Thomas Petersen / 15.04.2014 / 19:06 / 4 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 37)

Die Zigarette

In diesen Tagen wird viel an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert. Mit gutem Grund, denn diese „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts war sicherlich das entscheidende Ereignis, in dem die Weichen für die geostrategischen Probleme und Konflikte, aber auch für ökonomische und kulturelle Entwicklungen in den folgenden Jahrzehnten gestellt wurden.

Eine wenig bekannte Fußnote zu diesem Thema ist, dass der Erste Weltkrieg auch den Beginn der modernen Medienwirkungsforschung markiert. Es war die alliierte Kriegspropaganda, die den amerikanischen Journalisten Walter Lippmann auf die Frage stoßen ließ, wie es möglich war, dass die amerikanische Bevölkerung auch die absurdesten Zerrbilder von Deutschland für die Wahrheit halten konnte. Nach dem Krieg schrieb er das bis heute sehr lesenswerte Buch „Public Opinion“, das man als das Gründungsdokument der Kommunikationswissenschaft ansehen kann.

Es folgte eine kurze Phase, in der in der angenommen wurde, die Massenmedien hätten einen überwältigend starken Einfluss auf die Meinungsbildung der Bevölkerung. Einzelfallstudien schienen diesen Eindruck zu bestätigen. Am berühmtesten ist die Geschichte des 1938 in Amerika gesendeten Radio-Hörspiels „Die Invasion vom Mars“ von Orson Welles nach einer Geschichte von H. G. Wells. Das Hörspiel war in Form einer Radioreportage gestaltet und wirkte so realistisch, dass nicht wenige Hörer glaubten, der Überfall der Außerirdischen fände tatsächlich statt.

Doch bald danach stellte sich heraus, dass sich Medienwirkung abseits spektakulärer Sonderfälle außerordentlich schwer nachweisen ließ. Als der österreichisch-amerikanische Sozialforscher Paul F. Lazarsfeld 1940 in einer bis heute wegweisenden Studie die Wirkung des Radios auf die Wahlentscheidung der Bürger untersuchte, förderte er nur bemerkenswert dünne Ergebnisse zutage. Er fand vor allem Mechanismen, die die Wirkung der Massenmedien begrenzten, allen voran die selektive Auswahl von Medieninhalten nach der bereits vorher gefassten politischen Überzeugung und den Einfluss der Meinungsführer in allen Schichten der Gesellschaft durch persönliche Gespräche.

Direkte Wirkungen fand Lazarsfeld dagegen kaum, und auch viele Forscher in den folgenden Jahrzehnten scheiterten bei dem Versuch, Medienwirkungen zu belegen. Nicht, weil sie nicht existierten, sondern weil man den Nachweis kaum führen kann.

Die deutlichsten Befunde zur Medienwirkung ergeben sich, wenn man die Ergebnisse von langfristig angelegten Medieninhaltsanalysen mit den Trenddaten der Umfrageforschung vergleicht. Seit den 90er Jahren häufen sich dabei Befunde, die stets das gleiche Muster zeigen: Zuerst ändert sich die Berichterstattung der führenden Massenmedien über einen Gegenstand, beispielsweise eine Partei oder eine Person des öffentlichen Lebens, und dann, im Abstand von einigen Wochen oder wenigen Monaten, folgt die Bevölkerungsmeinung nach. Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit bietet der Vergleich zwischen der Berichterstattung über die FDP nach der Bundestagswahl 2009 und der in den Umfragen gemessenen Wahlabsicht für diese Partei. Ich habe noch niemanden getroffen, der dieses Muster mit etwas anderem als Medienwirkung erklären konnte. Doch ein hieb- und stichfester Beweis für eine solche Wirkung sind diese Ergebnisse nicht. Wie an anderer Stelle ausführlich beschrieben worden ist, ist der bloße statistische Zusammenhang zwischen zwei Dingen noch kein Beweis dafür, dass sie auch im Sinne von Ursache und Wirkung miteinander zusammenhängen. Und so kann jeder, dem der Befund nicht passt, ihn leicht mit dem Argument zur Seite schieben, die Trendreihen würden ja gar nichts beweisen.

Ein echter, auch von spitzfindigen Wissenschaftlern nicht zu bestreitender Beweis ist nur mit einem Experiment möglich. Hierzu werden zwei (oder mehr) möglichst gleich zusammengesetzte Gruppen von Versuchspersonen gebildet. Die eine Gruppe wird einem bestimmten Stimulus ausgesetzt, bekommt also beispielsweise einen bestimmten Zeitungsartikel zu lesen, die andere Gruppe nicht. Äußern die Versuchspersonen in beiden Gruppen danach verschiedene Meinungen über den vom Artikel angesprochenen Gegenstand, ist dieser Unterschied logisch auf den einzigen Faktor zurückzuführen, in dem sich die beiden Gruppen unterscheiden, nämlich die Lektüre des Zeitungsartikels. Damit wäre der Wirkungsnachweis erbracht.

Das Problem dieser Methode ist nur, dass wie zwar in der psychologischen Grundlagenforschung bestens funktioniert, nicht aber beim Versuch, Medienwirkung nachzuweisen, denn ein einzelner Artikel hat nahezu keine Wirkung. Nach allem, was man heute weiß, entfaltet Medienwirkung erst über einen längeren Zeitraum hinweg ihre ganze Kraft, über, wie es in der Fachsprache heißt, Kumulation und Konsonanz. Das heißt, nennenswerte Wirkungen treten erst dann ein, wenn die meisten Medien über einen längeren Zeitraum hinweg übereinstimmend immer wieder ähnlich berichten.

Für die Medienwirkungsforschung bedeutet das ein fast unlösbares Problem: Die Methode, mit der der Effekt angezeigt werden kann, wird als Beweismittel nicht akzeptiert, und die Methode, die theoretisch den Beweis liefern könnte, ist zu schwach, weil sie nur einen winzigen Ausschnitt des Gesamteffekts erfassen kann. Es ist, wie Elisabeth Noelle-Neumann einmal sagte, als wollte man die gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens untersuchen, indem man den Versuchspersonen eine Zigarette gibt.

 

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Leserpost

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Dipl.Kfm.Helge-Rainer Decke / 17.04.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Petersen, wenn Sie Antworten auf Verhaltensmuster zur Erklärung dessen suchen, was Sie in Ihrem Aufsatz umreißen, dann empfehle ich: “Offene Systeme, rollentheoretischer Ansatz. The Social Psychology of Organizations by Daniel Katz, Robert L. Kahn. Sowie die Rationalitätstheorie von Argyris. Also die Theorie organisierenden Handelns.” Obwohl schon in den Siebziger Jahren erschienen, haben diese Ansätze, die weitestgehend auf der Grundlage empirischer Forschungsergebnisse entwickelt wurden, nichts an überzeugendem begrifflichem Inhalt eingebüßt. In diesem Zusammenhang darf ich eine Anekdote von Katz, Mensch jüdischen Glaubens, über einen Kollegen, ebenfalls jüdischen Glaubens, wiedergeben. Dieser Kollege hatte Verhaltensmuster mit geschlechtsspezifischen Eigenheiten, die sich über die Jahrtausende entwickelt haben sollen, zurückgeführt. Auf die Frage von Katz an den Kollegen, ob er dabei auch untersucht habe, ob Zitronenfalter ein Beruf sei, beschloss der Kollege, Historiker zu werden:-) (Katz habe ich während eines Stipendiats in den USA noch erleben können)

Karl Krähling / 16.04.2014

Unter der Überschrift “Philosophie der Politik” schrieb Oswald Spengler 1924: „Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört. Mag ein armer Tropf irgendwo sitzen und Gründe sammeln, um “die Wahrheit” festzustellen - es bleibt seine Wahrheit. Die andre, die öffentliche des Augenblicks, auf die es in der Tatsachenwelt der Wirkung und Erfolge allein an-kommt, ist heute ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt.” Da in den Massenmedien auch heute - wie oben erwähnt - immer das gleiche zu lesen ist, stimmt die Feststellung Spenglers noch immer.

Otto Sundt / 16.04.2014

Die Meinungen, bzw. Vorurteile, die auch hier im achgut-Forum zum Thema Putin und Ukraine niedergeschrieben werden,  haben doch auch eine lange Vorgeschichte, wie z.B. Stalins Kampf gegen die Kulaken, die Zwangskollektivierung und den Hitler - Stalin Pakt mit den Geheimabkommen, die in der DDR und auch in der alten Bundesrepublik von interesssierter Seite entweder verschwiegen oder verherrlicht wurden. In der SPD gab es immer Neutralisten im Sinne Schumachers, die gerne auf Stalins “Wiedervereinigungsangebot” hereingefallen wären und immer die USA, bzw. den Westen und der NATO den “Kalten Krieg” in die Schuhe schieben wollten. Der Untergang der SU, der WP und des RGW war für Linksintellektuelle, Gewerkschaftsfunktionäre und rot-grüne Parteigänger im Westen und Parteifunktionäre im Osten, nie die Folge politischer und ökonomischer Inkompetenz, Korruption und und allgemeinen Niedergangs, sondern immer eine Folge westlicher Überlegenheit, die von der Linken als Agression dargestellt wurde, ohne zu fragen was und wie der Westen etwas besser macht. Solche Fragen hätten ja die eigene Ideologie in Frage gestellt.  In den 90er Jahren waren es Linksintellektuelle, die die EU zum Modell gegen die USA ausbauen wollten. Gewerkschaftsfunktionäre und im Schlepptau die Medien wehrten sich vehement gegen “amerikanische Verhältnisse” und verliehen somit dem Antiamerikanismus der Kryptokommunisten und des SDS der sechziger Jahre offizielle Weihen. Der schon sein dem 19. Jhd. latente Antiamerikanismus, sowie der als Antizionismus verbrämte Antisemitismus erreichten nach dem 11.09.2001 einen neuen Höhepunkt, den auch ein Snowden nicht toppen konnte, obwohl es noch immer krampfhaft versucht wird. Es gibt in der Bundesrepublik Presseerzeugisse und Medien die schon vor G. Schröder Putin, den ehemaligen KGB-Offizier, für einen “lupenreinen Demokraten” hielten und ihn propagandistisch assistierten. Einige Zeitungen, wie z.B. die FAZ kämpfen mit einigen Artikeln und Kommentaren vergeblich gegen die Geister und Trolle die sie riefen. Es sind dieselben, die im noch im September 1989 an die Ewigkeit der Mauer in Berlin und ein gespaltenes Europa glaubten und das Marode am Kommunismus ignorierten.

Waldemar Undig / 15.04.2014

Also ich glaube schon, dass dauernde Wiederholungen ihre Wirkung tun, nicht nur in der Psychologie. Und unsere Massenmedien heutzutage sind ja nichts anderes als gleichgeschaltete Wiederholungsmaschinen. Wenn man mal die einschlägigen Online-Zeitungen anklickt, von welt, faz, über spon, focus bis zu bild, dann steht doch überall dasselbe drin. Man muss schon artig klicken, wenn man auf interessante Unterschiede stoßen möchte. Auch die Printmedien nähern sich an (aneinander und natürlich an die Onlinemedien), vom Fernsehen ganz zu schweigen. Manchmal kommt’s mir vor, als hätte jemand den Volksempfänger mit vielen Programmen erfunden, auf denen überall dasselbe läuft oder geschrieben steht. Das kann gar nicht ohne Wirkung sein, die Frage ist nur, wie groß sie ist, und was noch eine Wirkung auf die Meinungsbildung der Menschen hat.

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