Muster der Moral
Ich bin überzeugt davon, dass der große Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset (1922-2006) seinen Ruhm nicht zuletzt seiner Fähigkeit verdankt, Wesentliches zu erkennen und es vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Lipset beherrschte die Kunst, auch bei den kompliziertesten Gegenständen den Überblick zu behalten. Er schlug Schneisen in die Wälder, in denen sich andere verirrten. Das tat er sowohl in der Wissenschaft als auch in anderen Lebensbereichen: Im Juni 2000 nahm er an der Fachtagung in Norditalien teil, die von mir mitorganisiert wurde. Vieles ging schief. Die Gäste mussten vom Flughafen in Mailand abgeholt werden, aber die Ankunftstermine gingen durcheinander. Irgendjemand tauchte auf, der teilnehmen wollte, sich aber nicht angemeldet hatte, so dass ich eine Unterkunft improvisieren musste, Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. In dieser Situation drängte mich Lipset, dass ich ihn zu irgendeinem Zweck begleiten sollte. Auch das noch. Schließlich schnitt ich eine Stunde aus dem Programm heraus und fragte mich, was er so wichtiges vorhätte. Lipset führte mich in ein nahegelegenes Café - zum Eisessen. Danach ging es mir besser.
Es lohnte es sich eigentlich immer zuzuhören, wenn Lipset sich zu Wort meldete. Manchmal wies er auf scheinbar ganz einfache Tatsachen hin, die bis dahin nur niemand beachtet hatte, die aber von großer Bedeutung sein konnten. Ein Beispiel ist sein Hinweis darauf, dass der Grad der Korruption, die in einem Land herrscht, nicht allein durch die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, sondern auch aus der Kulturtradition heraus erklärt werden kann. Er zeigte dies am Beispiel des jährlich von „Transparency International“ veröffentlichten weltweiten Korruptionsindexes, der heute wie damals ein charakteristisches Muster aufweist: Unter den 15 Ländern auf der Liste mit dem geringsten Grad an Korruption befinden sich 13 protestantische oder zumindest vom Protestantismus wesentlich geprägte Länder. Erst an elfter Stelle folgt mit Luxemburg das erste Land mit mehrheitlich katholischer Tradition. Die meisten größeren katholischen Länder rangieren auf den Rangplätzen 20 bis 40, die islamische Welt nahezu geschlossen dahinter. Es drängt sich die Frage auf, ob man angesichts solcher Ergebnisse bei katholischen, protestantischen und islamischen Ländern dieselben Bewertungsmaßstäbe zur Beurteilung dessen anlegen kann, was noch tolerable Geschäftspraxis ist und was kriminelle Korruption. Und wenn ja, darf man die strengsten, von protestantischer Tradition geprägten, Maßstäbe anlegen, die den Menschen in den meisten anderen Ländern unverständlich und kleinlich erscheinen müssen?
Wie sehr sich die Völker auch bei ganz grundlegenden moralischen Fragen unterscheiden, hat schon vor drei Jahrzehnten der amerikanische Sozialforscher G. Ray Funkhouser gezeigt. Er entwickelte einen Fragebogen mit 62 Aussagen, den er Befragten in acht verschiedenen Ländern vorlegte. Die Befragten wurden gebeten, zu jeder der 62 Aussagen anzugeben, wie sehr sie ihr zustimmten oder nicht zustimmten. Danach sollten sie mit Hilfe der gleichen Statements noch einen anderen Menschen charakterisieren, dessen Eigenschaften sie sich vor dem geistigen Auge ausmalen sollten. Ein Teil der Befragten wurde gebeten anzugeben, wie ihrer Meinung nach wohl ein ganz besonders guter, edler Mensch auf die Aussagen der Liste reagieren würde, eine andere Gruppe sollte dagegen einstufen, wie ein ganz böser, hinterhältiger Mensch antworten würde.
Es zeigte sich, dass es in den acht Ländern sehr verschiedene Vorstellungen von guten und bösen Menschen gab. Unter anderem stellte Funkhouser fest, dass die Versuchspersonen in den Vereinigten Staaten und Japan einen deutlichen Unterschied machten zwischen Aussagen, die mit Macht („power“) und solchen, die mit Herrschsucht („control“) zu tun hatten. Das Streben nach Macht, so erläuterte er, sei in den Augen dieser Menschen durch den Wunsch motiviert, legitime sachliche Ziele zu erreichen. „Control“ sei dagegen motiviert durch den Wunsch, andere Menschen zu unterdrücken. Das assoziative Umfeld von „control“ wurde als böse wahrgenommen, das Umfeld von „power“ als gut.
In anderen Ländern, beispielsweise in Deutschland, gab es diese Trennung zwischen Macht und Herrschsucht nicht. Viele Deutsche fanden beispielsweise Aussagen wie „Ich möchte bei Sport und Spiel siegen“ und „Mir macht es Spaß, andere Leute auszutricksen, sie hereinzulegen“, als zusammengehörig, während sie in den Vereinigten Staaten deutlich voneinander getrennt wurden.
Funkhouser folgerte aus seinen Ergebnissen, dass es zwar auf einer hohen Abstraktionsebene universelle Übereinstimmungen geben könne, beispielsweise die allgemeine Ansicht, Freiheit sei besser als Despotie, doch sobald man konkreter werde, täten sich zwischen den Kulturen tiefe Unterschiede auf.
Vielleicht kann man an diesen Befunden eine wesentliche Aufgabe der Sozialwissenschaften illustrieren: Sie können aus Glaubensfragen Sachfragen machen. Man kann viel über eine weltweit gültige Ethik philosophieren, aber die Befunde von Funkhouser und die Strukturen der Korruptionsrangliste, auf die Lipset als erster hingewiesen hatte, lassen sich nicht vom Tisch wischen. Sie mögen unerfreulich sein, doch man muss sie zur Kenntnis nehmen, denn sie zeigen die Bedingungen, unter denen internationale Politik organisiert werden muss. Ob im Streit zwischen den westlichen Demokratien und Russland, ob bei Verhandlungen zum wirtschaftlichen Ausgleich zwischen Nord- und Südeuropa, ob bei Diskussionen über die Förderung der Demokratisierung in Nordafrika - überall reden die Beteiligten auch dann aneinander vorbei, wenn sie guten Willens sind, denn hinter identischen Begriffen verbergen sich unterschiedliche Kategorien. Niemand kann der Prägung durch eine jahrhundertealte Kulturtradition entkommen.