Das Gute am Schubladendenken
Seit ein paar Wochen hängt auf dem Bahnhof, an dem ich regelmäßig meinen Anschlusszug verpasse, ein Plakat der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Das Plakat zeigt einen großen, alten Karteischrank, wie es ihn früher in Bibliotheken gab. Eine Schublade ist herausgezogen. Sie enthält Karteikarten mit Namen von Menschen. Die Schublade ist beschriftet mit dem Schild „lesbisch“. Daneben sieht man etwas verschwommen weitere Schubladen, auf denen „schwul“ und „bisexuell“ steht. Unter diesem Bild steht der Satz „Kein Mensch passt in eine Schublade.“ Hier kann man das Plakat sehen, von dem es offenbar verschiedene Varianten gibt.
Die Kampagne, zu der das Plakat gehört, mag eine löbliche Veranstaltung sein, doch das Bildmotiv ist ärgerlich, denn es steht für die Vorurteile und Missverständnisse, die es so schwer machen, die Prinzipien der Wissenschaft in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Das Missverständnis, das dem Plakat zugrunde liegt, ist eigentlich offensichtlich: Natürlich passt kein Mensch in eine Schublade. In den abgebildeten Schubladen befinden sich aber auch gar keine Menschen, sondern Karteikarten. Warum ist das abseits der banalen Tatsache, dass Karteikarten keine Menschen sind, auch im übertragenen Sinne ein wesentlicher Unterschied? Weil die abgebildeten Karteikarten auch keine Menschen repräsentieren, sondern lediglich ein einziges Merkmal der betreffenden Menschen.
Es wird der Eindruck erweckt, es sei unmoralisch, Menschen nach einzelnen Persönlichkeitseigenschaften zu klassifizieren. Doch ist es das tatsächlich? Nehmen wir einmal für einen kurzen Moment an, bei dem abgebildeten Karteikasten handele es sich um die Kundenkartei einer Partnervermittlung. Da wäre es zur richtigen Zuordnung der geeigneten Kandidaten doch wichtig zu wissen, ob sie auf der Suche nach männlichen oder weiblichen Partnern sind. Das Sortieren von Menschen nach ihren Merkmalen nimmt ihnen nichts von ihrer Würde und Individualität. Und wie das Beispiel zeigt, kann es notwendig sein.
Das Missverständnis geht so tief, dass es sich in der deutschen Sprache niederschlägt. Schon die Bezeichnung „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“ ist im Grunde Unsinn. Sie erweckt den Eindruck, dass Diskriminierung an sich zu bekämpfen sei. Doch was ist Diskriminierung? Sie ist zunächst einmal einfach das Unterscheiden zwischen verschiedenen Menschengruppen. Das ist nichts Gutes oder Schlechtes an sich. In der Umfrageforschung erkennt man gute Frageformulierungen daran, dass sie, wie es in der Fachsprache tatsächlich heißt, gut „diskriminieren“, das heißt, dass sie helfen, unterschiedliche Befragtengruppen klar zu identifizieren. Problematisch wird es erst dann, wenn man Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften einen größeren oder geringeren Wert zuspricht als anderen. Die englische Sprache ist in diesem Punkt viel präziser als die deutsche: Das Verb „to discriminate“ ist neutral besetzt. Für einen negativen Beiklang bedarf es der Formulierung „to discriminate against.“
Im Grunde das gleiche Missverständnis liegt vor, wenn in privaten oder öffentlichen Diskussionen wieder und wieder mit dem Ton moralischer Empörung gefordert wird, man dürfe irgendwelche Dinge nicht miteinander vergleichen. Genauso wenig, wie viele Menschen zwischen Kategorisieren und Herabwürdigen unterscheiden können, können sie anscheinend auch zwischen Vergleichen und Gleichsetzen unterscheiden. Man kann das aktuell am Beispiel der Krim-Krise beobachten. Wer die eigentlich unübersehbaren Parallelen zwischen Putins Verhalten heute und dem von Hitler in den Jahren 1938 und 1939 anspricht, kann sich darauf verlassen, dass er sofort empörten Widerspruch erntet: Man dürfe Putin doch nicht mit Hitler vergleichen. Doch das ist Unsinn, Natürlich darf man das. Man muss es sogar. Jeder Erkenntnisfortschritt beruht letztlich auf einem Vergleich. Man muss Äpfel mit Birnen vergleichen, wenn man die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen beiden erkennen will. Jedes Medikament muss vor der Zulassung im Experiment getestet werden. Ob es wirkt oder nicht, zeigt sich im Vergleich zwischen denen, die es verabreicht bekommen haben, und denen, die es nicht bekommen haben. Wenn ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung feststelle, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen der Demokratie wieder gewachsen ist dann nicht deswegen, weil so beeindruckend viele Menschen ein solches Vertrauen zeigen, sondern weil es vergleichsweise mehr sind als noch vor ein paar Jahren. Ohne Vergleich keine Wissenschaft, Wissenschaft ist Vergleich. Wer Vergleiche verbieten will, bekämpft Erkenntnis.
Für Vergleiche braucht man erstens einen standardisierten, also einen eindeutigen und einheitlichen Maßstab. Ohne Metermaß kann man die Größe von Menschen nicht bestimmen. Und zweitens muss man klar definieren, was man miteinander vergleichen will. Wenn man gesellschaftliche Gruppen miteinander vergleichen will, muss man sie eindeutig voneinander abgrenzen können, und das bedeutet, man muss sie in Kategorien - sprich Schubladen - sortieren.
Anders ausgedrückt: Forschung braucht „Schubladendenken.“ Wer glaubt, einen Menschen auf ein auf einer Karteikarte im Zettelkasten festgehaltenes Merkmal reduzieren zu können, ist sicherlich dumm. Wer aber deswegen glaubt, man bräuchte keine Zettelkästen, ist es auch.