Burkhard Müller-Ullrich / 02.03.2015 / 08:20 / 6 / Seite ausdrucken

Kultur! Güter! Katastrophe!

Die Terroraktionen des Islamischen Staats und ähnlich fanatischer Truppen wie Boko Haram sind von so exorbitanter Gräßlichkeit, daß wir uns in acht nehmen müssen, unser Gefühls- und Vernunft-Maß nicht zu verlieren. Da werden Menschen vor laufenden Kameras geköpft und bei lebendigem Leib verbrannt, halbe Dörfer werden hingemetzelt, es wird gekreuzigt und gefoltert, und es werden auch Kulturgüter zerstört. Das sagt sich so in einem Satz dahin, aber verbietet sich nicht eigentlich diese Aneinanderreihung, diese aufzählende Gleichstellung von Menschen und Material?

Kein Zweifel: die Empörung über die Zerstörung von Kulturgütern ist berechtigt, aber die Meldungen, die davon handeln, haben einen fatalen Beigeschmack. Es ist, als würde man den Holocaust vor allem unter dem Aspekt der Raubkunst betrachten – was in unseren Medien ja schon manchmal geschieht. Statt der Gaskammern sind dann eigentumsrechtliche Fragen und der nicht sachgemäße Transport von Gemälden das Hauptproblem.

Auch die Berichterstattung über die Verwüstung von Kirchen, Tempeln und Museen in Syrien oder im Irak sowie über Plünderungen, Schmuggel und Verkauf von antiken archäologischen Preziosen wirft vor dem Hintergrund gleichzeitig stattfindender bestialischer Tötungsorgien ein paar moralische Fragen an den Medienbetrieb auf. Aber es geht nicht nur um die Medien.

Das Wertigkeitsverhältnis von Personen und Sachen ist in unserer Gesellschaft mancherorts verschoben und verschroben. So wird zum Beispiel Körperverletzung weitaus weniger streng bestraft als Diebstahl oder Betrug, wenn der deliktische Betrag eine gewisse Höhe erreicht. Körperliche Unversehrtheit ist offenbar weniger kostbar. Wer jemanden in einem U-Bahnhof tot tritt oder in den Rollstuhl prügelt, hat bei weitem nicht das Strafmaß zu gewärtigen, das ein Steuerhinterzieher aufgebrummt bekommt, der ein paar hunderttausend Euro verschwinden ließ.

Es gibt jedoch noch eine andere Erklärung für die privilegierte Behandlung von Nachrichten über Kulturgüter. Sie sind den Journalisten einfach näher und vertrauter als das unmenschliche Kriegsgeschehen. Kulturgüter sind das, womit man täglich zu tun hat. Sie tragen die Ruhe kontemplativer Betrachtung in sich. Außerdem ist das Thema durch die Unesco institutionell gerahmt; selbst unter dem Horizont praktischer Unmöglichkeit kann man hier Hilfe fordern, planen oder simulieren. Die Bildnisse sind eine Möglichkeit, sich von Blut und Leichen abzuwenden. Und wer möchte es den Kulturjournalisten verdenken, wenn sie diese Möglichkeit nutzen?

Man muß nur wissen, wie frivol es ist, den Verlust von Dingen zu beklagen, solange massenhaft gestorben wird.

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Leserpost

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Pepito Spazzaguti / 03.03.2015

Ich hatte hier gestern einen Kommentar hinterlassen, in dem die Behauptung von verschobenen Bewertungsmaßstäben beim Schutz von Menschen und Sachen hinterfragt wird, auch im Hinblick auf Stammtischlegenden. Der Kommentar von Jochen Kramer hier zeigt ganz gut, was ich damit meinte. Aber vielleicht ist das ja auch Absicht.

Arnauld de Turdupil / 02.03.2015

So frivol, wie Sie behaupten, ist die gleichzeitige Erwähnung von Ermordeten und verlorenen Kulturgütern mitnichten! Wir Menschen leben nicht nur als Individuen zu unserer Zeit, unser Leben (als zivilisierte und kulturverbundene Erdenbürger) beruht auf unserer Geschichte, den Errungen- und Hinterlassenschaften der Altvorderen. Das vergisst man heutzutage viel zu leicht; kein Wunder, dass z.B. Geschichtsunterricht gestrichen wird. Bringt ja nichts, lehren wir besser Kompetenzen… Doch - als Beispiel - ohne die unwiderlegbaren Berichte zu den Gräueltaten der Nazis, der Sowjetkommunisten oder der Osmanen in Wort, Bild, Film usw. passierten ähnliche Unaussprechlichkeiten viel einfacher wieder; ohne Geschichte kein Gedenken. Auch menschheitsgetragene Kulturgüter, Wissen und Geschichtskenntnis sind Lebendigkeit! Wenn man diese Werte zerstört, tötet man auch die damit verbundenen Menschen. Und genau das ist die Absicht der islamischen Mörderbanden. Ignoranz tötet vielschichtig.

Lukas Debus / 02.03.2015

Menschenleben sollten mehr wert sein als irgendwelche Kulturgüter. So weit so gut. Was bleibt aber von einer Gesellschaft, wenn sie ihrer Geschichte beraubt wurde, wenn nichts mehr da ist, womit sie sich identifizieren kann? Die Vernichtung von Geschichte, von Kulturgütern ist die Vernichtung von Erinnerungen, von Identität. Das schlimmste was man einem Menschen antun kann, ist es seine Identität zu zerstören, ihn somit Heimatlos machen. Das der IS nicht nur die Bevölkerung auslöscht, die sich nicht zum Islam bekehren möchte, sondern auch die Erinnerung an eine Existenz ohne ihre Auslegung des Islams vernichtet ist nur folgerichtig. Wenn nichts mehr existiert, was als alternative zum Islam dasteht, so gibt es nur noch den Islam. Es scheint dann so, als gäbe es den Islam (in der Gegend) schon immer und werde immer da sein. Der Islam als ewige Gegenwart. Wenn der IS ein Kalifat errichten will, so geht er geschickt vor. Er nimmt Raum für sich in Anspruch, bringt die Bevölkerung mit Gewalt auf Kurs und setzt neue Mythen, neue Erzählungen ein um seine Herrschaft zu sichern. Wenn die alten Erzählungen in Vergessenheit geraten, wenn die Bevölkerung auf nicht mehr auf etwas anderes zurückblicken kann, dann hat der IS sein Ziel erreicht.

Marc Berger / 02.03.2015

Nun ja - wenn sich die Mörder an den Kulturgütern der von ihnen ermordeten bereichern oder sie aus ideologischer Verblendung zerstören, kann das schon mal eine Meldung wert sein. Es gibt viel ärgerliche Berichterstattung in den Medien, aber dass Berichte über Kulturgüter in Kriegsgebieten einen höheren Stellenwert haben als Berichte über Terror, Mord und Kriegsgreuel, kann ich nicht bestätigen.

Dieter Sulzbach / 02.03.2015

Danke, Herr Müller-Ullrich! Genau so ist es richtig. Sie haben uns (mich!) “erwischt”. Die unersetzlichen Kulturgüter gehen uns richtig nahe, die täglichen Meldungen über die massenhafte Auslöschung von Kindern, Frauen, anderen Wehrlosen verblaßt daneben als “normal”. - Fürchterlich! Wir registrieren solchen “Blutzoll” und bringen das nicht mehr mit dem Leben jedes Einzelnen, der mit oder neben uns lebt, in Verbindung. Ein Menschenleben wird zu einer abstrakten Größe. Verstümmelung, Vertreibung, Mord werden zu alltäglichen Agentur-Inhalten. Und da ist niemand, de schreit?

Jochen Kramer / 02.03.2015

“Wer jemanden in einem U-Bahnhof tot tritt oder in den Rollstuhl prügelt, hat bei weitem nicht das Strafmaß zu gewärtigen, das ein Steuerhinterzieher aufgebrummt bekommt, der ein paar hunderttausend Euro verschwinden ließ.” Ist leicht zu erklären. Steuerhinterzieher gefährden die Existenz von Zehntausenden Schmarotzern. Mörder gefährden sie nicht.

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