Deborah Ryszka, Gastautorin / 07.08.2022 / 14:00 / Foto: Facebook/T.M / 1 / Seite ausdrucken

Kultur-Kompass: „Einer, der nicht nach Utopia wollte“

Ungarisch und US-amerikanisch – der Denker Thomas Molnar war nicht nur bezüglich seiner Herkunft außergewöhnlich und schwer zu verorten – jedenfalls nicht im sozialistischen Utopia. Der hier besprochene Sammelband bietet einen sehr guten Überblick über sein Werk und lockt den Leser aus seiner intellektuellen Komfortzone hervor. 

Ungarn ist mehr als Puszta und Gulasch. Und Ungarn ist nicht nur Viktor Orbán. Obwohl einige das gerne anders sehen würden. Das ist Grund genug, sich einem Mann aus dem Land des Balaton zu widmen, der mehr als nur Salami und Paprika in petto hat. Einem Mann, der sich komplexen Sachverhalten widmete. Einem Mann, der keiner weltanschaulichen oder sonstigen Ideologie folgte.

Die Rede ist von Thomas Molnar. Thomas wer? In Deutschland kaum bekannt, in Ungarn und den USA etwas bekannter, galt Molnar schon zu Lebzeiten als intellektueller Geheimtipp. Die große Bühne blieb ihm zwar zeitlebens verwehrt. Einem großen Geist tut das jedoch keinen Abbruch. Sein Œuvre spricht für ihn.

So trifft es, dass der ungarische Philosoph letztes Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. So trifft es, dass Deutschland und die Welt von Welle zu Welle surfen. Apropos Welle: Ist das nicht der perfekte Zeitpunkt für die Dauerwelle? Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Doch Spaß beiseite und zurück zu Molnar: Der Zeitpunkt hätte nicht passender ausfallen können, um zu Ehren Molnars eine Festschrift herauszugeben. Genau das haben Jan Bentz und Jochen Prinz getan.

Mit dem Sammelband „Einer, der nicht nach Utopia wollte. Thomas Molnar zum 100. Geburtstag“ widmen die beiden dem ungarischen Intellektuellen eine Hommage. Auf etwa 160 Seiten kommen acht unterschiedliche Autoren in acht Kapiteln zu Wort. Anspruchsvoll, aber nicht unleserlich. Mehr wissenschaftlich als populärwissenschaftlich. Wer Begriffe wie „Gnoseologie“ oder „Immanentismus“ kennt, ist klar im Vorteil. Um die inflationär-idiotisch genutzte Metapher der „Welle“ zu nutzen: Im gegenteiligen Falle überkommt denjenigen eine Welle der Erkenntnis. Vermutlich wissen das die Herausgeber. 

Aus der intellektuellen Komfortzone herauslocken

Deswegen setzten sie die „philosophischeren“ Beiträge ans Ende des Sammelbandes, die mehr gesellschaftspolitischen an den Anfang. Das schmälert jedoch nichts an ihrer inhaltlichen Qualität. Die ersten fünf Beiträge sind perfekt zum Warmwerden.

So führt Charles Ducey, pointiert und übersichtlich, in die Gedankenwelt Thomas Molnars ein, weist auf seine Aktualität in heutigen Zeiten hin und widmet sich intensiv zwei wichtigen Werken Molnars: „The Decline of the Intellectual“ und „L‘utopie: éternelle hérésie“. Demgegenüber versucht Attila K. Molnár, seinen Namensvetter innerhalb des konservativen Spektrums zu verorten, und Guillaume de Thieulloy, das konterrevolutionäre Denken Molnars zu vertiefen.

Zoltán Pető erweitert den Horizont und setzt sich mit Molnars grundlegender Kritik an der Moderne auseinander, konkret hinsichtlich der liberalen Hegemonie. Milán Pap ergänzt dies durch einen Rundgang in Molnars Kritik an den Sozialismen. Pointiert gesagt: „Es ist der marxistische Intellektuelle, der die ideologische Aufgabe der Zerstörung übernimmt; er rechtfertigt die Notwendigkeit der Gewalt gegen das Bestehende im Namen der Zukunft.“

Das bereitet den Weg in die mehr „philosophischen“ Gefilde, die Jochen Prinz mit Molnars Positionierung innerhalb der politischen Philosophie Europas vornimmt. Sartre, Camus und die Faszination für Utopien dürfen da natürlich nicht fehlen. Und um diese Anziehungskraft von Utopien im allgemeinen zu verstehen, vertieft sich Jan Bentz in diese Materie von Utopien, beschreibt ihre metaphysischen Wurzeln und benennt konkrete Beispiele für ihre politische Instrumentalisierung. Abschließend beschäftigt sich Alain Contat ausführlich mit Molnars „God and the Knowledge of Reality“ und betrachtet dieses vor dem Hintergrund Thomas von Aquins Metaphysik. Eine geballte Portion Philosophie – für Ungeübte. Eine geballte Portion intellektueller Unterhaltung – für „Schwerdenker“.

Das – und grundsätzlich der gesamte Sammelband – bieten einen sehr guten Überblick über Molnars Werk und sein Denken. Sowohl Molnar-Neulinge als auch Experten, Philosophieaffine und Philosophieferne machen mit der Lektüre garantiert nichts falsch. Nicht nur weil Molnar ein Denker war, der sich nirgends so richtig verorten lässt. Sondern auch, weil die Autoren den Leser aus seiner intellektuellen Komfortzone herauslocken. Am Ende ist zwar mancher Leser ermüdet, aber zufrieden.

Beste Zeit, um mal wieder einen Tokajer zu kosten. In diesem Sinne: Még kétszer ennyit, Thomas Molnar! Zu deutsch: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Thomas Molnar!

Bentz, Jan & Prinz, Jochen (2021). „Einer, der nicht nacht Utopia wollte. Thomas Molnar zum 100. Geburtstag“. Aachen: Patrimonium.

Foto: Facebook/T.M

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Thomas Szabó / 07.08.2022

“Még kétszer ennyit” heißt “noch zweimal soviel”. “Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag” heißt “boldog születésnapot”. Danke der Achse für ihre Buchtipps. Ich habe mir auch “Narren, Schwindler, Unruhestifter” von Roger Scruton in der Übersetzung der Achse-Autorin Krisztina Koenen gekauft.

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