Körpereigene Stickoxide: Fahrverbot für Zellen?

Von Gerald Wolf.

Böse sind sie, die Stickoxide, böse, böse! Dabei haben sie auch Ihr Gutes. Sie verhelfen den Medien aus dem Sommerloch heraus und ermöglichen den Politikern aufzuzeigen, wie besorgt sie um uns sind. Um uns, die Menschen, die hier leben, die Wählerinnen und Wähler. Denn die Stickoxide machen krank. Das wissen mittlerweile alle, selbst wenn sie in ihrem Bildungsgang Chemie abgewählt haben sollten. Man will errechnet haben, wie viel tausende Menschen Jahr für Jahr durch Stickoxide sterben, vor allem solchen aus Dieselmotoren. Der Dieselfahrer – ein Massenmörder. Hauptsächlich aus wahltaktischen Gründen wohl geht man zurzeit mit ihm etwas nachsichtiger um. Aber wer schon weiß, was danach auf ihn zukommt. Und auf unsere Autoindustrie.

„NOx“ kann man für die Familie der leicht in einander umwandelbaren Stickoxide auch sagen, das ist kürzer und verrät ein Plus an Bildung. NOx ist vor allem in der Straßenluft schädlich, wie aus den Grenzwerten hervorgeht, die sich an EU-Vorgaben orientieren. Denselben zufolge und eigenartigerweise aber mehr als 20-mal weniger gefährlich in geschlossenen Räumen, in Büros zum Beispiel und an Arbeitsplätzen der Industrie. Zwar haben sich in Deutschland, so das Bundesumweltamt, die NOx-Ausscheidungen von Kraftfahrzeugen, Energiewirtschaft und so weiter seit 1990 stetig verringert, um etwa die Hälfte, der Alarm aber, obschon verspätet, muss trotzdem sein. Zumindest eben aus politischen und Sommerlochgründen.

Nicht so aus gesundheitlichen Erwägungen heraus. Denn man kann noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass Stickoxide zu Schäden führen, wenn ihre Konzentrationen deutlich über der Norm liegen. Das gilt selbst für Asthmatiker und Menschen mit anderen chronischen Lungenkrankheiten, die auf Schadstoffe in der Atemluft besonders empfindlich reagieren. Für sie ist der Fein- und Feinststaub, der unter anderem von den Brems- und Kupplungsbelägen und dem Reifenabrieb herrührt, besonders bedenklich, warnen die meisten der Lungenspezialisten.

Ob nun der eine oder der andere Umweltfaktor eine Rolle spielt oder welcher der vielen sonstigen auch immer, lässt sich nicht genau analysieren. Der Einfachheit halber hält man sich an einen der mutmaßlichen Faktoren, zum Beispiel eben an die Stickoxide, zumal sie im Zusammenhang mit der Dieselaffäre eine herausragende Rolle spielen. Mit deren Konzentrationen (vor allem an Straßenkreuzungen) füttert man sogenannte "epidemiologische Studien".

In welchem Umfang, wird da gefragt, waren Menschen, die vermutbar an atmosphärischen Schadstoffen erkrankt oder gestorben sind, solchen Stoffen ausgesetzt? Das Problem dabei ist, dass sich auf solche Weise lediglich Korrelationen ableiten lassen, und diese mögen mit der unterstellten Ursache nichts zu tun haben. Etwa so wie in dem berühmten Storchenbeispiel: Es war einmal eine Zeit, in der ging mit der Anzahl der Storchenbruten auch die der menschlichen Geburten zurück. Wollte man – statistisch durchaus gesichert – nun aber Korrelation mit Kausalität gleichsetzen, käme etwas sehr Ulkiges heraus.  Und tatsächlich, für Stickoxide ist in den hierfür relevanten Konzentrationen eine gesundheitsschädigende Wirkung bis heute nicht erwiesen.

Stickoxid ist ein körpereigenes Produkt

Erwiesen ist etwas anderes: Eines der Stickoxide, das Stickoxid par excellence – Stickstoffmonoxid (NO) – , ist ein von unserem Organismus selbst produziertes Gas. Für diese Entdeckung  wurde an die Amerikaner Robert Furchgott, Ferid Murad und Louis J. Ignarro 1998 der Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen. Stickstoffmonoxid ist ein chemisches Radikal, das als gasförmiger Signalstoff in unserem Organismus vielfältigste Funktionen ausübt. Innerhalb der Zellen sorgen spezielle Enzyme (Stickoxidsynthasen) dafür, dass das Stickstoffmonoxid von der Aminosäure Arginin abgespalten wird. Viele Nervenzellen nutzen NO als Neurotransmitter, NO weitet die Blutgefäße und dient zusammen mit Peroxynitrit, einem Produkt des NO-Stoffwechsels, der Abwehr von Bakterien und sonstigen Fremdorganismen wie auch der Beseitigung von Zelltrümmern (zusammen mit seinen Mitarbeitern ist der Autor an entsprechenden Forschungsarbeiten beteiligt).

Eine Reihe von Medikamenten, vor allem solche für Herz und Kreislauf, entfalten im Zusammenhang mit der Stickstoffmonoxid -Wirkung ihren therapeutischen Effekt. Dazu gehört auch die „Kraft“ von Viagra. Zur Behandlung von Neugeborenen mit Lungenversagen wird in speziellen Fällen Stickstoffmonoxid sogar dem Beatmungsgasgemisch beigegeben. Allerdings, wie hoch die Konzentration des Stickstoffmonoxids innerhalb von den Zellen ist, in denen es entsteht, kann trotz jahrzehntelanger Forschung bis heute niemand genau sagen. Ganz sicher aber weit, weit höher, als es den Abgasnormen entspricht. Außerdem gibt es spezielle Stoffwechselmechanismen, die die Zellen vor Stickoxid-bedingtem (nitrosativem) Stress schützen.

Und da will die politisch-mediale Klasse, gestützt auf die Meinung passender „Experten“, uns nun kundtun, wie gefährlich Stickoxid und dessen Verwandte ab einer willkürlich festgelegten Konzentration für den Menschen sind. Auf das Risiko hin, mit solcherart Alarm das Rückgrat unserer Wirtschaft zu ruinieren, nämlich das der Auto-Industrie. Möglicherweise für immer. Politik und die ihr geneigten Medien können sehr gefährlich sein, viel gefährlicher als (wenn überhaupt) die Stickoxide.

Professor Gerald Wolf ist Hirnforscher und emeritierter Institutsdirektor. Er widmet sich in seinen Vorträgen und Publikationen und regelmäßig im Fernsehen (MDR um 11, Sendung „GeistReich“) dem Gehirn und dem, was es aus uns macht. Neben zahlreichen Fachpublikationen und Fach- und Sachbüchern hat er auch drei Wissenschaftsromane veröffentlicht.

Foto: Bildarchiv Pieeterman

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Leserpost (7)
Dominik Brandau / 05.09.2017

Für Büros gelten keine Arbeitsplatzgrenzwerte nach TRGS 900. Die Gefahrstoffverordnung mit technischen Regeln gelten nur für Arbeitsplätze, die gezielt mit Gefahrstoffen umgehen, davon sollte im Büro keine Rede sein. Für alle Arbeitsplätze also auch Büros gelten zuallererst die Arbeitsstättenverordnung mitsamt den technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR). In der ASR 3.6 unter Abschnitt 4.1 Grundsätze Luftqualität “In umschlossenen Arbeitsräumen muss gesundheitlich zuträgliche Atemluft in ausreichender Menge vorhanden sein. In der Regel entspricht dies der Außenluftqualität” ->also der EU-Grenzwert für die Außenluft gilt auch in Büros und allen Arbeitsplätzen ohne zusätzliche NOx-Quellen (z. B. dann aber auch in dem privaten Wohnzimmer, also blöd wenn man an einer viel befahrenden Straße wohnt - ich denke Herr Professor wohnt irgendwo in einer schönen Villa im grünen Speckgürtel). Ich hoffe, dass der ein oder andere auch schonmal davon gehört hat, dass der Arbeitsplatzgrenzwert grundsätzlich für eine 40 Stunden Woche gilt, also für rund 24 % unserer Lebenszeit. Mir ist schon klar, dass dieses Forum hier einer Art der Selbstbeweihräucherung dient. So nach dem Motto die anderen Toxikologen und Epidemiologen können ja alle nix. Ich hoffe wir stimmen überein, dass in unserer Gesellschaft bei der politischen Einigung auf Grenzwerte auch besonders schützenswerte Personengruppen entsprechend berücksichtigen werden sollten. Dass man dazu natürlich entsprechende Sicherheitsabstände bezüglich ganz klarer Wirkschwellen braucht ist doch nur selbstverständlich. Wenn jetzt also der AGW für alle gelten würde, müsste er erstmal auf 24h am Tag 7 Tage der Woche heruntergerechnet werden. Dann sind wir beim ca. fünffachen Wert des Eu-Grenzwertes für die Außenluft. Der AGW ist für gesunde Erwachsene mit einer extra medizinischen Überwachung nach ArMedVV. Wenn ich so darüber nachdenke, ist ein Sicherheitsfaktor von 5 für Schwangere, Kranke, Kinder, Babies usw. eigentlich noch viel zu klein. Herr Prof. sollte auch wissen, was das NO eigentlich im Körper macht, dann wird schnell klar das zuviel oder an den falschen Stellen im Körper eben keine super tolle gesundheitsfördernde Wirkung hat. Die Paracelsus Phrase schenk ich mir hier jetzt mal. Im übrigen gilt auch nach der Gefahrstoffverordnung das Minimierungsgebot und Fakt ist, dass es nun mal die Diesel sind, die zu der NO-Belastung zum mit Abstand größten Teil beitragen. Die Technik den Diesel sowohl Feinstaub als auch NO sauber zu machen existiert und das hat nix damit zu tun, dass man über Verbrennungstemperaturen entweder mehr Feinstaub oder NO erzeugt - man kann beides wirksam herausfiltern. Ich sage nicht Diesel gehört abgeschafft, allerdings dreckige Dieselfahrzeuge. Auch die Manipulation von Diesel-LKW-SRC-Kats durch osteuropäische Logistiker gehört schleunigst stärker verfolgt. Und ja auch Benzin Direkteinspritzern gehört ein Rußpartikelfilter verpasst. Tja hätten die Autoherstellern ihren treuen Diesel Kunden doch lieber zugemutet 1 mal im Monat AdBlue SELBSTSTÄNDIG nachzutanken. Mit freundlichem Gruß junger Familienvater mit Grundbildung in Chemie/Toxikologie und 2 sparsamen Familienbenzinern mit Saugrohreinspritzung und gut funktionierendem 3-Wege-Kat PS: ich habe vollstes Verständnis für den Pendler der im Jahr 25000 km fährt und sich deshalb einen Diesel geholt hat. Aber so richtig verstehen kann ich es nicht. Ich hatte selbst bis vor kurzem auch pro Arbeitstag 120 km und fuhr einfach ein sauberes Erdgasfahrzeug (sogar VAG Konzern) noch erheblich günstiger als einen Diesel

Dr. Claudia Krüger / 04.09.2017

...aber ist ” Nichtmehrwählen ” wirklich die richtige Lösung für das erwähnte Dilemma? Stärkt man damit nicht sogar die amtierenden bzw. regierenden Politiker, die sich auch dann noch als Wahlsieger verstehen, wenn sie nur noch die Stimmen eines Drittels eines noch wählendes Drittels erhalten? ...kann man deshalb die eigenen Hände in Unschuld waschen, weil man sagen kann, ich habe ( die ) nicht gewählt?

Jens Commentz / 04.09.2017

Jemand, der die sensationelle Wirkung von NO bei der Beatmung von Frühgeborenen mit Atemnotsyndrom aktiv erlebt hat ebenso wie Wirkung bei koronarer Herzerkrankung, kann über die aktuelle Diskussion nur staunen. Pd. Dr.med. Dipl.-Chem. Jens Commentz FA für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie, Päd. Intensivmedizin

Christian Schulz / 04.09.2017

Wie schrieb Achse-Autor Henryk Broder hier vor einiger Zeit ironisierend: “Die Wirklichkeit ist nur ein soziales Konstrukt” Der Dieselskandal, und nicht nur der, ist ein Beispiel dafür. Das Schöne für die Innenstädter ist, dass Handwerker heute so rar sind, dass sie es sich erlauben können Aufträge aus “Fahrverbotszonen” einfach abzulehnen. Ich bin gespannt was die großstädtische Grüne Elite dann sagt.

Max Walter / 04.09.2017

Das mit den Büros soll nicht stimmen(verbreitet wurde es von der NICHT-LÜgenpresse.Der Wert gilt wohl nur für bestimmte Arbeitsplätze wie Stahlkocher etc. Allerdings sollen die Grenzwerte(stand das nicht auf achgut?)auf einer ganz anderen Grundlage beruhen.Vor 30 Jahren nahm man das als Anhaltspunkt für die ALLGEMEINE Verschmutzung durch KFZs.Man mass als nur die Stickoxide und ging dann davon aus das auch alle anderen Werte höher sind,was wohl auch so war.Nur hat man seitdem Bleifreies Benzin und Katalysatoren etc. eingeführt. Über die Millionen neuen Kamine wo ekelhafter Gestank rauskommt beschweren sich die Ökos natürlich nicht,ist ja nur Holz..

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