Henryk M. Broder / 05.10.2016 / 17:33 / 12 / Seite ausdrucken

Lamya Kaddor: Die brave Frau denkt an sich selbst, bis zuletzt!

Am Donnerstag, 29. September, meldete der Deutschlandfunk in den 9-Uhr-Nachrichten an erster Stelle, „die muslimische Autorin und Religionspädagogin Lamya Kaddor“ habe sich „aus Sicherheitsgründen vom Schuldienst beurlauben“ lassen. „Die 38-Jährige sagte im Deutschlandfunk, seit dem Erscheinen ihres Buches über die Integration von Flüchtlingen vor zwei Wochen habe sie Morddrohungen erhalten und so viele Hassbriefe wie noch nie - vor allem aus dem rechten Spektrum. Renommierte Journalisten wie Henryk M. Broder beteiligten sich daran, Stimmung gegen sie zu machen.“

Danach folgten weitere Nachrichten vom Tage. Über den Jahrestag des Massakers von Babi Jar vor 75 Jahren, bei dem über 33.000 Juden von SS-Kommandos und ukrainischen Helfershelfern ermordet wurden, und über die „festgefahrene Lage“ in der Syrien-Frage zwischen USA und Russland. In dem Gespräch, das Thomas Armbrüster mit der „muslimischen Autorin und Religionspädagogin“ zuvor geführt hatte, sagte Lamya Kaddor u.a., sie könne „nicht sagen, dass das Rechtsextreme sind“, aber es sei „schon ziemlich offensichtlich, dass das eher Menschen sind, die rechten Kreisen zuzuordnen sind“. Um anschließend zu präzisieren, „woher das Ganze kommt“:

Was übel als eine Sache noch dazukommt ist, dass Intellektuelle in unserem Land, auch angesehene Journalisten, beispielsweise Henryk M. Broder - ich nenne ihn jetzt mal -, mit dafür sorgen, dass die Stimmung weiter aufgeheizt wird, auch gegen meine Person. Ich sehe das daran, dass ich inzwischen auch Massen von E-Mails bekomme, die alle auf diesen Mann, auch auf seine Texte verlinken und mir natürlich deshalb auch klar wird, woher denn das Ganze kommt.“

Immer wieder Stimmungsmache

Die Meldung wurde von Agenturen übernommen und in zahlreichen Medien wiedergegeben, u.a. auf faz.net - „Morddrohungen aus dem rechten Spektrum: Die syrischstämmige Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat sich aus Sicherheitsgründen vom Schuldienst beurlauben lassen“ - und auf der Seite der Tagesschau: „Die Islamwissenschaftlerin, Autorin und Religionspädagogin Lamya Kaddor hat sich nach eigenen Angaben aus Sicherheitsgründen vom Schuldienst beurlauben lassen. Vor zwei Wochen ist ihr Buch über die Integration von Flüchtlingen erschienen. Seitdem habe sie Morddrohungen erhalten und so viele Hassbriefe wie noch nie, sagte sie dem Deutschlandfunk.“

Es war nicht das erste Mal, dass sich Lamya Kaddor über „Stimmungsmache“ beschweren musste. Bereits Ende des Jahres 2015 schrieb sie auf ZEIT online: „Diese Stimmungsmache, die heute Personen wie Hamed Abdel-Samad vertreten und früher Leute wie der Journalist Henryk Broder, die Autorin Necla Kelek und der Schriftsteller Ralph Giordano verbreitet haben, machen Millionen Menschen in diesem Land ganz konkret das Leben schwer – manchmal sogar unerträglich.

Damals allerdings ließ sich Lamya Kaddor nicht beurlauben. Obwohl „Millionen von Menschen“ in diesem Land das Leben „durch Personen wie Hamed Abdel-Samad schwer, manchmal sogar unerträglich“ gemacht wurde, machte sie für sich keine Sicherheitsgründe geltend. Und was die Morddrohungen und die Hassbriefe angeht, die bei ihr nach dem Erscheinen ihres neuen Buches eingegangen waren, so handelte es sich, wie die Tagesschau richtig bemerkte, um ihre „eigenen Angaben“, die zu belegen sie für unnötig hielt.

Einmal in Fahrt gekommen, legte Lamya Kaddor noch am selben Tag nach. In einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger antwortete sie auf die Frage, warum sie sich aus Sicherheitsgründen vom Schuldienst habe beurlauben lassen: „Es gibt einen massiven Ansturm von Hassmails, Bedrohungen und übelsten Beschimpfungen gegen mich. Dazu kommen Blogeinträge von Intellektuellen in diesem Land, die meinen, mich unmöglich machen zu müssen.“ Und alles nur, weil sie es gewagt habe, „auch einmal den Blick in die Mehrheitsgesellschaft zu werfen und auf Missstände hinzuweisen“; dafür werde sie „jetzt zum Abschuss freigegeben“.

Wen sie damit meinen würde, wollte die Interviewerin wissen. „Das sind Leute wie der Islamkritiker Henryk M. Broder und Regina Mönch in der FAZ oder das Blog von Roland Tichy, die gegen mich schießen.“ - Gelobt sei der Herr, ich fühlte mich nicht mehr allein.

Ob sie sich noch „auf die Straße trauen“ würde? „Soweit ist es nicht. Es geht ja nicht nur um meine Sicherheit. Ich unterrichte Kinder. Ich habe auch eine Verantwortung meinen Schülern und Kollegen gegenüber. Es kann mir doch keiner garantieren, dass dort nichts passiert in dieser aufgeheizten Stimmung, die wir derzeit erleben. Jeder weiß doch, wo ich arbeite. Ich habe daraus die Konsequenzen gezogen.“

Und was ist mit den Lesern?

Leider hat es die Reporterin des Kölner Stadt-Anzeigers an dieser Stelle versäumt, die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor nach ihrer Verantwortung gegenüber den Besuchern ihrer Lesungen zu fragen. Wenn sie schon für ihre Schüler und Kollegen ein Sicherheitsrisiko darstellt, dann ist sie das auch für die Leser, die sie live erleben möchten. Auch da kann keiner garantieren, dass nichts passiert in dieser aufgeheizten Stimmung. Aber daran hat Lamya Kaddor nicht gedacht, als sie sich beurlauben ließ.

Von ihrer Lehrerpflichten befreit, hatte sie nun genug Zeit, um ein Interview nach dem anderen zu geben; und einen Text für die ZEIT zu schreiben, der am 30.9. online ging: „Der Hass der Deutschomanen“. Der Vorspann fasste, obwohl vollkommen gaga, den Inhalt der Beitrags präzise zusammen: „Konservative Intellektuelle wie Henryk M. Broder verstecken sich hinter einer bürgerlichen Fassade. Doch sie tragen eine Mitschuld an Morddrohungen im Netz.“ - Mitschuld. Drunter tut es die erzliberale ZEIT nicht. Im Gegenzug werden Leserkommentare, die "unsachlich" sind, gelöscht und die Nutzer aufgefordert: "Bleiben Sie bitte sachlich!"

Wer oder was sind aber „Deutschomanen“? Lamya Kaddor meint damit die Absender der Hassmails und deren „Gewährsleute“, „Menschen wie Broder oder Tichy“, die sich „oft Journalisten“ nennen und „doch jedes journalistisches Verständnis vermissen“ lassen. Sie würden zum Beispiel verbreiten, „fünf Schüler hätten sich in meinem Unterricht radikalisiert und seien zur Terrororganisation IS gegangen, ich hätte daher als Lehrerin versagt“. Das sei aber nicht wahr. Wahr ist: „Die Fünf waren zum Zeitpunkt ihrer Radikalisierung längst nicht mehr in meinem Unterricht.“

Lamya Kaddor kann nichts dafür, was aus ihren Schülern wird, ob sie sich dem IS anschließen oder der Heilsarmee. Wenn es aber um diejenigen geht, die „eine Mitschuld am Hass auf mich und viele andere“ tragen, fallen ihr sofort die Impulsgeber ein. Es sind „vermeintlich konservative Intellektuelle, die sich entweder dem rechten Rand anbiedern wollen oder selbst völkisches Gedankengut pflegen“, „Menschen wie Broder oder Tichy“, analysiert Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Fachfrau für völkisches Gedankengut. Es sei an der Zeit, findet sie, „über Verantwortung von Intellektuellen in diesem Land zu reden, die sich seit Jahren hinter bürgerlichen Fassaden verstecken und auf Meinungsfreiheit verweisen“. Soll heißen: die Meinungsfreiheit missbrauchen.

Vom Psychoterror in die Verzweiflung getrieben

In einem Kommentar des Deutschlandfunks zu der Causa Kaddor hieß es, „die von einigen Medien betriebene Stimmungsmache“ gehöre „zu dem beschämenden Gesamtbild, das nicht nur, aber auch Deutschland im Jahre 2016 wachrütteln sollte“. Und: „Der Weckruf einer vom Psychoterror in die Verzweiflung getriebenen Muslimin darf nicht ungehört verhallen.“

Um die Dramatik der Situation zu unterstreichen, erinnerte der Kommentator des Deutschlandfunks an den „75. Jahrestag des Nazi-Massakers an mehr als 30.000 Juden im ukrainischen Babi Jar“ und fragte: „Alles schon vergessen und bedeutungslos im Lager dumpfen Teutonentums?“ So wurde Lamya Kaddor zum letzten Opfer jenes dumpfen Teutonentums geadelt, das vor 75 in Babi Jar gewütet hatte.

Auch SPIEGEL online stellte sich vorbehaltslos hinter die „bekannteste Vertreterin eines sanften Islam“ in Deutschland. „Vergangene Woche war sie Religionslehrerin. Diese Woche fürchtet sie um ihr Leben und das ihrer Schüler. Wie konnte es so weit kommen?“

Dabei sei Lamya Kaddor „eine Frau, die größer wirkt, als sie ist, weil ihr Blick immer so viel fordert von der Welt“, sie „sitzt regelmäßig in Talkshows, schreibt Bücher und Gastbeiträge für Zeitungen, hält Lesungen“. Sie werde „verehrt“, aber nicht von allen. Der „Salafist Pierre Vogel“ habe versucht nachzuweisen, „dass sie keine wahr Gläubige sei“. Schlimmer noch: „Der islamkritische Publizist Henryk M. Broder, der häufig längst nicht mehr sachlich schreibt, bezeichnete sie als ‚genuin dumm’“.

Daraufhin, so steht es bei SPIEGEL online, „dachte Kaddor nach“ und kam zu folgendem Schluss: „Vielleicht ist ihm nicht bewusst, was er da macht. Aber wenn Broder so etwas schreibt, dann kommen zig andere nach, die wollen, dass mich 20 Afrikaner vergewaltigen.“ In einem Interview mit dem Bonner General-Anzeiger hatten sich die Afrikaner wieder verzogen, dafür wurde ich reaktiviert: „Ich gebe ihm (Broder) Mitschuld daran, dass ich meinen Schuldienst gerade nicht mehr machen kann.“

Und ab geht die Post

Wenn dem tatsächlich so wäre, wenn sich Lamya Kaddor nicht beurlaubt hätte, um mehr Zeit für ihre Lesungen zu haben, um gemeinsam mit Margot Käßmann Bachs Matthäus-Passion zu präsentieren oder über das Thema Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen zu referieren, dann müsste sie mir eigentlich tief dankbar sein. Es läuft gut für sie.

Letzten Mittwoch, bevor der Deutschlandfunk bekannt gab, „die muslimische Autorin und Religionspädagogin Lamya Kaddor“ habe sich „aus Sicherheitsgründen vom Schuldienst beurlauben“ lassen, nachdem sie „Morddrohungen und so viele Hassbriefe wie noch nie“ erhalten habe, stand ihr Buch Die Zerreißprobe: Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht bei Amazon auf Platz 24.000. Zwei Tage später, am Freitag, war es schon unter den Top 100. Heute, eine Woche nach dem Big Bang, rangiert es auf Platz 2 in der Abteilung „Rassismus & Fremdenfeindlichkeit“ und auf Platz 19 in der SPIEGEL-Paperback-Liste.

Das ist nicht schlecht für ein Buch, dessen Titel bereits in die Irre führt. Die Angst vor dem Fremden ist keine Angst vor dem Fremden an sich, sondern die Angst vor dem Islam, die alles Mögliche, nur nicht unbegründet ist. Und es sind nicht, ganz allgemein gesprochen, deutsche Jugendliche, die in den Dschihad ziehen, sondern Jugendliche, die mit einem speziellen Gedankengut kontaminiert worden sind, wie die fünf Schüler von Lamya Kaddor, die aber „zum Zeitpunkt ihrer Radikalisierung längst nicht mehr“ von ihr unterrichtet wurden. Wenn es etwas gibt, wovon Lamya Kaddor wirklich etwas versteht, dann ist es die Vergesellschaftung gruppenspezifischer Phänomene.

Denn, dass am Ende der Eimerkette „die Gesellschaft“ an allem schuld sein soll, ist so selbstverständlich wie die Feststellung, dass die Basis die Grundlage des Fundaments ist.

Es bleiben einige Fragen offen: Wurde Lamya Kaddor von der Schule beurlaubt oder hat sie sich beurlauben lassen? Und warum gleich für ein ganzes Jahr? Gibt es eine dermaßen langfristige Bedrohungsvorhersage? Wie viele Lesungen/Vorträge wird Lamya Kaddor in den kommenden Wochen und Monaten geben? Wäre ein solches Programm mit der Arbeit als Lehrerin vereinbar gewesen? Hat Lamya Kaddor bis zu dem Zeitpunkt, da ich und Tichy über sie geschrieben haben, ein beschauliches Leben geführt, über „Islamkritik, die niemand braucht“, nachgedacht und nur Liebesbriefe bekommen?   

Wo kommt der Ehrendoktor her?

Wie liberal (oder bei Sinnen) ist eine Person, die über einen „jungen Mann“, der in das Haus von Kurt Westergaard eingedrungen ist und versucht hat, den Karikaturisten mit einer Axt zu erschlagen, Folgendes von sich gibt: „Vielleicht war es die Handlung eines Mannes, der auf dänischen Ämtern beleidigt, auf der Suche nach Arbeit gedemütigt wurde und wegen seiner Herkunft keine Diskotheken betreten durfte? Vielleicht fragte er sich bei jeder einzelnen ausländerfeindlichen und islamfeindlichen Parole verzweifelt, warum? Warum hetzen die gegen meine Hautfarbe, gegen meinen Glauben? Warum ist die rechtspopulistische Dänische Volkspartei mit 25 Sitzen drittstärkste Fraktion im Folketing?“ 

Klar, dass einem jungen Mann, der so gedemütigt wurde, nichts übrig bleibt, als sich eine Axt zu besorgen und loszuziehen, um einen dänischen Karikaturisten zu massakrieren. Wobei das Ganze offenbar nicht so schlimm war, wie es dargestellt wurde, denn: „Westergaard blieb bei dem Angriff übrigens (körperlich) unverletzt.“

Und schließlich: Wer hat am 11.Juni 2016 Lamya Kaddor die Ehrendoktorwürde in Islamischer Theologie verliehen? Sie sagt, es wäre die „university of il / USTOM“ gewesen. Die Abkürzung il könnte Israel oder Illinois bedeuten. In Israel gibt es keine Uni unter diesem Namen, und die University of Illinois in den USA verteilt sich auf sechs Locations. Ein Ort oder eine Region namens USTOM ist nicht dabei.Klickt man den auf ihrer Homepage angegebenen Link an, kommt ein Not Found zum Vorschein.

Lamya Kaddor ist eine brave Frau. Sie denkt an sich, bis zuletzt. Und manchmal noch ein wenig weiter.

PS. Der Deutschlandfunk legt nach. Hier. Frau Kaddor auch. Hier.

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Leserpost (12)
Stefan Eck / 07.10.2016

Judith Hirsch, Sie haben Unrecht wenn sie meinen, dass “der Staatsfunk dieser Rattenfängerin auf den Leim” geht. Die Staats- und Konzern-Medien suchen sich die “Islam-Experten, die ihr Weltbild stützen.

Emmanuel Precht / 07.10.2016

Die Bücher werden von Denen gekauft, die sich mit Bussen zur Wundermoschee nach Türksburg Myrxlüh karren lassen und in “ahhs” und “ohhs” ausbrechen weil da drinnen alles so schön bunt ist, Buntländer eben. Wohlan…

Andreas Stadler / 07.10.2016

Im Deutschlandfunk hieß es heute auch, dass sie trotz Verdienstausfalles sich berurlauben lassen hat. Den wird sie wohl nicht haben, ich bin nicht ganz sicher, aber man erhält doch sicher eine gewisse Summe für den Auftritt in Talkshows, plus die Tantiement für ihr Buch wird sie schon nicht zu kurz kommen. Hinzu kommt, dass sie als Lehrerin im Staatsdienst doch sicher auch ihr normales Gehalt (mit etwas Kürzung) weiterbeziehen wird. Von Verdienstausfall kann hier überhaupt kein Rede sein. Frau Kaddor macht ganz gut Kasse von zu Hause aus und im Fernsehstudio sicher auch.

Steve Acker / 07.10.2016

Zu Ihren häufigen Auftritten im Deutschlandfunk. Ihr Ehemann ist Redakteur beim Deutschlandfunk. Der hilft dann bei der PR. Zum Ehrendoktortitel:  Mike Tyson hat auch einen bekommen.

Rob Fähmel / 06.10.2016

In diesem Beitrag steckt ein höchst interessanter Satz:  “Es sei an der Zeit, findet sie, “über Verantwortung von Intellektuellen in diesem Land zu reden, die sich seit Jahren hinter bürgerlichen Fassaden verstecken und auf Meinungsfreiheit verweisen“. Soll heißen: die Meinungsfreiheit missbrauchen.” Hätte mir nun jemand erzählt, diesen Satz habe einst Herr Oberst Ghadaffi gesagt, oder Saddam Hussein, oder Herr Erdoghan: ich hätte es geglaubt. Was zeigt: die Meinungsfreiheit ist ein zartes Pflänzchen. Und kann schnell mal abgeerntet werden, wenn man nicht aufpasst.

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