Ob der gemeine achgut-Leser bereits etwas mit dem noch relativ neuen Begriff – vielleicht besser: Kampfbegriff – Neurodiversität anfangen kann, weiß ich nicht. Um ausnahmsweise mal von mir auf andere zu schließen: wohl eher nicht, jedenfalls nicht genauer oder gar en detail. Dann wird es allerdings höchste Zeit, sich mal etwas näher mit diesem Terminus zu beschäftigen, denn der scheint sich auf dem Weg aus den Untiefen linker Geistes- und Sozialwissenschaft ins Herz der Schulmedizin zu befinden, vorzugsweise in das von Neurologen und Psychiatern. Anders kann man es wohl kaum interpretieren, wenn der Erste Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der vielen Medizinern auch als Lehrbuchautor bekannte Professor Peter Berlit, an durchaus prominenter Stelle das Konzept der Neurodiversität würdigt:
„Wir sind alle unterschiedlich und dürfen das auch sein, weil jeder und jede mit seinen/ihren individuellen Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft, in der Medizin und speziell in unserem Fach – der Neurologie – leisten kann. Das schließt Neurodivergenz ausdrücklich mit ein. (…) Unter dem Begriff der Neurodivergenz werden Diagnosen wie Dyslexie, Dyskalkulie, Autismus-Spektrum-Erkrankung, ADHS („attention deficit hyperactivity disorder“) oder Tourette-Syndrom zusammengefasst, die bei 15–20 % der Bevölkerung weltweit vorliegen.“ So weit der Professor Berlit.
Ergänzt sei, dass die Neurodiversität gemeinhin durchaus noch weitere Diagnosen einschließt, nämlich das Down-Syndrom und damit tendenziell auch geistige Behinderungen anderer Ursache sowie – wenngleich noch etwas zögerlich – auch die sogenannten bipolaren Störungen. Also das, was in den Anfängen meiner Karriere noch als manisch-depressives Irresein bezeichnet wurde. Aus diesem Irresein wurde über die Jahrzehnte terminologisch zunächst eine Krankheit, dann eine (bipolare) Störung und demnächst wahrscheinlich bloß noch eine bereichernde Neurodiversität. In Bezug auf die Schizophrenie scheinen noch gewisse Hemmungen zu bestehen, die davon Betroffenen ebenfalls ins Haus der Neurodiversität zu lassen. Die sind den meisten wohl doch ein bisschen zu divers. Allerdings bewirbt das ZDF seine Doku „Anders im Kopf – Neurodiversität als Stärke“ damit, dass psychische Leiden wie Autismus, Schizophrenie oder eine bipolare Störung „nützlich“ sein können.
Gelebte Neurodiversität?
Auch Professor Berlit geht einen großen Schritt in diese Richtung, indem er neurodiverse Personen in erster Linie offenbar gar nicht mehr als gegebenenfalls zu behandelnde Patienten einstuft, sondern gleich als Rekrutierungsfeld für den ärztlichen und wissenschaftlichen Nachwuchs. Wie sonst soll seine folgende Einlassung zu verstehen sein? „Wir sind alle unterschiedlich und dürfen das auch sein, weil jeder und jede mit seinen/ihren individuellen Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft, in der Medizin und speziell in unserem Fach – der Neurologie – leisten kann. Das schließt Neurodivergenz ausdrücklich mit ein. Das ist gelebte (Neuro‑)Diversität.“
Als Beispiele für diese gelebte Neurodiversität erwähnt Berlit zunächst den Chefredakteur der (hochrangigen) Zeitschrift Science, der, warum auch immer, „unlängst über seine Erfahrungen mit einer Autismus-Spektrum-Erkrankung“ berichtet habe, die „vermutlich viele seiner besonderen Fähigkeiten und seinen wissenschaftlichen Erfolg“ erkläre. Vielleicht, aber ob diese Selbsteinschätzung einer kritisch-psychiatrischen Überprüfung standhalten würde, muss dahingestellt bleiben.
Bei dem nächsten von Berlit angeführten Beispiel wird noch deutlicher, dass es hier weniger um so etwas wie gelebte Diversität geht als vielmehr um hochgradiges Cherrypicking, wenn uns die Geschichte eines Pathologie-Professors in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erzählt wird, der durch seine ebenso kraft- wie gehaltvollen Vorlesungen – morgens ab 7:00 Uhr am Pathologietisch, also Leichen inclusive – alle Anwesenden wachrüttelte. Und das, obwohl er als Kind stark gestottert habe! Durch ein „Training gegen diese Sprechstörung“ sei er nicht nur sein Stottern losgeworden, sondern habe sich darüber hinaus zu einem „besonders pointierten und spannenden Redner“ entwickelt. So weit, so gut oder auch beeindruckend. Aber wo ist das Problem? Und was hat das mit gelebter Neurodiversität zu tun, wenn deren sicht- und hörbare Erscheinungen sich längst aufgelöst haben beziehungsweise komplett wegtherapiert wurden?
Gelebte Neurodiversität geht anders
Da hat, so fürchte ich, der Kollege Berlit einiges nicht ganz richtig verstanden. Gelebte Neurodiversität, so wie sie heute von den einschlägigen Aktivisten verstanden und propagiert wird, würde unter anderem darin bestehen, dass – um beim vorigen Beispiel zu bleiben – die Anwesenden eben auch und gerade einen stotternden Vortragenden mindestens klaglos zu ertragen, wenn nicht gar anerkennend zu bewundern haben. Schließlich bereichert Neurodiversität ja. Selbstverständlich auch dann, wenn die ganze Veranstaltung doppelt so lange dauert. Die Contenance zu bewahren, dürfte vielen Anwesenden allerdings schwerfallen, vor allem wegen des in Krankenhäusern gemeinhin eng getakteten Arbeitstages. Wer sich deshalb ein solches Diversitäts-Theater als Zuhörer nicht antun will oder kann, sollte sich nicht wundern, wenn ihm bald darauf eine Vorladung der Antidiskriminierungsbeauftragten ins Postfach flattert.
Die Kassen sind mit von der Partie
Auch bei verschiedenen Krankenkassen ist inzwischen die Neurodiversität angekommen, zum Beispiel bei der Barmer: „Neurodiversität beschreibt die Bandbreite der natürlichen Vielfalt, die in der menschlichen Gehirnentwicklung existiert. Den Begriff prägten in den 1990er Jahren die Soziologin Judy Singer und der Journalist Harvey Blume. Ihr Ansatz: Unterschiede in der kognitiven Gehirnfunktion sind ebenso natürlich wie Unterschiede bei Hautfarbe oder Körpergröße – nicht besser oder schlechter, nur anders. Statt neurologische Unterschiede als Störungen oder Defizite zu betrachten, fordert das Konzept der Neurodiversität die Akzeptanz und Wertschätzung dieser Unterschiede und das Ende der Pathologisierung von Neurodivergenzen.“
Die AOK lässt zustimmend den Hamburger Neurodiversitäts-Pionier Professor André Frank Zimpel, einen Pädagogen und Psychologen, zu Wort kommen: „Gehirne sehen von weitem alle gleich aus. Betrachtet man sie unter einem Mikroskop, erkennt man, dass keines dem anderen gleicht – genau wie bei Schneeflocken. Es kann kein Gehirn zweimal geben, das ist eine wissenschaftliche Tatsache. Unser zentrales Nervensystem besitzt rund 85 Milliarden Zellen. Und jede Nervenzelle geht circa 1.000 bis 10.000 Verbindungen mit anderen Nervenzellen ein. (…) Daher sind selbst die Gehirne eineiiger Zwillinge radikal verschieden.“ Wobei radikal in diesem Zusammenhang – ausgerechnet bei eineiigen Zwillingen – nun doch etwas unangemessen erscheint.
Auch Wikipedia widmet sich ausführlich der Neurodiversität, die ein Konzept sei, „das neurologische Unterschiede zwischen Menschen – wie sie etwa bei Autismus, ADHS oder Legasthenie auftreten – als natürliche und wertvolle Formen der menschlichen Vielfalt betrachtet. Diese Perspektive fordert die traditionelle Auffassung heraus, die solche neurokognitiven Ausprägungen als Defizite oder Störungen ansieht. Stattdessen betont sie die Notwendigkeit von Akzeptanz, passender Unterstützung und Inklusion für als neurodivergent bezeichnete Menschen.“
Die Neurodiversitäts-Lobby…
…außer-, aber auch innerhalb des Wissenschaftsbetriebes scheint zunehmend an Einfluss zu gewinnen. Ihr Hauptanliegen ist es, bei ausgewählten Syndromen eine Grenzziehung zwischen pathologisch und nicht-pathologisch oder auch zwischen gesund und krank beziehungsweise gestört ins Reich des Unwissenschaftlichen und Inhumanen zu verbannen. Der Grundgedanke ist schlicht: Jeder Mensch hat ein ganz individuelles Gehirn, von dem es kein Duplikat gibt, nicht einmal bei eineiigen Zwillingen. Und genauso divers wie unsere Gehirne sind auch die dazugehörigen Individuen. Ist das nicht toll, diese Vielfalt? Und ist es nicht noch toller, dass sich damit bestimmte Krankheitsbilder einfach auflösen und zu ganz normalen Ausprägungen innerhalb des neurologischen oder auch psychiatrischen Spektrums werden? Auch braucht es dazu keinesfalls zwingend die Bestätigung von irgendwelchen Psychiatern oder Neurologen, entscheidend ist vor allem die Selbstidentifizierung. Und vielleicht adelt die Neurodivergenz sogar. Man denke an Greta Thunberg, die über ihren Asperger-Autismus sagt, dass der für sie eine „Superkraft“ sei.
Missachtung des Leids von Betroffenen
Gut, könnte man relativierend sagen, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Zumal die Neurodiversitätskarte wahrscheinlich nur von einem Teil der Betroffenen freiwillig gezogen wird, von denen zudem einige oder auch etliche die einschlägigen Krankheitskriterien – bei strikter Auslegung – ohnehin nicht erfüllen. Aber mit der geradezu zynischen Banalisierung von Krankheit oder Störung als bloße Vielfaltsdimension geht notgedrungen eben auch einher die Relativierung und Missachtung des Leids von Betroffenen und ihren Angehörigen, wenn ihnen die Anerkennung als Krankheit oder Störung verweigert wird.
Solche und ähnlich gelagerte Konzepte und Heilsversprechen begleiten die Psychiatrie und vor allem auch die Behindertenpädagogik seit mindestens den 68er Zeiten beständig, mal mehr, mal weniger, mal völlig abstrus, mal teils auch vernünftig. Neu am Neurodiversitätskonzept ist allerdings, dass erstmals dezidiert und ganz vorrangig auf eine zugrunde liegende „Hirndiversität“ abgehoben wird, wodurch sich für die einschlägigen Wissenschaftsaktivisten die Möglichkeit bietet, endlich die Dichotomie von krank versus gesund oder gestört versus ungestört aushebeln zu können und somit auch den Weg für eine Selbstidentifizierung frei zu machen. Hinzu kommt, dass in bestimmten und häufig ja durchaus tonangebenden Milieus der Begriff der Diversität im Zusammenhang mit Migration bekanntlich stark positiv besetzt ist: je diverser unsere Gesellschaft, desto besser. Und das soll nun offenbar nicht nur in Behindertenpädagogik und Psychologie gelten, sondern auch in Teilbereichen des neuropsychiatrischen Feldes.
Vielleicht springen die Krankenkassen genau deshalb auch so begeistert auf den Neurodiversitätszug, spielt doch das eindeutige Vorliegen einer Krankheit eine ganz zentrale Rolle bei der Gewährung von Leistungen. In Zeiten der immer prekärer werdenden Finanzlage der Gesetzlichen Krankenversicherungen könnte für sie das Thema Neurodiversität so etwas wie der Silberstreif am Horizont sein.

Mir gehen diese Amokfahrten langsam aber sicher auf den Sack… komme grad heute aus der Geschlossenen. Ich sollte Nachrichten meiden!
Das langwährende Argument bisher war doch, daß die Körper zwar unterschiedlich groß oder stark sein konnten, der Geist jedoch bei allen gleich fähig ist, bei Männern und Frauen sowieso. Mit Diversität wird das nun verneint. Hat man sich das überlegt?
Einfach Irre ! :○)
Erst war die gleiche Fraktion überaus großzügig mit der Vergabe von Diagnosen, bis dann fast jeder seinen eigenen Stempel hatte und niemand mehr für irgendein Verhalten verantwortlich war. Dann fühlten sich aber zu viele Menschen damit doch weder unwohl, landeten sie in einer Schublade, in die keiner rein möchte. Und jetzt löst man diese neue Dilemma, indem man sagt, jetzt sind wir doch einfach alle ein bisschen neurodivers. Und schon sind alle wieder in der gleichen großen Schublade. Und Hochbegabung ist dann auf exakt einer Stufe mit Schizophrenie. Das nenne ich mal wieder echt einen Fortschritt der Wissenschaft.
Der Beitrag von Prof Meins geht leider am Thema komplett vorbei. Hochgradig bedauerlich bei einem Akademiker.
Ich kenne mich nur mit einem Teil der zitierten Phänome aus, speziell mit ADHS. Dieses Phänomen wird absolut korrekt biologisch als „Neurodivers“ eingestuft, weil das menschliche Gehirn tatsächlich wie bei allen anderen menschlichen Eigenschaften auch eine Bandbreite aufweist. ADHS ist messbar, der Mechanismus ist verstanden und belegt. Es geht dabei um die Fähigkeit des Gehirns, von den Sensoren einströmende Informationen wegzufiltern. Bei manchen Menschen ist das extrem stark ausgeprägt, bei anderen sehr schwach. Entwicklungsbiologisch ist es sinnvoll, dass das menschliche Gehirn auch bei diesem Mechanismus eine Bandbreite hat.
Dummerweise ist es aber nun so, dass in unserer hochkomplexen Zeit Menschen mit ADHS (schwach ausgeprägtem Reizfilter) einen hohen Leidensdruck haben. Als Beispiel mag man sich vorstellen, dass sehr klein gewachsene Pygmäen in unserer Gesellschaft leben müssten: biologisch wären diese Menschen nicht krank – aber der Leidensdruck wäre hoch.
Nun gibt es ein Mittel, um einen schwach ausgeprägten Reizfilter zu stärken. Dieses Mittel ist teuer. Damit ADHS-Menschen dieses Mittel nicht selbst bezahlen müssen, wird ADHS als „Krankheit“ deklariert und das Mittel als „Medikament“.
„Krankheit“ ist ein Kontinuum und keineswegs so einfach zu definieren wie „Bein ab“. In der westlichen Welt gilt -verkürzt gesagt – die Definition: Krankheit liegt vor bei extremen Leidensdruck oder mittelfristigem Tod.
In so weit muss ADHS keine Krankheit sein. Bei hohem Leidensdruck kann es aber eine Krankheit sein (und ist damit auch als solche klassifiziert).
Ein Professor sollte das alles wissen…
Alle müssen gleich sein , besser oder schlechter darf es nicht geben und Abweichungen von der Norm, Störungen oder Krankheit erst recht nicht .
Seltsamerweise gibt es doch immer mehr Opfer von Diskriminierung aller Art, die dann besonders schützenswert sind. Ausser sie seien weisse Männer und Frauen, die sind immer privilegiert. Du meine Güte.
Es gibt bis heute kein bildgebendes System das Nerven, Bänder oder das Gehirn gänzlich hochaufgelöst abbilden kann. Auch mit Kontrastmittel stochern sie im Nebel der Bilder. Die KI plappert Blödsinn, in die Enge getrieben „Zusammenfassend erlaubt die MR-Neurographie eine detaillierte Beurteilung peripherer Nerven,“ Aha, peripherer Nerven.
Die Kieler Universität hat sich weltweit schon lächerlich gemacht weil sie angeblich durch MR-Gehirnscann geheilte Kinderschänder erkennen können will.
Peter Berlit hat genau den Lebenslauf der im Peter Prinzip gut erklärt wird. Und er ist nicht der einzige Selbstdarsteller mit weißem Kittel in der Funktion, es scheint pandemische Ausmaße zu haben.
Es geht um eine gruselige Kostenreduktion, das Gehirn, Nerven bis heute gänzlich unbekannt bsp. Multiple Sklerose und alles diagnostisch in einen großen Topf der neuen, diversen Normalität werfen.
Wiki „Neurodiversität bezeichnet die natürliche Vielfalt neurologischer Strukturen im menschlichen Gehirn. Sie betrachtet Unterschiede wie Autismus, ADHS oder Legasthenie als normale Variationen, nicht als Defizite, und betont die Notwendigkeit von Akzeptanz und Inklusion.“
Manch Ärzte kommen aus dem Film Idiocracy.
Da passen sie bestens hin, in das Diversitäts-Theater.