Deborah Ryszka, Gastautorin / 06.06.2021 / 16:00 / Foto: Bundesarchiv / 4 / Seite ausdrucken

Kultur-Kompass: „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“

Schon der knallrote Einband des Buches signalisiert: Vorsicht! Und genau das soll es auch, das neue Buch von Reinhard Mohr. „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“ ist als Warnruf, als Weckruf an die gesellschaftliche Mitte zu verstehen. Von der typischen Schwäche vieler seiner Berufskollegen für übertriebene Panikmacherei, Schwarzseherei und die Verkündung der grünen Heilsbotschaft lässt sich der Journalist Mohr nicht verführen. Zum Glück.

Stattdessen äußert er sachlich und konzis seine Beobachtungen: Deutschland kränkelt. Weder ökonomisch noch physiologisch. Sondern psychologisch. Wäre unsere Nation eine Dame, müsste sie ohne Umschweife auf die Psychoanalyse-Couch Sigmund Freuds. Die Diagnose steht bereits im Titel, „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“: Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Oder volkstümlich gesprochen: Deutschland, eine Narzisstin.

Bereits der aus Ägypten stammende Politologe Hamed Abdel-Samad wies auf diese psychologische Eigenheit Deutschlands hin. Dass diesen Befund jedoch einer stellt, der in Deutschland geboren und sozialisiert wurde, das schenkt Zuversicht. Für eine Genesung Deutschlands. Denn einerseits erfordert es die Stärke, sich von sich selbst zu distanzieren, um sich anschließend kritisch zu hinterfragen. Andererseits weiß der Volksmund „Einsicht ist der erste Weg zur Besserung“.

„Ein kritisch-realistisches Selbstbewusstsein immer noch eine Rarität“

Ebendiese selbstkritische Note durchzieht alle 159 Seiten. Weder schwermütig noch verzweifelt. Sondern leicht und bekömmlich. Böse Zungen würden Mohr einen unfeinen Nestbeschmutzer schimpfen. Vermutlich jene, die sich nicht von sich selbst distanzieren können. Vermutlich jene, die konstruktive Kritik nicht einstecken können. Auf einen Begriff heruntergebrochen, vermutlich Narzissten. Doch so einfach ist es nicht.

Mohr wägt ab und differenziert. Weder wirft Mohr alle Linken noch alle Rechten in einen Topf. Vielmehr unterscheidet er etwa zwischen Antifa, Linken und Linksliberalen. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Für Haltungsjournalisten und Gesinnungskämpfer eine pure Provokation, ja eine Kampfansage. Dass Mohr sich ab und an von seiner eigenen Verve überrennen lässt, sei ihm verziehen. Oder wirft hier Mohr absichtlich den ideologiehungrigen Hunden einen Knochen zu? So etwa seine „nette“ Beschreibung Donald Trumps als „geistesgestörter Narzisst“. Oder seine Überraschung über die Wahl Trumps zum US-Präsidenten im Jahr 2017.

Diese kleinen Ausrutscher sind es, die Mohr tief verwurzelt in der DNS seiner Landsleuten sieht: „Auch deshalb ist im Land von Goethe, Hegel und Kant ein kritisch-realistisches Selbstbewusstsein immer noch eine Rarität“. Der Journalist geht sogar noch weiter und spricht von einer deutschen Selbstverleugnung und Selbstverkleinerung. Zum Beispiel die „Critical Whiteness“ sei ein Hinweis hierfür.

Selbstverzwergung und Selbstvergötterung

Dass die politisch-mediale Kaste in Deutschland gleichzeitig diese Selbstverzwergung und Selbstvergötterung befeuere, verfestige nur den Narzissmus Deutschlands. Die gesellschaftlich-politische Mitte erodiere, dränge stattdessen an die extremen Ränder. Sowohl links als auch rechts. Ein „struktureller Moralismus“ durchseuche die deutsche Gesellschaft. Doch nicht die AfD verantworte diese Entwicklung, sondern die links-grüne Hegemonie.

Anders als viele Grüne – damals mit ihren Schreckensszenarien toter Wälder, heute mit dem komatösen Patienten Mutter Erde – bewegt sich Mohr auf dem Fahrwasser der Realität. Seine Devise lautet nicht „Was wäre, wenn?“, sondern „Was ist?“ Nicht eine sado-masochistische Wunschvorstellung vom Weltuntergang interessiert Mohr, sondern die gegenwärtige Wirklichkeitsbeschreibung.

Wie bereits der österreichisch-britische Philosoph Karl Raimund Popper wusste: „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.“ Die ersten Flammen der grünen Hölle strahlen bereits als rigide und übereifrige Oktroyierung politischer Korrektheit auf die Erde. Der knallrote Einband von Mohrs Buch ist da nur eine notwendige Selbstverständlichkeit.

Reinhard Mohr (2021). „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung. Warum es keine Mitte mehr gibt“. München: Europa Verlag. Hier bestellbar.

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Leserpost

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Werner Arning / 06.06.2021

Die Deutschen lieben es dramatisch. Ende der Welt oder Rettung der Welt. Immer wird „groß“ gedacht. Nach dem Krieg ging es eine Zeit lang gut. Die Deutschen waren eingerahmt von ihren Bündnispartnern. Ein erneutes Ausflippen wurde verhindert. Nun sind die Dämme wieder dabei, zu brechen. Es wird wieder verrückt. Der Erfolg der Grünen ist hierfür der Ausdruck. Das Irrationale, es greift wieder nach uns. Die Vernunft ist auf dem Rückzug. Immer das Gleiche. Man müsste besser auf uns aufpassen. Andere, nicht nur die Franzosen, lachen sich ins Fäustchen. Denn ein sich selbst schwächendes Deutschland birgt Vorteile für Vernünftige. Deshalb machen die Anderen gute Mine zum verrückten (deutschen) Spiel. Lasst sie spielen. Dieses Mal ist es nur für die Deutschen selbst gefährlich. Das kann man verkraften. Wer sich hasst, tendiert zum Selbstmord.

Boris Kotchoubey / 06.06.2021

Selbstverzwergung ist nichts als Mund-Nase-Schutz der Selbstvergötterung

Peter Holschke / 06.06.2021

Wenn man Geschichte in Epochen beschreibt, dann befinden wir uns noch in der Post-NS-Zeit mit einer unbewältigten Vergangenheit. Und genau genommen begann dieses Kapitel des deutschen Dramas schon in der Kaiserzeit, welches auf jeden Fall präfaschistische Züge trug. Der deutsche Militarismus vor 1914 ist wie Gift in die Zivilgesellschaft eingedrungen. Die Bombardierung im zweiten Weltkrieg haben offenbar ihren Zweck verfehlt, dass deutsche Volk zu läutern. Der Nazi-Scheiß hat sich durchgängig im deutschen Volk erhalten. Das sieht man sehr schön bei Corona. Also auf zum nächsten fröhliche Untergang!

B.Kröger / 06.06.2021

Man könnte vielleicht auch sagen, dass es in Teilen eine gewisse Faszination für den Untergang gibt. Deutschland hat im Laufe seiner Geschichte so viel Untergang erlebt, dass es ohne ihn nicht mehr leben kann. Normalität kann jeder, Untergang muss man können.

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