Hansjörg Müller / 10.10.2014 / 12:52 / 4 / Seite ausdrucken

Kohl und wir

Es ist eine wunderliche Beziehung, die Helmut Kohl und Heribert Schwan vom 12. März 2001 bis zum 27. Oktober 2002 unterhielten. 105 Mal trafen sich der Altkanzler und der Journalist in Kohls Bungalow im pfälzischen Oggersheim. Kohl nannte Schwan jovial «meinen Volksschriftsteller», Schwan sprach Kohl ehrfürchtig als «Meister» an. Geduzt wurde nur in eine Richtung: Auch nach seinem Ausstieg aus der Politik verlor der Altkanzler sein Gespür für Hierarchien nicht.

Was am Ende dabei herauskam, waren 200 Tonbänder mit insgesamt 600 Stunden Gespräch; Material, das Schwan als Grundlage einer autorisierten Biographie hätte dienen sollen. Der Fortgang der Geschichte ist bekannt: Altkanzler und Biograph zerstritten sich. Schliesslich forderte Kohl die Tonbänder von Schwan zurück, dieser musste sich fügen, nicht jedoch ohne vorher eine vollständige Abschrift des Gesagten anfertigen zu lassen, die nun als Grundlage jener Kohl-Biographie dient, die der heute 84-jährige Altkanzler gerne verbieten lassen möchte und die dieser Tage dennoch erscheint. Eine allfällige Geldbusse scheinen Autor und Verlag dabei kühl einkalkuliert zu haben.

Über juristische, noch mehr aber über moralische Aspekte der Affäre streitet nun die Öffentlichkeit: Ist Schwans Vorgehen in Ordnung, lässt sich der Vertrauensbruch, der zweifellos vorliegt, mit dem öffentlichen Interesse an einer historischen Person rechtfertigen?

«Was immer die Leute an Helmut Kohl noch bewegt und interessiert, solche Enthüllungen können es nicht sein», schreibt Nils Minkmar in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Das ist nun freilich ganz falsch gedacht, offenbart es doch ein wenig realistisches Bild von den Interessen der Leser, das gerade für einen Journalisten erstaunlich ist.

Gewiss, man kann Schwans Verrat und den Voyeurismus des Publikums mit Recht beklagen. Man kann es aber auch dem Autor dieser Zeilen gleichtun und sich zu seinem Voyeurismus bekennen: Dass Kohl zum Mittagessen mindestens drei Pfälzer Bratwürste verspeiste, dass er ab vier Uhr nachmittags begann, Riesling ins Mineralwasser zu mischen, auch dass er uneingeladen an Schwans Geburtstagsfeier auftauchte und diesen vor seinen linken Freunden in Erklärungsnot brachte – all das sind Details, die höchst amüsant zu lesen sind. Menschliches, Allzumenschliches eben, doch wer sagt, das interessiere ihn nicht, dürfte in den meisten Fällen ein Lügner sein.

Abgesehen davon sind die kohlschen Tiraden für das Verständnis des Politikers so ganz unerheblich dann doch nicht. Wenn nun herauskommt, dass der Altkanzler dem früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse ein «Volkshochschulhirn» attestiert oder seiner Nachfolgerin Angela Merkel abspricht, den korrekten Umgang mit dem Essbesteck zu beherrschen, erinnert dies in seiner hämischen Absurdität an den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon: Auch Nixon liess mitschneiden, was er sagte, sodass heute bekannt ist, dass im Oval Office ein Präsident regierte, der, einmal in Fahrt, die halbe Welt von Idioten und Hurensöhnen bevölkert sah.

Warum solches von Bedeutung ist? Weil es vielleicht eben doch auch einiges über den Charakter erzählt: Nixon war der Präsident, der dem Westen China öffnete und den Krieg in Vietnam beendete, doch am Ende stolperte er über sein kriminelles Verhalten in der Watergate-Affäre. Kohl wiederum handelte die Deutsche Einheit aus, doch seine Parteispendenaffäre, die Jahre später bekannt wurde, hätte ihn, wäre er noch Kanzler gewesen, hoffentlich das Amt gekostet. Historische Grösse und menschliche Niedertracht schliessen sich nicht aus.

Das Duell um die Deutungshoheit jedenfalls hat eben erst begonnen: «Was in diesem Buch steht, ist die Wahrheit», verkündete Kohl am Mittwoch bei der Vorstellung eines eigenen Werkes auf der Frankfurter Buchmesse.

Erschienen in der Basler Zeitung: http://bazonline.ch/ausland/europa/Kohl-und-wir/story/24402135

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Karl Kuzorra / 13.10.2014

Die Einschätzungen Kohls über Merkel und Schäuble, eben bei Jauch verlesen, waren vollkommen zutreffend. Beleidigend, aber zutreffend.

Leo Aul / 10.10.2014

Ich habe den SPIEGEL gelesen. Die Veröffentlichung ist ein Vertrauensbruch. Ob den Herrn Kohl über oder unter dem Boden liest, ist aber egal. Kohl ist ehrlich. Das kann man sich auch nur in dem Alter und in dem Zustand erlauben. Schmidt und Schröder waren es ebenso, wenn auch nicht so anrüchig. Politik ist ein hartes, erbarmungsloses Geschäft. Ähnlich wie das Leben.  Auch wenn das so mancher Schöngeist nicht wahr haben will. Kohl hat die Männersprache gepflegt. Das wird natürlich (mir auch) aufstoßen. Strauß und Kohl haben sich mit Beleidigungen übergossen. Als Strauß  bei einer Gebirgswanderung nicht mehr konnte, hat ihn Kohl 50 Meter getragen. Dass die damals noch mehr (als heute) linksgesteuerte Intellektualität der ZEIT sich so abstoßend verhalten hat, ist schon entlarvend. Kohls Unerbittlichkeit auch. Gegner der Linken werden traditionell mit Hass, Beleidigung und Häme (Birne) bekämpft. Kohl war da ein besonderes Ziel. Seine eigenen menschlichen Schwächen sieht er nicht. Im Alter und in der Wut entrückt.  Von Weizäcker kommt am schlechtesten bei dem Rundumschlag weg, denn der ehemalige Präsi hat sich ja später auch auf das höchste Ross gesetzt. Als er im Sattel saß, hat er sich von seinen Steigbügelhaltern Strauß und Kohl abgewendet. Wer entmachtet (1994) werden soll, der wird seine Gegnern nicht auch noch Lob zollen. Ging der Groll mit ihm durch (seine größte Schwäche), war kein Halten mehr. Merkel und Schäuble.  Außerdem, jede Macht vernebelt und treibt den Charakter an seine Grenzen. Erstaunlich, wie wohlwollend der SPIEGEL die Persönlichkeit behandelt.  Völlig unerwartet. Trennt man aber die politische Lebensleistung von der persönlichen Wertschätzung, ist diese Kehrtwendung journalistisch nachvollziehbar. Zweifellos war Herr Kohl ein herausragender Politiker, der uns in Deutschland und für uns im Ausland sehr viele Kohlen aus dem Feuer geholt hat. Der Friedensnobelpreis wäre ihm, allein wegen seiner europäischen Weitsicht und der Wiedervereinigung, würdig gewesen. Schon vergessen, dass sowohl die SPD als auch die ev. Kirche diese Vereinigung nicht wollte? Brandt hat den Preis wegen eines Kniefalls nach Osten bekommen. Adenauer und Kohl haben wesentlich mehr Kniefälle zum Westen und einige wenige zum Osten gemacht. Aber die tendenziös sozialistische Nobelkommission hat ihre Vorlieben. Was auch daran zu erkennen ist, dass die großen Literaten in den USA bei den Literaturpreisen geschnitten werden. Brandt war menschlich schwach. Alkohol, Frauen und Faulheit. Politisch ebenfalls. Nach Innen eine Null, nach Außen lediglich der Kniefall nach Osten, ansonsten NULL. Kohl ist zwar auch menschlich (Familie) problematisch, er könnte ein lieber Freund sein. Aber nur so lange, wie sich keine Wege kreuzen.  Als Politiker, wie alle anderen Grossen auch, ist er mit einem hervorragenden guten Sinn für das Machbare und die Weitsicht ausgestattet. Politik findet weder auf dem Paradebett statt, noch werden die Waffen mit Samthandschuhen befehligt. Als Politiker ist er eine Lichtgestallt. Als Mensch möchte ihn nicht als Vater haben wollen. Er mich als Sohn sicher auch nicht.

Markus Miller / 10.10.2014

Ich empfehle folgendes Experiment: machen Sie sich zu Hause eine Liste von Leuten, die Sie persönlich kennen. Und daneben schreiben Sie, was Sie von diesen Leuten wirklich halten. Kohl und Nixon werden Ihnen schnell höflich und gesittet erscheinen wie die Teilnehmer einer japanischen Teezeremonie.

Chris Deister / 10.10.2014

Das kann man alles so sehen. Oder eben ganz anders. Der Allerweltsname Müller passt dazu. Irgendwie.

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