Deborah Ryszka, Gastautorin / 25.12.2021 / 16:00 / Foto: Pixabay / 4 / Seite ausdrucken

Kultur-Kompass: „Sensibel. Über moderne Empfindsamkeit“

In „Sensibel“ bringt Flaßpöhler uns mit David Hume, Norbert Elias, Sigmund Freud und Jacques Derrida im Gepäck das Konzept der „Sensibilität“ näher. So etwa auch Empathie, Gefühlsansteckung und Taktgefühl.

Der schnellste Rennfahrer, der begnadetste Gitarrist oder der stilsicherste Schreiberling. Der Beste sein zu wollen, das war einmal. Heute geriert man sich lieber als Opfer. Man könnte auch sagen: Die Spiele mögen beginnen. Es ist die Zeit der Opfer-Olympiade.

Eben dieses Phänomen greift Svenja Flaßpöhler in ihrem neuen Buch auf – zwar in einem begrifflichen Tarnumhang, aber immerhin. „Sensibel. Über moderne Empfindsamkeit und die Grenze des Zumutbaren“, lautet der Titel. Und hier offenbart sich auch zugleich der Hauptkritikpunkt des Buches. Indem Flaßpöhler den Begriff der „Sensibilität“ nutzt, verharmlost sie ungemein. Radikalfeministische Positionen, nach denen alle Männer als potenzielle Frauenmörder zu sehen und alle Frauen Opfer von Männern seien, das ist alles andere als „sensibel“.

Doch schaut man über diese allzu sensible Verniedlichung hinweg, lohnt es sich trotzdem, Flaßpöhlers Werk in die Hände zu nehmen. Im Parforceritt durchschreitet sie grundlegende Theorien aus Philosophie und Soziologie, Psychologie und Linguistik. Mit David Hume und Norbert Elias, Sigmund Freud und Jacques Derrida im Gepäck, bringt sie dem Leser das Konzept der „Sensibilität“, und alles was dazu gehört, näher. So etwa Empathie, Gefühlsansteckung und Taktgefühl.

Zunehmende Sensibilisierung des Selbst

Das alles bereitet sie leicht verständlich und anschaulich auf. Verständnisschwierigkeiten sollten kaum auftauchen. Das gilt gerade für jene, die sich nicht an die Originalwerke oder wissenschaftliche Sekundärliteratur trauen. Weil es zu trocken, zu schwierig, zu komplex oder sonst was sei.

Letzteres trifft auf Flaßpöhlers These definitiv nicht zu. Diese lautet: Unsere Gesellschaft sei gespalten. Die Trennlinie verlaufe zwischen „Schneeflocken“ auf der einen Seite und „Sprachgewalttäter“ auf der anderen Seite. Ebendiese Gegenüberstellung sei die Folge einer zunehmenden Sensibilisierung des Selbst und der Gesellschaft.

Diese Annahme versucht Flaßpöhler nun mit unterschiedlichen Theorien und Beobachtungen zu untermauern. Indem sie auf Norbert Elias eingeht, der Sensibilisierung als einen wesentlichen Faktor zivilisatorischen Fortschritts begreife. Demnach seien politische Korrektheit, Gendersprache oder MeToo als zunehmende Sensibilisierung aufzufassen, so Flaßpöhler weiter.

Das ist eine strittige Annahme. Handelt es sich bei den wirklich „Sensiblen“ nicht um eine winzig kleine Minderheit? Instrumentalisieren nicht die meisten den Genderstern, um ganz oben in der Aufmerksamkeitsökonomie zu stehen? Oder gar um auf der beruflichen Karriereleiter weiter nach oben zu kommen? Ja, sensibel ist das. Aber nur auf den eigenen Punkt bezogen. Wenn es um andere geht, ist das unsensibel, ja infantil. Trotzdem ist hiervon im Buch keine Rede.

Willkommen im Zeitalter der Opfer

Obwohl notwendige Begriffe, wie „infantil“ oder „ego-sensibel“ nicht auftauchen, so kritisiert Flaßpöhler den einseitigen Blick auf die eigenen Sensibilitäten. „Als gut gilt das Gleiche, Identische, der ‚Jargon der Eigentlichkeit‘ (Adorno). Differenz hingegen gilt als gefährlich. Umso bedeutender ist, dass Institutionen – Verlage, Universitäten, Medien – diesen Tendenzen nahezu widerstandslos nachgehen, und sei es aus ehrenwerten Motiven“. In anderen Worten: Alle, die Chancengleichheit mit Ergebnisgleichheit gleichsetzen, veranstalten nicht nur die Opfer-Olympiade. Sie befeuern sie geradezu. Vermeintliche Opfer werden so zu Tätern. Willkommen im Zeitalter der Opfer.

Kurzum: Mit Sensibilität haben politische Korrektheit, MeToo und Black Lives Matter nur wenig zu tun. Eher mit einem einseitigen Demokratieverständnis, historischer Ignoranz und einem egoistischen Trieb. Statt „Sensibilität“ als Titel wäre daher „Ego-Sensibilität“ treffender. Trotz dieser Unstimmigkeit bietet Flaßpöhler einen guten Einblick in verschiedene Theorien aus unterschiedlichen Bereichen. Wer philosophisch, soziologisch und psychologisch nicht so bewandert ist, wird es nach der Lektüre definitiv nicht mehr sein. Nicht nur, wenn es um „Sensibilität“ geht.

Flaßpöhler, Svenja (2021). „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren“. Stuttgart: Klett-Cotta. Hier bestellbar.

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Leserpost

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Stefan Riedel / 25.12.2021

@Wolf Hagen, muss ich jetzt meinen Beitrag zurückziehen? Da bin ich dabei, nimm ihnen das Mobile Phone weg und sie sind aufgeschmissen. Unfähige Amöben wie zu Urzeiten am Strand (obwohl nichts gegen Amöben)? Und sonst noch etwas Wichtiges? Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

Emmanuel Precht / 25.12.2021

Empfindsam oder empfindlich. Ein himmelschreinder Unterschied. Da muss schon etwas zwischen den Bedeutungen Diskrimminiert werden . Ein Boxer ist gut wenn er empfindsam die Angriffe erkennt bevor sie geschehen und darf nicht empfindlich sein, er muss einstecken können. Wohlan…

Wolf Hagen / 25.12.2021

“Kurzum: Mit Sensibilität haben politische Korrektheit, MeToo und Black Lives Matter nur wenig zu tun. Eher mit einem einseitigen Demokratieverständnis, historischer Ignoranz und einem egoistischen Trieb.” Und um das zu wissen muss man erst ein Buch schreiben, bzw. lesen?!  Echt jetzt?! Einen Klatsch und einen Tritt in den Ar***, mehr braucht es nicht, um all die woken Heulsusen und Schneeflöckchen wieder auf Kurs zu bringen. Und wie bei Kleinkindern auch, ignoriert man bei den woken Schneeflöckchen anschließend das Geheule und Geschrei für fünf Minuten. Reicht das nicht, nimmt man ihnen das Handy, den PC und das TV weg, zack ist sehr schnell Schluß mit dem “Shice”. Dafür brauche ich kein Buch.

Stefan Riedel / 25.12.2021

“In „Sensibel“ bringt Flaßpöhler uns mit David Hume, Norbert Elias, Sigmund Freud und Jacques Derrida im Gepäck das Konzept der „Sensibilität“ näher. So etwa auch Empathie, Gefühlsansteckung und Taktgefühl.” David Hume und Jacques Derrida im gleichen Satz zu erwähnen, spricht ja für “Politische Korrektheit”, aber sicher nicht für Empathie, Gefühlsansteckung und Taktgefühl? Bei mir auf jeden Fall nicht! (ich gestehe, mathematisch naturwissenschaftlicher Kulturbanause).

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