Thomas Petersen / 22.05.2014 / 12:50 / 44 / Seite ausdrucken

Können wir uns bitte mal um die Hauptsache kümmern?

Als ich vor eineinhalb Jahren begann, auf der „Achse des Guten“ Beiträge zu schreiben, nahm ich mir vor, mich mit persönlichen politischen Kommentaren zurückzuhalten, denn es kann als Analytiker der Gesellschaft nicht meine Aufgabe sein, allzu stark Partei zu ergreifen. Aus aktuellem Anlass mache ich jetzt aber mal eine Ausnahme, denn ich habe zunehmend den Eindruck, dass die öffentliche Diskussion um die Europäische Union vollkommen aus der Spur gerät, und anscheinend gibt es außer mir niemanden, den das stört, und erst recht niemanden, der versucht, etwas dagegen zu tun.

Worum geht es? Kurz gesagt: Ich kann das Geschimpfe auf die Europäische Union nicht mehr hören. Es ist in aller Regel ungerecht, ahistorisch, meist weitgehend kenntnisfrei, nicht selten bösartig, schlichtweg nicht angemessen und meistens billig. Wer Applaus ernten will, muss nur etwas Abfälliges über die Europäische Union sagen. Dann jubeln alle, aber niemand denkt. Wenn mit Kampfbegriffen wie der suggestiven Abkürzung „EUdSSR“ versucht wird, den Eindruck zu erwecken, als sei der freiwillige Zusammenschluss demokratischer Länder das gleiche wie ein gewaltsam zusammenerobertes diktatorisches Imperium, dann ist das mehr als nur eine Entgleisung der Wortwahl.

Natürlich gibt es viele Probleme in der Europäischen Union. Natürlich gibt es eine schreckliche, bürgerferne Bürokratie, die Vernachlässigung des Subsidiaritätsprinzips, den Hang zur Überregulierung, Machtphantasien der Verwaltung, endlose fruchtlose Debatten, Geldverschwendung und, und, und. Ja, das alles gibt es. Das gibt es alles aber auch in Deutschland, und das ganz bestimmt nicht weniger als auf europäischer Ebene. Ich wüsste ziemlich viel Deutliches über die Sozialpolitik der Bundesregierung und der sie tragenden Parteien zu sagen, über die Fehlkonstruktionen bei der Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen und darüber, dass beides zu katastrophaler Geldverschwendung und schlimmer zur Vernichtung von Zukunftschancen führt. Ich kann mich täglich darüber aufregen, dass Berlin uns in Baden-Württemberg die Haare vom Kopf frisst und sich darauf auch noch etwas einbildet. Kommt deswegen jemand auf den Gedanken, Berlin aus der Bundesrepublik hinauszuwerfen? Natürlich nicht.

Was hat man denn erwartet? Es ist eine historisch einzigartige Aufgabe, 28 (!) Länder, von denen die meisten über Jahrhunderte hinweg hauptsächlich damit beschäftigt waren, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, zu einer engen Gemeinschaft zusammenzuführen. Selbstverständlich geht das nicht ohne Probleme. Selbstverständlich knirscht das in allen Ecken und Enden. Bei 28 Regierungschefs gibt es immer einen oder zwei, die das Ganze zu torpedieren versuchen, seien es fanatische Deutschenhasser wie die Kaczynski-Brüder, nationale Autisten wie Vaclav Klaus oder verhinderte Gebrauchtwagenhändler wie Berlusconi. Das Wunder ist nicht, dass es ständig Streit und Probleme gibt, sondern dass sich alle diese so unterschiedlichen Regierungen trotzdem immer wieder - wenn auch quälend - zu einigen wissen.

Warum? Weil sie wissen, dass die Einigung den hohen Preis wert ist, den alle für sie bezahlen. Es wird der Eindruck erweckt, der Euro, ja die ganze europäische Einigung sei sinnlos, weil es massive wirtschaftliche Probleme auf dem Kontinent gibt. Wenn irgendwelche wildgewordenen Extremisten in Griechenland auf den ungeheuer originellen Gedanken kommen, Frau Merkel mit Hitlerbärtchen abzubilden, sei das ein Zeichen dafür, dass die EU gescheitert sei. Was für eine Kurzsichtigkeit! Tatsächlich ist es ein Beleg für die Notwendigkeit der europäischen Integration. Glaubt denn irgendjemand, die Ressentiments, die solche Bilder bedienen, habe es in ökonomisch besseren Zeiten nicht gegeben?

Wer glaubt, die europäische Einigung müsse entweder eine Liebesheirat sein oder aber abgeblasen werden, verkennt ihre eigentliche Bedeutung. Die Europäische Union existiert nicht trotz sondern wegen der Vorurteile, die die beteiligten Völker übereinander haben. Es war nicht Vertrauen, sondern Misstrauen, das am Anfang der europäischen Einigung stand: Frankreich fürchtete sich so sehr vor der Rache des besiegten Deutschland, dass es die gemeinsame Bewirtschaftung von Kohle und Stahl vorschlug, so dass Deutschland nicht mehr, wie in den 30er Jahren, von Frankreich unbemerkt aufrüsten konnte.

Es war der feste Wille der Gründer der Gemeinschaft, Adenauer, Schuman, de Gaulle, aber auch der Nachfolgergeneration, allen voran Kohl und Mitterand, die Länder Europas institutionell so eng aneinander zu ketten, dass sich eines nicht mehr ohne die anderen bewegen konnte. Die gegenseitigen Abhängigkeiten, und Haftungen, die Aufgabe von Teilen der nationalen Souveränität, sind im Alltag oft ärgerlich, aber sie sind Absicht. Und sie haben einen sehr guten Grund. „Le nationalisme, c’est la guerre!“ schleuderte Mitterand in seiner letzten großen Rede den Abgeordneten des Europaparlaments entgegen. Wer glaubt, so ein Satz sei aus der Zeit gefallen, möge sich die Ukraine anschauen. Da kann man gerade sehen, wie schnell das geht.

Man kann sich über Fehlentwicklungen der Gemeinschaft aufregen, Reformen anmahnen. Aber wer pauschal die EU und den Euro als komplette Fehlkonstruktion verunglimpft, sollte einen besseren Gegenvorschlag in Reserve haben. Bisher habe ich von den EU-Beschimpfern keinen gehört, den man ernst nehmen könnte. Diejenigen, die Nationalisten wie Farage, „Der-Euro-Ist-Unser-Untergang“-Sektenprediger oder komplette Knalltüten wie Beppe Grillo wählen und ihre Thesen verbreiten, tragen damit nichts zur Lösung der Probleme in Europa bei, sondern betreiben das Geschäft des kurzsichtigen nationalen Egoismus und schaden damit ihrem eigenen Land, das sie doch glauben, verteidigen zu müssen. Sie sollten sich was schämen!

Das ist also ausnahmsweise einmal meine ausdrücklich als solche gedachte Wahlparole: Streitet, kritisiert, beteiligt Euch an Verbesserungsvorschlägen, aber behaltet dabei im Auge, was die Haupt- und was die Nebensache ist. Lauft nicht den Rattenfängern mit ihren billigen Scheinlösungen hinterher! Sage sonst hinterher niemand, er habe es nicht wissen können.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Dipl.Kfm.Helge-Rainer Decke / 23.05.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Petersen, Ihre Argumente zum So Sein einer EU, die sich von der Idee zur Realität formte, eine EU die gleichwohl sowohl innerhalb ihrer Gemeinschaft aber, und das wird mehr und mehr ihre Herkulesaufgabe sein, sich erfolgreich gegen die ökonomischen Herausforderungen einer globalisierten Weltwirtschaft zu behaupten haben wird und muss, eine EU die kein statisches Gebilde sondern ein Prozess innerer und äußerer Fortentwicklung durchlebt, also Ihre Argumente für ein Europa, für den Euro, sind schlüssig und für den Gebildeten nachvollziehbar. Nicht so für EU Hasser. Aus dem ‘Füllhorn” der Beiträge hier in Achgut zeugt dem Grunde nach nur ein Beitrag davon, dass begriffen wurde, was Sie darlegten. Es ist der Beitrag eines Dr. mit “Adelsherkunft”. Na ja, Adel und Bildung verpflichten eben:-)

Gerhard Sponsel Lemvig / 23.05.2014

Der Volkspädagoge Dr. Thomas Petersen möchte scheinbar den sorglosen Deutschen für die EU-Vorteile sensibilisieren.  Das Volk ist schlauer wie der Akademiker aus der Propagandaabteilung des Brüsseler ZK ! Petersen in die Produktion !

Helfried Richter / 22.05.2014

Hallo Herr Petersen, einige meiner Kenntnisse als “Kenntisfreier” zur EU sind diese: 1) Der Maastricher Vertrag wurde gebrochen; es wird Geld aus dem Nichts auf Teufel komm raus erfunden. 2) Die Inflation ist nicht gefühlt, sondern real (Beispiele: Butter, Teigwaren, Strom; kommen Sie mir jetzt nicht mit billiger gewordenen TV-Geräten, die zum sogenannten “Warenkorb” gehören, um die Leute mit getürkten Zahlen zu beruhigen). 3) Die Haftungsobergrenze für Bankguthaben wurde “harmonisiert” und auf 100 000 Euro reduziert. Ein Freiberufler, welcher selbst seine Rente angespart hat, kann pro Monat bei dieser Summe immerhin 100 000 / 20 Jahre * 12 Monate = 417 Euro verprassen - wirklich beeindruckend und ein Zeichen immensen Reichtums. 4) Durch EU-Gesetze wurden Brandschutzvorschriften derart verschärft, dass in Dresdner Schulen für zehntausende Euro Brandschutzanlagen eingebaut werden müssen, während der Putz von den Wänden fällt und Fenster verrotten, weil dafür deshalb kein Geld übrig ist. Das hat mir nicht Nigel Farage, sondern ein Landtagsabgeordneter der CDU in Dresden erzählt. 5) Um fabrikhallenartige Beleuchtung in Wohnräumen zu erzwingen, wurde Quecksilber als gesund eingestuft, während Jahre zuvor Quecksilberthermometer verboten wurden. Ihr Vergleich, dass auch in Deutschland Verschwendung vorkommt, erinnert an einen Erstklässler, der seine Eltern bei einer Mathe-4 beruhigt, sein Banknachbar habe eine 5. Was Sie von der EU halten, ist Ihre Sache - andere Menschen zu beschimpfen, die anderer Ansicht sind, ist nicht gerade ein Zeichen von Pluralität und Meinungsfreiheit. Ja, Sie hatten den richtigen Impuls - wären Sie doch bei Ihrer Profession geblieben statt als EU-Propagandist den Oberlehrer zu geben.

Michael Geier / 22.05.2014

Ich sehe mir das kleine Bildchen links oben an und frage mich:  sitzt dem Herrn Dr.  vielleicht nicht ein klein wenig der “deutsch-gute Michel-Schalk” im Nacken?  Na ja ... dem modernen, visionären Europäer sollten solche äußerlichen Plänkeleien ohnehin WURST sein…  Ansonsten möchte ich dem Autor dieses wackeren Pro-Brüssel Exkurses (wo findet man sowas schon noch!!) für seinen Sinn für Humor gratulieren.

Jörg Paul Jonas / 22.05.2014

Danke für die klaren Worte zur EU und zu der schönsten Gegend der Welt, Europa. Es muss noch viel getan werden in der EU, aber die Flucht in primitiven Nationalismus ist die falsche Richtung. Viele EU Gegner sind im Moment zu Putinfans geworden. Dies sagt schon genug!

Thomas Schlosser / 22.05.2014

Da bewirbt sich wohl jemand als Pressesprecher von Martin Schulz….... Viel Erfolg mit dieser Bewerbung…..

Vaclav Endrst / 22.05.2014

Ja Herr Dr. Petersen die Idee der EU ist so zu sagen ein Ideal. Leider ist bekannt, dass ein Ideal unerreichbar ist. Die Kräfte die die Erreichung des Ideals verhindern sind hier bestens bekannt. Wirtschaftlich starke Nationen profitieren von starken Euro, die schwächeren leiden da drunter. Die politische Elite, die Kommissaren sind nicht demokratisch gewählt. Der Parlament ist von den Politikern der zweite Reihe besetzt. Man hat das Gefühl, dass sie hauptsächlich wegen der Diäten ihre Posten besetzt halten. Man nennt eine solche Verhaltensweise Raffgier. Mit anderen Worten gesagt, die Idee eines Marktes mit mehr als 300 Millionen Einwohner ist sicherlich wirtschaftlich richtig, aber die eingeschlagenen Ziele zu erreichen - vorsichtig ausgedrückt- ohne richtig ausgebildetes Personal unmöglich.

Siegfried Bauer / 22.05.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Thomas Petersen, vielen Dank für diesen Artikel, den ich umstandlos unterschreiben würde. Sie sind eine wirkliche Bereicherung für diese Seite. Mit freundlichem Gruß, Siegfried Bauer

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thomas Petersen / 24.12.2014 / 12:00 / 0

Die frohe Botschaft: 2015 wird gut

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (49) Zur Jahreswende gibt es am Institut für Demoskopie Allensbach einen guten alten Brauch: In der letzten Bevölkerungsumfrage des…/ mehr

Thomas Petersen / 03.12.2014 / 12:00 / 3

Aus Ideologiefragen Sachfragen machen

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (48) Seltsamerweise neigen die Menschen dazu zu glauben, bei einer Streitfrage habe derjenige Recht, der die Mehrheit auf seiner…/ mehr

Thomas Petersen / 19.11.2014 / 20:02 / 0

Wie Sozialforscher aneinander vorbei forschen

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (47) Schon einmal habe ich auf die oft etwas verstörende Eigenschaft des Kernphysikers Heinz Maier-Leibnitz (1911-2000) hingewiesen,  scheinbar banale…/ mehr

Thomas Petersen / 05.11.2014 / 07:00 / 16

Dämliche Volksweisheiten über Statistik-Manipulation

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften 46 Es gibt zwei Dinge, auf die man sich als Umfrageforscher absolut verlassen kann. Erstens: Wann immer man einen…/ mehr

Thomas Petersen / 18.10.2014 / 09:32 / 6

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (45): Soziale Konditionierung

Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie die Berichterstattung der Massenmedien durch die Verwendung stereotyper Begriffe die Wahrnehmung von Politik beeinflusst und damit letztlich auch…/ mehr

Thomas Petersen / 06.09.2014 / 07:20 / 1

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 44)

Zehn Jahre Schon einmal habe ich an dieser Stelle über die Chronistenpflicht der Umfrageforschung geschrieben, doch angesichts des zehnjährigen Jubiläums der „Achse des Guten“ lohnt…/ mehr

Thomas Petersen / 11.08.2014 / 13:23 / 1

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 42)

Mit der Zivilcourage, schrieb kürzlich Jennifer Nathalie Pyka in einem Beitrag für die „Achse des Guten“, verhalte es sich ein wenig wie mit Gott: Sie…/ mehr

Thomas Petersen / 02.08.2014 / 11:50 / 1

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 42)

Hinter jeder Ecke lauert die Banalität Kürzlich wies mich ein Leser der „Achse des Guten“ auf ein im Deutschlandfunk gesendetes „Kulturgespräch“ zum Thema „Gehen“ hin.…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com