Die Rolle von Außenseitern in der Wissenschaftsgeschichte
Was unterscheidet eigentlich die großen Pioniere der Forschung von anderen Wissenschaftlern, die sich in einem etablierten Forschungsfeld bewegen und in aller Regel keine bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschschritte zustande bringen?
1. Sie tun etwas, was noch nie ein Mensch zuvor getan hat. Das heißt auch, es gibt keinen gebahnten Weg, den sie verfolgen können. Es müssen starke, unabhängige Menschen sein, die sich einen Weg aufs Neuland bahnen. Niemand kann sie anleiten.
2. Sie können nicht damit rechnen, dass irgendjemand versteht, was sie tun. Ja möglicherweise verstehen sie es selbst zunächst nicht. Es gibt keine Autoritäten innerhalb des Faches, die sie versuchen müssen zu beeindrucken, stattdessen aber müssen sie Persönlichkeiten außerhalb, sei es in benachbarten Fächern oder beispielsweise Gönner oder Geldgeber außerhalb der Wissenschaft, vom Sinn ihres Tuns überzeugen. Sie werden darum kein Bestreben entwickeln, möglichst komplizierte Argumentationen zu entwickeln, mit denen man selbst Akademiker einschüchtern kann, sondern umgekehrt möglichst einfache, möglichst leicht verständliche, die Laien überzeugen.
3. Es gibt keine etablierte Struktur mit Regeln, Konventionen und Normen, in die sie sich einfügen und der sie sich unterwerfen müssen. Sie sind damit mit der Wahl ihrer Methoden wesentlich freier, flexibler als nachfolgende Generationen, haben damit auch mehr Möglichkeiten zur Kreativität.
Man sieht, dass die Wissenschaftswelt der Pioniere eine andere ist als die eines etablierten Faches. Dieselben Personen, die in der Entwicklungsphase Entscheidendes leisten, haben in einem etablierten Umfeld Probleme und umgekehrt. Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang akademische Konventionen. Ab einem bestimmten Entwicklungsstadium braucht eine Wissenschaft Regeln, auf die sich alle Beteiligten verständigen können. Doch für Pionierleistungen sind allzu feste Strukturen nicht günstig.
Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie oft kreative Leistungen, die eine Wissenschaft wirklich voranbringen, außerhalb der Akademien und Universitäten erbracht werden, nicht selten sogar gegen deren Widerstand. Die Wissenschaftsgeschichte ist voller Beispiele dafür.
Eines davon ist Nikolaus Kopernikus (1473-1543), der als junger Mann zunächst in Krakau, dann in Bologna Rechtswissenschaften studierte und 1503 in Ferrara promovierte. 1504 begann er ein zweijähriges Medizinstudium - Astronomie und Mathematik studierte er nur im Nebenfach. Doch dies war keineswegs der Beginn einer großen Karriere an den führenden Universitäten Italiens. Stattdessen brach Kopernikus das Medizinstudium ab, kehrte in seine ostpreußische Heimat zurück, von der er selbst sagte, sie sei das Ende der Welt, und lebte dort 40 Jahre als Arzt in der Kleinstadt Frauenburg im Ermland. Seine kleine, im Jahr 1509 geschriebene Abhandlung „Commentariolus“, in der er zum ersten Mal sein heliozentrisches Weltbild beschrieb, zeigte er nur seinen Freunden und zögerte bis an sein Lebensende mit der Veröffentlichung „wegen der Verachtung, welche ich wegen der Neuheit und scheinbaren Widersinnigkeit meiner Meinung zu fürchten hatte.“ Erst in seinem Todesjahr 1543 überwand er seine Furcht vor dem Spott der etablierten gelehrten Welt und veröffentlichte sein Hauptwerk „Über die Umläufe der Himmelskreise“. Heute feiern wir dieses Jahr als das der „kopernikanischen Wende,“ als das Geburtsdatum der modernen Wissenschaft.
Justus Liebig (1803-1873), der Begründer der organischen Chemie, bekam zwar schon als junger Mann einen Lehrstuhl an der Universität Gießen, doch seine Arbeit genoss so wenig Ansehen, dass er die für Forschung und Lehre nötigen Geräte und Materialien großenteils aus eigener Tasche bezahlen musste. Das Geld dafür verdiente er, indem er ein privates Institut für Pharmazie betrieb.
Albert Einstein (1879-1955), revolutionierte die Physik nicht etwa aus der Position eines Akademiemitglieds, sondern aus einer bescheidenen Amtsstube heraus. Als 1905 er seine Abhandlung über den photoelektrischen Effekt schrieb, für die ihm 1922 der Nobelpreis verliehen werden sollte, war er technischer Experte 3. Klasse beim Schweizer Patentamt in Bern. 1907 versuchte er sich an der Berner Universität zu habilitieren - und wurde zumindest im ersten Anlauf abgelehnt.
Ein besonders eindrücklicher Fall ist die Geschichte des Kaufmanns und Hobby-Archäologen Heinrich Schliemann (1822-1890), der nur deshalb Troja entdecken und ausgraben konnte, weil er sich über die scheinbar gesicherte Erkenntnisse der etablierten Wissenschaften hinwegsetzte, weil er das Hohngelächter der Arrivierten ertrug. Er war erfolgreich, wahrscheinlich nicht obwohl, sondern weil er ein Dilettant war. Auch in den Sozialwissenschaften gibt es Beispiele für das gleiche Phänomen, allen voran die Umfragepioniere Paul Lazarsfeld und George Gallup.
Man erkennt, dass die Wissenschaft gut beraten ist, auf Dilettanten zu hören. Natürlich nicht wahllos, aber prinzipiell unvoreingenommen. Leider erlebt man in der Praxis meist das Gegenteil. Der „Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ (DGPuK) kann nur beitreten, wer schon Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht hat, die natürlich nur solche Manuskripte annehmen, die minutiös die zum Teil bizarr kleinlichen formalen Anforderungen an akademische Veröffentlichungen einhalten. Junge Forscher, die etwas Originelles zu sagen haben, die aber noch keine Titel oder Positionen in der akademischen Welt errungen haben, werden günstigstenfalls in separaten Sitzungen an den Katzentisch gesetzt und gönnerhaft mit Nachwuchspreisen abgespeist, statt sie und ihre Beiträge ernst zu nehmen. Das ist tödlich. Eine Wissenschaftswelt, die akademische Konventionen und Hierarchien wichtiger nimmt als gute Ideen, ist zum Stillstand verurteilt.