Mit seinen „Verhaltenslehren der Kälte“ erregte der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen im Jahr 1994 große Aufmerksamkeit. Jüngst erschien sein Werk „Der Sommer des Großinquisitors“, in dem er sich dem Thema der Macht und Moral widmet. Um mehr über Macht, Moral und ihre Wirkmechanismen zu erfahren, interviewte AchGut-Autorin Deborah Ryszka den 84-Jährigen.
Deborah Ryszka: Herr Lethen, weil Sie sich in Ihrem Werk, „Der Sommer des Großinquisitors“ auch mit Macht beschäftigen: Haben Sie schon einmal Ihre Macht bewusst ausgenutzt oder die Erfahrung gemacht, dass jemand diese auf Sie angewendet hat?
Helmut Lethen: Lange Zeit habe ich einen Spruch aus meinen „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) beherzigt: „Unwahrheit, die schont, ist immer besser als Wahrheit, die verletzt. Verbindlichkeit, die nicht bindet, ist das Beste.“ Diese Sätze hatte ich aus der Schrift „Grenzen der Gemeinschaft“ (1924) von Helmuth Plessner übernommen. Die Psyche braucht Schutzmittel der Distanz, lehrte der Philosoph. Und das geht in der Gesellschaft als einer Sphäre der Macht nicht ohne verschiedene Arten der Gewalt. Ohne dass ich eine besondere Machtposition besessen hätte (außer in der Rolle des Dozenten, des eifersüchtigen Freundes, des untreuen Mannes oder des Agitators), gehe ich davon aus, dass grobe oder feine Mikroformen der Gewalt, die mir selten bewusst waren, meinen Lebensweg säumen. Sonst wäre ich ja nie groß geworden. Eine elementare Gewalteinwirkung erfuhr ich als Kind, das mit der Mutter 1943 und 1944 im Luftschutzkeller Bombenangriffe überlebte. Dass ich 1976 gezwungen wurde, meine akademische Karriere in den Niederlanden fortzusetzen, war dagegen ein Glücksfall. Ich war den politischen Grabenkämpfen, in die ich als Mitglied einer maoistischen Partei verwickelt war, entkommen, und durfte in Utrecht wieder Literaturwissenschaftler sein und Verhaltenslehren der Berliner Kälte, der ich entronnen war, erfinden.
Ausgangspunkt für Ihre Macht-Analyse stellt der Großinquisitor aus Fjodor Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ dar. Sie hätten aber genauso Shakespeares „Macbeth“ oder „Hamlet“ nehmen können. Wieso fesselte Sie aber gerade der Großinquisitor?
Dostojewskij lässt in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“, Iwan, einen der Brüder, die „Legende vom Großinquisitor“ erzählen: Im 16. Jahrhundert hat die Inquisition in Sevilla „an die hundert“ Häretiker (auf die genaue Zahl der verurteilten Individuen kommt es nicht an) verbrennen lassen. Die Scheiterhaufen qualmen noch, das Volk kann sich vom Festplatz nicht trennen, als ein Fremder auftaucht, der stumm umhergeht und kleine Wunderheilungen vollbringt.
Man berichtet dem Großinquisitor, dass wahrscheinlich Jesus wiedergekommen sei, und der Chef der Inquisition befiehlt, den Fremden umgehend zu verhaften. Nachts erklärt er dem schweigenden Christus, dass er ein Störfaktor in der Gewaltarchitektur der Kirche sei. Die Kirche sei als starker Außenhalt die notwendige Korrektur, eine Institution, die die Menschen vor der moralischen Überforderung durch die Gebote der Bergpredigt schütze.
Mich fesselt die kardinalrote Tugendlehre, die der Herr der Scheiterhaufen dann über dreißig Seiten erklärt. In ihren Sätzen kristallisieren sich historische Erfahrungen: Realpolitik muss sich diabolischer Mittel bedienen; die Massen begehren nicht Freiheit sondern Ordnung; Humanismus erzeugt nur kraftlose Naturen; der Mensch sei zwar zum Rebellen geschaffen, die Rebellion führe ihn aber nur ins Unglück; man müsse mit den Defekten der Natur des Menschen, der zur Aggression neige, rechnen und ihn vorbeugend disziplinieren.
Die Sätze des Kardinals klingen zynisch, weil sie die Wahrheit streifen. Seinen Gefangenen bemitleidet er, weil die Geschichte ihn unentwegt widerlegt, er sich aber nicht korrigiert habe.
Der Diskurs des Kardinals ist ein reiner Machtkristall. Ambivalenzen sind in ihm ausgeschlossen. In dieser Reinheit kommt der Machtdiskurs in der Wirklichkeit nicht vor. Daher das ästhetische Entzücken, das er ausgelöst hat. Auch Bert Brecht oder Walter Benjamin haben es offenbar gespürt.
Was unterscheidet demnach den Großinquisitor von anderen literarischen Figuren, die auch Machtmenschen sind?
Der Großinquisitor ist ein „intellektueller Teufel“ (Thomas Mann), dessen eigentliche Karriere im 20. Jahrhundert beginnt - das lässt sich leicht im Fall von Carl Schmitt, dem „Kronjuristen des Dritten Reiches“, nachvollziehen. Für ihn besitzt der Großinquisitor den Zauber der Macht der katholischen Kirche, die als administrativer Apparat den Universalismus des römischen Imperiums fortsetzt. Nur formenfeindliche Angsthasen wie Dostojewski, bemerkt er 1923, hätten im Großinquisitor einen Sieg des Teufels erblicken können. Schmitt war der Reiz des Bösen wohl vertraut. Zustimmend zitiert er einen Satz aus der Dostojewski-Forschung: „Das Leben kräftigt sich aus dem Born des Bösen, Moral führt ab in den Tod.“ Dabei ist der Großinquisitor kein singulärer Schuft. Er steht vielmehr für ein System, das den Menschen der Verantwortung für die Sittlichkeit beraubt.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kritisieren Sie die Vermengung von Macht und Moral. Um es in den Worten Max Webers zu sagen, auf den Sie auch eingehen: „Gesinnungsethik“ hat im Gegensatz zur „Verantwortungsethik“ nichts in der Sphäre der Macht zu suchen. Denn während „Gesinnungsethiker“ den Schwerpunkt auf ihre Handlungsmotive setzen und die Konsequenzen ihres Handelns außer Acht lassen, berücksichtigen „Verantwortungsethiker“ gleichermaßen Motive und Folgen. Können Sie das bitte näher ausführen?
In den ersten Wochen des Ukraine-Krieges traten Politikwissenschaftler auf, die mit der Unterscheidung von „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ die kontroversen Positionen unter deutschen Politikern erklären wollten. Als „Gesinnungsethiker“ galten die Politiker, die aus moralischer Empörung sofort mit Waffengewalt reagieren zu müssen glaubten, während die „Verantwortungsethiker“ zögerten, weil sie die Konsequenzen einer militanten Intervention nicht übersahen.
Die Unterscheidung hatte Max Weber in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ 1919 getroffen - gegen die Revolutionäre, die er als „absolute Dilettanten“ verhöhnte. Weil sie sich auf die Reinheit ihrer Empörung beriefen, beruft er sich auf Dostojewskijs Großinquisitor und preist mit ihm das Kältebad rational kalkulierender Politik. Aber „Entscheidung muss sein“! Auch die zögernden „Verantwortungsethiker“ müssen sich schließlich entscheiden, und diese Entscheidung löst eine Kette von Reaktionen aus, deren Auswirkungen sie keinesfalls in der Hand haben.
Letzten Endes ist die Geschichte unverfügbar. Ist die Macht gefestigt, steigen aus ihren Gräben wieder die alten „Dämonen“ auf. Wie man es dreht und wendet, Weber sieht Heil in keinem Fall.
Sehen Sie heute, dass die Logik der „Gesinnungsethik“ in den Bereich der Politik eindringt? Wenn ja, können Sie bitte einige konkrete Beispiele nennen?
Gegenwärtig ist die Situation verworren. Gesinnungsethiker treten mit der Maske von Verantwortungsethikern auf - und umgekehrt. Schneller Maskenwechsel in der Ampel, Anna-Lena Baerbock (die die Formel von der „menschenrechtsgeleiteten Außenpolitik“ prägte) und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die die scharfen Waffen sofort in Stellung bringen möchte. Scholz, der Zögerer, und Merz, der Feuerkopf.
Seit Jahrzehnten war der deutsche Soldat - und seit 1975 die Soldatin - eine Sozialarbeiter:in in Uniform, für tödlichen Kampf nicht vorgesehen.
Was meinen Sie? Worin liegen die Ursachen für diese Überschwemmung durch „Gesinnungsethiker“ bzw. „Moralisten“?
Der „strukturelle Pazifismus“ (Sönke Neitzel) selbst der Bundeswehr war ein Ergebnis der Erinnerungsarbeit, der Distanzierung von den „Verbrechen der Wehrmacht“ vor dem Richtstuhl der Nachkriegsmoral. Insofern gab es dafür gute Gründe; es fragt sich, wie weit diese Gründe in die kollektive Psyche der BRD eingedrungen waren, ob sich pazifistische Einstellungen im Handumdrehen „abschminken“ lassen.
Die Fernsehbilder ernähren uns fortwährend mit Fotos und Videos, die Empathie mit Opfern auslösen. Aber es ist gängige Praxis, Empathie aufzuspalten, sie nur für eine bestimmte Kategorie der Opfer gelten zu lassen. Die Opfer der anderen Seite überlässt man dem Zahlenwerk der Statistik. Moralische Kommunikation ist einfach, sie weiß, was „böse“ ist. Komplexe Sachverhalte kann sie schlecht erfassen, sie können sprachlos machen.
An diesem Punkt drehen Moralisten durch. Aljoscha Karamasow, der fromme Bruder Iwans, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, moralisch durch und durch, sollte nach einem Entwurf Dostojewskijs, in einem weiteren Buch nach Jahren klösterlicher Zurückgezogenheit, plötzlich als Terrorist enden und hingerichtet werden.
Ist das auch nicht eine Form von Macht - also den anderen seine eigenen moralischen Vorstellungen aufzuzwingen?
Auch die Medienmaschinen der Empathieerzeugung sind Formen der Macht. Gegenwärtig werden viele Bilder mit dem Vermerk versehen, man könne sich für ihre Evidenz nicht verbürgen, da sie von einer der Konfliktparteien stammten. Aber zeigen tut man sie trotzdem; der Zweifel an der „Authentizität“ macht den Sender, der ihn einräumt, besonders glaubwürdig
Macht und Machtmissbrauch wird es immer geben. Was wir dagegen tun können: Es den Mächtigen schwer machen. Erich Kästner hat es so formuliert: „War dein Plan nicht: irgendwie,/ alle Menschen gut zu machen?/ Morgen wirst du drüber lachen,/ aber bessern kann man sie./ Ja, die Bösen und Beschränkten/ sind die Meisten und die Stärkeren./ Aber spiel nicht den Gekränkten./ Bleib am Leben, sie zu ärgern.“ Pflichten Sie Kästner bei?
Die Kritik hat darauf hingewiesen, dass ich die aggressiv slawophile Publizistik Dostojewskijs ausgeklammert hätte (Claus Leggewie in der taz). Das stimmt. Ich kannte Dostojewskjs Angriffe auf den „degenerierten Westen“ und seinen Wunsch, ein russisches, ein theokratisches Imperium zu errichten. Diese politischen Manifeste schränken meine Begeisterung für seine Romane nicht ein. Statt seinen durchgedrehten Machtphantasien nachzuspüren, von denen man sich mit leichter Hand und, wie man vorschlägt, mit Bezug auf Putin absetzen könnte, stellte ich Hiob in den Mittelpunkt meines Buches.
Ein „Idiot“, der „keines Feind“ sein kann. Er unterbricht nicht die Spirale der Gewalt, in die er - wie später Chaplin in „Modern Times“ - verwickelt wird. Am Ende des Buchs sieht man ihn einsam, ein Opfer der Psychiatrie – aber als ein Möglichkeitsmensch, an dem man sich orientieren könnte, um, wie Kästner sagt: die „Bösen“ irritieren zu können. Staat ist mit ihm nicht zu machen und ein Krieg nicht zu gewinnen. Darin hat er verdammte Ähnlichkeit mit uns.
Zum Abschluss: Welchen weiteren Roman, der sich um Macht dreht, können Sie empfehlen?
Warum sich nicht noch einmal in Tolstois „Krieg und Frieden“ versenken. Tolstoi verknüpft die Mikrophysik der Verwandtschaften und der Liebe mit der Makrophysik der Strategien und Schlachten und zeigt, dass es kein machtfreies Reservat gibt. Ähnliches erfährt man in Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“, worin von der Roten Armee im II. Weltkrieg und dem Leben in der Sowjetunion erzählt wird. Vielleicht liegt es näher, sich in die „Gefährlichen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos zu vertiefen - ich sah gestern Abend einen Film darüber bei arte. Macht, die unter die Haut der Geschlechter geht und in der ihr Maskenspiel noch einmal groß aufspielt, bevor es verendet.
Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Lethen.