Mehr als 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz erkennen immer mehr Deutsche, daß es ein schwerer Fehler war, die vielbeschworene deutsch-jüdische Symbiose der Weimarer Republik durch die Verfolgung und Ermordung der Kinder Israels im Dritten Reich nachhaltig in Frage zu stellen und schließlich zu zerstören. Deshalb werden zum Zeichen der Versöhnung und Wiederjudmachung hierzulande immer mehr Klezmergruppen gegründet und sogenannte “jüdische” Cafés und Restaurants eröffnet, wenngleich nicht überall, wo “koscher” drauf steht auch in jedem Fall “koscher” drin sein muß.
Jüngstes Beispiel:
Das “Café Leonar” am Grindelhof in Hamburg in der Nähe der ehemaligen “Talmud-Tora-Realschule” am früheren “Bornplatz”, das vor kurzem seine Pforten auch für die nichtjüdische Bevölkerung der Freien und Hansestadt Hamburgs sowie für Touristen geöffnet hat.
Bereits beim Betreten des Lokals fragt man sich , was wohl das spezifisch “Jüdische” an diesem Etablissement sein mag. Die sprichwörtliche “jüdische Hast” kann es jedenfalls kaum sein, denn es dauert sage und schreibe eine halbe Stunde, bis der hungrige und durstige Gast endlich plaziert wird.
In der Weinkarte sucht man sodann vergeblich nach einem trockenen Weiß- oder Rotwein der Marken “Barkan” oder “Yarden” aus dem Heiligen Land. Dafür findet man auf der Frühstückskarte z.B. solch glatt koschere Gerichte wie z.B. Spiegeleier mit Schinkenspeck und Bratkartoffeln sowie eine reiche Auswahl an Charcuterie, die unter der strengen Aufsicht eines glatt koscheren Metzgers aus dem Elsaß hergestellt wurde.
Auch die Kellnerinnen im “Café Leonar” können es bei weitem nicht mit der zionistischen Charmoffensive ihrer Kolleginnen in Jerusalem oder Tel Aviv aufnehmen. Erst nach gut einer Stunde stehen ein lauwarmer Darjeeling mit blasser Farbgebung und wenig Aroma und ein Stück Käsekuchen auf dem Tisch, der allerdings wider Erwarten gut schmeckt, wenngleich auch er vermutlich nicht parwe ist.
So bleibt dem leicht desillusionierten Besucher des “Café Leonar” am Ende nur die Lektüre der “Jüdischen Zeitung”, in der allerdings vornehmlich von den Integrationsbemühungen russischer jüdischer Zuwanderer in die deutsche Mehrheitsgesellschaft die Rede ist, um zumindest die Illusion, sich tatsächlich in einem glatt koscheren “jüdischen” Café befunden zu haben, mit nach Hause nehmen zu können.
All jenen russisch-jüdischen Einwanderern zuliebe, welche die jüdische Gemeinschaft hierzulande seit 1990 vor dem endgültigen Aussterben bewahrt haben, bestellen wir zum abschluß unseres Aufenthaltes im “Café Leonar” am Hamburger Grindelhof noch einen echten “Russischen Teller”, freuen uns darüber, daß in zahlreichen jüdischen Gemeinden hierzulande neben Yom Kippur mittlerweile auch der “Tag der Roten Armee” gefeiert wird und trinken am Ende einen ebenfalls glatt koscheren Wodka der Marke “Gorbatschow” auf die neue und so lang vermißte deutsch-jüdisch-russische Symbiose, die wir seit mindestens 60 Jahren leidvoll entbehren mußten.
In diesem Sinne:
Ein kräftiges “Prosit!”, “Le chaim!” und “Na sdorowje!” aus der Freien und Hansestadt Hamburg, in der es seit kurzem mit dem “Café Léonar” endlich wieder ein glatt koscheres “jüdisches” Kaffeehaus gibt, dessen Besuch sich auf jeden Fall lohnt.