Thomas Rietzschel / 30.06.2017 / 16:26 / 0 / Seite ausdrucken

Kohl und die Unfähigkeit zu trauern

Morgen, am 1. Juli, zwei Wochen nach seinem Tod, muss Helmut Kohl noch einmal ran. In seinem Sarg, „Eiche rustikal mit Buchendeckel“ und etwas größer als üblich, wird er zunächst nach Straßburg überstellt. Rund eintausend Gäste wollen bei dieser „europäischen Trauerfeier“ auf ihre Kosten kommen.

Anschließend soll der Leichnam zügig verladen und per Hubschrauber zurück nach Deutschland geflogen werden, wo es im Dom zu Speyer ein Requiem gibt, bis dann am Abend, nach 20 Uhr, das Begräbnis folgt. Das Ende eines unwürdigen Gezerres um den offiziellen Abschied von einem Großen der deutschen Geschichte, auch einem großen Umstrittenen.

Statt der respektvollen Vorbereitung eines deutschen Staatsbegräbnisses, wie es nach Adenauer keinem zweiten Kanzler bisher gebührt hätte, haben wir eine politische Leichenfledderei ohnegleichen erlebt. Zuerst schnappte sich der Bundestag den Toten, um das Gedenken an ihn in einer „Arbeitssitzung“ neben anderen Tagesordnungspunkten abzuhandeln.

Dann versammelte sich das politische Berlin hastig zu einer Totenmesse in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale, diesmal eingeladen von der CDU-Fraktion. Jeder wollte bei irgendeinem Gedenken betroffen fotografiert werden. Zudem gab es Streit mit der Familie. Die Söhne wünschten sich einen Staatsakt in Berlin am Brandenburger Tor. Die Witwe wiederum wollte, durchaus verständlich, weder mit Angela Merkel noch mit dem Kohl-Verächter Frank-Walter Steinmeier Bella figura zum traurigen Anlass machen.

Bei so viel Streit der Hinterbliebenen in Politik und Familie blieb bisher kein Raum für aufrichtige Trauer. Selbst Kardinal Lehmann, einem alten Freund des Verstorbenen, mutete der öffentliche Hickhack „etwas seltsam“ an. Da haben die Deutschen schon mal einen Kanzler gehabt, dem die Geschichtsschreibung eine historisch überragende Leistung zugute halten wird, nämlich die Wiedervereinigung des geteilten Landes, und dann wollen sie davon um Gottes willen kein großes Aufhebens machen. Dann verneigt sich die politische Klasse von rechts bis links zuerst vor dem „großen Europäer“, um danach im Nebensatz drei Worte über den „Kanzler der Einheit“ zu verlieren.

Dabei war es doch gerade der Patriotismus, aus dem sich Kohls Denken in europäischer Dimension speiste, die Liebe zur eigenen Nation verbunden mit dem Respekt vor den Vaterländern der anderen, ganz im Sinne de Gaulles. Und schon allein dafür, für diese biographisch fundierte, nicht ideologisch geheuchelte Weltoffenheit, wäre die Bundesrepublik gehalten gewesen, ihren einstigen Kanzler mit den höchsten Ehren, die sie erweisen kann, zu begraben.

Doch wo immer in  den letzten Tagen der Gedanke an ein deutsches Staatsbegräbnis aufzukommen drohte, schlugen sich diejenigen, die es hätten ausrichten können, schnell in die Büsche. Wie die Kanzlerin so vermied es der Bundespräsident tunlichst, das Wort überhaupt in dem Mund zu nehmen. Statt der Leistung des Verstorbenen mit Respekt zu gedenken, nutzen sie den Abschied, um sich selbst auf europäischer Bühne in Szene zu setzten, wenn sie Helmut Kohl nun auf seine letzte Dienstreise nach Straßburg schicken. Fürchten sie, ein staatlicher Trauerakt hierzulande könnte ihnen die Show stehlen? Oder wollen sie mit der Aufbahrung Helmut Kohls in Europäischen Parlament gar einen neuen kontinentalen Führungsanspruch untermauern?

Das eine scheint so absurd wie das andere, obwohl weder dieses noch jenes auszuschließen ist, nicht nach dem politischen Geschacher der letzten Tage. Es war unwürdig, pietätlos, abstoßend. Allein, Helmut Kohl hat es überstanden. Ein Termin noch, bei dem er morgen ran muss, dann kann er in Frieden ruhen.

Die Historiker, bei denen er selbst promovierte, werden sich seiner Geschichte annehmen, seiner Leistung, seiner Hybris sowie seines Versagens. Die Politiker indes mögen sich trollen. 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thomas Rietzschel / 02.09.2018 / 13:30 / 24

Juncker geht mit der Zeit

Was immer man von dem alten Schluckspecht halten mag, ein begnadeter Geschichtenerzähler ist Jean-Claude Juncker allemal, nie um eine Schnurre verlegen. Ohne eine Miene zu…/ mehr

Thomas Rietzschel / 30.08.2018 / 17:00 / 25

Der Bund gießt Öl ins Feuer

Bei der Aufrechterhaltung von „Recht und Ordnung“ dürften sie „mit polizeilichen Unterstützungsmaßnahmen“ des Bundes rechnen, hat Horst Seehofer den Sachsen am Dienstag, nach den Aufmärschen…/ mehr

Thomas Rietzschel / 28.08.2018 / 14:30 / 15

Söder hinter Gitter,  Recht auf den Kopf!

Söder „hinter Gitter“. Wer sich das schon immer gewünscht haben mag, dem wird jetzt Hoffnung gemacht. Wie süddeutsche.de berichtete, erwägt die „bayrerische Justiz“ die Verhängung einer…/ mehr

Thomas Rietzschel / 25.08.2018 / 12:00 / 23

Wenn der Blitz im Schloss Bellevue einschlägt

Am Mittwoch dieser Woche wurde unser Bundespräsident von einem Geistesblitz getroffen, unter strahlend blauem Himmel im Garten seines Berliner Amtssitzes, Schloss Bellevue. Zur Abwechslung hatte er…/ mehr

Thomas Rietzschel / 24.08.2018 / 14:00 / 32

Monokulti in Darmstadt

Wenn der linke Block aufmarschiert, um das Vorrecht auf die Demokratie zu beanspruchen, nimmt man es mit den Spielregeln der Demokratie nicht so genau. Jubelnd…/ mehr

Thomas Rietzschel / 22.08.2018 / 13:30 / 32

Aktion Schilda trinkt

Die Schildbürger sollen einstmals versucht haben, das Licht mit Säcken in ihr Rathaus zu tragen. Das zeugte zwar von grenzenloser Einfalt, war jedoch insofern ernst…/ mehr

Thomas Rietzschel / 18.08.2018 / 14:00 / 23

Die schönen Tage der Dekadenz verrinnen

Von wegen Leistungsgesellschaft. Pustekuchen! Ernst & Young, die Wirtschaftsprüfer, haben sich in der Sache an deutschen Hochschulen und Universitäten umgehört. Was sie herausfanden, war zu…/ mehr

Thomas Rietzschel / 16.08.2018 / 12:00 / 15

Verdammt, England lebt noch!

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das Unheil, das die einen den anderen an den Hals wünschen, weil sie aus der Reihe…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com