Dass es sich lohnt, immer wieder einmal Klassiker in die Hand zu nehmen, das bestätigt der Philosoph, Jörg Noller. Mit Immanuel Kant.
Zum Kant-Jahr (Kant hätte am 22. April seinen 300. Geburtstag gefeiert). Zum Thema der digitalen Aufklärung. Mit seinem Buch „Was ist digitale Aufklärung? Mit Kant zur medialen Mündigkeit“. Indem er Kants Verständnis der Mündigkeit zeitgerecht auf digitale Techniken und Medien überträgt. Endlich! Denn: Smartphones und Tablets, YouTube und Instagram, WhatsApp und X, sie alle sind schon fast zwanzig Jahren kaum mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Sie sind erweitertes Gedächtnis, virtuelle Schule oder alternativer Freundestreff. Unabhängig von Raum und Zeit, immer präsent, überall erreichbar. So haben sie das menschliche und zwischenmenschliche Leben einschneidend verändert.
Deswegen gilt es sorgsam damit umzugehen, was auch direkt zur These der Philosophen Noller führt: Digitale Technologien und Medien seien per se nicht böse oder gut. Erst der menschliche Gebrauch führe zu negativen oder positiven Konsequenzen. Daher müsse die Gefahr einer digitalen Unmündigkeit näher untersucht werden. Und genau das ist auch das Ziel Nollers mit seinem Buch. Dem Leser nicht nur darzustellen, wie wichtig eine „digitale Mündigkeit“ sei, sondern diesem auch gewisse Handlungsanweisungen zu präsentieren.
„Mündigkeit“ begreift Noller hiernach, angelehnt an Kant, als einen selbstdenkerischen und reflektierten Umgang mit digitalen Technologien und Medien (Kants „Sapere aude!“), der letztendlich ein selbstbestimmtes Leben ermögliche. Noller formuliert es wie folgt: „Wie wir die neuen Medien so einsetzen können, dass ihre Vermittlung mit unserer Selbstbestimmung vereinbar ist und diese idealerweise sogar noch vergrößert“.
Ideologisches Denken, Banalisieren und Trivialisieren sowie Dramatisieren gehörten eindeutig nicht in dieses vernünftigen Verhältnis. Um diese alle zu vermeiden, müsse man selbständig denken, sich in andere Perspektiven hineinversetzen und konsequent Denken. Wer jedoch nach diesen Grundsätzen bereits sein analoges Leben gestaltet, der sollte mit dem Erreichen seiner „digitalen Mündigkeit“ nicht allzu große Probleme haben.
„Tempi passati
Um darüberhinaus diese Wichtigkeit einer „digitalen Mündigkeit“ zu untermauern, lässt Noller den Leser in unterschiedliche Bereiche des Lebens eintauchen, in denen digitale Technologien und Medien tatkräftig eingesetzt und genutzt werden. Von der digitalen Politik über die digitale Bildung bis hin zu eine digitalen Philosophie. Stets an konkreten Beispielen orientiert, begreift der Leser, mehr und mehr, wieso die Kategorien von „gut“ und „böse“ nicht auf Smartphone, Instagram und WhatsApp übertragen werden dürfen. Idealerweise kommt er, wie Noller, zu dem Schluss, wie bereichernd die digitale Welt und ihre Techniken sein können. Vorausgesetzt man bediene sich seiner „digitalen Mündigkeit“.
Wer sich demnach für Kant und Digitalität interessiert, muss einfach zu „Was ist digitale Aufklärung?“ greifen. Noller verbindet dort auf etwa 175 Seiten beide Themen gekonnt miteinander und verpackt sie in eine leicht verständliche und schnörkellose Sprache. Doch auch alle anderen machen mit diesem Werk definitiv nichts falsch.
Denn: Noller verdeutlicht indirekt den Wert alter Klassiker, wie Kant, für unsere heutigen Zeiten. Weite Teile der intellektuellen Konkurrenz und ihre Theorien von heute, umhüllt in Regenbogenfarben und dem fanatischen Kampf gegen „rechts“, können mit ihnen einfach nicht mithalten. „Tempi passati“. Doch zum Glück können wir noch immer auf die Überlieferungen der „alten, weißen Männer“ zurückgreifen.
Noller, Jörg (2024). „Was ist digitale Aufklärung? Mit Kant zur medialen Mündigkeit“. Freiburg i. B.: Herder.
Dr. phil. Deborah Ryszka, geb. 1989, Kind politischer Dissidenten aus Polen, interessierte sich zunächst für Philosophie und Soziologie, dann für Kunst und Literatur und studierte Psychologie. Später lehrte sie an verschiedenen Hochschulen und ist seit 2023 Vertretungsprofessorin für Psychologie an einer privaten Hochschule. Zudem schreibt sie regelmäßig Beiträge zu gesellschaftspolitischen Themen und bespricht Bücher.
Die in diesem Text enthaltenen Links zu Bezugsquellen für Bücher sind teilweise sogenannte Affiliate-Links. Das bedeutet: Sollten Sie über einen solchen Link ein Buch kaufen, erhält Achgut.com eine kleine Provision. Damit unterstützen Sie Achgut.com. Unsere Berichterstattung beeinflusst das nicht.

„Sapere Aude“ stammt eigentlich aus den Episteln von Horaz. I. Kant hat ihn übernommen. Der Spruch ist also über 2000 Jahre alt. Was ist digitale Aufklärung. Das Wort „digital“ würde ich streichen. Digital kann helfen, Denken muss du selber. Wie vor 2000 Jahren.
Ich brauche diesen wunderbaren Artikel nicht mal zu lesen, um zu wissen, dass die sich jetzt an den Hebeln der Macht befindliche Generation ihn nicht versteht. Sie ist einfach zu ungebildet, oder um es plump zu sagen: zu dumm. Sie führt uns schnurstracks in den Untergang unserer Zivilisation und freut sich vielleicht sogar noch darauf… Die einzige Chance wäre eine Gegen-Revolution. Vorbild wäre da zum Beispiel Clint Eastwood und sein Film „Space Cowboys“. Aber das ist wohl nur ein romantischer Traum…
Was nützt eine Aufklärung, hier Digital, wenn das größte Datenkartell seit bestehen der Erde über die gesamte Menschheit hinweg absolut undemokratisch beschlossen ist? Da könnte ich mich gleich über die Freiheit des Vakuum auf dem Mond oder Erdnähe unterhalten. Siehe Norbert Häring „Pakt für Digitalzwang.. 7. 09. 2024 Am 22. und 23. September findet in New York ein von der deutschen und namibischen Regierung vorbereiteter UN-Zukunftsgipfel statt. Dabei soll ein Globaler Digitalpakt verabschiedet werden, der unter fast völligem Ausschluss der Öffentlichkeit und – soweit ich weiß – der Parlamente, bereits ausverhandelt wurde.“ Gerade New York, der schlimmste Gerichtsstandort der gesamten Erde.
Interessant sind die vielfältigen Versuche der politischen „Eliten“ und ihrer Vordenker (z.B. J. Habermas) uns treusorgend vor den Gefahren unserer – nach deren Auffassung ja wohl nur scheinbaren – digitalen Mündigkeit zu „beschützen“. Offenbar klappt das nicht so richtig, wie man am Wahlverhalten der digitalaffinen Jungwähler erkennen kann. Vielleicht wird noch alles gut.