Thomas Rietzschel / 15.12.2020 / 13:00 / Foto: Sandro Halank / 81 / Seite ausdrucken

Kretschmer allein zu Haus

Die CORONA-Viren bedrohen nicht bloß die Lunge. So sagte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Wochenende: Er werde dieses Jahr erstmals auf den weihnachtlichen Kirchgang verzichten. Er brauche das nicht für seinen „Glauben“. Wer das aus religiösen Gründen nicht verstehen würde, dem halte er entgegen: „Jesus und Maria waren am Heiligabend auch allein.“ Welch eine Neuigkeit aus dem berufenen Munde eines Christdemokraten.  

Sicher, ein Religionsunterricht, in dem der geborene Görlitzer hätte lernen können, was es mit Christi Geburt auf sich hat, stand nicht auf den Lehrplänen der DDR-Schulen. Doch gab es die „Christenlehre“, zu der die Pastoren alle Kinder ihrer Gemeinden einluden, um sie mit der Bibel vertraut zu machen. Klein-Michael jedoch scheint diesen Glaubensunterricht geschwänzt zu haben.

Sonst wüsste er, dass „Jesus und Maria am Heiligenabend“ keineswegs „alleine“ waren. Die Herberge, zu der ihre Stallunterkunft gehörte, war voll besetzt. Auch der überraschte Vater Josef stand an der Krippe. Von fernher machten sich Caspar, Melchior und Balthasar, die heiligen drei Könige aus dem Morgenland, auf den Weg, aus der Nähe eilten die Hirten vom Feld herbei.

Es gab nichts zu feiern

Auch gab es damals weder Weihnachten noch einen Heiligabend. Als solcher wurde der Geburtstag Jesu erst später gefeiert. 

Anfangs existierten keine Gemeinden, die sich zu Feier und Andacht hätten vereinen können. Die Gläubigen waren der Verfolgung ausgesetzt, ihre Versammlung unter Strafe gestellt. Sollte es das sein, was dem sächsischen MP und Christen für die Zukunft vorschwebt, dann muss man zu seinem Vorteil annehmen, dass er sich schon in einem geistig entrückten Zustand befindet, womit er freilich nicht der Einzige in einem politischen Panik-Orchester wäre, bei dem sich die CORONA-Viren bereits im Oberstübchen eingenistet haben. 

Das mag einiges erklären, vielleicht sogar entschuldigen, verdammt uns aber zugleich zur Ohnmacht. Denn wie soll man, um mit Dieter Bohlen zu sprechen, "einem Bekloppten klarmachen, dass er bekloppt ist"? Gönnen wir den Überdrehten lieber das intellektuelle Verdämmern in dieser gnadenreichen Adventszeit, den Heiligabend ohne Kirchgang. 

Vielleicht findet der eine oder andere in der heimischen Isolation, mit Maske im Gesicht und Gänsebraten auf dem Familientisch, sogar Zeit, ein bisschen in der Bibel (NT; Lukas 2) zu lesen. Um der Gefahr zu entgehen, sich wie Michael Kretschmer unwissend bis auf die Knochen zu blamieren.  

Foto: Sandro Halank CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Wolfgang Richter / 16.12.2020

Ob Kretschmer sich auch zum “Zuckerfest” entsprechend medial äußern wird?

Laura Mavrides / 15.12.2020

Die Einlassung von Herrn Kretschmer ist so dämlich, dass sie eigentlich keiner näheren Betrachtung würdig ist. Nichtsdestotrotz: Auch er sollte zumindest so viel wissen, dass Christsein bedeutet, sich in und mit der Gemeinde zu treffen und den Glauben gemeinsam, mit der Eucharistie zu (er-) leben. Christentum in Isolation? Das schließt sich definitiv aus.

Sabine Schönfelder / 15.12.2020

Klaus@Klinner und Alexander @Jäger, Sie verlagern eine restriktiv verordnete Politik, die willkürlich beschlossen auf eine Lüge aufbaut und tief in unsere Grundrechte eingreift, auf eine völlig andere Problematik. Glauben Sie, der Mensch wird besser, kümmert sich plötzlich um seine Angehörigen und liest in der Bibel, WEIL SIE SEINE FREIHEIT BESCHNEIDEN? Denken Sie, der mündige Bürger muß reglementiert werden? Braucht Nudging, Anleitung, Denkanstöße vom Staat? Der weiß also besser als der individuelle Bürger, was ihm gut tut? Wer sind Sie beide, daß Sie glauben das beurteilen zu können? Gott, Buddha, Frau Merkel, Intelligenzbestien oder einfach nur eingebildet?? Und was ist mit den Menschen, die sich nach Ihrem Sinn vorbildlich verhalten? Sollen diese dann noch ein Stück „tiefer“  in sich gehen? Zwei „Sozenchristen“ belehren die Welt und verkünden Ihre moralischen „Standards“. Christlich ist DAS nicht, paßt aber ins Merkeldeutschland der „käsigen Bedford-Legern. Haben SIE denn schon jahrelang einen alten dementen Menschen zu Hause betreut, Sie Theoretiker? Gerade Männer sehe ich selten beim Wechseln der mütterlichen Windeln. Frohe Weihnachten meine Herren und ein virenfreies, tolerantes Jahr 2021.

Dr. Armin Schmid / 15.12.2020

Das “C” in CDU steht ja mittlerweile für Corona.

Guido Wekemann / 15.12.2020

Werter Herr Rietzschel, vielen Dank für den Hinweis auf die „religiöse Praxis“ des Ministerpräsidenten von Sachsen und und seiner Bibelkenntnis. Schon um Ostern, als die Kirchen in der Diözese Rottenburg/Stuttgart geschlossen wurden, machte ein theologisch Ausgebildeter und nicht kirchenferner klar: „Wenn Ostern ausfällt gibt es auch kein Weihnachten.“ Die Basis christlichen Glaubens ist die Botschaft vom Auferweckten: ‘Er lebt’. Die Kindheitserzählungen über den Nazarener sind nachösterliche Glaubensäußerungen und haben ihren Sitz im Leben der jeweiligen Gemeinden, für die diese frohe Botschaft aufgeschrieben wurde, als deren Verfasser Lukas und Matthäus genannt werden. Sie schreiben für Gemeinden mit gegensätzlicher religiöser Herkunft. Diese zusammenzuführen war der lange, oft schmerzliche Prozess in der Kirchengeschichte. Hört man heute den regierungsgläubigen Bischöfen zu, wirken sie mit, die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, zu zerschlagen. Mit dem „Weihnachtsverbot“ trifft man auch tiefsitzende Familientraditionen. Dies scheint das Ziel der Verbotsorgie zu sein: Hat man uneingeschränkten Zugriff in die Familien, bekommt man das Kernproblem der „Großen Transformation“ in den Griff, in den Würgegriff. Der unbekannte Fromme sah darin eine Metapher: „Etwas Neues kann nur auf beständigem Alten aufbauen; zerstört man das Alte, hat das Neue keinen Bestand.

Eva-Maria von Hauff / 15.12.2020

Frau Käßmann hat doch auch schon von sich gegeben, dass die Geburt Jesu nicht mit Glanz und Gloria gefeiert worden sei, und dabei das Gloria der Engel vergessen. Wenn schon die Profis ihre Bibel selektiv wahrnehmen, möge man einem Amateur gnädiglich verzeihen.

Hans-Peter Dollhopf / 15.12.2020

Alexander Jäger, wo haben Sie wohl so die Sprache Merkels zu sprechen gelernt? Frohe Coronazeit für Sie!

Norbert Brausse / 15.12.2020

Man dreht es halt, wie man es braucht. Haben sich Josef und Maria nicht des Abends allein im Stall zur Ruhe gebettet? Also waren sie allein, so wie auch Kevin „Home alone“ war, in weiser Voraussicht. Und da durfte sogar Donald Trump noch mitspielen, der ihm auch ganz allein in seinem Hotel entgegen kam.

Michael Hoffmann / 15.12.2020

Röm. 1,22: Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.

Frances Johnson / 15.12.2020

@ Robert Orosz: Hübsch. Ich habe die Stelle irgendwie nie verstanden und glaube an sich, dass etwas anderes gemeint sein muss und zwar so etwas wie Morbus Down und andere Erkrankungen, früher viel häufiger, sowie Demenz, Hirntunoren und solche Sachen. Also Behinderung, Krankheit. Es muss so gemeint sein. Die uns führen, werden nicht in den Himmel kommen, zu oft brechen sie die Gebote, vor allem “Du sollst nicht falsch Zeugnis reden….”, also lügen. Abgesehen davon finde ich es einigermaßen vernünftig, dieses Jahr keine Kirche zu besuchen. Was soll man da auch Heiligabend, wenn kein Krippenspiel aufgeführt und nicht gesungen wird? Beten kann ich auch allein, ich brauche keine Betschwestern und keinen Vorbeter. Lesen, Lucas, kann ich auch noch so eben gerade. Neuerdings tragen alle diese Merkel-Spitzschnäuzchen. ich mag auch nicht zwischen lauter weißen Spitzschnäuzchen mit ängstlichen Augen sitzen, die Schnauze meines Hundes gefällt mir besser, und er freut sich, wenn wir nicht weggehen. Er kriegt eine neue Leine - is ihm egal, also Eigengeschenk - und eine Fleischwurst.

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