Lob des Irrtums
Vor ein paar Monaten hörte ich in München einen Fachvortrag zum Thema dunkle Energie, den ich außerordentlich interessant fand (wie man nach meiner Erfahrung überhaupt meist viel mehr auf fachfremden Tagungen als auf Veranstaltungen zum eigenen Fachgebiet lernt). Ich verstehe kaum etwas von Physik, aber dieser Vortrag war leicht zu verstehen, denn er bot das, was wissenschaftliche Vorträge zum Leidwesen von Journalisten in aller Regel nicht leisten können: Er ließ sich in einem einzigen Satz zusammenfassen. Der Satz lautet: „Wir wissen nichts darüber.“
Dunkle Energie, so lernte ich, ist nicht experimentell nachgewiesen, aber sie muss etwa drei Viertel der Energie im Universum ausmachen, denn nur ein Viertel dessen, was theoretisch vorhanden sein müsste, lässt sich beobachten und mit den bekannten Naturgesetzen beschreiben. Wo der Rest steckt, weiß man nicht, wie er aussieht, weiß man nicht, wie er wirkt, weiß man nicht, wie man versuchen könnte, ihn nachzuweisen, weiß man nicht. Aber irgendwie muss es ihn geben.
Ich fand diesen Vortrag sehr beeindruckend und erzählte einem Kollegen davon. Nach meinem Eindruck, sagte ich, könnte die dunkle Energie das Phlogiston des 21. Jahrhunderts sein. Im 17. und 18. Jahrhundert war man in der Naturforschung davon überzeugt, dass bei der Verbrennung ein Stoff entstehen müsste, der aus dem verbrennenden Körper entweicht, und den man nur noch nicht nachweisen konnte, der „Feuerstoff“ Phlogiston. Ende des 18. Jahrhunderts gelang es schließlich dem französischen Chemiker Antoine Lavoisier, die Phlogistontheorie zu widerlegen. Seine Oxidationstheorie lief allem, was man bis dahin angenommen hatte, entgegen - und plötzlich ließ sich der Verbrennungsvorgang leicht beschreiben und verstehen, ohne dafür den rätselhaften Feuerstoff zu benötigen. Heute gilt die Phlogistontheorie als einer der großen Irrtümer der Wissenschaftsgeschichte.
Ich würde mich nicht wundern, so sagte ich in dem Gespräch mit dem Kollegen, wenn sich irgendwann die Vorstellung von der dunklen Energie auch als ein solcher großer Irrtum erweisen würde. Das war natürlich eine Anmaßung, denn, wie beschrieben, verstehe ich nichts von Physik. Aber ich verstehe etwas von den Mustern menschlichen Verhaltens und den Wegen, auf denen wissenschaftliche Erkenntnis zustande kommt. Und das Muster, das beim Thema dunkle Energie zu beobachten ist, ähnelt auffällig dem, das bei großen wissenschaftlichen Irrtümern in der Vergangenheit zu sehen war: Man hat eine schöne, gut funktionierende Theorie von der Wirklichkeit - aber irgendetwas fehlt noch, etwas stimmt nicht. Weil aber die bestehende Theorie so gut ist, stellt man sie nicht grundsätzlich in Frage, sondern versucht das noch Fehlende in sie einzubauen. Man baut immer kompliziertere Hilfskonstruktionen, aber irgendwie will das Ganze nicht so recht klappen. Schließlich kommt dann jemand mit einer radikal anderen, meist viel einfacheren Lösung und siehe da: die Planetenbewegungen lassen sich besser beschreiben, wenn man nicht die Erde, sondern die Sonne als Mittelpunkt ansieht. Und plötzlich kommt man auch ohne abrupte Wendungen der Planetenbahnen und komplizierte Aufkreise aus, mit denen man bis dahin versucht hatte, die Beobachtungen mit der Theorie in Einklang zu bringen.
Zu meiner Verblüffung reagierte der Kollege verärgert auf meine Ausführungen. Was ich bis dahin nicht gewusst hatte, war, dass er früher einmal Physik studiert hatte. Nun fühlte er sich und seine ehemalige Profession von mir angegriffen und bemühte sich, sie zu verteidigen. Er unterlag damit, wie ich meine, demselben Missverständnis, dem auch die Autoren und Kunden von Büchern unterliegen, die nach dem Motto „Pleiten, Pech und Pannen“ glauben, sich über die Irrtümer früherer Wissenschaftler lustig machen zu können: Sie meinen, der Irrtum sei etwas Peinliches.
Nichts aber lag mir ferner als die Physik anzugreifen oder mich über die Chemiker des 17. Jahrhunderts und ihre Phlogistontheorie lustig zu machen. Ich habe im Gegenteil tiefen Respekt vor ihnen. Der Irrtum gehört nämlich zur Forschung dazu und ist auf lange Sicht ebenso nützlich wie die richtige Erkenntnis, denn er macht diese oft erst möglich. Vermutlich wird sich vieles, was wir heute sicher zu wissen glauben, eines Tages als falsch herausstellen. Die mittelalterlichen Scholastiker waren nicht dümmer als Kopernikus, die Anhänger der Phlogistontheorie nicht unfähiger als Lavoisier. Kopernikus und Lavoisier hätten ihre Entdeckungen nicht machen können, wenn nicht Generationen von hervorragenden Forschern vor ihnen bei dem Versuch gescheitert wären, ihre Rätsel zu lösen. Kein Forscher, der einer falschen Fährte gefolgt ist, muss sich deswegen schämen. Es ist im Gegenteil ein großes Verdienst, einen Weg so gründlich auszuleuchten, dass er - meist von jemand anderem - als Sackgasse erkannt werden kann.
Auffällig ist, dass der Ausweg aus dem Irrgarten der Sackgassen meist erst dann möglich wird, wenn jemand die bis dahin als selbstverständlich angesehenen Denkbahnen gänzlich verlässt. Sinnbildhaft kann man dies mit einem kleinen Bonmot von Johannes Gross beschreiben, in dem es zwar nicht um wissenschaftliche Erkenntnis, aber immerhin um die Lösung des Rätsels geht, wie man zu einem befriedigenden Mittagessen kommt. In einem seiner großartigen Tagebucheinträge im FAZ-Magazin beschrieb er in den 90er Jahren, wie er von seiner Frau auf den Markt geschickt wurde, um Gemüse zu kaufen. Er mochte keinen Broccoli, seine Frau keinen Blumenkohl. Die Marktfrau bot ihm daraufhin Romanesco an, der eine Art Kompromiss zwischen beiden Gemüsesorten darstellt. Der Romanesco, schrieb Gross, sei dann auch genießbar gewesen - aber Mangold hätte zum Essen besser gepasst.