Dushan Wegner, Gastautor / 08.11.2021 / 17:00 / Foto: Dushan Wegner / 12 / Seite ausdrucken

Klüger Chips essen

Wichtige Regel: Wenn du Chips isst, dann iss sie nicht direkt aus der Tüte, sondern schütte zuerst einige davon in eine kleinere Schale! Freiheit ist auch die Kunst, sich selbst Grenzen zu setzen und innerhalb dieser zufrieden zu sein.

Essen Sie auch gerne Chips? Ich meine die gebratenen Kartoffelscheiben, die in luftgepolsterten Tüten geliefert werden. – Natürlich essen Sie gerne Chips! Sogar Leute, die nicht Chips essen, würden im Prinzip gerne Chips essen, sie essen die Chips nur aus anderen Gründen nicht!

Das Essen dieser Chips betreffend, habe ich dieser Tage einen ungewöhnlich spezifischen Ratschlag gelesen. Es war einer jener Ratschläge, wo man sich fragt, ob da jemand die Absicht des Kantschen Imperativs missversteht – womöglich sogar absichtlich missversteht.

Wir sollen handeln, so sagt der Philosoph, als ob aus unseren Handlungen jederzeit eine allgemeine Maxime abgeleitet werden könnte. Der Kantsche Imperativ ist aber keinesfalls die Empfehlung, tatsächlich aus jeder eigenen Handlung auch allgemeingültige Maximen abzuleiten!

Nebenbei: Ich finde sie schlimm, diese Leute, die ihre jeweils aktuelle Lebensabschnittsmode gleich allen Leuten zum Gesetz machen wollen. Noch schlimmer sind aber die Pharisäer und Heuchler, oder wie man heute sagt, sogenannte Gutmenschen, welche uns Regeln aufstellen wollen, an die sie sich selbst am wenigsten halten. – Zurück aber zu den Chips.

Der Ratschlag, den ich zum Essen der Chips hörte, er lautete … sind Sie bereit?

Lerne, mit weniger Kartoffelchips zufrieden zu sein!

Wenn du Chips isst, dann iss sie nicht direkt aus der Tüte, sondern schütte zuerst einige davon in eine kleinere Schale!“

Die Logik und der Grund dieser besonderen Chips-Maxime scheint zunächst denkbar einfach zu sein: Chips sind darauf optimiert, deine Sinne positiv zu reizen mit Fett, Gewürzen, Salz und vor allem mit dem typischen Geräusch beim Zerbrechen zwischen deinen Zähnen.

Ja, das Zerbrechen der Chips zwischen den Zähnen ist denkbar wichtig! Stellen wir uns nur vor, wie eklig Chips schmecken, wenn sie weich wurden und labbrig sind – wohlgemerkt bei exakt gleicher Zusammensetzung der Gewürze.

Es geht beim Essen von Chips nicht um körperliche Sättigung oder gar um Vitamine. Es geht um Psychologie. Es geht um das Versprechen von Zufriedenheit. Wir werden nicht zufrieden sein mit unserer Chipsmahlzeit, bis wir nicht alle Chips aufgegessen haben.

Der Trick mit der kleineren Schüssel besteht darin, für sich neu festzulegen, wie viele Chips „alle Chips“ sind. „Alle Chips“ soll nicht mehr „die ganze Tüte“ bedeuten, sondern „die ganze kleine Schüssel“.

Wenn man philosophisch sein wollte – und wir wollen das! – dann könnte man diesen Ratschlag auch so formulieren: Lerne, mit weniger Kartoffelchips zufrieden zu sein! Freiheit ist, so unsere Hausdefinition, wenn ich mit meinen Möglichkeiten zufrieden bin.

Keine Zufriedenheit, sondern ein Sichabfinden

Wenn ich mich begrenze, wenn ich meinen Chips eine sichtbare, fühlbare Grenze setze, und wenn ich diese Grenze als solche für mich akzeptiere, dann bin ich womöglich glücklicher mit meinen Chips-Möglichkeiten, als wenn ich die Grenzziehung der Chipsfabrik akzeptiere – sprich: die ganze Tüte auffresse. Das ist der logische und also wahre Grund, warum einer, der Chips in eine Schüssel schüttet und derart weniger Chips verspeist, sich zufriedener und damit freier fühlen kann.

Was sollte das auch für eine Freiheit sein, wenn ein Mensch gedankenlos die Chips in sich stopft, bis die Tüte leer ist? Seine Grenze ist ja nicht selbstgewählt, sondern eine faktische. Er isst nicht so lange, bis er zufrieden ist, sondern bis keine Chips mehr da sind – und dann ist er unzufrieden, aber chipslos – und wahrscheinlich ist ihm auch etwas übel – es ist nicht Zufriedenheit, es ist ein Sichabfinden. Zu viele Bürger verwechseln das.

Wer sich selbst Grenzen setzt, und wer dann innerhalb dieser Grenzen zufrieden zu sein lernt, der ist nicht nur wirklich frei in seinem Handeln, der ist auch – Achtung! – frei in seiner Freiheit. Freunde, lasst uns frei sein. Lasst uns Freiheit kosten und uns am Leben freuen. Ja, lasst uns Chips essen – aber immer nur eine kleine Schüssel voll.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Dushan Wegner.

Foto: Dushan Wegner

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Leserpost

netiquette:

Karsten Dörre / 08.11.2021

Als trockener Alkoholiker frage ich mich in diversen Filmen immer, wieso Alkoholiker Darstellende den Schnaps in ein Glas schütten, um den Inhalt des Glases sofort runterzukippen. Aus Hygienegründen, nicht aus der Flasche zu trinken? Chips nicht aus der Tüte zu futtern, obliegt ebenso vermutlich hygienischen oder ästhetischen Gründen, um sich und anderen nicht zu suggerieren, man sei maßlos oder disziplinlos. Dass man nach Füllen des Schüsselchens die angebrochene Tüte nicht mehr findet, hat eher was mit Demenz als mit Freiheit zu tun. Es sei denn, man weiht und ehrt Lebens- und Genussmittel in Ritualen, bevor diese als Brei zermahlen sich im Magen mit anderen Breien zu eigentlich ungeniessbaren Klumpen vermischen.

Sirius Bellt / 08.11.2021

Meine letzte Tüte Chips habe ich an Wildsauen verfüttert. Alle Jubeljahre kaufe ich eine Tüte, um festzustellen, dass sie mir nicht schmecken.

Robert Krischik / 08.11.2021

Man kann auch eine große Schüssel nehmen und den Inhalt von zwei Chipstüten hineinschütten. Dann hält der Gaumenschmaus länger an. Ob einem davon übel wird, ist eine Sache des Trainings… Die Freiheit des Weniger ist auch immer eine Freiheit des Mehr. Der eine so, der andere so.

sybille eden / 08.11.2021

Ich trinke sehr gern Wein. Ich giesse in in ein Glas und trinke ihn. Bin ich dann zufrieden ? Meistens nicht. Also giesse ich ihn in ein zweites Glas und dann in ein drittes. Und siehe da, wie von Zauberhand ist die Flasche leer ! Bin ich dann glücklich ? Meistens schon ! Sie sehen also Lieber Herr Wegner, dass mit der einen Schüssel kann nicht hinhauen, genauso wenig wie mit dem einen Glas. Prost !

Thomas Kache / 08.11.2021

Scheints nur mir so, als ob da der Schalksnarr sich einen Schabernack machen wollt? Freilich ist s doch wie beim Weine- immer nur ein Glas… und noch eines, und noch eines. Vergessen ist irgendwann die ganze Philosophiererei, spätestens wenn man sich knickebeinig auf den Weg macht. Und der Kopf ist nicht schwer von tiefgründigen Gedanken. Herr, lehre uns Demut und Bescheidenheit. Nicht umsonst zählen Völlerei und Maßlosigkeit zu den Sünden.

Ulrich Jarzina / 08.11.2021

Ich finde diese Philosophie klasse! Ungeahnte Möglichkeiten der Anwendung tun sich da auf - sobald man das Bild von Peter Altmeier aus dem Kopf heraus hat, das sich bei mir seltsamerweise immer dann einstellt, wenn ich sehe, wie jemand massenhaft und unkontrolliert (das muss man sich mal vorstellen in der heutigen Zeit!) Chips in sich hinein stopft. Augenblick….so. Jetzt ist er draußen, ebenso wie aus dem Bundestag. Apropos Bundestag: Hier könnte man die Chipsphilosophie doch hervorragend anwenden. Sich selbst befreien durch Reduzierung - man muss sich ja nicht jede Knalltüte in Gänze geben, nicht wahr? Zumal: wirklich frisch wirkt da kaum noch wer. Und fad war es zuletzt auch ziemlich. Also reduzieren wir doch mal! Und dann fliegen wir gemütlich im Privatjet zur nächsten Tanke. Chips holen.

Rafael Rasenberger / 08.11.2021

Ich ziehe meine Grenze bei 7,4 Liter Hubraum. Wir bauen zwar auch Motoren mit bis zu 9,2 Liter, aber für mich gibt es einen Punkt, der “wahnsinnig viel Spaß” von “Spaß am Wahnsinn” trennt. So einfach lassen sich Kartoffel-Chips mit V8-Motoren vergleichen ;-)

Dr. Elke Schmidt / 08.11.2021

Seit Wochen liegt eine Chipstüte im Schrank, die ich mich nie zu öffnen getraut haben aus den bekannten Gründen. Jetzt habe ich es getan und nach dem Befüllen meiner kleinsten Schüssel die Tüte sofort wieder verschlossen. Der Genuss war himmlisch! Dazu gab es ein kleines Gläschen Weißwein, die Flasche konnte man leider nicht einschweißen, aber dafür sofort wieder in den Kühlschrank stellen. So kann man sich in düsteren Zeiten ein paar schöne unbeschwerte Minuten gestalten und schon mal üben für 2G. Danke für den Tip!

Sabine Schönfelder / 08.11.2021

Also wenn schon, werter Autor, dann sagen Sie mir bitte, wie die kleine Schale/Schüssel aussehen soll! Genaue Maße, Farbe ! , schließlich soll das Auge nicht a u c h noch mitessen, (ej, ehrlich, soll ich auch noch mit dicken Augen rumlaufen??) und die Konsistenz, - der Schüssel selbstverständlich. Die Chips müssen frisch sein. Klare Sache.  Nehme ich eine Plastikschüssel? Plastik ist so sozial. Eine Plastikschüssel kann sich jeder leisten. Oder eine aus Holz? Die könnte ich, angesichts des bald eintretenden Blackouts, noch verfeuern. Vielleicht aus Glas? Hat den Vorteil, ich hätte meine Gefräßigkeit v o l l im Blick. What about Keramik? Hat ´n bißchen was von Öko. Sehe direkt die Töpferscheibe, spüre die Achtsamkeit im Herstellungsverfahren. Sie ist allerdings bruchanfällig, und wenn ich ständig aufstehen muß, um die sch@iß Schüssel nachzufüllen, na dann, dann nehme ich doch…...genau. Die Tüte! Selbstbeherrschung hat man oder nicht. Der Fette stellt sich sowieso eine Suppenschüssel hin, und der Gierige, der Genußsüchtige, der Verfressene auch. Die sind doch nicht blöd! Die sind frei.

Claudius Pappe / 08.11.2021

Lasst uns Strom verbrauchen-aber nur eine kleine Schüssel, denn der billigste Strom ist der, den ich nicht verbrauche. .............................................Lasst uns Fleisch essen-allerdings nur an Heiligabend-dem Tierwohl sei es gedankt…....................................... Lasst uns Sojaschnitzel essen- denn Brasilien und die USA wollen auch leben. Ich esse keine Chips-es sei denn die gibts umsonst bei ” von Anderen “. Ich esse Gummibärchen denn da kommt ein Gefühl von ” schmecken, wenn sie weich wurden und labbrig sind ” auf.

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