Rainer Bonhorst / 01.05.2018 / 16:00 / Foto: Pixabay / 13 / Seite ausdrucken

Kreuz-Spaß bis der Arzt kommt

Zu den vielen schönen Seiten, die das Leben im Freistaat Bayern bietet, gehört die Munterkeit seiner Politik. Hier ist wenigstens was los. Und lustig geht es zu, wie das neue Kapitel des alten Kulturkampfes zeigt. Ich meine die Sache mit dem Kreuz. Sollen in den staatlichen Amtsgebäuden Kruzifixe hängen oder nicht? Neu-Ministerpräsident Markus Söder will sie überall hängen sehen. Und wer empört sich über Söders Kreuz-Zug? Die Kirche! Wirklich? Die Kirche mag die Kreuze nicht? Stimmt. Diverse Geistliche bis hin zum Kardinal Marx finden es empörend, dass in Bayerns staatlichen Amtsgebäuden Kreuze hängen sollen. Christliche Kreuze? Da sei der Teufel vor, rufen die Oberchristen entsetzt.

Also ich kann mir nicht helfen, aber ich finde das komisch. Saukomisch sogar. Es ist etwa so, als wettere Angela Merkel dagegen, dass es mehr Frauen in der Politik gibt. Oder als demonstriere ein Imam gegen den Bau von Moscheen. Oder als protestiere ein Stürmer gegen den Schiedsrichter, der ihm gerade einen Elfmeter zugesprochen beziehungsweise zugepfiffen hat.

Nun erlebt Deutschland seit vielen Jahren eine Komiker-Schwemme. Das Land, das lange als humorlos galt, ist ein Land der Stand-up-Comics, ein Land der Witze-Erzähler geworden. Da hat es eine gewisse Logik, wenn sich Reinhard Marx, der Münchener Kardinal, den Scherz erlaubt, heftiger als jeder Atheist oder Agnostiker gegen Söders Kreuze zu wettern. Es ist natürlich ein unfreiwilliger Witz, denn der Kardinal meint es bitter ernst.

Was stört ihn und seine Kollegen an den Kreuzen? In erster Linie Söder. Der hängt zwar nicht persönlich am Kreuz, aber er hat es sich unter den Nagel gerissen. Und das, ohne den Kardinal vorher zu fragen. Dabei ist der doch zuständig. Kreuzfragen gehen nur die Kirche etwas an und nicht irgendwelche dahergelaufenen Ministerpräsidenten. Da ist man – ganz wie der oberste Chef – ausgesprochen eifersüchtig. Auch der Christengott ist nach eigener Aussage ein eifersüchtiger Gott. Er duldet keine anderen Götter neben sich, was er mit Jahwe und Allah gemein hat.

Eine Art geistliche Lederhose

Und dann kommt der Söder daher und will plötzlich überall Kreuze aufhängen. Ist der denn so viel frommer als die Kirchenfürsten? Das wohl nicht. Er denkt – o Gott! – eher an seine Wähler. Seine Kreuze sind nicht so sehr Kreuze zum anbeten als vielmehr Brauchtumskreuze. Er will den Leuten zeigen, dass das Christentum quasi bayerisches Kulturgut ist. Eine Art geistliche Lederhose also. Und das ärgert die Kirchenherren am meisten. Sie wollen nicht, dass das Kreuz eine Art geistliche Lederhose wird. Dann lieber gar kein Kreuz.

Aber was sie noch mehr ärgert, ist der tiefere Grund für Söders Kreuz-Zug. Der neue Ministerpräsident will nämlich – na sowas! – bei den Landtagswahlen im Herbst die AfD-Wähler zurück holen, die seinem Vorgänger Seehofer auch dank Angela Merkel bei der Bundestagswahl weggelaufen sind. Die meisten AfD-Wähler sind vor dem Islam davongelaufen. Darum sollen Söders Kreuze jetzt zeigen, dass der Islam zwar irgendwie in Deutschland zugegen sein mag, aber Herr im Haus ist immer noch der Gott, der schon länger hier wohnt.

Aber auch damit gerät er bei den Gottesmännern an die falsche Adresse. Die wollen versöhnen, nicht spalten, und im Zweifel die andere Wange hinhalten. Schon gar nicht wollen sie die Moslems im Land vor den Kopf stoßen. Da ist Söder anders gestrickt. Er neigt nicht dazu, die andere Wange hinzuhalten, und er schreckt nicht davor zurück, den einen oder anderen Moslem vor den Kopf zu stoßen, wenn er damit seine absolute Mehrheit retten kann.

Tja, ein kaum lösbarer Konflikt. Besteht Hoffnung, dass sich die Berufschristen und die Christlich-Soziale Union irgendwann doch wieder vertragen? Bis zu den Wahlen im September sehe ich da schwarz. Und danach? Nun, Söder könnte Buße tun und die Kreuze wieder abhängen lassen. Darüber würden sich die Männer mit dem Kreuz um den Hals sicher freuen. Aber ob das reicht? Wäre die Buße nicht vollkommener, wenn Söder statt der Kreuze elegante Halbmonde in Bayerns Amtsgebäuden aufhängen ließe? Das ging den Kirchenvätern dann vielleicht doch ein bisschen zu weit. Dann schon eher beides nebeneinander. Kreuz links, Halbmond rechts. Oder alternativ Lederhose links, Burka rechts.

Ich weiß nicht, welche Variante den Bischöfen, die sich so heftig gegen das Kreuz wehren, am liebsten wäre. Ich finde sie alle gut. Denn mit dem Kreuz als Lachnummer festigt Deutschland (auch dank Bayern) weiter seinen Ruf als Komiker unter den Nationen des Westens.    

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Leserpost

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Gottfried Meier / 01.05.2018

Solche Leute wie der Kardinal Marx haben mich bewogen, aus der Katholischen Kirche auszutreten. Ich finde die Kreuze gut.

Mike Loewe / 01.05.2018

Söder hofft wohl, dass Muslime wie Graf Dracula reagieren und sich beim Anblick eines Kreuzes zurückziehen. Aber darauf können wir wohl vergeblich warten, denn irgendeine magische Kraft lockt diese aufdringliche Kultur an wie das Licht die Motten.

Toni Keller / 01.05.2018

Kleine Korrektur:  Die Gottesmänner hierzulande wollen auf gar keinen Fall die andere Wange hinhalten, aber sie wollen dass ihre Schäfelein das tun. Also die Hirten wollen dass die Schafe nicht meckern, wenn sie gefressen werden und sehen sich auch als die Hirten der Wölfe.

Klaus Reichert / 01.05.2018

Dass niemand in beiden großen Kirchen auch nur auf die Idee kommt, das Ganze positiv zu kommentieren, vielleicht mit der Ermahnung, bei der Aktion aber auch wirklich an den lieben Gott und nicht etwa nur an den politischen Gegner zu denken. Nein, sie müssen wirklich beide, also Bedford - Strohm und Marx, kraft Autorität ihrer Ämter in voller Überzeugung gegen das Aufhängen von Kreuzen wettern. Das ist nur erklärbar damit, dass sie die CSU einfach nicht mögen, weil sie sich gegen ihre rotgrüne Ideologie wendet. Und die scheint bei den Kirchenfürsten inzwischen Alles zu überstrahlen.

Christoph Müller / 01.05.2018

Ich will in Amtstuben weder Kreuze, noch Halbmonde, Davidssterne, buddhistische Gebetsmühlen oder sonst etwas in dieser Art aufgehängt sehen. Ich hätte gerne die vollständige Trennung von Kirche (Religion jeder Art) und Staat. Frankreich ist die letzten einhundertdreizehn Jahr ganz gut damit gefahren - siehe “Loi Combes”!

Frank Holdergrün / 01.05.2018

Unsere Kultur steht auf einem christlich gewachsenen Fundament, auch wenn die Amtskirche im Mittelalter von ihrem hohen Ross herunter geholt und an Jesus erinnert wurde. Das Kreuz ist sichtbares Zeichen einer Religion, die Gewaltlosigkeit einfordert, sogar Feindesliebe einschließt und Nächstenliebe fördert. Das Kreuz bedroht niemanden, außer jene, die ihre Religion intolerant leben. Das Kreuz in staatlichen Gebäuden ist Ausdruck westlicher Lebensart und gehört zur Geschichte unseres Landes. Es steht für t wie Toleranz.

Emmanuel Precht / 01.05.2018

Herr Bauer, da stimme ich zu. Ebendie Befürchtung überkam mich auch augenblicklich als ich von der Kreuz-Posse erfuhr. Hängen wir ein Kreuz auf, darf den richtenden Frauen und Anwaltinnen das Kopftuch nicht genommen sein und das sollte denen, die ihr Kreuz weggeworfen haben, noch bevor der Hahn zum 3. Mal gekräht hat, doch nur recht sein. Wohlan…

Gabriele Schulze / 01.05.2018

Gutes Stichwort: “Herr im Haus”! Naja, Frau im Hause würde auch passen. Egal - sollte man nicht auf politischer Ebene den schönen vorrevolutionären Spruch anwenden: “Solang du deine Füße unter meinen Tisch steckst….”? Und abschließen mit Gerhards “basta”!

Bärbel Schneider / 01.05.2018

Das Kreuz kommt in die Vorzimmer der Behörden, das Kopftuch an den Richtertisch selbst. So sind alle zufrieden - oder keiner.

Hubert Bauer / 01.05.2018

Sehr schön geschrieben von Herrn Bonhorst. Aber inhaltlich kann ich überhaupt nicht zustimmen. Söder hat auch gegenüber DITIB-Funktionären schon gesagt, dass der Islam ein Bestandteil Bayerns ist. Wenn Söder ein Kreuz am Eingang jeder Behörde vorschreibt und auch der Islam ein Bestandteil Bayerns ist, wie will er dann moslemischen Beschäftigten dieser Behörde das Kopftuch, die Burka oder den Kaftan verbieten? Ich denke hier wird an der Vordertür das Kreuz angebracht und durch die Hintertür zieht die “Moslemtracht” in bayrische Amtsstuben. Und die Kreuzdebatte lenkt auch hervorragend vom neuen Bayrischen Polizeiaufgabengesetz ab, das für die Menschen in Bayern wohl eine größere Auswirkung hat als ein paar Kreuze. Ist dafür nicht die Opposition zuständig? Im Prinzip ja, aber die haben erst angefangen sich mit Wohnungsverkäufen zu beschäftigen, die vor fünf (!) Jahren getätigt worden sind.

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