Gunnar Heinsohn / 16.11.2015 / 10:12 / 5 / Seite ausdrucken

Krieg, aber wie?

Was sind die Lehren aus den momentan laufenden islamischen Kriegen? Am meisten Erfahrung sammeln Ost und West in Afghanistan. Als es 1950 in den internationalen Bevölkerungsstatistiken auftaucht, leben dort 0,65 Millionen wehrfähige Männer im Alter von 20-29 Jahren. Als 1978 der Warschauer Pakt – das zweitmächtigste Militärbündnis der Menschheitsgeschichte – das Land mit 15 Millionen Einwohnern in den Kommunismus überführen will, verfügt es schon über eine Million Jünglinge. Als die Sowjets 1989 abziehen, ist das Land am Hindukusch gerade mal auf 0,96 Millionen Wehrfähige herunter. Obwohl der elfjährige Krieg 1,5 Millionen Tote bringt, sorgen stetige Geburtenzahlen zwischen 7 und 8 dafür, dass die Rekrutierungspotentiale immer weiter wachsen. Die Invasoren verlieren zwar „nur“ 13.000 Mann, aber diese Männer gehören zu kostspielig ausgebildeten Eliteeinheiten. Sie sind zumeist einzige Söhne ihrer Mütter, die mitten im Krieg vor den Augen der Welt und in Sichtweite des Kreml ihre Kinder beweinen.

Als 2001 die ISAF-Einheiten ihren Krieg in Afghanistan beginnen, tritt mit der NATO und weiteren Verbündeten der stärkste Militärapparat aller Zeiten an. Und doch wird es kein Spaziergang; denn Afghanistan kann in diesem Jahr auf 1,65 Millionen Mann zurückgreifen. Als 2015 – nach 700 Milliarden Dollar allein für die USA – die NATO ihren Abzug einleitet, kann das sunnitische Land sogar 2,65 Millionen Mann ins Feld stellen. Das reicht für westliche bezahlte Polizei- und Armeeeinheiten eben so wie für die Taliban, das Kalifat und den Zug der Wirtschaftsflüchtlinge nach Europa. Zugleich ist die Gesamtbevölkerung seit 1950 von 8 auf 32 Millionen hochgeschnellt. Für 2025 werden 40 Millionen Einwohner mit 4,25 Millionen Mann zwischen 20 und 29 Jahren erwartet.

Wer klein ist, aber ungebrochen Verluste absorbieren kann, ist für mächtige Länder, die nur einzige Söhne oder gar einzige Kinder in Todesgefahr schicken können, ein großer Gegner. Das lernen Ost und West unter Einsatz von in Afghanistan oder Israel im Gazastreifen, dessen Mütter selbst ihre afghanischen Schwestern noch in den Schatten stellen.

Wer nur Gesamtbevölkerungen vergleicht, um sich seiner Unverwundbarkeit zu versichern, vergisst, dass selbst üppigste Rentnerscharen wenig ausrichten gegen dritte und vierte Brüder, die mit dem Rücken zu Wand stehen. Wenn Vergreiser-Nationen demographisch hochgerüstete Gegner vor Ort niederwerfen wollen, werden sie scheitern oder in Kriegsverbrecher-Prozessen landen. Besser bewährt sich die Sicherung der eigenen Grenzen. Hochentwickelte Aufspür- und Befestigungssysteme erlauben auch kleinen Einheiten eine effektive und obendrein bezahlbare Abwehr. Auch dazu ist von Israel zu lernen. Entscheidend ist das Stoppen des Nachschubs für das Milieu, in dem die Töter indoktriniert werden. Wie fruchtbar dieser Nährboden ist, zeigt sich gerade daran, dass er sogar vor dem Islamismus Fliehende in frische Rekruten für seine Anliegen verwandelt. Die dritte Variante ist eine Kombination aus Verweigerung von Heimatschutz und Unfähigkeit zur Intervention. Momentan favorisiert Berlin die letzte Option, aber es gäbe Alternativen.

Gunnar Heinsohn (*1943), lehrt Militärdemographie am NATO Defense College in Rom

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Martin J. Malliet / 17.11.2015

Jakob Augsteins Kolumne “Wir sind der Gegner” vom 16.11.2015 kommt zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen (wenn man sich beim Lesen etwas anstrengt). Sein Hauptgedanke: “Die Worte verraten das Denken. Dem Kampfe huldigen, die Welt in Freund und Feind einteilen, das Ende des Konflikts nur in der Vernichtung erkennen, in der eigenen oder der des Gegners - wer so redet, der singt das Lied des Kriegs und steht im Kulturkampf auf derselben Seite wie die Islamisten.” Weiterhin pflichtet er Jens Stoltenberg bei: “Mit Naivität hat das nichts zu tun.” Und schliesslich gibt er auch Mathias Döpfner Recht: “Europa ist zu schwach für die eigenen Werte.” Es fehlt nur der Verweis auf das Beispiel Israels, um uns das Verständnis zu erleichtern. Israel,  das sich schon mehr als 65 Jahre gegen den gleichen böswilligen Feind verteidigen muss. Und dies tut indem es sich eben nicht der Illusion hingibt, den Krieg gewinnen zu können durch Vernichtung des Gegners, sondern sich auf eine hinreichend erfolgreiche Verteidigung beschränkt. Ohne dabei je die gleiche ‘Solidarität’ von Seiten der europäischen Staaten zu erfahren, auf die jetzt Frankreich ohne Weiteres rechnen kann.

Christian Speicher / 16.11.2015

Ich finde den Verweis auf die “Kriegsverbrechertribunale” bezeichnend und amüsant. Militärisch sind diese “geburtenstarken” Länder, Gruppen und Bewegungen doch, wie Sie wahrscheinlich noch besser als ich wissen, gar nicht ernst zu nehmen. Die Serben waren z.B. schnell sehr erfolgreich gegen die “Gotteskrieger” und wären ohne Intervention des Westens (i.e. der USA) auch niemals vor dem Kriegsverbrechertribunal gelandet. Ohne die (gerechtfertigte) Unterstützung der USA für die afghanischen Kämpfer hätten sich die Russen dort in den 80ern genauso wenig eine blutige Nase geholt, wie die Amerikaner 2002. Schwierig ist es nicht militärisch zu siegen, schwierig bis aussichtslos ist es vielmehr, diesem barbarischen Kulturkreis westliche Werte zu vermitteln und “Nation Building” zu betreiben. Die meisten westlichen Soldaten sterben doch bei dem Versuch möglichst wenig Zivilisten und (aberwitzigerweise) sogar möglichst wenig Feinde zu töten. Von fünf Brüdern könnten wir stattdessen z.B. auch fünfen zu jeweils 70 Jungfrauen verhelfen. Dass wir das nicht fertigbringen hat nichts mit militärischer Unterlegenheit sondern mit mangelndem (offenbar sogar weitgehend völlig abgestorbenem) Willen zur Selbsterhaltung zu tun. Die Mär von der immer größeren Zahl von muslimischen Kämpfern ist doch wirklich total lächerlich. Die Wehrmachtsoldaten waren (lese ich bei westlichen Militärhistorikern) die besten Soldaten ihrer Zeit wenn nicht aller Zeiten, das Töten von ein paar Millionen deutschen Soldaten hat schlussendlich trotzdem ganz wunderbar funktioniert und letztlich dazu geführt, dass wir Deutschen neben den Schweden (ehemalige Wikinger nicht weniger) heute die wahrscheinlich größten Pussies aller Zeiten sind.

Thomas Schade / 16.11.2015

Es ist unklug, die Begriffe “Islamischer Staat” und “Krieg” zu verbinden. Eine Kriegserklärung an den IS wird seitens des IS als Anerkennung - als Staat - interpretiert werden.

Waldemar Undig / 16.11.2015

Die Frage ist nicht, was Berlin macht, sondern was Paris macht. Von Berlin ist nun wahrlich nichts zu erwarten, außer Raute und Flaute. Aber Frankreich ist eine stolze Nation, die sich nicht abschlachten lassen will., egal, wieviel alte Männer es dort gibt.

Julian S. Bielicki / 16.11.2015

Die Frage ist nicht “wie”, sondern gegen wen, gegen welche konkreten Personen?

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