Kultur-Kompass: „Pantheismus für Anfänger“

Eine Kollegin wies mich auf das Buch von Simon Akstinat hin, „Pantheismus für Anfänger. Der kaum bekannte Gottesglauben von Goethe, Einstein und Avatar“. Der erste Eindruck? Schön, dass jemand nach Alternativen in der sich ausbreitenden Wolke des Atheismus in einer digitalen Welt sucht. Nämlich auf eine Weise, die besonders für weniger affine Leser bestens geeignet ist. Leser, die sich von der christlichen Kirche abwenden und nach einer Alternative suchen.

Der zweite Eindruck? Oder besser gesagt, Hingucker? Das Titelbild. Akstinat, vom Bauch aufwärts, im Zentrum abgebildet. Mit fast kahl rasiertem Kopf, entspanntem Lächeln und verschränkten Armen. Dazu ein schwarzes T-Shirt. Um ihn herum platziert, aber wesentlich kleiner, reihen sich ein Dackel und ein Elefant. Zu seiner Linken. Auf der anderen Seite ein Hirsch und ein Reptil. Dazwischen etwas Pflanzengrün. Eine Fledermaus, ein Kolibri sowie ein Schmetterling und eine Biene (?) runden das ganze Bild ab. Es lässt erahnen, was sich im Inneren des Buches bestätigt:

Der geneigte Leser sollte sich hiervon nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil. Das Titelbild ist kein 08/15-Bild. Ebenso wie es das Thema ist: Pantheismus, die Überzeugung, dass Gott überall und in jedem sei. In jedem belebten Wesen, wie etwa Mensch, Tier und Pflanze, und in jedem unbelebten Wesen, wie zum Beispiel Stein, Metall und Holz. Medial hört man recht wenig vom Pantheismus. Doch das sagt mitnichten etwas über die Attraktivität oder das Potential des Pantheismus aus.

„Safe Space“ der Religion

Der ausschlaggebende Grund für sein Interesse? Unter anderem seine Unzufriedenheit mit dem evangelischen Gottesdienst trieb ihn in die Arme des Pantheismus. Weder Motivation noch Inspiration konnte er aus den Predigten ziehen. Zudem fühlte er sich wie auf einem Parteitag. Neben diesen parteipolitisch geprägten Gottesdiensten erweckten auch innere Widersprüche im Christentum zunehmend seine Zweifel. Wie die verschiedenartige Darstellung Gottes im Alten und Neuen Testament.

Infolgedessen beschäftigte sich Akstinat mit Alternativen (nach Merkel ein „alternativloses“ Unterfangen) und fand den Pantheismus. Das Ergebnis ist „Pantheismus für Anfänger“. Nicht nur um Leuten die pantheistische Weltsicht nahezubringen, sondern sie womöglich hierfür zu begeistern. Infolgedessen schneidet er kurz eine breite Palette unterschiedlicher Themen auf etwas über 150 Seiten an. Von der Moral beim Pantheismus bis hin zum Sinn des Lebens.

Sogar mit der Gründung einer pantheistischen Kirche liebäugelt er. Ein Ersatz für den entmutigten Christen? Eine Lösung für den steigenden Mitgliederschwund in den Kirchengemeinden? Erste Ansätze, wie so eine Kirchengemeinschaft aussehen könnte, beschreibt Akstinat im Buch. Wie zum Beispiel den pantheistischen Gottesdienst statt Sonntag in der Frühe, am Montagabend zu halten. Oder die Kirche als politikfreien Raum zu begreifen. Sozusagen als „safe space“ der Religion.

Von Goethe bis Sinatra

Das alles ist leicht und verständlich, nicht allzu fordernd geschrieben, somit geeignet für den kleinen pantheistischen Hunger. Für Zwischendurch. Inmitten des hektischen Alltags. Zwischen Home-Office und Büro, Kindern und Ehepartner. Strikt wissenschaftliche, philosophische oder weitere tiefe Gedanken begegnen einem kaum. Weder eine theoretische Auseinandersetzung noch verschiedene Spielarten des Pantheismus kommen vor. Die Duzform verwundert daher wenig. Sie ist gewöhnungsbedürftig, aber das ist Geschmackssache.

Obschon man, hier und dort, Akstinat bei seinen Annahmen und Schlussfolgerungen widersprechen muss (zum Beispiel: Kann man den Pantheismus überhaupt als Religion auffassen?), so kann man „Pantheismus für Anfänger“ als eine erste Orientierungshilfe für Erstinteressierte begreifen.

Daneben bringt Akstinat, abwechslungsreich und passend, Zitate von Max Planck über Wolfgang Johann von Goethe bis hin zu Frank Sinatra, zum Besten. Doch die meisten Anfänger wünschen sich gewiss keine tiefgreifendere theoretische Auseinandersetzung mit dem Pantheismus.

Auch der Leser, der ein besonderes Interesse für jene Persönlichkeiten der Geschichte hegt, findet etwas für sich. Akstinat bietet hier eine gute Übersicht mit zum Beispiel Albert Einstein oder Michail Gorbatschow. Oder die Überzeugung, der Pantheismus sei eine Religion, die man institutionalisieren könnte. Wer erstes und/oder zweites für sich bejahen kann, der kann auch aus „Pantheismus für Anfänger“ einiges für sich gewinnen.

 

Akstinat, Simon (2020). „Pantheismus für Anfänger. Der kaum bekannte Gottesglauben von Goethe, Einstein und Avatar“. Berlin: Brocken. Hier bestellbar.

Foto: Jürgen Frey / Boaz Arad

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Stephan Bender / 07.11.2021

“Daneben bringt Akstinat, abwechslungsreich und passend, Zitate von Max Planck über Wolfgang Johann von Goethe bis hin zu Frank Sinatra, zum Besten.”—- Und als Ergänzung zu diesen pantheistischen Schwurblern, (wir haben schließlich alle mal einen schlechten Tag, an dem wir Müll reden), empfehle ich als intellektuelles Kontrastprogramm “The Big Short” von 2015, von überall streambar, mit einem glänzend aufgelegten Christian Bale und einem coolen Brad Pitt, wie man sie so noch nie gesehen hat. Danach ist man sofort vollständig vom Weltschmerz geheilt.. ;-)

Markus Harding / 07.11.2021

O weh, sowas auf der Achse zu lesen…. Aber wie schreibt Paulus doch so zutreffend in seinem Brief an die Römer im ersten Kapitel über den modernen Menschen: “Die sich für Weise hielten, sind zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.” Die Malaise Europas ist das Vergessen, Verleugnen und Verdrängen der Wurzeln seiner Erfolgsgeschichte, nämlich des christlichen Glauben und seiner Grundlage, der Bibel. Und jetzt also Pantheismus, Gott in jedem Schmetterling, jeder Blume, jedem Vogel, jedem Baum. Damit ist dann auch der Bogen zur grünen Klimareligion unserer Zeit geschlagen. @ Heiko Stadler: Auch von mir eine Empfehlung: Auf Youtube nach Arthur Ernest Wilder-Smith suchen “So entstand die Welt”. Und in Zeiten, wo Computer allgegenwärtig sind und Grundwissen darüber zur Allgemeinbildung gehört: Wie sollen zufällig angeordnete Moleküle GLEICHZEITIG eine Schriftsprache (DNA), das Programm zur Interpretation bzw. Kompilierung der Schrift sowie der Ausführung der enthaltenen Befehle gebildet haben? Erzeugt der 3D-Drucker den Bauplan für das Werkstück und seinen Einsatz in einer komplexen Maschine? Bringt die Hardware die Software hervor?

Rasmus Zaurins / 07.11.2021

Albert Einstein war kein Pantheist! Wenn Sie hier versuchen Empathie durch Autorität zu erzeugen, missbrauchen Sie nicht einen vernünftigen Menschen hierfür.

Ludwig Luhmann / 07.11.2021

@Heiko Stadler / 07.11.2021 “Wenn mir jemand irgend etwas auf der Welt oder im Universum zeigen kann, das sich nicht wissenschaftlich oder durch die Evolutionstheorie erklären lässt, dann bin ich fünf Minuten später tief gläubig. (...)”—-—- Da habe ich was für Sie. Sie werden die Engel singen hören! Hören Sie sich 20 Minuten lang an, was Udo Pollmer in seinem neuesten Video “Brotzeit: Evolution der Dogmen” auf Youtube zu sagen hat. Suchen Sie nach EULE Udo Pollmer Brotzeit: Evolution der Dogmen.

Markus Kranz / 07.11.2021

Ich hab’ ne fantasy Geschichte mit ner ‘naturwissenschaftlichen’ Religion, die auch pantheistisch angehaucht ist. Passt auch wunderbar zusammen. Wobei das alte Testament/Genesis mit Naturwissenschaft ebenfalls gut zusammenpasst. Lediglich die ‘neuen’ Religionen sind ein Problem für naturwissenschaftliche Ansätze.

Werner Grandl / 07.11.2021

Schon Sokrates und Platon waren Pantheisten. Platon spricht im Dialog “Timaios” von der ” Einen Gottheit”. Die Götter des Olymp hielt er bloß für die vergöttlichten Ahnen der Griechen. Womit er übrigens ganz nahe bei der nordischen Mythologie lag. Die skandinavischen Könige sahen sich als Nachkommen Odins, sogar noch lange nach der Christianisierung. Mit einem pantheistischen Weltbild gerät man allerdings in Konflikt mit dem “semitischen” Gott des Alten Testaments, der als personaler Gott absoluten Gehorsam von seinen Geschöpfen verlangt.

Heiko Stadler / 07.11.2021

Wenn mir jemand irgend etwas auf der Welt oder im Universum zeigen kann, das sich nicht wissenschaftlich oder durch die Evolutionstheorie erklären lässt, dann bin ich fünf Minuten später tief gläubig. Weder meinen streng christlichen Eltern, meinen Religionslehrern in der Schule, dem (Gehirn)Stromlosen-Bedford und schon gar nicht Mekel, Drosten, Lauterbach oder Greta & Luisa ist es gelungen, mich von der Religion des Christentums, des Islams, der Klimareligion, der Coronareligion, der Regilion des ewig verdammten Hellhäutigen oder des Pantheismus zu überzeugen, obwohl ich doch so gerne religiös wäre.

Ludwig Luhmann / 07.11.2021

Dieser eklektische Mainstreamautor wird demnächst den Animismus als natürliche und ursprüngliche Quelle des Pantheismus entdecken und dann, ganz modern - schwuppdiwupp, haste nicht gesehen! - das Christentum über den Islam in das halale Blutverschütten ziehen.

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