„Bei den Nachbarn kriege ich Würstchen und Cola und fernsehen darf ich auch!“ Schleudert Lili ihren Leuten entgegen, als Begründung, warum sie übergelaufen ist. Ausgerechnet zu den verdrucksten, notgeilen, erzkatholischen Spießern eines bayrischen Kaffs! Weg von den lockeren, freien, vor spiritueller Sinnlichkeit nur so vibrierenden Kommunarden.
Aber Lili, 12, hat genug von Beziehungschaos, Gekreisch und wildem Rumgehüpfe in ihrer orangegewandeten Community. Vom ewigen Umarmen und Frohgetue, das zu den Ritualen gehört. Keine Imperialistenbrause trinken, keine toten Tiere essen, auch Glotze gucken tabu – ihr stinkt´s. Sie sehnt sich nach anderen Regeln, möchte zur Dorfgemeinschaft gehören. Wo das enthemmte Treiben der Zugereisten mit einer Mischung aus Entrüstung und Spannerlust beäugt wird. Der große Knatsch ist somit programmiert. Zusammenprall der Subkulturen, „bayrische Urviecher“ vs. „Kreuzberger Sannyasin“.
Sannyasin? Was für Typen sind das denn? Werden sich viele fragen, die noch nicht jenseits der 40 sind. Seltsam eigentlich. Die Jünger des über eine veritable Rolls-Royce-Flotte gebietenden indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh (1931 – 1990) hatten Deutschland mal schwer erregt. Doch anders als Rocker, 68er, Hippies oder Punks, die ihre Duftmarken in der Popkulturgeschichte hinterließen, scheint der Psycho-Sex-Kult um den indischen Erlöser-Darsteller heutzutage wie verdunstet. Dabei huldigten ihm einst Hunderttausende. Ihnen setzt der Film „Sommer in Orange“ jetzt ein schräges Denkmal.
Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller, bekannt durch seinen Kinoknüller „Wer früher stirbt ist länger tot“, hat den Country-Horrortrip einer Berliner Sannyasin-Kommune ins fiktive Dörfchen Talbichl von anno 1980 gelegt. Der simple Plot - Urschrei-Therapie und Vollkornschrot treffen auf Schützenverein und Stammtischsprüche – entspringt den höchst persönlichen Erfahrungen der Drehbuchautorin Ursula Gruber, die in einer Sannyasin-Kommune bei München aufwuchs. Auch sie, wie die Lili im Film, genoss einerseits eine Kindheit in Freiheit und Verwilderung. Litt aber zugleich unter der Anwesenheit von zu vielen Durchgeknallten und der Abwesenheit von Ordnung und Normalität; Sekundärwerte, die doch häufig unterschätzt werden. Der Film ist für Gruber eine Art späte Selbsttherapie, was man der Rolle der doppelt lebenden Lili unschwer ansieht. Deren Darstellerin, die hinreißende 13jährige Amber Bongard, spielt ihre Mit-Sannyasins mühelos an die Scheunenwand.
Produzenten und Mimen von „Sommer in Orange“ sind - mit Ausnahme des Sympathiebärchens Chiem van Houweninge, der den kreglen Senior-Sannyasi Prakash gibt – durchweg recht jung. Das sorgte für die Verve, mit der sich das Team, sektenhistorisch unbeleckt, in das Retro-Projekt gestürzt hatte. Für die Schauspielerin Daniela Holtz wurde der Dreh auf einem 200 Jahre alten Bauernhof beinahe zum „Encounter“, wie Bhagwans Followers ihre zuweilen brachialen Gruppentherapien nannten. Vor und hinter der Kamera sprudelte reichlich „Ennertschi“, das ständig beschworene Lebenselixier der echten Sannyasins. Jene mysteriöse Energy, die mal da ist und mal weg. Auf jeden Fall war sie dort, wo His Bhagwaness oder seine Kardinäle weilten.
Die Gläubigen verdutzte der Meister gerne mit Sentenzen wie dieser: „Ihr könnt mich jeden Blödsinn fragen, und ich gebe euch noch größeren Blödsinn zurück.“ (aus der Best-of-Bhagwan-Kompilation „Die Gans ist raus“). Messerscharf durchblickte der charismatische Rauschebart mit den listig-sanften Augen die Seelen westlicher Sinnsucher. Die, nicht etwa Asiaten, waren seine Zielgruppe. Er mixte ihnen einen schillernden west-östlichen Cocktail aus Psychologie, Bioenergetik, Gestaltstherapie, Zen-Bhuddismus und Dekonditionierungstechniken. Dazu die Orgasmustheorien des deutschen Triebbefreiers Wilhelm Reich, turbogeladen mit indischem Tantrismus. Sex macht frei! Treibt es so oft ihr könnt! Derlei Parolen bescherte den Ashrams - Meditationsstätten – zwischen Poona und Kreuzberg massenhaft Zulauf von frustrierten Bürgerkindern.
Seine Erleuchtung erfuhr der Sektengründer - so tat er mal kund - als sein Körper von Baum fiel, sein meditierender Geist aber auf einem Ast hocken blieb. „Zum Glück finden sich am nächsten Morgen zwei Frauen ein, die mit ihrer ´elektrischen Energie´ (Rajneesh) den Geist vom Baum wieder in den Körper zwingen“, ätzte der stern in einer respektfreien Serie über die Leuchte der Post-68er.
So lustig ging es nicht immer zu. Es gab Leute, die aus ihrer Bhagwan-Zeit einen kapitalen Dachschaden zurückbehielten, oder einen Haufen Schulden. Teile der geldgeilen Bhagwanmaschinerie, welche Kranke und Verarmte gnadenlos aus dem Ashrams ausstieß, gerieten zeitweise in die Nähe einer kriminellen, schwer bewaffneten Vereinigung. Bhagwan hatte dem „Spiegel“ mal zu Protokoll gegeben: „Ich liebe Hitler. Er war wie ein Heiliger“.
Muss sich der Film also vorwerfen lassen, er male die Brut des zynischen Quatschkopfs und Menschenverächters Rajneesh allzu orangerosa?
Ach was. Komödie darf, wie Satire, fast alles. In hübsch entlarvenden Einstellungen hält die Kamera immer mal wieder auf die Rajneesh-Ikonen, die in der Film-WG ebenso hängen wie bei den richtigen Sannyasins. Da wird wortlos klar, dass der ganze Ashram-Zauber auch nichts anderes war als eine stinknormale Religion. Dass Schlabberklamotten und Mala (die Halskette mit 108 Holzperlen, die nur gefirmte Sannyasin tragen durften) denselben Dresscode abbildeten, der auf bajuwarischen Volksfesten in Form von Dirndln und Trachtenjankern zum Tragen kommt. Und wenn der virile Bhagwan-Vertreter Prem Bramana in Talbichl aufscheint, um die neu erbaute Buddha-Halle einzuweihen (und nebenher zu versuchen, die schärfste Frau der WG abzuschleppen), dann wird´s so richtig zeitgeistecht. Da lassen die Siebziger und frühen Achtziger grüßen, als Mann mit flinkem „Psycho-Babble“ jede dafür halbwegs empfängliche Frau ins Bett flüstern konnte.
„Sommer in Orange“ ist ein rührendes, Charaktere liebevoll ausmalendes Lust-Spiel, Expedition in die bizarren Welten längst vergangener Stämme. Ulkig, multigenerationentauglich und gute Laune generierend, wie ein Konzert von Joe Cocker.
(Erschienen im „Stern“ 33/2011. „Sommer in Orange“ startet im Kino am 18. August.)