Kultur-Kompass: Ayn Rand, “Kolumnen und andere Texte (1946–1979)“

Obwohl Ayn Rand schon seit Jahrzehnten nicht mehr unter uns weilt, so sind ihre Gedanken aktueller denn je. Insbesondere ihr Fokus auf den Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus/Sozialismus – oder, anders formuliert, zwischen Individualismus und Kollektivismus – spielt auch heute eine wichtige Rolle. Als überzeugte Individualistin legt sie ebendiese Bedeutsamkeit offen. Und das in höchst intellektueller Virtuosität und zugleich in direkter Ehrlichkeit.

Wer sich hiervon selbst überzeugen möchte, aber weniger in ihren philosophischen Anschauungen schmökern möchte, dem sei „Kolumnen und andere Texte (1946–1979)“ von Rand zu empfehlen. So erhält der Leser durch die wöchentliche Kolumne Rands, die im Jahre 1962 in der Los Angeles Times erschien, und in diesem Buch neu aufgelegt wurde, einen guten Überblick über ihre gesellschaftlich-politischen Ansichten. Eine Auswahl von unterschiedlichen Texten und Vorträgen Rands aus drei Jahrzehnten komplettiert ihre Kolumnenbeiträge.

„Moral des Altruismus“

Um die Aktualität Rands zu verdeutlichen, beziehe ich mich auf einige Aussagen Rands.

  • „Amerika und Kapitalismus verenden, weil ihnen ein moralisches Fundament fehlte. Zerstört werden sie von der Moral des Altruismus. Altruismus besagt, dass der Mensch kein Recht habe, nur für sich zu leben, dass Dienst an anderen die einzige moralische Rechtfertigung seiner Existenz, und Selbstopferung die höchste moralische Pflicht sei. Der politische Ausdruck des Altruismus ist Kollektivismus oder Dirigismus, der besagt, dass das Leben des Menschen und seine Arbeit dem Staat (der Gesellschaft, der Gruppe, der Bande, der Rasse, der Nation) gehören und dass der Staat in jeder Weise über ihn verfügen dürfe, zum Wohle dessen, was er für das eigene kollektive Wohl hält.“

Die Argumente von Klimaaktivisten, Freunde einer geschlechtergerechten Sprache und „Welcome Refugees“-Anhängern drehen sich meist um diese „Moral des Altruismus“. Rationale Argumente bleiben zumeist untergeordnet. Stattdessen zählt die „Moral            gegenüber der jüngeren Generationen“, die „Moral gegenüber den Geschlechtern“ und die „Moral gegenüber den Flüchtlingen“. Diese Moral, weil für das „Gute“ eingesetzt, legitimiert für ihre Befürworter Verbote und Zwänge.

Gute Gewalt und schlechte Gewalt

  • „Das bedeutet, dass diese Bewegung [Atomkraftgegner] zwar gegen Gewaltanwendung von einer Nation gegen eine andere Nation ist, aber nicht gegen Gewalt von der Regierung einer Nation gegen ihre eigenen Bürger; es bedeutet, dass sie die Anwendung von Gewalt gegen bewaffnete, nicht aber gegen unbewaffnete Gegner ablehnt.“

Das Handeln derjenigen, die sich auf der „richtigen“, also „guten“ Seite, wähnen, zeugt hiervon. Gewalt für die „richtige“ Sache ist erlaubt, Gewalt für die „falsche“ Sache hingegen strikt verboten. Nach diesem Verständnis gilt etwa als „gute“ Gewalt: Klimaaktivisten, die SUVs zerstören, Black-Lives-Matter-Demonstranten, die Denkmäler verschandeln oder selbsternannte Gerechtigkeitskämpfer, die für sie unliebsame Meinungen als „rechts“ brandmarken.

  • „Was wir jetzt brauchen, sind Menschen, die aus der Froschperspektive ihrer unmittelbaren Probleme hinauskommen und zu einer Vogelperspektive der Gesamtsituation kommen.“

Klimaaktivisten, Black-Lives-Matter-Demonstranten, Verfechter einer gendergerechten Sprache argumentieren meist aus dieser „Froschperspektive“. Andere Lebensperspektiven und Lebenseinstellungen bleiben unberücksichtigt. Gleiches sieht man oft bei Diskussionen rund um die Corona-Pandemie. Unternehmer sehen nur wirtschaftliche Zahlen, Intensivärzte nur Corona-Patienten, Journalisten nur das Homeoffice. Um aber eine adäquate Lösung zu finden, bedarf es einer „Vogelperspektive“ mit möglichst allen Perspektiven.

„Am männlichen Wesen wird die Welt verwesen“

  • „Häufig kommt es jedoch vor, dass eine auf Individualismus beruhende Gesellschaft nicht den Mut, die Integrität und Intelligenz hat, um ihre eigenen Prinzipien konsequent in die Tat umzusetzen. Durch Unwissenheit, Feigheit oder mentale Faulheit verabschiedet solch eine Gesellschaft Gesetze und akzeptiert Vorschriften, die ihrem Grundprinzip widersprechen und die die Rechte der Menschen verletzen. Zum Ausmaß solcher Verletzungen begeht die Gesellschaft Ungerechtigkeiten und Verbrechen. Wenn diese nicht korrigiert werden, dann kollabiert diese Gesellschaft im Chaos des Kollektivismus.“

Statt die individuelle Leistung zum Maßstab zu erheben, finden mittels Quoten zunehmend Gruppenbevorzugungen Eingang. Somit entscheiden immer öfters biologische Merkmale, wie etwa das „Frau-Sein“, ob jemand eine Stelle erhält oder nicht (wie bei der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock). Forschungsprojekte an Hochschulen, an denen eine Frau an der Spitze steht, haben größerer Chancen, den Zuschlag zu bekommen als von einem Mann geführte Projekte. Tendenz verstärkend. So beobachtet man eine Dämonisierung des Mannes, getreu dem Motto: „Am männlichen Wesen wird die Welt verwesen.“

  • „Wenn Bedürftigkeit und nicht Leistung als erster moralischer Anspruch angesehen wird, dann gehört die Erde nicht den Sanftmütigen, sondern den Mittelmäßigen.“

Das Durchschnittliche dominiert schon. Anzeichen hierfür: Weniger Sachargumente, sondern der Kampf für die „gute“ Sache setzt sich im Diskurs durch (siehe gendergerechte Sprache in den Behörden und Universitäten); unliebsame Meinungen werden diskreditiert, indem sie in die rechte Ecke gestellt werden, und/oder vorgeworfen wird, der Beifall komme von der falschen Seite (siehe #allesdichtmachen). Ergo: der Marsch durch die Institutionen gelang nun den Mittelmäßigen und Inkompetenten.

Wir brauchen eine Union der Realisten

  • „Einige Menschenfreunde verlangen wegen ihres Mitleids für den inkompetenten oder Passiven Menschen einen kollektivistischen Staat. Zu seinen Gunsten wollen sie die Aktiven anketten. Aber der Aktive Mensch kann nicht in Ketten funktionieren. Und wenn er erst zerstört wurde, folgt die Zerstörung des Passiven Menschen automatisch. Wenn also Mitleid der erste Gesichtspunkt der Menschenfreunde wäre, dann sollten sie im Namen des Mitleids, wenn schon aus keinem anderen Grund, den Aktiven Menschen frei sein lassen, um dem Passiven zu helfen. Es gibt keine andere Möglichkeit, ihm zu helfen. Die Aktiven werden jedoch in einer kollektivistischen Gesellschaft ausgelöscht.“

Statt weiterhin Mittelmaß und Inkompetenz zu fördern, wie es gegenwärtig etwa durch Quotierungen geschieht, sollten individuelle Rechte gestärkt werden. Das heißt insbesondere: angemessene Löhne und gute Bildungseinrichtung für alle. Nur so kann jeder zu dem werden, was er ist: ein Passiver oder Aktiver Mensch. Nur so kann eine demokratische, auf individuelle Rechte pochende Gesellschaft bestehen.

  • „Was wir jetzt brauchen, ist eine Union der Intellektuellen und der Unternehmer. Wir brauchen einen neuen Typ von Intellektuellen, Menschen, die Denker sind, nicht Menschen einer Über-Realität, sondern von dieser Erde – kurz gesagt Aristoteliker.“

Wir brauchen eine Union der Realisten, die öffentlich wegweisend ist. Leute, die ihre eigene „Froschperspektive“ verlassen und eine „Vogelperspektive“ übernehmen. Leute, die auf Sachargumente und Aufklärung statt auf ideologischen Kampf setzen. Leute, die den kollektivistischen Tendenzen vieler Verfechter geschlechtergerechter Sprache und Klimaaktivisten Einhalt gebieten.

Rands Beobachtungen lassen sich problemlos auf unsere Zeiten übertragen. Wer sich somit von Rands brillanter Beobachtungsgabe und ihren beispiellosen Schlussfolgerungen weiterhin betören lassen möchte oder sich von ihnen provoziert fühlt, der sollte zu „Kolumnen und andere Texte (1946–1979)“ greifen. Rand war nämlich eine einzigartige und begnadete Beobachterin. Ein bisschen Rand‘scher Individualismus böte der dominierenden Preußischen Vereinsmeierei, samt Hierarchien, in Deutschland ein gesundes Gegengewicht.

„Kolumnen und andere Texte (1946–1979)“ von Ayn Rand (Hrsg. von Peter Schwartz), 2020, Jena: TvR Medienverlag. Hier bestellbar.

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Leserpost

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Jochen Lindt / 12.05.2021

Man darf nicht vergessen, dass Ayn Rand aus der osteuropäischen feudalen Sklavenkultur stammt. (Slawe bedeutet Sklave, daher die Bezeichnung). Dort gab es keine Regeln und Gesetze, gerade aber die sind es, die Amerika stark gemacht haben. Die Unternehmerparadiese die Ayn Rand theoretisch so vorschwebten gibt es längst zuhauf. Von Kosovo bis Somalia herrscht freiester Kapitalismus. Lupenreiner Parasitismus auf Kosten der europäischen Zivilisation. Doch diesen freien Kapitalismus hat Ayn Rand nie gesehen, er lag vollkommen außerhalb ihrer Vorstellungskraft.  Was Ayn Rand wirklich Angst machte, war die feudalistische Sklavenhalterwillkür des Sozialismus, (vor der sie geflohen war) und die im Namen des Fortschritts alle Begriffe ins Gegenteil verkehrte.  Kurz gesagt, man muss Ayn Rand so einordnen wie etwa Victor Hugo, Peter Hagendorf , Jesse James und andere Geschädigte eines lebenslangen Dauerkrieges.

Volker Kleinophorst / 12.05.2021

Ayn Rand hatte eindeutig eine Glaskugel. Danke für die Anregung. Habe das Buch bestellt. “Zurück in die Steinzeit: Die anti-industrielle Revolution” ist auch ausgesprochen gut. Lesenwert ist eigentlich zu schwach. Ich mag Rands verständliche Sprache.  „Ich schwöre, dass ich niemals zum Wohl eines Anderen leben werde und niemals von einem Anderen verlangen werde, für mein Wohl zu leben.“ (Aus: Atlas wirft die Welt ab)

Frances Johnson / 12.05.2021

Schön gemacht. Aus der Vogelperspektive muss ich auch noch sagen, dass es gelungen ist, das Bild von Broder mit der Unterschrift: Bleiben Sie positiv. Und machen Sie es nur zweimal täglich! über den Kondomen zu platzieren.

Holger a.d.F. Schmid / 12.05.2021

“Man kann die Realität ignorieren, aber nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität.” ebenfalls von Ayn Rand.

Karl Wenz / 12.05.2021

Aktive vs. Passive Menschen: Das sind keine anthropologischen Konstanten, durch Ausweichmöglichkeiten, also durch Sozialstaat, Korruption und unproduktive Versorgungsposten werden die Passiven erst gezüchtet. In einer freien Gesellschaft würden sie nicht vorkommen. Es ist ein Naturgesetz, dass stets der Weg mit dem geringsten Energieaufwand genommen wird. Das gilt in der Physik, in der Biosphäre und in jeder menschlichen Gesellschaft.

HERMANN NEUBURG / 12.05.2021

Zitat:  “..... Atomkraftgegner] zwar gegen Gewaltanwendung von einer Nation gegen eine andere Nation ist, aber nicht gegen Gewalt von der Regierung einer Nation gegen ihre eigenen Bürger;”   Es geht also nicht um gute Gewalt durch gute Demonstranten und böse Gewalt durch böse Demonstranten, sondern die strukturelle Gewalt durch den Staat, der bekanntlich das Gewaltmonopol inne hat.  Ich empfinde es inzwischen wirklich als Gewalt, was mir in meinem Land aufgezwungen wird.

Frank Holdergrün / 12.05.2021

In primitiven, vor-kapitalistischen Gesellschaften gab es keine Intellektuellen, keine Unternehmer, es gab nur Geisterbeschwörer. Heute nennen diese sich Grüne und Sozialisten, im Gleichschritt zerstören sie den Unternehmer und den Intellektuellen. Sie sind Parasiten des Kapitalismus, die ihn aussaugen, sie tanzen als Wilde um ihr goldenes Kalb, die Planetenrettung und die Gerechtigkeit. Ihre Erfolge erreichen sie durch Zugeständnisse ihrer Opfer, deren Beschwichtigungsreden kreisen um gelogenen Altruismus und infantilen Kollektivismus, ein staatlicher Dirigismus zerstört Ideen und Kreativität. Es lohnt sich nicht, auf die Geisterbeschwörer oder Mystiker einzugehen, denn, “ihr Suhlen in geplündertem Luxus ist kein Vergnügen, sondern eine Flucht. Sie wollen euren Reichtum nicht besitzen, sondern wollen, dass ihr ihn verliert; sie wollen keinen Erfolg haben, sondern wollen, dass ihr scheitert; sie wollen nicht leben, sondern wollen, dass ihr sterbt; sie begehren nichts, sie hassen das Dasein, und jeder Einzelne von ihnen ist ständig auf der Flucht vor der Erkenntnis, dass er selbst der Gegenstand seines Hasses ist… Sie haben sich gegen den Verstand verschworen, das heißt: gegen das Leben und den Menschen.” (Ayn Rand) Einer, der in diesem Sinne bis hin zur Bettelei gelebt hat, ein Journalist und Versager, gab der größten Raserei der Neuzeit seinen Namen: Marx wie Murx.

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