge, so könne die wenig inspirierende SPD die Leute wieder begeistern, ist sich Klingbeil sicher. Dabei wolle man „mit ähnlichen Themen wie Harris in den Bundestagswahlkampf gehen“.
Man höre und staune, was denn diese so vielversprechenden Themen von Harris sind, mit denen die SPD punkten will: Steuererleichterungen für die „arbeitende Mitte“ zum Beispiel. Geschenkt, dass beide Parteien bereits regieren und dieses Versprechen längst hätten einlösen können, und dass die SPD bisher jede Steuererleichterung blockiert oder kritisiert hat. Geschenkt, dass Harris genau das verspricht, was auch Trump verspricht und – im Gegensatz zu den Demokraten – auch während seiner Präsidentschaft wahr gemacht hat, worauf die Demokraten – kaum an der Macht – die Steuererleichterungen wieder rückgängig gemacht haben. Wer ist übrigens die „arbeitende Mitte“? Bei den heuchlerischen Wahlkampfveranstaltungen mit den blumigen Reden sind es immer die, die man gerade ansprechen will, zur Mitte will schließlich jeder gehören, denn wer nicht dazugehört, wird entweder als herzlos verteufelt und steuerlich geschröpft oder bedauert und alimentiert.
Auch andere, ganz unerwartete Lieblingsthemen von Klingbeil habe Harris „angetextet“: „Wie kriegen wir die Preise runter, wie kann ich auch wieder ein Eigenheim finanzieren?“ In der Tat gute Fragen, die man sich nach drei Jahren Regierung von Biden und Scholz fragen kann und Fragen, die auch Trump schon seit Jahren stellt. Aber wenn man Augen und Ohren verschließt und sich in Schutzräume begibt, sobald irgendwo Trumps Gesicht erscheint, kann man das als Lars Klingbeil natürlich nicht wissen.
„Nicht dieses Klein-klein der Regierungsarbeit“
Trump fragt dies nicht nur, er hat auch die Antwort darauf: Die Preise, sprich die Inflation bekommt man runter mit weniger Schulden und weniger Staatsausgaben, und ein Eigenheim könnte man sich finanzieren, wenn die Steuern nicht so hoch wären und es nicht so viele Auflagen für alles gäbe. Und, natürlich, wenn es preiswertes Bauland gäbe. Von der SPD hat man zum Thema Eigenheim bisher noch nicht viel gehört vor lauter Mietpreisbremse und Kritik an Vermietern. Aber vermutlich haben die SPD-Granden schon lange ihr Eigenheim, daher braucht das Thema sie nicht zu interessieren. Die Eigenheimquote ist übrigens in den USA viel höher als in Deutschland, wo man entweder eins geerbt hat oder vermögend sein muss.
Klingbeil weiter: „Und das ist, was ich mir vornehme: Dass wir in den Wahlkämpfen auch eine Klarheit haben. Alle sollen merken, worum es geht. Nicht dieses Klein-klein der Regierungsarbeit, sondern wirklich die großen Themen." Und was sind die „großen Themen“ bei dem Demokratischen Konvent? „Kamala for president“. „Trump is evil.“ Das muss man der SPD lassen, auf Trump-Bashing verstehen sie sich, aber anders als in den USA, kann man damit in Deutschland keine Wahlen gewinnen. Übrigens auch nicht mit AfD-Bashing. Und dass man „besser und klarer kommunizieren“ wolle, das verspricht die SPD nach jeder verlorenen Wahl, also gefühlt schon seit 20 Jahren. Vielleicht geht es besser mit kurzen Schlagsprüchen in Englisch wie bei Kamala Harris?
Zuletzt will Klingbeil auch bei der Atmosphäre von den Demokraten lernen: Amerikanische Parteitage seien „immer etwas Besonderes, da ist viel Emotionalität drin, natürlich wahnsinnig viel Inszenierung.“ Die amerikanische Begeisterungsmentalität und die Hochjubelung ihrer Präsidentschaftskandidaten mit lauter Musik, Konfetti und Lichteffekten, der auch eine gewisse Oberflächlichkeit innewohnt, wird mit den eher drögen und leidgeplagten SPD-Anhängern schwer zu machen sein, und aus gutem Grund halten sich die Deutschen mit einem emotionalen Führerkult zurück.
Mit Martin Schulz wurde etwas Ähnliches ja schon versucht
Die SPD hatte mit Martin Schulz etwas Ähnliches ja schon versucht und war kläglich gescheitert („Ruft doch mal Martin!"). Übrigens sind auch die Parteitage der Republikaner sehr ähnlich denen der Demokraten inszeniert, aber da gab es nur beißende Kritik: eine skurille Selbstzelebrierung mit Brüllauftritten, man feiere Trump wie einen Märtyrer und Heilsbringer, zeige kuriose Abzeichen etc. Quod licet Harris, non licet Trump.
Allerdings will Klingbeil in einem entscheidenden Punkt den Demokraten nicht nacheifern, nämlich in dem medienwirksamen Austausch des alten, weißen und zunehmend unzusammenhängend redenden Mannes an der Spitze durch eine etwas jüngere, immer laut lachende Frau.
Auch wenn die Parallelen zwischen Biden und Scholz auf der Hand liegen, glaubt Klingbeil, dass auch mit Scholz „neuer Schwung“ entsteht und man im Wahlkampf noch alles drehen könne. Aber auch wenn man Scholz austauschen wollte, hätte die SPD keine Kamala in Reserve: An Saskia Esken denkt nicht mal der loyalste SPD-Parteigänger.
Sebastian Biehl, Jahrgang 1974, arbeitet als Nachrichtenredakteur für die Achse des Guten und lebt, nach vielen Jahren im Ausland, seit 2019 mit seiner Familie in Berlin.
Beitragsbild: Eikeklapper CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
