
Die Einschätzungen Kohls über Merkel und Schäuble, eben bei Jauch verlesen, waren vollkommen zutreffend. Beleidigend, aber zutreffend.
Ich habe den SPIEGEL gelesen. Die Veröffentlichung ist ein Vertrauensbruch. Ob den Herrn Kohl über oder unter dem Boden liest, ist aber egal. Kohl ist ehrlich. Das kann man sich auch nur in dem Alter und in dem Zustand erlauben. Schmidt und Schröder waren es ebenso, wenn auch nicht so anrüchig. Politik ist ein hartes, erbarmungsloses Geschäft. Ähnlich wie das Leben. Auch wenn das so mancher Schöngeist nicht wahr haben will. Kohl hat die Männersprache gepflegt. Das wird natürlich (mir auch) aufstoßen. Strauß und Kohl haben sich mit Beleidigungen übergossen. Als Strauß bei einer Gebirgswanderung nicht mehr konnte, hat ihn Kohl 50 Meter getragen. Dass die damals noch mehr (als heute) linksgesteuerte Intellektualität der ZEIT sich so abstoßend verhalten hat, ist schon entlarvend. Kohls Unerbittlichkeit auch. Gegner der Linken werden traditionell mit Hass, Beleidigung und Häme (Birne) bekämpft. Kohl war da ein besonderes Ziel. Seine eigenen menschlichen Schwächen sieht er nicht. Im Alter und in der Wut entrückt. Von Weizäcker kommt am schlechtesten bei dem Rundumschlag weg, denn der ehemalige Präsi hat sich ja später auch auf das höchste Ross gesetzt. Als er im Sattel saß, hat er sich von seinen Steigbügelhaltern Strauß und Kohl abgewendet. Wer entmachtet (1994) werden soll, der wird seine Gegnern nicht auch noch Lob zollen. Ging der Groll mit ihm durch (seine größte Schwäche), war kein Halten mehr. Merkel und Schäuble. Außerdem, jede Macht vernebelt und treibt den Charakter an seine Grenzen. Erstaunlich, wie wohlwollend der SPIEGEL die Persönlichkeit behandelt. Völlig unerwartet. Trennt man aber die politische Lebensleistung von der persönlichen Wertschätzung, ist diese Kehrtwendung journalistisch nachvollziehbar. Zweifellos war Herr Kohl ein herausragender Politiker, der uns in Deutschland und für uns im Ausland sehr viele Kohlen aus dem Feuer geholt hat. Der Friedensnobelpreis wäre ihm, allein wegen seiner europäischen Weitsicht und der Wiedervereinigung, würdig gewesen. Schon vergessen, dass sowohl die SPD als auch die ev. Kirche diese Vereinigung nicht wollte? Brandt hat den Preis wegen eines Kniefalls nach Osten bekommen. Adenauer und Kohl haben wesentlich mehr Kniefälle zum Westen und einige wenige zum Osten gemacht. Aber die tendenziös sozialistische Nobelkommission hat ihre Vorlieben. Was auch daran zu erkennen ist, dass die großen Literaten in den USA bei den Literaturpreisen geschnitten werden. Brandt war menschlich schwach. Alkohol, Frauen und Faulheit. Politisch ebenfalls. Nach Innen eine Null, nach Außen lediglich der Kniefall nach Osten, ansonsten NULL. Kohl ist zwar auch menschlich (Familie) problematisch, er könnte ein lieber Freund sein. Aber nur so lange, wie sich keine Wege kreuzen. Als Politiker, wie alle anderen Grossen auch, ist er mit einem hervorragenden guten Sinn für das Machbare und die Weitsicht ausgestattet. Politik findet weder auf dem Paradebett statt, noch werden die Waffen mit Samthandschuhen befehligt. Als Politiker ist er eine Lichtgestallt. Als Mensch möchte ihn nicht als Vater haben wollen. Er mich als Sohn sicher auch nicht.
Ich empfehle folgendes Experiment: machen Sie sich zu Hause eine Liste von Leuten, die Sie persönlich kennen. Und daneben schreiben Sie, was Sie von diesen Leuten wirklich halten. Kohl und Nixon werden Ihnen schnell höflich und gesittet erscheinen wie die Teilnehmer einer japanischen Teezeremonie.
Das kann man alles so sehen. Oder eben ganz anders. Der Allerweltsname Müller passt dazu. Irgendwie.
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