Man sagt, Kinder seien unschuldig. Doch in der Türkei der 1960er Jahre war die Unschuld bereits mit einem Virus infiziert, den wir nicht benennen konnten. Ich erinnere mich an das Jahr 1969 in Istanbul. Ein riesiger Garten, das Haus umringt von Grün, und wir Kinder mittendrin. Wir waren sechs oder sieben Freunde, drei davon jüdischer Herkunft, ausgestattet mit türkischen Pässen. Wir spielten Verstecken, fuhren mit dem Rad um die Wette. Wir hätten Freunde fürs Leben werden können.
Doch da war dieser Satz. Ein Rhythmus, der unsere Spiele begleitete wie ein dunkles Mantra. Wenn einer von uns zögerte oder Angst zeigte, skandierten wir im Chor: „Korkak Yahudi!“ – der feige Jude. Wir drehten unsere Kreise um das Haus und brüllten es immer und immer wieder. Das Absurde: Sogar meine jüdischen Freunde riefen es mit. Wir alle hatten keine Ahnung, was „Yahudi“ bedeutete. Wir hatten keine Ahnung, dass wir gerade das Fundament für eine lebenslange Ausgrenzung legten.
Kurze Zeit später verschwanden sie. Still und leise. Keine Abschiedsszenen, keine Tränen, kein Adressenaustausch. Sie zogen weg – nach Israel, Frankreich, in die USA. Erst Jahre später erklärte mir meine Mutter, warum sie so klanglos gingen. Heute bin ich peinlich berührt bei dem Gedanken, dass ihre Eltern unser Skandieren im Garten zweifellos gehört haben müssen. Was für eine grausame, stille Tragödie muss sich in diesen Wohnungen abgespielt haben, während wir draußen „spielten“.
Diese Erinnerung suchte mich heim, als ich dieser Tage durch den türkischsprachigen Teil des Internets surfte. Dort begegnete mir eine geballte Ladung Hass, ein Sperrfeuer gegen Israel und „die Juden“, das an Intensität kaum zu überbieten ist. Es ist ein faszinierendes wie erschreckendes soziologisches Phänomen: In der Türkei leben heute bei 86 Millionen Menschen kaum noch 14.000 Juden. Zum Vergleich: Ein CEO einer französischen Automarke sagte mir einmal, man nehme ein neues Modell auf der Straße erst wahr, wenn mindestens 50.000 Stück davon rollen.
Eine Religion des Hörensagens
Folglich kennt kaum ein Türke persönlich einen Juden. Dennoch ist der Hass allgegenwärtig. Es ist ein Hass auf ein Phantom, ein Reflex ohne Objekt. Viele schieben das auf den Islam oder den Koran. Ich widerspreche. Wir Kinder von 1969 hatten keinen Koran aufgeschlagen. Wir konnten kein Arabisch. Wir hatten das „Wissen“, dass der Jude ein Angsthase sei, irgendwo aufgeschnappt und in unsere Mitte getragen. Es war Halbwissen, das zur absoluten Wahrheit wurde.
Genau so funktioniert der Islam in der türkischen DNA: Er ist eine Religion des Hörensagens. Da das Buch für die meisten unverständlich bleibt, glaubt jeder an eine Version, die ihm irgendein Vorbeter oder Onkel gedeutet hat. Es gibt tausend Varianten dieses Glaubens, aber nur einen einzigen Nenner, der islamübergreifend funktioniert: Der Jude ist die Gefahr und muss vernichtet werden. Das denken fast alle, auch wenn sie sich untereinander nicht riechen können.
Dieser Hass ist das Ventil für eine tiefe nationale Zermürbung. Während 80 Prozent der Türken unter der Armutsgrenze vegetieren und über 40 Millionen Pfändungsakten die Justiz lahmlegen, feiert der Pöbel im Netz gefälschte Videos von brennenden israelischen Städten. Es ist die Flucht aus der eigenen Bedeutungslosigkeit. Die türkische Selbstüberschätzung – das Träumen von osmanischer Größe – kollidiert täglich mit der harten Realität, dass man politisch letztlich das tun muss, was Washington diktiert. Diese Ohnmacht macht die Zunge locker und das Herz hart.
Wir sehen die Ausläufer dieser Mentalität längst in Europa: Straßen-Showbeten, Messerstechereien, öffentlicher Judenhass. Die Gruppierung der Türken sticht dabei heraus, weil sie ein Buch verteidigt, das sie nicht gelesen hat, und einen Feind bekämpft, den sie nicht kennt. Wie gern würde ich mich auf „Werkseinstellungen“ zurücksetzen lassen – auf ein Ich ohne diese Sprache und ohne dieses Erbe.

Dieses „Grundgesetz“ ist hierzulande auch so ein Buch, dass besonders von Politikern und Verfassungsrichtern ständig beschworen wird – das aber in einer Sprache verfasst wurde, die die wenigsten von ihnen verstehen. Geschweige denn, dass sie es jemals gelesen hätten.
Als die Türkei noch ein laizistischer und vornehmlich türkischer und nicht islamisch-arabischer Staat war, spielte der Judenhass kaum eine Rolle. Das war nur ein Echo von woanders. Aber nachdem die AKP den Arabern gezielt die Tür geöffnet hat um deren Geld abzugreifen, die Deutschen machen das seit 2006 ja auch, kriecht der koranisch-arabische Judenhass, potentiert durch den aus Europa vor über 100 Jahren nach Arabien importierten europäischen Antisemitismus, auch wieder in die Türkei hinein. Seit 2011 passiert das in der Türkei bzw. seit 2015 in Deutschland nicht mehr nur propagandistisch, sondern sogar in Form von entsprechend sozialisierten arabischen „Flüchtlingen“, die natürlich auch die Stimmung gegen die Juden hier wie in der Türkei umso mehr direkt in das umschlagen lassen, was man aus der arabischen Welt ja schon kennt. In dem Zusammenhang sollte jeder mal den Begriff „Timber Sycamore“ googeln. Da kann man dann nachlesen, was das alles (un)absichtlich(?) ;-) beschleunigt hat.
Der Türkische Reflex gleicht dem Europäischen. Inzwischen muss man schon arabische Zeitungen lesen, damit er nicht allgegenwärtig ist.
@Marcel Seiler: Das ist kein absurder Antiamerikanismus in Deutschland und es ist auch nicht so, dass es zunächst nach dem Krieg überhaupt in der BRD so war, dass es Antiamerikanismus gab. Im Gegenteil: Nach dem Krieg waren die Amerikaner generell bei den Westeuropäern Vorbild. Man wollte in der BRD und sonstwo in Westeuropa alles Mögliche aus Amerika haben: Kaugummi, Jeans, Rock and Roll etc. Ich habe in meinem Leben mehr Western gesehen als sonstwas: von John Wayne bis Bonanza. Samstagabends gab es im Fernsehen in den 60ern und 70ern eigentlich auch immer einen Western, manchmal zwei. Dann diese ganzen amerikanischen Serien der 60er: von „Kobra, übernehmen Sie“ bis „Solo für O.N.C.E.L“. In den 70ern u.a. „Straßen von San Francisco“. In den 80ern „Dallas“ und „Denver-Clan“. Ich könnte Sie zumüllen mit Namen von Filmen und Serien aus Amerika, die ich und alle, die ich kenne, gesehen haben. Sprachlich übernahmen – und übernehmen wir immer noch!!! – jeden dahergelaufenen Mist von „okay“ bis „event“.
Für „gendern“, „political correctness“ und „wokeness“ haben wir überhaupt keine deutschen Ausdrücke – und das sind Wörter, die ich vor 10 Jahren noch gar nicht kannte. Der Einfluss Amerikas auf die deutsche „Kultur“ ist nach wie vor riesengroß. Diesbezüglich gibt es keinen Antiamerikanismus. Anders sieht seit dem Vietnamkrieg die Haltung zur amerikanischen Politik aus. Seitdem ist vielerorts in Westeuropa diesbezüglich eine Abneigung entstanden. Aber selbst die kam als Protestbewegung ursprünglich aus dem Amerika der 60er, einschließlich des „Make love not war“ und dem Peace-Zeichen. Die von Ihnen beschworenen Verächter der kaugummikauenden Amerikaner, die uns die Befreiung gebracht haben, hat es nie gegeben. Kein Rudi Dutschke oder Joschka Fischer hat die Amerikaner je dafür verachtet, dass sie mit anderen Ländern zusammen die Nazi-Diktatur beseitigt haben. Und die Generation davor schon mal gar nicht.
Na ja, den hier gern überall identifizierten Judenhass auf alle Mohammedaner zu invertieren hilft doch nicht weiter. Ich glaube auch nicht, daß der so auf die Einwohner Indonesiens oder Marokkos und Tunesiens übertragen werden kann. Israels von alttestamentarischer Rache gekennzeichnete und letztlich rassistisch grundierte Kriege der letzten Jahre werden seiner Reputation weltweit auch nicht aufhelfen. Und das wissen auch dort 15-20% der Bürger, die eben nicht hinter „Bibi“ Netanjahu stehen.
Vielen Dank für die Offenheit, Herr Dehner!
„Viele schieben das auf den Islam oder den Koran. Ich widerspreche.“ –
Ich widerspreche mit Ihnen. Es sind stets Menschen, die ihren eigenen dummen¹ Hass in ihre Kinder oder Mitmenschen pflanzen.
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¹) Bei Einigen ist es allerdings keine Dummheit, sondern Machtkalkül.
Könnte man denn nicht wenigstens sagen, dass es hier mindestens zwei Komponenten einer komplexen Wrklichkeit gibt? Da ist zum einen die intellektuelle Bequemlichkeit und Feigheit auf muslimischer Seite, für sämtliches Versagen, insbesondere auch für die ihm eigenen und hausgemachten Schwächen die Juden und Israel als Sündenbock hinzustellen und ständig einer Ausrede gleich auf ihn zu zeigen und zu verweisen. Kann man alles bei Michael Lüders nachlesen.
Zum anderen ist da etwas, von dem man annehmen muss, dass es auf israelischer Seite fast wie eine Tugend gefeiert wird: Chutzpe. Diese reicht soweit, dass da einer in unregelmäßigen Abständen, aber verlässlich, weil systematisch die Hand beißt, die ihn füttert, und wenn der Gebissene jault, auch noch grinst. So zuletzt geschehen beim Angriff auf iranische Gasfelder – alles sehr zum Schaden der USA, ohne deren Nachschub der Krieg unheimlich und schnell zuende sein könnte.
„Warum tut ihr so etwas? Hasst ihr etwa US-Amerikander?“ „Nein, wir tun es weil wir es halt können…“. Wer diesen Umgang mit den anderen eine Weile lang erlebt hat, dem könnte man es nicht verdenken, vor sich hin zu murmeln: „Pass bloß auf! Wenn’s dir beim nächsten Mal zubeißen im Halse stecken bleibt, geschieht dir recht – und ich werde ungerührt dabei zugucken, wie du blau anläufst, und dich feige nennen, obwohl alle wissen, dass du das Gegenteil davon bist.“