Thomas Petersen
Warum die Armutsstatistik nichts über Armut aussagt
„Mit Statistik kann man alles beweisen.“ ist einer der berühmten Sätze, die immer dann zum Vorschein kommen, wenn irgendjemandem die Aussage einer statistischen Information nicht gefällt. Tatsächlich gilt der Satz nur für unbedarfte Leser. Doch das eigentlich Ärgerliche an ihm ist der Generalverdacht, dass Menschen, die Statistiken erstellen, dies grundsätzlich zum Zwecke der Irreführung des Publikums täten. In aller Regel ist dieser Verdacht vorgeschoben und auch naiv, denn das Erstellen von manipulativen Statistiken ist so ziemlich die aufwendigste und uneffektivste Methode, das Publikum irrezuführen. Das geht mit ein paar plakativen Fallbeispielen viel einfacher.
Und so gibt es tatsächlich bemerkenswert wenige irreführende Statistiken in der Öffentlichkeit. Zwar gibt es meist unbeabsichtigte Fehlinterpretationen in großer Zahl und Vielfalt, doch es gibt eigentlich nur eine statistische Größe, die in der öffentlichen Diskussion so fortwährend und konsequent dazu eingesetzt wird, beim Publikum einen falschen Eindruck zu erwecken, dass man eine systematische manipulative Absicht vermuten muss: Die Armutsstatistik.
Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, doch man kann es nicht oft genug wiederholen: Die nach den Definitionen der EU erstellte Armutsstatistik, die auch in den letzten Tagen wieder zu einer Welle dramatischer Schlagzeilen geführt hat, sagt nichts, nichts, überhaupt nichts über die Armut in einem Land aus – oder doch: Sie sagt ein Bisschen darüber aus, und zwar tendenziell das Gegenteil dessen, was sie auszusagen scheint.
Das klingt übertrieben? Ist es aber nicht. Man muss sich zunächst einmal vor Augen halten, dass die Statistik nicht Armut misst, sondern, wie es heißt, „Armutsgefährdung“, ein wesentlicher Unterschied, der aber in der Berichterstattung der Massenmedien meist souverän ignoriert wird. Als „armutsgefährdet“ gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens in einem Land zur Verfügung hat. Warum dies eigentlich automatisch zu „Armutsgefährdung“ führen soll, bleibt das Geheimnis der beteiligten Ökonomen, aber akzeptieren wir die Definition einmal und schauen uns an, welche Auswirkungen sie hat:
Eine effektive Methode, den Anteil der „Armutsgefährdeten“ in einem Land zu steigern, ist beispielsweise ein hoher Lottogewinn. Der hebt das Durchschnittseinkommen an und sorgt dafür, dass einige Bürger, deren Einkommen sich nicht verändert hat, unter die Grenze von 60 Prozent des Durchschnittseinkommens fallen. Kurz: Einer ist reicher geworden, alle anderen haben genau so viel wie vorher, aber die Quote der „Armutsgefährdeten“ steigt.
Eine weitere effektive Methode sind erfolgreiche Unternehmensgründungen. Nehmen wir einmal an, Google verlegte seinen Unternehmenssitz nach Deutschland. Die sozialen Folgen wären nicht auszudenken: Hunderte, tausende vorzüglich bezahlte Computerspezialisten kämen ins Land, ohne dass sich das Einkommen der großen Mehrheit der Bevölkerung wesentlich ändern würde. Die Folge: Ein rasanter Anstieg der „Armutsgefährdung.“
Wie kann man denn nun die „Armutsgefährdung“ bekämpfen? Eine vielversprechende Methode wäre eine kräftige Rezession. Zypern könnte ein gutes Muster abgeben, oder vielleicht auch Nordkorea: Eine Gesellschaft in der alle gleichermaßen hungern, ist nach der gängigen Definition frei von „Armutsgefährdung“.
Das klingt wiederum übertrieben? Nun, aufschlussreich sind hier die Trenddaten des Statistischen Bundesamtes. In den ersten Jahren nach der deutschen Einheit wurden die Armutsquoten für Ost- und Westdeutschland noch getrennt berechnet (damals galt übrigens noch als „armutsgefährdet“, wer weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens verdiente. Eine solche Verschiebung der Grenzwerte ist natürlich auch immer sehr effektiv, wenn es darum geht, die „Armutsgefährdung“ zu steigern). Nach diesen Daten war der Anteil der „Armutsgefährdeten“ in Westdeutschland im Jahr 1990 drei Mal so groß wie in den neuen Bundesländern. In den darauffolgenden Jahren wuchs das Einkommen der Ostdeutschen rapide, die Ausstattung der Haushalte mit Konsumgütern erreichte binnen kürzester Zeit nahezu das westdeutsche Niveau. Die Folge: Der Anteil der „Armutsgefährdeten“ stieg von 1990 bis 1995 von 3,5 auf 7,9 Prozent.
Es ist nützlich, sich diese Daten vor Augen zu halten, wenn man solche Schlagzeilen liest, wie die kürzlich auf „FOCUS Online“ veröffentlichte Sensationsmeldung, wonach es in Deutschland mehr Armut gebe als in Slowenien Tatsächlich ist das eine gute Nachricht. Sie bedeutet in Wahrheit nämlich, dass es in Deutschland nicht mehr Armut, sondern mehr Reichtum gibt als in Slowenien. Und Reichtum kann es gar nicht genug geben.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach