Durch „Entschleunigung“ sollen nach einem Vorschlag der Gewerkschaft EVG die Fernzüge wieder besser laufen.
Wenn man sein Ziel nicht erreicht, dann muss man sich nicht mehr anstrengen, sondern einfach die Zielmarken nach vorn verschieben, wird sich der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, gedacht haben.
Sein origineller Vorschlag, um etwas gegen die latenten Verspätungen der Deutschen Bahn speziell im Fernverkehr und das darauf resultierende Chaos wegen verpasster Anschlüsse zu tun: der ICE solle einfach langsamer fahren, dann klappt das mit den Anschlüssen auch. 200 statt 250 Stundenkilometer seien ja auch schnell genug.
Zwar wurde ab den späten 1980ern große Teile des Schienennetzes der damaligen Deutschen Bundesbahn (DB) unter großen Kosten ausgebaut und teilweise neugebaut, einschließlich neuer Bahnhöfe, um den Ansprüchen eines modernen Hochgeschwindigkeitszuges, der sich mit dem französischen TGV und dem japanischen Shinkansen messen sollte und auch mal konnte, zu entsprechen. Rein technisch gesehen kann der ICE heutzutage sogar bis über 300 Stundenkilometer fahren. Aber ein entsprechender Streckenausbau ist heutzutage kaum noch vorstellbar, wenn man an den Dauerstreit bei Stuttgart 21 oder die zahlreichen Auflagen denkt.
Vor ein paar Jahrzehnten, nach der Wiedervereinigung, hat die Deutsche Bahn noch einen Teil der Strecken des maroden DDR-Erbes der Deutschen Reichsbahn wieder zu Schnellfahrstrecken ausgebaut. Vor 20 Jahren wurden immerhin die Strecken zwischen den Standorten der Fußball-WM 2006 ertüchtigt. Viele ältere Fahrgäste können sich deshalb noch gut daran erinnern, dass die Bahn auch ohne Drosselung der Geschwindigkeit zuverlässig fahren konnte. Eigentlich dürfte es im eigenen Hause bei der DB auch noch Mitarbeiter geben, die sich erinnern können, wie das geht, einen guten Bahnverkehr zu organisieren. Nur interessiert sich die Unternehmensleitung nicht für pragmatische Fachkompetenz.
Es ist wie in der Regierungspolitik. Die Führungskräfte zeigen immer weniger Interesse für das praktische Kerngeschäft und das hat irgendwann Folgen. Die Wirklichkeit ist da unerbittlich.
Sebastian Biehl, Jahrgang 1974, arbeitet als Nachrichtenredakteur für die Achse des Guten und lebt, nach vielen Jahren im Ausland, seit 2019 mit seiner Familie in Berlin.
