Axel Honneth beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit“ mit der Arbeit als verbindendes Element in einer immer weiter auseinander fallenden Gesellschaft.
Axel Honneth muss als Schüler der Kritischen Theorie betrachtet werden. Nach seiner Promotion beim Schweizer Soziologen und Schriftsteller Urs Jaeggi über Foucault und die Kritische Theorie, habilitierte er im Jahr 1990 mit „Kampf um Anerkennung“ bei Jürgen Habermas. Seine Habilitationsschrift wurde eine seiner bekanntesten Schriften. Einerseits gelang ihm somit der Durchbruch vor einem breiten Publikum. Andererseits konnte er im darauffolgenden Jahr eine Professur für Philosophie an der Universität Konstanz antreten. Im Jahr 1996 kam er als Ordinarius für Sozialphilosophie zu seiner Alma Mater, der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, zurück. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2015 blieb er ihr treu. Seit 2017 ist er Lehrstuhlinhaber der Jack C. Weinstein Professur of the Humanities an der Columbia University in New York, an der unter anderem auch der amerikanische Philosoph John Dewey lehrte und forschte – anders als in Deutschland sind in den Vereinigten Staaten die Kriterien für den Ruhestand weniger statisch und verbindlich.
Welch ein Glück. Denn ohne Zweifel gehört Honneth zu den profiliertesten Sozialphilosophen weltweit. Zudem ist er in einer Zeit aufgewachsen, in der Schul- und Universitätsbildung wesentlich mehr Bildung aufzuweisen hatten als heute, und in der eine intellektuelle Streitkultur gepflegt und angestrebt wurde. Ein noch größeres Glück. Daher ist es immer wieder eine Freude, wenn ein „Honneth“ herauskommt. So wie jetzt, „Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit“. Schon der knallrote Einband lässt erahnen, was den Leser im Inneren des Buches erwarten wird: Eine kleine Revolution, oder wie es neudeutsch heißt, eine „Zeitenwende“. Das ist definitiv der dritte Glückstreffer.
Wieso? Obschon sich die Arbeitsverhältnisse, angefangen von geringeren Löhnen bis hin zu zunehmenden Abhängigkeitsverhältnissen, grundsätzlich schon seit Jahrzehnten für die breite Bevölkerung verschlechtern, möchten weite Teile der politisch-medialen Eliten von dieser „schmutzigen“ Wirklichkeit nichts wissen. Lieber befassen sie sich ausschließlich mit marginal-angenehmen Themen, wie klima- oder diskriminierungspolitischen Inhalten. Daher ist es begrüßenswert, dass sich Honneth dieses stiefmütterlich behandelten, aber immens wichtigen Themas annimmt.
Nicht nur, weil er dem „arbeitenden Souverän“ seine Stimme als Sprachrohr schenkt, – was nicht nur honorig, sondern auch notwendig ist. Sondern auch, weil sich Honneth mit einem bedeutsamen, gemeinsamkeitstiftenden Momentum unserer Gesellschaft beschäftigt: der Arbeit. In einer Zeit, wo die Gesellschaft in Gruppen zersplittert, wo jedes Grüppchen Monopolansprüche erhebt, das wiederum die Prozesse der Entzweiung, der Entfremdung und der Spaltung vorantreibt, bietet Honneth einen gemeinsamen Nenner.
Moralisch unhaltbare Arbeitsverhältnisse
Somit weist Honneth auf einen wichtigen blinden Fleck in der Gesellschaft auf, die das interdependente Verhältnis von Demokratie und Arbeit vernachlässigt, ja geradezu missachtet. Seine These lautet: Ohne transparente und gerechte Arbeitsverhältnisse gibt es keine gesunde und lebendige Demokratie. In Concreto heiß das: Im ersten Abschnitt widmet sich Honneth drei wichtigen politischen Traditionen, die die Arbeitsverhältnisse in kapitalistischen Gesellschaften für moralisch unhaltbar halten, daher die Arbeitsbedingungen ändern möchten.
Historisch gesehen haben diese Traditionen ihren Ursprung in der Aufklärung, wo sich die Einstellung und das Verständnis von Arbeit während des 18. Jahrhunderts gravierend änderten. Von der Arbeit als notwendiges Übel und als Zeichen von Armut hin zu einer „Bedingung von freier Existenz und der Voraussetzung gesellschaftlicher Vollwertigkeit“. Trotzdem klaffte eine eklatante Lücke zwischen sozialer Realität und normativen Idealen. Das schuf den Nährboden für alle drei Kritiken.
Als bekanntester Vertreter der Entfremdungs-Kritik kann Karl Marx gesehen werden. Demnach besitze Arbeit einen intrinsischen Wert, der zum menschlichen Wesen gehöre. Daher sei Arbeit erst dann „gut“, wenn sie menschliche Fähigkeiten fördere, „wie das rationale Setzen von Zwecken, das kooperative Handeln und das kreative Gestalten“. Die damaligen Arbeitsbedingungen erfüllten aber diese Aufgabe nicht. Auf einen anderen, wichtigen Aspekt wiederum machten, mit dem Aufkommen des europäischen Frühsozialismus, Bürger der Vereinigten Staaten aufmerksam. Honneth nennt es das „republikanische Argument“. Diese Stimmen kritisieren die Pseudo-Freiheit, die bei Vertragsschluss mit jedem Arbeitgeber entstehe, weil die existenzielle Not die Bürger zwinge ihre Arbeitskraft auch zu den schlimmsten Bedingungen anzubieten. Arbeit sei demnach erst „gut“, sofern die Beschäftigten nicht der willkürlichen Herrschaft der Arbeitgeber ausgesetzt seien. Arbeiterkooperationen könnten hier Abhilfe schaffen.
Jedoch begreift Honneth sowohl bei der Entfremdungs- als auch bei der Autonomie-Kritik die Fixierung auf ein Prinzip, um Arbeitsverhältnisse zu verbessern, als problematisch, weil unrealistisch. Die dritte Kritik, die Demokratie-Theorie, sei da anders. Zum einen, weil sie ein der Arbeit übergeordnetes, normatives Ziel anstrebe, nämlich demokratische Verhältnisse. Zum anderen, weil sie durch ihren Realitätssinn ein graduelles Prinzip verfolge. Obwohl bereits Georg W. F. Hegel oder auch Èmile Durkheim auf dieses bedeutsame Wechselverhältnis von Demokratie und Arbeit verwiesen hätten, werde dieser Zusammenhang mittlerweile nicht mehr wahrgenommen – auch nicht von wissenschaftlichen Koryphäen wie John Rawls oder Jürgen Habermas. Daher versucht Honneth eigenständig fünf Faktoren der Arbeitstätigkeit zu extrahieren, „in denen die Chance zur Teilnahme an den Praktiken der öffentlichen Willensbildung in starkem Maße durch den Charakter der Position in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bestimmt ist“.
Verbesserungen bestehender Arbeitsverhältnisse
Anschließend umreißt Honneth, im zweiten Abschnitt, die historische Entwicklung der Arbeit in Westeuropa, angefangen vom 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit. Hierbei thematisiert er die Veränderungen in Tätigkeits- und Beschäftigungsformen, in Organisations- und Unternehmensformen sowie arbeitsrechtliche Veränderungen. Obwohl sich langfristig betrachtet die Arbeitsbedingungen verbessert haben, sehe man seit den 50-/60er-Jahren des letzten Jahrhunderts Verschlechterungen bis hin sogar zu Verhältnissen wie zu Anfang der Industrialisierung. Das beeinträchtige demokratische Prozesse, da schlechtere Arbeitsverhältnisse eine politische Partizipation erschwerten.
Wie man dem entgegenwirken könne, skizziert Honneth im dritten und letzten Abschnitt seines Buches. Seine Lösung: eine Demokratisierung von Arbeitsverhältnissen. Einerseits müssten alternative Formen zur gesellschaftlichen Arbeit, wie etwa Produktionsgenossenschaften, politisch gefördert werden. Weil diese sich aber an ein bestimmtes Publikum wendeten und daher zur Selbstabkapselung tendierten, bedürfe es andererseits der arbeitsrechtlichen Verbesserungen bestehender Arbeitsverhältnisse. Nur beides in Kombination könnte zu einer Demokratisierung der Arbeitsbedingungen führen. Ohne die jeweils andere Strategie steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich beide zu sehr fixierten – entweder auf das Theoretische oder das Praktische.
Doch als eigentliches Problem bei der Umsetzung der Demokratisierung von Arbeit sieht Honneth das geringe Interesse aufseiten des politisch-medialen Komplexes und den fehlenden Aktivismus, ja die Feigheit, der meisten Arbeitnehmer. Hinzu komme die Zersplitterung innerhalb der Arbeitswelt durch identitätspolitischen Aktivismus. Daher ist es umso erfreulicher, dass jemand, von einem Renommee Honneths, sich des Themas der Arbeit widmet. Diese Form der „Kritischen Theorie“ ist mitnichten zu vergleichen mit dem, was uns als intellektuelle Kritik verkauft wird: von „Political Correctness“ bis hin zur „Critical Race Theory“. Ob man ihm zustimmt oder nicht. Das, was Honneth vorlegt, ist Kritik im eigentlichen Sinne. Es ist Kritik par excellence.
„Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit“ von Axel Honneth, 2022, Berlin: Suhrkamp. Hier bestellbar.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay

Grundsätzlich kann und muss man alles mit allem vergleichen, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten überhaupt erfassen zu können. Der wahre Souverän ist immer der, der das Gewaltmonopol inne hat. Der „Arbeiter“ war das nie und wird es wohl auch nie sein. Es ist wirklich an der Zeit, alle Marxismusvariationen in den Abfalleimer der Geschichte zu schmeißen.
Von welcher Arbeitswelt schreibt denn Herr Honneth? Ich beobachte schon seit Längerem eine immer deutlicher werdende Zweiteilung des Abreitmarktes: die einkommenssteuerpflichtige Arbeit und die inoffizielle Arbeit. Ein bisschen einkommenssteuerpflichtige Arbeit braucht man, um das notwendige Minimum an Geld zu verdienen. Die inoffizielle Arbeit leistet man am eigenen Haus oder bei Freunden und Verwandten, denn nur die abgabefreie Arbeit lohnt sich noch. Stolz zeigte mir vor ein paar Wochen ein Halbtags-Heizungsmonteur seine 320 qm-Villa. Woher er denn das Geld dafür hätte, beantwortete der Halbtags-Handwerker sinngemäß so: Seine Villa hat so gut wie nichts gekostet, weil er fast alles selbst gemacht hat. Ein paar Arbeiten leisteten andere Handwerker, die als Gegenleistung handwerkliche Arbeiten von ihm bekamen. Man hilft sich eben gegenseitig. Das gierige Regime bekommt, was es verdient, nämlich nichts. Fachkräftemangel haben wir nur deshalb, weil sich steuerpflichtige Arbeit nicht mehr lohnt.