Deborah Ryszka, Gastautorin / 14.08.2021 / 16:00 / Foto: pixabay.de / 1 / Seite ausdrucken

Kultur-Kompass: Zwischen Globalismus und Demokratie

Wolfgang Streeck analysiert in seinem neuen Werk die wechselseitige Beziehung zwischen Globalismus und Demokratie, auch unter Berücksichtigung der Corona-Pandemie.

Endlich wieder einmal eine Gesellschaftsanalyse aus der Feder eines „echten“ Soziologen. Mit „Fastfood-Wissenschaft“ hat es in keinster Weise zu tun: schnell und einfach für möglichst viele Leser zubereitet. Das betrifft sowohl das Inhaltliche als auch den Umfang. Denn nicht Wunsch, sondern Wirklichkeit stehen an oberster Stelle. Deswegen bedarf es auch etwas mehr Seitenvolumen, nämlich knapp 540 Seiten.

Eben das beweist der renommierte Soziologe Wolfgang Streeck mit seiner neuesten wissenschaftlichen Abhandlung, „Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus. Zwischen Globalismus und Demokratie“. Dort analysiert er die wechselseitige Beziehung zwischen (wirtschaftlichem) Globalismus und (politischer) Demokratie, auch unter Berücksichtigung der Corona-Pandemie. Weil Globalismus und Demokratie auf unterschiedlichen Logiken beruhen, weil ihr Verhältnis dadurch nicht vereinbar sei, stecke das Staatensystem zwischen diesen beiden Polen fest.

Weder politisch noch wirtschaftlich bewege sich etwas. Wirtschaftlich, weil der Kapitalismus sein Versprechen von Wachstum nicht mehr erfülle. Politisch, weil Machthabende, Regierende und Scharen von Beratern und Experten der Durchblick fehle. (Man könnte es auch klarer formulieren und von mangelnder Kompetenz sprechen.) Zudem bestehe ein Kulturkampf zwischen „nationaler Demokratie“ und „internationaler, globaler Merkato- beziehungsweise Technokratie“. Ein politisches Patt sei die Folge.

Der Hass auf die Nation macht Linke blind für die Wirklichkeit

Daher plädiert der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln für eine „Rehabilitierung des Nationalstaates“. Angelehnt an die Ökonomen John Maynard Keynes und Karl Polanyi konzipiert er, nicht nur anhand zahlreicher empirischer Studien und Statistiken, einen „Keynes-Polanyi-Staat“ in einer internationalen Ordnung, ein „dezentralisiertes Staatensystem, kooperativ-konföderal statt imperial-superstaatlich geordnet“. Anders könne dem politischen Stillstand nicht entgegengetreten werden.

Warum viele Linke nicht auf diesen Zug der „Diversity“, wie es neudeutsch heißt, mitspringen? Sie halten an linken Idealen fest, die in heutigen Zeiten verstaubt, gar rückständig wirken: Internationalismus, gepaart mit Grenzenlosigkeit. Doch ein internationales Miteinander sei, wie Streeck es zeigt, nur mit einem starken Staat verwirklichbar. Der Hass auf die Nation macht Linke blind für die Wirklichkeit.

Daher muss Streeck aufpassen. Ihn könnte womöglich ein ähnliches Schicksal ereilen wie der ganzen Reihe „gecancelter“ Wissenschaftler – vorausgesetzt, einige ideologisch Verblendete und/oder kognitiv nicht großzügig Ausgestattete bedienen sich der Lektüre. Zwar sollte die Wahrscheinlichkeit gering sein, aber sie besteht. Wenn etwa Streecks Werk als Pflichtlektüre in einem Hochschulseminar gelesen würde. Dann könnten sich durchaus „woke“ Studenten intellektuell und ideologisch überfordert fühlen und zum Angriff übergehen.

Kein „Fastfood“, sondern ein „Gourmet“-Werk

Denn in diesem zeitdiagnostischen Werk beweist Streeck Eigenschaften, die wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Sachkompetenz, Wissenschaftlichkeit, zusammenhängendes Denken. Was folglich ein Genuss für jeden Intellektuellen und ambitioniert Intellektuellen darstellt, gilt als Dorn im Auge für alle anderen. Auch weil das knapp 540 Seiten starke Buch nicht zwischen Tür und Angel zu lesen ist.

Anders könnte es auch gar nicht sein. Im Gegensatz zu der Vielzahl monoperspektivischer wissenschaftlicher Abhandlungen, die sich zuhauf in den Bücherregalen finden, verfolgt Streeck einen mehrperspektivischen Ansatz. Neben einer hauptsächlich soziologisch-politisch-ökonomischen Sicht reihen sich historische und geopolitische, psychologisch-anthropologische und geradezu philosophische Sichtweisen an. Ein wichtiges Buch in spannenden Zeiten.

Weil das Werk eben kein „Fastfood“, sondern ein „Gourmet“-Werk darstellt, kann man es nicht in Kürze verschlingen. Vielmehr muss sich der geneigte Leser die Zeit und Muße nehmen, um es wahrlich in seiner wissenschaftlichen Schönheit genießen zu können. Diese Vorfreude sollte genug Ansporn für etwaig aufkommende Herausforderungen darstellen. In diesem Sinne stellt „Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus“ wahrlich einen Genuss für alle Liebhaber einer ordentlichen wissenschaftlichen Analyse dar. Oder knapp formuliert: „Bon appétit!“.

„Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus. Zwischen Globalismus und Demokratie“ von Wolfgang Streeck, 2021, Berlin: Suhrkamp. Hier bestellbar.

Foto: pixabay.de

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Leserpost

netiquette:

Dr Stefan Lehnhoff / 14.08.2021

Klingend spannend- ich würde wohl erst mal Definitionen checken wollen. Kapitalismus? Gibt es nirgendwo, sondern nur Finanzfeudalismus. Demokratie? Ich kann als Autofahrer zwischen 4 verschieden Fahrrädern auswählen- wenn ich Glück habe. Und die Mehrheit die gleiche Farbe will. Etc. Aber Danke für den Tipp.

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