Von Susanne Günther
Im vergangenen Sommer ließ die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen 16 Muttermilch-Stichproben auf Glyphosat untersuchen. Bei der Analyse, die man von einem tiermedizinischen Labor durchführen ließ, wurden die Grünen fündig und schlugen Alarm:
„Als Bundestagsfraktion haben wir lange überlegt, ob wir Muttermilch auf Glyphosat testen und in Kauf nehmen sollen, damit stillende Mütter möglicherweise zu verunsichern, obwohl Muttermilch so wichtig für Säuglinge ist. Letztendlich haben wir uns für die Veröffentlichung entschieden, weil bei einem so wichtigen Thema wie Muttermilch und Gesundheit von Säuglingen mögliche Risiken nicht vom Tisch gewischt oder kleingeredet werden dürfen.“
Zahlreiche Medien berichteten.
Die Methodik der Stichprobe wurde allerdings schon damals massiv kritisiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte das Testverfahren in Frage und beauftragte eigene Untersuchungen. Die Ergebnisse liegen jetzt vor: Es wurde kein Glyphosat in Muttermilch gefunden.
Und wie reagieren die Grünen nun darauf? Sie loben sich selbst und feiern in einer Verlautbarung „Endlich amtliche Muttermilch-Tests“:
"Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine validierte Testmethode mit ausreichender Empfindlichkeit. Erst nach unserer Untersuchung ist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) selbst aktiv geworden."
Das stimmt nicht: Im Juli letzten Jahres – rund vier Wochen nach der Veröffentlichung der Grünen - meldet die Washington State University, dass ihre Forscherin Michelle McGuire mit einem hochsensiblen Verfahren kein Glyphosat in Muttermilch gefunden hat und reagierte damit auf eine Veröffentlichung aus 2014 von Moms Across America, einer Anti-Gentechnik-Organisation.
Doch selbst wenn die Aussage zutreffen würde, dass es zum Zeitpunkt der Grünen-Stichprobe keine validierte Testmethode für Glyphosat in Muttermilch gab, stellt sich die folgende Frage: Wenn die Grünen-Abgeordneten davon ausgingen, dass es keine validierte Testmethode gibt, warum haben sie dann überhaupt eine Analyse in Auftrag gegeben – wohl-wissend, dass die Ergebnisse eigentlich nicht aussagekräftig sein können? Die Pressemitteilung vom letzten Sommer lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass man an die Wahrhaftigkeit der eigenen Ergebnisse glaubt:
"Bärbel Höhn, Vorsitzende des Umweltausschusses, findet die Werte beunruhigend: 'Offensichtlich findet ein Übergang in die Muttermilch statt. Zwar können die Frauen auch selbst etwas tun, um die Belastung gering zu halten. Aber es können und wollen nicht alle komplett auf Biokost umsteigen. Die Bundesregierung muss Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die Frage der krebsauslösenden Wirkung geklärt ist.'“
"Harald Ebner, Mitglied im Agrarausschuss des Bundestages fordert deshalb: 'Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Glyphosat ist allgegenwärtig. Dass in jeder untersuchten Muttermilchprobe mehr Glyphosat gemessen wurde, als für Trinkwasser zulässig ist, macht den dringenden Handlungsbedarf deutlich.'“
Haben die Grünen also ganz bewusst die Öffentlichkeit getäuscht? Haben sie in Kauf genommen, Tausende von Müttern zu verunsichern?
Heute überrascht die Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn mit einer Twitter-Meldung:
"BfR hat Test verwendet, der unsere Werte nicht erkennen konnte, zu wenig sensibel. Passt zur BfR Strategie zu #Glyphiosat vor EU-Entscheidung"
Auf einmal ist das vom BfR entwickelte Testverfahren nicht so sensibel wie die damals bei der Grünen-Stichprobe verwendete Methode? Ja, was denn nun?
Die Grünen schreiben:
Die Politik braucht zuverlässige wissenschaftliche Ergebnisse, auf die sie ihre Entscheidungen stützen kann.
Liebe Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen: Es gibt diese zuverlässigen wissenschaftlichen Ergebnisse! Würden Sie die doch bitte endlich zu Kenntnis nehmen?
Susanne Günther betreibt den Blog "schillipaeppa" (dort ist dieser Beitrag zuerst erschienen). Sie ist studierte Philosophin, gelernte Redakteurin und vor gut zehn Jahren auf dem Land gestrandet.
Panik heute morgen (Donnerstag) in den Mainstream-Medien. Die dpa hat einen von vorne bis hinten fehlerhaften Horrorartikel über Glyphosat-Funde im Bier herausgehauen und alle haben eifrig nachgedruckt. Wobei dpa nicht einmal den Unterschied zwischen Herbiziden und Pestiziden kennt.
Ich glaube, B90/Grüne haben sehr gut überlegt, nämlich wie man mit sehr wenig finanziellem Einsatz eine kostenlose Werbekampagne über die Medien starten kann. Die „Kollateralschäden“ durch verängstigte, verunsicherte stillende Mütter wurden dabei billigend in Kauf genommen. Es muss ganz deutlich betont werden, dass der Partei bekannt war, dass die Testergebnisse unzuverlässig und wahrscheinlich falsch waren. Im Wissenschaftsbereich bezeichnet man das als unredlich und als Fehlverhalten, das sanktioniert werden muss. Eigentlich hätte das auch den Journalisten auffallen müssen, die sich meist bereitwillig für diese Politkampagne missbrauchen ließen: die auf Facebook (!) „publizierte“ Untersuchung kennzeichnet „nicht akkreditierte Methoden“. Auf Anfrage teilte mir ein Journalist mit, dass bei so klaren wissenschaftlichen Ergebnissen eine weitere Recherche nicht notwendig sei. Das ist erschreckend. Ebenfalls erschreckend ist, dass das BfR zu einer völlig überflüssigen Studie gezwungen wurde: das exakt selbe Szenario wurde in USA durchgespielt. Die Organisation Moms of Amerika hat in unzureichenden, falschen Untersuchungen Glyphosat in Muttermilch „nachgewiesen“, ein renommiertes Forschungslabor hat mit validierten Methoden kein Glyphosat gefunden. Fazit: die Wissenschaftlerin wird diskreditiert und bedroht, Moms of America werden zitiert. Die jetzigen Reaktionen von Harald Ebner („wir haben etwas in Bewegung gebracht“) und Bärbel Höhn („der Test des BfR war nicht sensitiv genug“) sind lächerlich und obsolet. Kritik wird ignoriert, auf Facebook gelöscht und die Kommentatoren werden gesperrt – so einfach ist das! Ein „Rohrkrepierer“ ist das nicht. Das Ziel wurde erreicht und man ist zufrieden: die „Facebook-Studie“ ist nicht rückholbar und wird in den nächsten Jahren immer wieder in den Medien zitiert werden.
Gerne wird ein wichtiger Aspekt im Streit übersehen. Die Patente für Glyphosat sind mitlerweile fast überall ausgelaufen. Der Hersteller Monsanto hat längst Nachfolgepräparate am Markt. Monsanto hat also ein Interesse daran, dass Glyphosat vom Markt verschwindet. Der "Grüne" Protest kam relativ zeitnah mit dem Auslauf der Patente. Wer besorgt hier eigentlich wessen Geschäft?
"Die Politik braucht zuverlässige wissenschaftliche Ergebnisse, auf die sie ihre Entscheidungen stützen kann." Eben. Man sehe "zuverlässig" im Sinne von käuflich und "Entscheidungen " im Sinne von vorgefassten Meinung/Ideologie/Lobbyismus/Vetternwirtschaft. Insofern sind die Grünen hier ehrlich, wenn man deren verschrobenen Interpretations- und Fakten-Verdrehungstechniken anwendet.