Manfred Haferburg / 04.06.2016 / 06:25 / Foto: Tim Maxeiner / 3 / Seite ausdrucken

Wo seid ihr Hofnarren, Teufels Advokaten, Rebellen, Rock ’n’ Roller?

„Oh, Weimar, schöne Deutsche Stadt, die haufenweise Dichter hat  -  te;

Hättest Du Dir einen aufgespart, nur einen – für die Gegenwart“

Dies schrieb ein junger DDR-Liedermacher, dessen Namen ich leider vergessen habe, im Jahre 1977. Welch prophetische Zeilen für 2016. Damals, in den 70iger und 80iger Jahren der DDR hatten es die poetischen Revoluzzer leicht – es wimmelte von guten Feinden. Das Publikum war heiß auf jedes freche Wort, das andere riskierten. Und dann ging urplötzlich der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden krachend pleite und der Feind war weg. Niemand wurde wegen Kritik an den Herrschenden mehr eingesperrt. Und so viel gab’s auch gar nicht zu kritisieren. Aufbau war angesagt und Wiedervereinigung. Alle, außer den westdeutschen Intellektuellen und dem zwangs-widervereinigten Günter Grass, waren einigermaßen entzückt.

Die rebellischen Ossi-Liedermacher verloren Lohn und Brot. Manche fingen an richtig zu arbeiten. Andere soffen. Andere plumpsten in die soziale Hängematte. Und viele siedelten sich dauerhaft in den Niederungen der bundesdeutschen Kunst-Subventionslandschaft an. Das kritischste, was in dieser Zeit gesungen wurde, war Gabriels – ich meine den intelligenteren, schlankeren Gabriel – „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“. Es entstanden wüstenartig verödete Kulturlandschaften inmitten aufblühender Landschaften.

Gibt’s statt den Herrschenden zu huldigen, so gar nichts zu schmähen?

Wo seid Ihr heute, ihr Hofnarren, ihr Teufels Advokaten, ihr rebellische Schillers und Goethes, Georg Ludwig Weerths, Herwegs, Heines, Brechts und Biermanns? Alles bestens im Deutschland des Jahres 2016? Gibt’s statt den Herrschenden zu huldigen, so gar nichts zu schmähen?

Liebe Poeten, falls ihr nach Themen sucht - sie liegen auf der Strasse im 11. Jahr der deutschen, alles erdrückenden Merkelokratie. Oder sind Euch die Energiewender, Klimaretter, Euro-Falschmünzer, Willkommenheißer, Lichtausmacher, Packbeschimpfer, Genderer und Deutschland-Verächter wirklich so ans Herz gewachsen, dass es an ihnen gar nichts auszusetzen gibt? Habt ihr euch so verausgabt, wieder mal den letzten Platz beim europäischen Songcontest herbeizudichten, dass für die verkorksten Facetten der Gegenwart keine dichterisch-musikalische Energie mehr bleibt?

Doch halt! Eine einsame Hundeblume blüht ja, auf einem großen Haufen Ziegendung. Und siehe, es funktioniert! Mehr Bekanntheit für einen Dichter mit bescheidenem Wortschatz geht nicht. Selbst ferne Despoten machen ihm ihre Aufwartung.

Merkt ihr nichts, ihr unter Profilneurose leidenden Dichter und Sänger? Hier liegt die Zukunft der deutschen Dichtung brach – nicht neun Minuten zujubeln und Rosen beim Pförtner abgeben, nein schmähen.  Es ist ehrenhaft, wegen Majestätsbeleidigung vor den Kadi gezerrt zu werden. Auch die Zuwanderung frischer Poeten und Sänger aus anderen Kulturkreisen wird das Problem nicht lösen, ist doch das weltliche Liedgut des Islam recht übersichtlich.

Sollten euch, liebe Dichter, die spröden Musen Thalia und Polyhymnia gerade nicht küssen, hier eine ganz kleine bescheidene Anregung, so als erste Strophe:

Ihr sollt das schaffen - Wir retten die Welt,

Freibier für alle hat Mutti bestellt...

Die Rechnung muss das Pack bezahlen,

Steuersenkung nach den Wahlen.

 

Foto: Tim Maxeiner

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Thomas Zieringer / 04.06.2016

Naidoo wolle und sollte auch beim Grand Prix Eurovision singen. Das wäre dann bestimmt nicht der letzte Platz geworden. Doch er durfte nicht. Seine Meinung ist nicht konform genug mit der von öffentlichen Multiplikatoren erwünschten Meinung. Selbst ein bekannter und hochbegabter Sänger hat gegen diese Meinungsmacht der herrschenden Ideologie wenig Chancen. - Wenn es in den letzen Tagen der DDR dort mehr kritische Liedermacher gab als heute in der größeren BRD, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die kritischen Geister heute nicht mehr da wären oder sie sich nicht artikulieren könnten, es spricht eher dafür, dass wir heute in der größeren BRD faktisch weniger frei sind, als das am Ende der Tage der DDR der Fall war.  Anders ist die “Merkelokratie” doch auch nicht mehr zu erklären bzw. wäre es anders, wäre diese Merkelokratie längst auch zusammengebrochen.

Heinrich Rabe / 04.06.2016

Wie wäre es mit Limericks auf der Achse? Mit etwas Toleranz könnte man auch über das eine oder andere Sonett hinwegsehen, und wenn dann noch zufällig jemand das Lied von der Energiewende schriebe…

Hans Denker / 04.06.2016

“Gesellschaftlicher Burnout”, lautet meine Diagnose. Da uns in Deutschland also neben den Dichtern auch die Denker abhanden kommen, sind wir wohl nur noch “Land”, nicht mehr “Land der…”!

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Manfred Haferburg / 11.05.2019 / 12:30 / 90

Mit Katarina ganz groß aus dem Atom aussteigen

Katarina die Große will Europas Kernkraftwerke abschalten. Alle, nicht nur die Deutschen und schon ganz mittelfristig. Henryk Broder sagte einmal über bestimmte Menschen, sie wären…/ mehr

Manfred Haferburg / 05.05.2019 / 17:00 / 30

Gebrauchsanleitung für die Vielehe

Welt Online schreibt: „Das Bundesinnenministerium wollte verbieten, dass Ausländer, die mehrfach verheiratet sind, in Deutschland eingebürgert werden. Nach der Ressortabstimmung mit dem Justizministerium ist die…/ mehr

Manfred Haferburg / 05.05.2019 / 06:20 / 82

Die Physik schlägt zurück und Schilda löffelt Licht in Eimer

Die Energiewende wurde von einer Kanzlerin, die Physikerin ist, angeblich „vom Ende her gedacht“. Die Physikerin hat bekanntlich ordentlich promoviert mit der „Untersuchung des Mechanismus…/ mehr

Manfred Haferburg / 21.04.2019 / 14:30 / 23

Frankreich: Der kleine Unterschied

Karfreitag, in meinem Gastland Frankreich ein Arbeitstag. Gegen 15:00 Uhr höre ich plötzlich eine schöne weibliche Stimme draußen ein Kirchenlied singen und öffne das Fenster…/ mehr

Manfred Haferburg / 15.04.2019 / 21:54 / 15

Notre Dame in Flammen – eine nationale Katastrophe für Frankreich

Paris am Abend des 15. April 2019, als das Undenkbare geschieht. Die Arbeiten am Dachstuhl der Notre Dame ruhen seit 17:00 Uhr, wie jeden Tag.…/ mehr

Manfred Haferburg / 11.04.2019 / 06:12 / 66

Wohnen in der DDR: Erinnerungen an die Zukunft

50.000 sollen demonstriert haben gegen „Gier der Spekulanten“ und für „Das Menschenrecht auf Wohnraum“. Gibt es eigentlich ein Menschenrecht auf günstigen Wohnraum in der von mir erträumten Lage?…/ mehr

Manfred Haferburg / 06.04.2019 / 06:15 / 74

Aber wir haben doch die Wunderwaffe!

Ein jahrelanges mediales Trommelfeuer aus allen Rohren sorgt dafür (hier, hier, hier), dass ja keine Zweifel daran aufkommen, dass das Klima-Armageddon des globalen Versengens über uns kommt,…/ mehr

Manfred Haferburg / 12.03.2019 / 15:00 / 49

Fliegt nicht und raucht. Was ist das? Politik!

Bundesverkehrsminister Scheuer und Staatsministerin Bär stellen mit dem „Demonstrator“ die „Vorstufe für einen Prototyp des Lufttaxis“ in einer an Peinlichkeit nicht zu übertreffenden Show vor.…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com