Wer an die Kraft des Verstandes glaubt und die dahinterstehenden Mechanismen verstehen möchte, muss zu Florian Willets neuestem Werk greifen, „Wie uns die Parteien über den Tisch ziehen! Ein Blick in die machiavellistische Trickkiste“.
Bundesregierung und Leitmedien verteidigen offensichtlich die Position: Nicht aussagekräftige Testergebnisse rechtfertigen aussagekräftige Inzidenzen, die politische Maßnahmen rechtfertigen. Ist das alles also Zauberei, eine höhere Magie, die nur einige, auserwählte Regierungszauberer und Leitmedienhexen verstehen? Oder lässt sich dieser Widerspruch als Taschenspielertrick entzaubern?
Wer an die Kraft des Verstandes glaubt und die dahinterstehenden Mechanismen verstehen möchte, muss zu Florian Willets neuestem Werk greifen, „Wie uns die Parteien über den Tisch ziehen! Ein Blick in die machiavellistische Trickkiste“. Magieverzauberte würden es wohl DAS Entzauberungsbuch nennen, Verstandgeleitete hingegen DEN Machiavelli für heute.
Denn in seinem Buch bringt Willet dem politisch wenig versierten Leser schwer verständliche und ernsthafte machtpolitische Inhalte zugleich leicht verständlich und unterhaltsam rüber. Das versuchen einige Autoren, aber nicht jeder schafft das. Umso dankbarer kann der Leser sein, dass Willet seine Fähigkeit auf die Zaubertricks der Politiker für den geneigten Leser konzentriert und diese entlarvt. Esprit und Leichtigkeit begleiten ihn.
Inmitten der Trickkiste der Politiker
Bevor Willet aber diese Trickkiste öffnet, verortet er, was rechts und links, konservativ und liberal ist. Er ordnet einige wichtige gesellschaftliche Aspekte wie Gerechtigkeit und Kooperation und Wettbewerb ein. Gekonnt lässt er den Leser in seine Gedanken gleiten, bis dieser sich im Lesebann befindet. Wort für Wort. Satz für Satz. Seite für Seite.
So findet sich der Leser plötzlich inmitten der Trickkiste der Politiker – und Journalisten. Statt auf Inhalte setzen diese auf Selbstpräsentation. Wie gewöhnlich brechen sie Versprechen, anstatt diese einzulösen. Schließlich konnten sie nicht vorhersehen, was passieren würde. Ja, mit der fehlenden Weitsicht, tatsächlich ein Argument. Statt mit statistisch sauberen Zahlen zu hantieren, präsentieren sie Kennwerte, die ihre eigene Position untermauern. „Transparenz, kurze Wege und direkte Kommunikation sind [ihnen] ein Gräuel.“ Undsoweiterundsofort. Spätestens hier sollte sich der Leser, wie der Hase aus dem Zauberhut fühlen.
Noch spannender wird es, wenn Willet Schlüsse zu Themen zieht, wie die politische Korrektheit oder Frauenbevorzugung. Wie im gesamten Buch nimmt er auch hier kein Blatt vor den Mund. Und: Erfreulicherweise meint er nicht den Leser vor sich selbst schützen zu müssen – in typischer politisch-journalistischer Oberlehrerattitüde –, indem er ihm gewisse Informationen vorenthält. Stattdessen hält er es wie Jean Paul: „Schweigen ist edel, verschweigen nicht.“
Hinterlistig, aber wirksam
Besonders heutzutage mag es nicht jeder aus dem Establishment hören. Aber es erklingen Sätze wie: „Weiße Frauen sind die privilegierteste und mächtigste aller Gruppen, die sich mittels einer Matrix aus Geschlecht und Ethnie abgrenzen lassen.“ Oder: „Da die Menschen immer dazu tendieren, auf der ‚richtigen‘ Seite zu stehen, merken sie nicht, wie sie auf diese Weise manipuliert und zum reinen Stimmvieh degradiert werden.“ Zu wissen, wer sich auf der „richtigen“ Seite unserer Zeit wähnt, ist nicht schwer zu erraten.
Es ist die Seite, die nicht selten pathologisiert und hetzt, anstatt zu argumentieren, um die Gegenseite zum Schweigen zu bringen. Das bringe nicht nur ein Gefühl der moralischen Überlegenheit. Es führe auch dazu, „dass jemand sich selbst für böse hält, wenn er es wagt, bestimmten Überlegungen nachzugehen, geschweige denn sie zu thematisieren“. Dies „ist allemal wirkungsvoller als unverhohlene Einschüchterung“. Und auch das Rechts-Argument gegenüber anderen Positionen entlarvt Willet als „perfide Strategie“. Unliebsame Positionen, „rechte“ Positionen, werden so außerhalb des demokratischen Diskurses versetzt. Das ist hinterlistig, aber wirksam.
In dieser Manier geht Willet Schritt für Schritt auf die einzelnen Taschenspielertricks von Berufspolitikern ein und untermauert diese mit anschaulichen Beispielen sowie alltäglichen Analogien. Ohne den Leser überzustrapazieren, behält er die gewollte Vogelperspektive bei. Niemand außer Politikern und engagierten Journalisten kann Willet Parteilichkeit oder Unsachlichkeit, oder gar faulen Zauber unterstellen.
Denn selten findet man eine so ausgewogen differenzierte und unideologische Sichtweise. Selten gehen knapp 230 Seiten so schnell und unterhaltsam vorbei. Und selten nimmt der Leser zugleich so viel für sich mit. Nicht viele Autoren ziehen ihre Leser derart in ihren Bann, wie Willet es vermag. „Wie uns die Parteien über den Tisch ziehen!“ ist daher wärmstens zu empfehlen. Auch oder unbedingt als Geschenk unter dem Tannenbaum. Es entzaubert nicht nur Berufspolitiker, sondern verzaubert den Leser und bezaubert den Geist. Taschenspielertricks garantiert ausgeschlossen.
Willet, Florian (2021). „Wie uns Parteien über den Tisch ziehen! Ein Blick in die machiavellistische Trickkiste“. Münster: solibro. Hier bestellbar.

Weiße Frauen aus der Oberschicht mögen ja mächtig sein, der Durchschnittsfrau wird Silvester in Köln zugemutet. Die deutsche „Elite“ verachtet den alten weißen Mann, die Verachtung der sozial schwachen weißen Frau hat das Establishment den neuen Mitmenschen überlassen. Ich fühle mich in Berlin Neukölln nicht wirklich privilegiert. Während es für die Anna-Lenas und Luisas immer einfacher wird ohne Leistung und Intellekt bis in höchste Ämter zu gelangen, wird es für die normale Frau immer schwieriger einfach nur raus zu gehen. Der Herr darf sich mal die Liste der Vergewaltigungen und Morde seit 2015 ansehen, dann reden wir wieder über Privilegien. Mich würde sehr Frau Schunkes Ansicht über unsere Privilegien interessieren, auf die ich gerne verzichten würde.