Josef Bayer, Gastautor / 30.01.2016 / 06:30 / 19 / Seite ausdrucken

Kühn und ahnungslos: Die grüne Kampagne für „Leichte Sprache“

Von Josef Bayer

Die Bayerischen Grünen fordern Barrierefreiheit nicht nur für Rollstuhlfahrer sondern mittlerweile auch für Menschen, die Deutsch nicht oder nur unzureichend verstehen können. Wahlunterlagen etc. seien, so heißt es, in „leichter Sprache“ abzufassen, so dass auch „Behinderte“ an gesellschaftlichen Entscheidungen teilhaben können und sich nicht ausgeschlossen fühlen müssten. Eine Kostprobe dieser Sprache bietet die Website des Grünen-Abgeorneten Hofreiter.

Mein Name ist Toni Hofreiter. Ich bin ein Politiker von den Grünen. Viele Leute haben bei den letzten Wahlen die Grünen und mich gewählt. Deshalb sitze ich jetzt im Deutschen Bundestag. Im Bundestag bin ich der Vorsitzender von allen Grünen Abgeordneten. Dort werden wichtige Entscheidungen getroffen.

Noch gelungener ist die Web-Seite der Grünen-Politikerin Kerstin Celina,  da dort keine komplexen Wörter wie Vorsitzender, Abgeordneten, Entscheidungen vorkommen; selbst einfache Ortsbestimmungen werden aus dem Satzverband herausgelöst. In jeder Zeile gibt es nur einen Satz:

Ich komme aus der Nähe von Würzburg.
Würzburg ist eine große Stadt.
Ich wohne mit meiner Familie in einem Dorf in der Nähe von Würzburg.
Ich fahre oft mit dem Bus in die Stadt.
Ich war in Würzburg in der Schule.
Nach der Schule habe ich studiert. An der Universität.

Als Empfehlungen für „leichte Sprache“ findet man unter anderem das folgende:

Schreiben Sie kurze Sätze. Machen Sie in jedem Satz nur eine Aussage. Ein Satz wie Wenn sie mir sagen, was sie wünschen, kann ich ihnen helfen, sollte ersetzt werden durch einen Text wie Ich kann ihnen helfen. Bitte sagen sie mir: Was wünschen sie? Schreiben Sie jeden neuen Satz in eine neue Zeile (siehe obigen Celina-Text). Vermeiden Sie Rede-Wendungen und bildliche Sprache. Ein Ausdruck wie Rabeneltern sei zu vermeiden, weil man ihn wortwörtlich interpretieren könnte.

Besonders putzig ist die Empfehlung, „positive Sprache“ zu gebrauchen. Gemeint ist damit die Vermeidung der Negation. Schlecht wäre demnach Peter ist nicht krank, gut dagegen Peter ist gesund. Dass die beiden Bedeutungen grundverschieden sind, scheint die Ratgeber nicht zu beunruhigen. Römische Zahlen sind schlecht und zu vermeiden, arabische dagegen gut. Besonders schlau ist die Empfehlung „Vermeiden Sie alte Jahres-Zahlen“. Statt mit der Zahl auf das Jahr 1867 zu verweisen, solle man lieber sagen „vor mehr als 100 Jahren“. Den Ratgebern scheint nicht aufgefallen zu sein, dass letzteres eine syntaktisch sehr komplexe Struktur darstellt. Hier holt die geistige Unbedarftheit das Gutmenschentum ein. Schockierend auch die Empfehlung statt von „14.795 Menschen“ lieber von „vielen Menschen“ zu sprechen. Hier bewegt man sich in Richtung dessen, was die Forschung pidgin nennt.

Woher kommen diese kühnen Empfehlungen? Man liest: „Die Regeln der Leichten Sprache wurden von Menschen mit Lernschwierigkeiten für Menschen mit Lernschwierigkeiten erarbeitet.“ Wer ist diese Zielgruppe?  Hier nennt man (i) Menschen mit geistiger Behindrung bzw. Menschen mit Lernschwierigkeiten, (ii) Menschen mit erworbener Hirnschädigung, (iii) Menschen mit Hörschädigung und gehörlose Menschen, (iv) Menschen mit einer Sehbehinderung und blinde Menschen, (v) Menschen mit einer Körperbehinderung, (vi) Menschen mit Migrationshintergrund, (vii) ältere Menschen.

Diese Zusammenstellung hört sich sehr bedenklich an. Für geistig Behinderte oder neurologische Patienten gibt es detailliertes und von Experten entwickeltes Material. Auch auf sonstige Weise behinderte Menschen, Körperbehinderte, Blinde und so weiter gibt es in unserer Gesellschaft schon immer, ebenso Ältere. Von all diesen war bis vor kurzem nicht die Rede, und sie alle sind vermutlich sprachlich immer gut zurecht gekommen. Und die allermeisten würden sich wohl dafür bedanken, mit einem sprachlichen Hühnerdreck vom Stil Hofreiter/Celina beglückt zu werden. Welche Gruppe bleibt dann noch? Aha, Menschen mit Migrationshintergrund.

Hier sind wir beim kritischen Punkt angelangt. Ich vermute schwer, dass es ausschließlich um letztere Gruppe geht, und dass die anderen Zielgruppen aus einem leicht durchschaubaren politischen Kalkül vorgeschoben sind. Der Trick funktioniert so: Man tut zunächst alle die genannten Gruppen trotz ihrer Heterogenität in einen Topf und macht dann für die im Topf Gelandeten Politik, - konkret sogenannte „Inklusions“politik. Die Taubstummen, Blinden, Körperbehinderten und Älteren unter uns, die normalerweise sehr gut mit dem normalen Deutsch zurecht kommen, sind jetzt mit im Boot. Dieser Umstand bewirkt schlagartig eine Immunisierung gegen jegliche Kritik des Unterfangens. Wer nämlich kann es sich schon leisten, gegen Behinderte zu sein? Gewiss nur ein Unmensch der schlimmsten Sorte.

Tritt also jemand mit der eigentlich sehr berechtigten Forderung auf, Leute mit Migrationshintergrund ohne ausreichende Sprachkenntnisse nicht für qualifizierte Berufe zuzulassen, weil sie zum Beispiel die entsprechenden Prüfungen nicht bestanden haben, ist er bereits auf verlorenem Posten. Er ist augenblicklich als faschistoider Feind aller Minderheiten, Entrechteten und Zukurzgekommenen gebrandmarkt. So macht man „fortschrittliche“ Politik. So baut man mit demagogischen Analogisierungen einen emotionsgeladenen Popanz auf und setzt sich politisch damit durch. Ich verweise hier auf diese Webseite  auf der man sehen kann, wie sich die Wut auf einen Kritiker entlädt.

Die Forderung nach leichter Sprache ist nichts anderes als Teil eines fadenscheinigen Programms zur Absenkung unserer Standards. Und es geht dabei trotz allen Behindertengetues um nichts anderes als um Migranten. Nicht die Migranten sollen angehalten werden, die Sprache des Gastlandes ausreichend zu lernen, sondern die Bevölkerung soll sich auf die Standards der Migranten einstellen, d.as heißt im Normalfall auf die Absenkung der herrschenden Standards. Schlechte Schulabschlüsse und virtueller Analphabetismus dürfen keine Gründe mehr sein, jemanden nicht zu „inkludieren“. So und nicht anders sieht es aus.

Ich möchte mit einer persönlichen Erfahrung schließen, die mir in diesem Zusammenhang bedeutsam vorkommt. Ich hatte neulich wieder einmal Briefe meines Großvaters (geb. 1880) in Händen, die er während des 1. Weltkriegs aus dem Feld geschrieben hat, und zwar in einem orthographisch wie grammatisch einwandfreien Deutsch, in makelloser Sütterlinschrift. Das interessante daran ist, dass mein Großvater ein einfacher Mann mit Volksschulbildung war und zeitlebens als Landwirt gearbeitet hat. Ganz klar hat er nie etwas anderes als seinen bairischen Dialekt gesprochen. Die Standardsprache war für ihn eine Fremdsprache, die zu seiner Zeit ausschließlich beim Lesen und Schreiben eine Rolle spielte. Es kommt einem beinahe wie Magie vor, dass mein Großvater kein sprachbehinderter Aspirant für „leichte Sprache“ war, sondern sogar jahrelang seiner Kleinstadt als Bürgermeister dienen konnte.

Der Kontrast mit heutigen Zuständen könnte krasser und leider auch bedrückender nicht sein. Selbst in geisteswissenschaftlichen Fächern findet man an den Universitäten genügend Studenten und Studentinnen mit heftigen Problemen im schriftlichen Ausdruck. Was Ende des 19. Jahrhunderts die besseren Volksschüler vom Lande schafften, schaffen heute schlechtere Gymnasiasten nicht mehr. Die Absenkung unserer sprachlichen Standards liegt hier ebenso in der Luft wie die Anpassung an die Zuwanderer durch „leichte Sprache“.

Professor Dr. Josef Bayer  ist Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Konstanz

 

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Leserpost

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Gerhard Keller / 30.01.2016

Die Invariante linksalternativen Betroffenheitsdenkens ist seit 40 Jahren der ebenso lächerliche wie künstliche Hass auf die eigene Gesellschaft: Es ist die Haltung des Spielverderbers. Das erste Gebot dieser Haltung lautet, dass alles, was auf der Welt geschieht, als Beweis der Schlechtigkeit unserer Gesellschaft zu interpretieren ist. Und für die dümmliche Zerstörungswut gegen das Eigene werden eben auch Ausländer funktionalisiert - ohne zu merken, dass man sie damit für unfähig erklärt, sich in eine neue Kultur einzuleben. Welcher Auswanderer möchte denn ernsthaft, dass sich wegen ihm die Kultur des Einwanderungslandes bis hin zur Verstümmelung der Sprache verändert? - Im Namen von Fremdenfreundlichkeit werden die Fremden grob beleidigt.

Wolfgang Schlage / 30.01.2016

Was den Großvater angeht: Da der Intelligenzquotient vererblich und der Verfasser Professor ist, war wahrscheinlich auch der Großvater mit einem hohen IQ ausgestattet, auch wenn er vor dem Ersten Weltkrieg nicht die Möglichkeiten hatte, diesen IQ in einen höheren Bildungsabschluss umzusetzen. Die Familie des Großvaters gehörte damit zu den Intelligenzreserven in einer Zeit, in der noch nicht jeder Intelligente die Möglichkeit einer hohen Schuldbildung bekam. Der Großvater hat aufgrund seines IQ und vermutlich mit Ermunterung/Unterstützung seiner Familie, die ebenfalls einen höheren IQ gehabt haben müssten, klares Schreiben gelernt. Das ist hocherfreulich; daraus kann man aber nicht schließen, dass das Schulsystem vor dem Ersten Weltkrieg lauter Menschen hervorbrachte, die mit einfacher Volksschulbildung fehlerfreies Hochdeutsch schreiben konnten. Ich schließe aus diesem Beispiel eher, dass die Rolle der Intelligenz nicht unterschätzt oder geleugnet werden sollte, so wie es heute oft geschieht.

Melanie McBride / 30.01.2016

Das gleiche denke ich jedes mal, wenn ich alte Briefe meiner Familie durchlese (aus der Zeit des 2. Weltkrieges), was für eine schöne Sprache, was für ein Schriftbild! Das sagt soviel über den Menschen, der da schreibt, man spürt eine Haltung dahinter, Umgangsformen und Respekt. Keine dümmlichen Kürzel und oberflächliche Phrasen… Danke für Ihre klare Stellungnahme !

Waldemar Undig / 30.01.2016

Da hoffe ich mal, dass sich die Gehörlosen- und Sehbehindertenverbände mächtig aufregen werden. Denn das, was sich die Grünen da anschicken umzusetzen, ist Diskriminierung übelster Sorte. Diese Wir-wollen-euch-nur-helfen-Arroganz muss konsequent bekämpft werden. Sonst schaffen wir uns ein Land, in dem keine Luft zum Atmen mehr bleibt, auch nicht für Migranten.

Gisela Tiedt / 30.01.2016

Sehr geehrter Herr Professor Bayer, Ihr Großvater ist kein Einzelbeispiel. Meine Großmutter, Jahrgang 1890, besuchte nur vier Jahre lang die Schule, danach wegen offener Tuberkulose nicht mehr. Das Resultat: einwandfreie Briefe, problemlose Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Auf dieser Basis war es ihr möglich, sich selbst weiter zu bilden. Genau dafür sollte die Schule heute auch den Grundstein legen. Stattdessen ist ein Teil der Schulabgänger heute allenfalls fähig, sich irgendwelche Fernsehserien anzuschauen.

Martin Lahnstein / 30.01.2016

Ich will die Grünen jetzt doch ein wenig in Schutz nehmen und psychoanalysieren. Das Unbehagen, der Abscheu vor den verschwurbelten Platitüden, diesen Text-Legosteinen, mit denen unsere Repräsentanten um sich werfen, ist doch ziemlich allgemein. Unbehagen nicht, weil wir etwa begriffstutzig, also irgendwie behindert wären, ganz im Gegenteil. Hinter dem Gedanken: auch Doofe sollen kapieren, steht vielleicht die Einsicht, dass man sich klarer, unverstellter ausdrücken könnte.

stefan kliehmt / 30.01.2016

Da fällt mir nur ein: Arme deutsche Sprache, deine große Zeit liegt hinter dir, der Verblödung sind Tür und Tor geöffnet. Und zu den Grünen: perfide Erschließung neuer Wählergruppen, wenn das nur nicht schief geht…..

Frank Jankalert / 30.01.2016

Genau aus den beschriebenen Gründen werden illegale Einwanderer bei uns “Flüchtlinge” genannt.

Wilhelm Lohmar / 30.01.2016

Ich schlage vor, daß eine Kommission, die sich aus politisch zuverlässigen Germanistinnen und Germanisten zusmmensetzen sollte, das Gesamtwerk Thomas Manns in die sogenannte einfache Sprache überträgt.

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