Thomas Petersen / 19.05.2014 / 23:49 / 6 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 40)

Die Rolle von Außenseitern in der Wissenschaftsgeschichte

Was unterscheidet eigentlich die großen Pioniere der Forschung von anderen Wissenschaftlern, die sich in einem etablierten Forschungsfeld bewegen und in aller Regel keine bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschschritte zustande bringen?

1. Sie tun etwas, was noch nie ein Mensch zuvor getan hat. Das heißt auch, es gibt keinen gebahnten Weg, den sie verfolgen können. Es müssen starke, unabhängige Menschen sein, die sich einen Weg aufs Neuland bahnen. Niemand kann sie anleiten.

2. Sie können nicht damit rechnen, dass irgendjemand versteht, was sie tun. Ja möglicherweise verstehen sie es selbst zunächst nicht. Es gibt keine Autoritäten innerhalb des Faches, die sie versuchen müssen zu beeindrucken, stattdessen aber müssen sie Persönlichkeiten außerhalb, sei es in benachbarten Fächern oder beispielsweise Gönner oder Geldgeber außerhalb der Wissenschaft, vom Sinn ihres Tuns überzeugen. Sie werden darum kein Bestreben entwickeln, möglichst komplizierte Argumentationen zu entwickeln, mit denen man selbst Akademiker einschüchtern kann, sondern umgekehrt möglichst einfache, möglichst leicht verständliche, die Laien überzeugen.

3. Es gibt keine etablierte Struktur mit Regeln, Konventionen und Normen, in die sie sich einfügen und der sie sich unterwerfen müssen. Sie sind damit mit der Wahl ihrer Methoden wesentlich freier, flexibler als nachfolgende Generationen, haben damit auch mehr Möglichkeiten zur Kreativität.

Man sieht, dass die Wissenschaftswelt der Pioniere eine andere ist als die eines etablierten Faches. Dieselben Personen, die in der Entwicklungsphase Entscheidendes leisten, haben in einem etablierten Umfeld Probleme und umgekehrt. Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang akademische Konventionen. Ab einem bestimmten Entwicklungsstadium braucht eine Wissenschaft Regeln, auf die sich alle Beteiligten verständigen können. Doch für Pionierleistungen sind allzu feste Strukturen nicht günstig.

Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie oft kreative Leistungen, die eine Wissenschaft wirklich voranbringen, außerhalb der Akademien und Universitäten erbracht werden, nicht selten sogar gegen deren Widerstand. Die Wissenschaftsgeschichte ist voller Beispiele dafür.

Eines davon ist Nikolaus Kopernikus (1473-1543), der als junger Mann zunächst in Krakau, dann in Bologna Rechtswissenschaften studierte und 1503 in Ferrara promovierte. 1504 begann er ein zweijähriges Medizinstudium - Astronomie und Mathematik studierte er nur im Nebenfach. Doch dies war keineswegs der Beginn einer großen Karriere an den führenden Universitäten Italiens. Stattdessen brach Kopernikus das Medizinstudium ab, kehrte in seine ostpreußische Heimat zurück, von der er selbst sagte, sie sei das Ende der Welt, und lebte dort 40 Jahre als Arzt in der Kleinstadt Frauenburg im Ermland. Seine kleine, im Jahr 1509 geschriebene Abhandlung „Commentariolus“, in der er zum ersten Mal sein heliozentrisches Weltbild beschrieb, zeigte er nur seinen Freunden und zögerte bis an sein Lebensende mit der Veröffentlichung „wegen der Verachtung, welche ich wegen der Neuheit und scheinbaren Widersinnigkeit meiner Meinung zu fürchten hatte.“ Erst in seinem Todesjahr 1543 überwand er seine Furcht vor dem Spott der etablierten gelehrten Welt und veröffentlichte sein Hauptwerk „Über die Umläufe der Himmelskreise“. Heute feiern wir dieses Jahr als das der „kopernikanischen Wende,“ als das Geburtsdatum der modernen Wissenschaft.

Justus Liebig (1803-1873), der Begründer der organischen Chemie, bekam zwar schon als junger Mann einen Lehrstuhl an der Universität Gießen, doch seine Arbeit genoss so wenig Ansehen, dass er die für Forschung und Lehre nötigen Geräte und Materialien großenteils aus eigener Tasche bezahlen musste. Das Geld dafür verdiente er, indem er ein privates Institut für Pharmazie betrieb.

Albert Einstein (1879-1955), revolutionierte die Physik nicht etwa aus der Position eines Akademiemitglieds, sondern aus einer bescheidenen Amtsstube heraus. Als 1905 er seine Abhandlung über den photoelektrischen Effekt schrieb, für die ihm 1922 der Nobelpreis verliehen werden sollte, war er technischer Experte 3. Klasse beim Schweizer Patentamt in Bern. 1907 versuchte er sich an der Berner Universität zu habilitieren - und wurde zumindest im ersten Anlauf abgelehnt.

Ein besonders eindrücklicher Fall ist die Geschichte des Kaufmanns und Hobby-Archäologen Heinrich Schliemann (1822-1890), der nur deshalb Troja entdecken und ausgraben konnte, weil er sich über die scheinbar gesicherte Erkenntnisse der etablierten Wissenschaften hinwegsetzte, weil er das Hohngelächter der Arrivierten ertrug. Er war erfolgreich, wahrscheinlich nicht obwohl, sondern weil er ein Dilettant war. Auch in den Sozialwissenschaften gibt es Beispiele für das gleiche Phänomen, allen voran die Umfragepioniere Paul Lazarsfeld und George Gallup.

Man erkennt, dass die Wissenschaft gut beraten ist, auf Dilettanten zu hören. Natürlich nicht wahllos, aber prinzipiell unvoreingenommen. Leider erlebt man in der Praxis meist das Gegenteil. Der „Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ (DGPuK) kann nur beitreten, wer schon Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht hat, die natürlich nur solche Manuskripte annehmen, die minutiös die zum Teil bizarr kleinlichen formalen Anforderungen an akademische Veröffentlichungen einhalten. Junge Forscher, die etwas Originelles zu sagen haben, die aber noch keine Titel oder Positionen in der akademischen Welt errungen haben, werden günstigstenfalls in separaten Sitzungen an den Katzentisch gesetzt und gönnerhaft mit Nachwuchspreisen abgespeist, statt sie und ihre Beiträge ernst zu nehmen. Das ist tödlich. Eine Wissenschaftswelt, die akademische Konventionen und Hierarchien wichtiger nimmt als gute Ideen, ist zum Stillstand verurteilt.

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Thomas Petersen / 22.05.2014

Lieber Herr Dr. Rösler, nein. Ich habe von Thomas Kuhn noch nie etwas gehört. Ich schreibe einfach auf der Grundlage meiner Erfahrungen in der empirischen Sozialwissenschaft. Da kann man schöne Beispiele für solche Außenseiter finden. Neben den Genannten auch Gottlieb Schnapper Arndt und Adolf Levenstein. Aber das, was Sie schreiben, klingt interessant. Ich werde versuchen, mich mal schlau zu machen, auch, weil ich große Probleme mit Poppers Wissenschaftstheorie habe. Vielen Dank für Ihren Hinweis. Beste Grüße Thomas Petersen

Dr. Hans-Peter Rösler / 21.05.2014

Lieber Herr Dr. Petersen, kann es sein, dass Sie Thomas Kuhn oder das, was man von ihm übriggelassen hat, paraphrasieren - ein wenig aufgepeppt für für Leute, die glauben, Philosophie sei gleichbedeutend mit Esoterik? Zu meiner Zeit wurde gerade die Auseinandersetzung Popper-Kuhn sehr stark diskutiert - in der Wissenschaftstheorie (=ein Zweig der Philosophie!). Vielleicht kennen Sie auch z. B. Stegmüllers Arbeiten über Theorien und Theoriendynamik?  Viele Grüße Hans-Peter Rösler

Bernd Hollermann / 20.05.2014

Also wenn Sie es innovativ und gegen den Stom wollen hätte ich da was für Sie. Da gehts um “Gender” und es ist garantiert jenseits von allem:-p

Ludwig Wauer / 20.05.2014

Das ist alles interessant und richtig, nur muss man sich vor dem Umkehrschluss hüten „Er ist ein Außenseiter, deshalb ist er vermutlich ein Pionier seines Faches“. Im Laufe meines Lebens habe ich etliche wissenschaftliche Spinner kennengelernst, die aber tatsächlich nichts anderes als das waren. Das ist aber nicht immer einfach zu unterscheiden, oder auch überhaupt nicht. Ich vermute mal, dass auf jeden echten Pionier Tausende von Außenseitern kommen, die sich in irgendwelchen Sackgassen verrannt hatten und namenlos geblieben sind. Mit dem Außenseitertum in Wissenschaft und Forschung ist es eben so wie mit der Mutation in der Biologie: Fast alle Mutationen sind Misserfolge, und nur in ganz seltenen Fällen führt die Mutation zur Höherentwicklung der Art. Aber trotzdem sind Mutationen in der Biologie von entscheidender Bedeutung – und so auch die Außenseiter in der Wissenschaft.

Martin Lahnstein / 20.05.2014

Wobei nicht jeder Dilettant ein Profi ist, aber mancher Prof ein Dilettant.

Karl Schurz / 20.05.2014

Danke. Einer der besten und wichtigsten Beiträge auf Achgut. Freiheit der Wissenschaft. Viel zu wenig beachtet.

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