„Wie kommt man auf einfaches Neues?“
In dem letzten „Klopfzeichen“ habe ich darauf hingewiesen, dass es auffallend oft Außenseiter sind, die mit originellen Gedanken die Forschung voranbringen und die etablierten Forscher deswegen den Seiteneinsteigern in der Wissenschaft besser zuhören sollten. Ein Leser schrieb mir daraufhin völlig zu Recht, dass das natürlich nicht bedeuten kann, jeden Spinner ernst zu nehmen, der unter souveräner Missachtung der Naturgesetze erklärt, er habe das Perpetuum Mobile erfunden. Die Kunst besteht darin, aus dem vielen Unsinn, der an einen herangetragen wird, die wenigen wirklichen Rosinen herauszufischen. Dazu bedarf es einer akademischen Kultur, die ihre Hierarchien und Denktraditionen nicht für wichtiger hält. als neue Ideen.
Damit kommt man zu einer Frage, die bereits vor mehr als drei Jahrzehnten den Kernphysiker Heinz-Maier-Leibnitz (1911-2000) umtrieb. Seine Abschiedsvorlesung an der TU München im Jahr 1980 stellte er unter die Überschrift „Wie kommt man auf einfaches Neues?“ Was ist das für ein seltsamer Titel? Dass sich ein Wissenschaftler mit der Frage befassen muss, wie man auf Neues kommt, dürfte spontan einleuchten. Doch warum muss es einfach sein? Hier stößt man auf einen wesentlichen Punkt: Entwickelte Wissenschaften streben meist nach Verfeinerung, nach der Perfektionierung einer Theorie, einer Differenzierung der Methode. Auch die Bestrebungen aufstrebender Wissenschaftler, eine eigene Nische im Forschungsumfeld zu finden, spielen eine Rolle: Das Spezialistentum verspricht oft am ehesten die Chance auf eine Alleinstellung.
Dies alles ist nicht nur legitim, sondern bis zu einem gewissen Grade auch notwendig. Doch die Wissenschaftsgeschichte lehrt, dass die großen Entdeckungen, die wirklich substantiellen Fortschritte der Wissenschaft, oft einfach sind. Nicht bis zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung, aber danach. „Alles was man einmal verstanden hat,“ schrieb Maier-Leibnitz, „ist von da an einfach und kann die Basis für Neues sein.
Wie also kommt man auf einfaches Neues? In seiner Abschiedsvorlesung stellte Maier-Leibnitz einen kleinen Katalog von Bedingungen speziell für junge Wissenschaftler vor. Er enthielt unter anderem die folgenden Punkte:
- Ein Chef und Ideen.
- Selbständiges Literaturstudium.
- Ein Umfeld, wo die Forschung unter den kritischen Blicken der Kollegen gedeiht.
- Auf Überraschungen achten. Was man nicht versteht, kann interessant sein.
- Wenn du einen Effekt hast, erkläre ihn selbst, denn niemand hilft dir so leicht.
- Kenntnisse über das eigene Spezialgebiet hinaus.
- Die Geduld, nicht zu früh aufzugeben. Überraschungen können auch noch spät kommen.
Die Liste liest sich wie ein Gegenentwurf zur gängigen wissenschaftlichen Praxis: Viele Nachwuchsforscher sind auf sich allein gestellt, weil die Professoren, überlastet mit anderen Arbeiten, sie nicht richtig anleiten können. Die Konvention, Arbeiten mit exzessiven Literaturlisten zu überfrachten, macht eine selbstbestimmte Lektüre meist unmöglich. Statt konstruktiver Kritik bildet das akademische Umfeld oft destruktive Züge aus (der Tonfall vieler anonymer Gutachten bei Einreichungen für Fachzeitschriften spricht Bände). Die Anforderungen der Spezialisierung verhindern einen Blick über das eigene Spezialgebiet hinaus, akademische Konventionen (meist wird verlangt, dass man vorher schon formuliert, was am Ende des Forschungsprojekts herauskommen soll) lassen kaum Raum für überraschende Entdeckungen. Erklärungen, die sich nicht auf Autoritäten in der Literatur stützen, werden nicht akzeptiert, und das Prinzip „publish or perish“ macht es schwer, mit Geduld auf überraschende Ergebnisse zu warten.
Vieles an diesen Zuständen ist unvermeidlich, doch es liegt auch am Verhalten der etablierten Forscher selbst, ob sie wissenschaftliche Originalität trotz solcher widrigen Umstände zulassen. Mit etwas Aufmerksamkeit stellt man fest, dass es viele Momente im akademischen Betrieb gibt, bei denen man die Wahl hat, ob man die Kreativität eines anderen belohnt oder bestraft. Es wäre einiges gewonnen, wenn sich mehr Forscher als bisher an die folgenden Regeln halten würden:
1. Lehne keinen Artikel ab, nur weil er formale Kriterien nicht erfüllt. Entscheidend ist, was jemand zu sagen hat, nicht, wie er es tut.
2. Lehne keinen Artikel ab, nur weil er nicht genug „relevante Literatur“ zitiert, es sei denn, aus der Auslassung ergeben sich gravierende inhaltliche Schwächen (mit „relevanter Literatur“ meinen die meisten Gutachter ohnehin nur ihre eigenen Texte).
3. Akzeptiere keinen Versuch, eine Methode als allein gültige „Standardmethode“ durchzusetzen. Das bedeutet das Ende der Kreativität.
4. Weise keine Idee zurück, nur weil sie im Widersprich zu einer etablierten Theorie steht. Die Berufung auf Autoritäten ersetzt nicht die inhaltliche Prüfung.
5. Gib deinen Studenten und Assistenten nicht zu viele Ratschläge. Je mehr sie darauf angewiesen sind, selbst zu denken, desto kreativer können sie sein. Zeige ihnen die Richtung an, damit sie sich nicht verlaufen, aber dann lass sie alleine. Je mehr sich ihre Forschung von deiner eigenen unterscheidet, desto besser.
6. Bleib bei deiner Forschung und ihrer Darstellung so einfach wie irgend möglich. Der Gegenstand ist kompliziert genug. Es gibt keinen Grund, ihn noch komplizierter zu machen. Wenn der (intelligente und gebildete) Nachbar deinen Artikel nicht versteht, wird es wahrscheinlich auch sonst niemand tun.
8. Stelle immer die Frage: „Was hast du Neues gemacht?“ - an die Studenten, die Artikel, die du begutachten musst und an dich selbst.